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Das folgende Kurz-Interview zur Sicherheitslage in Afghanistan noch vor der jüngsten Angriffswelle führte Tagesschau24 (der Live-Videonachrichtenkanal der ARD) am 2. Dezember mit mir über Skype, als Präsident Aschraf Ghani zu Besuch in Deutschland war. In ein paar Minuten kann man nur holzschnittartig antworten, aber ich fand das als kurze Zusammenfassung ganz gut.

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Zweieinhalb Monate nach der zeitweiligen Einnahme von Kunduz und nach Monaten relativer Ruhe in Kabul fahren die Taleban derzeit landesweit eine neue, medienwirksame Angriffswelle.

Am 8. Dezember drang eines ihrer Kommandos in Armee-Uniformen auf den Flughafen von Kandahar vor. Die Kämpfe dauerten länger als 24 Stunden und schon triumphal wurde mitgeteilt, dass die Taleban es nicht schafften, auf den dortigen Stützpunkt der internationalen Truppen dort vorzudringen. Freitag abend griffen sie ein Gästehaus im Kabuler Stadtteil Scherpur (im Volksmund Tschorpur genannt, svw. „Plündererstadt“, weil die Grundstücke dort korrupt unter Regierungsmitgliedern aufgeteilt wurden) an, das auch.

Einen Tag nach dem Angriff in Kandahar nahmen sie das Distriktzentrum von Chaneschin in der Nachbarprovinz Helmand ein. Die Kämpfe dort halten an. Das gleiche gilt für den Nachbardistrikt Mardscha; dort sollen die Taleban lokalen AAN-Quellen zufolge nur noch einen halben Kilometer vom Compound des Distriktgouverneurs stehen. Die Regierungstruppen scheinen in einem ein paar Kilometer entfernten Lager eingeschlossen zu sein. Auch dort besteht die Gefahr einer Taleban-Übernahme. Im Sommer hatten die Taleban weiter nördlich in Helmand zwei Distrikte eingenommen – Musa Qala und Sangin – und Gegenoffensiven der Regierungstruppen blieben erfolglos (mehr hier bei AAN).

Am Sonnabend entführten und töteten Taleban im Norden der Provinz Baghlan an der Straße Kunduz-Kabul den durchfahrenden Distriktgouverneur von Burka (Tachar). Die Taleban haben sich in Baghlan sowohl im Gebiet von Dand-e Ghori nahe der Provinzhauptstadt Pul-e Chumri als auch weiter nördlich bei Baghlan-e Dschadid festgesetzt.

 

Welche Bedeutung haben diese Angriffe?

Die genannten Angriffe haben wenig direkte strategische Bedeutung und ändert das strategische Gleichgewicht nicht. Die Taleban wollen zeigen, dass sie weiterhin und fast gleichzeitig in verschiedenen Regionen des Landes operieren können. D.h. sie verfügen über autonome und relativ ausgedehnte Netzwerke. Die Angriffe in Kabul und Kandahar zielen natürlich auch auf internationale Medienaufmerksamkeit sowie auf Aufmerksamkeit bei ihren Sponsoren, vor allem am Golf. Wegen des Aufkommens von Mitbewerbern (der Taleban-Dissidentenfraktion und Pro-IS-Gruppen) muss man zeigen, wer der effektivste Kämpfer in der Arena ist.

Zudem zielt die Angriffswelle auf die Moral des Gegners – im Rahmen der Auszehrungsstrategie der Taleban. In Kandahar und Kabul mussten ja wieder die afghanischen Spezialkräfte eingreifen, deren Zahl nicht genau bekannt ist, aber wahrscheinlich nur in hohem 3- oder niedrigen 4-stelligen Bereich liegt und damit einer sehr hohen Belastung ausgesetzt sind.

Die Angriffe in Helmand und Baghlan zeigen hingegen, welche strategische Richtung die Taleban eingeschlagen haben: es geht um die schleichende Ausdehnung territorialer Kontrolle. Die Zahl der von den Taleban kontrollierten Distriktzentren ist seit dem letzten Jahr deutlich angestiegen – ist aber gleichzeitig noch nicht sehr groß (etwa ein gutes Dutzend). Aber sie könnten mehr einnehmen; jedoch – so ist v.a. auch aus Nord-Afghanistan zu hören – verzichten sie darauf, um keine Gegenaktionen der Regierungstruppen zu provozieren – weil die örtliche Bevölkerung wegen der zu befürchtenden Zerstörungen das nicht will. In Kunduz z.B. hat es wegen der Kämpfe erhebliche Ernteausfälle sowie Zerstörungen im Basar der Stadt gegeben.

Sind die Kämpfe eine Absage an Friedensgespräche? Eher nicht, obwohl die Taleban gerade militärisches Oberwasser spüren. Krieg ist zynisch, auf allen Seiten, und man kann „kämpfen u verhandeln“. Das war auch eine (allerdings was den zweiten teil trifft) Strategie der Amerikaner in Afghanistan nach 2009. Immerhin hat Taleban-Chef Mansur vor ein paar Wochen einen neuen Chef für das Büro in Qatar ernannt, das für Verhandlungen zuständig ist. Das ist auch ein Signal in Richtung Kabul und Islamabad, wo man sich gerade darauf verständigt hat, die Gespräche vom Juli in Pakistan wieder aufzunehmen – aber von diesem Weg scheinen die Taleban wenig begeistert zu sein.