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Hier finden Sie eine Analyse über die Situation von Daesch in Afghanistan, die ich im November für die Oxford Analytica (und in deren Stil) schrieb. Seitdem hat sich m.E. grundsätzlich wenig geändert. Der Link zu diesem Text (auf Englisch) findet sich am Ende dieses Beitrags.

Zunächst ein Update:

Die neueste Entwicklung ist das Auftauchen eines angeblich von der Afghanistan/Pakistan(Chorassan)-„Provinz“ des IS betriebenen Kurzwellen-Radiosenders namens „Voice of the Khilafat“ (Stimme des Kalifats) in Ost-Afghanistan, das besonders auf Jugendliche und deren Rekrutierung zielen soll. Darüber berichteten afghanische Medien Mitte Dezember. Unter anderem sei eine Fatwa zur Dschihad gegen die afghanische Regierung verbreitet worden. Ein Sprecher des Provinzgouverneurs behauptete, die Radiostation sende von “jenseits der Grenze”, also aus Pakistan.

Der letzte Bericht von Zusammenstößen zwischen Taleban- und Daesch-Kämpfern stammt von Mitte Dezember aus dem Distrikt Tschaparhar in der Ost-Provinz Nangrahar und zwischen afghanischen Truppen und Daesch von Anfang Dezember aus dem Distrikt Atschin. Zum gleichen zeit gingen auch Luftangriffe auf Daesch-Stellungen in dem Gebiet weiter; es blieb unklar, ob von afghanischen oder US-Flugzeugen (siehe hier und hier).

Des weiteren sagte der US-Kommandeur der westlichen Streitkräfte in Afghanistan General John Campbell etwa zur gleichen Zeit einer Nachrichtenagentur, dass Daesch versuche, sich in Afghanistan zu konsolidieren. „Ich denke, [IS] versucht wirklich, in Nangrahar eine Basis zu etablieren… und Dschalalabad zur Basis der Chorassan-Provinz zu machen.“ (Von letzterem dürfte Daesch allerdings ziemlich weit entfernt sein.) Campbell behauptete auch, er sei “sicher, dass da Leute sind, die aus Syrien und Irak gekommen sind –ich kann ihnen nicht sagen, wie viele, aber es gibt Anzeichen, dass einige ausländische Kämpfer hierher kommen.“ Geflohene Einwohner hättem von Kämpfern aus Pakistan und Usbekistan und von Arabisch-Sprechern berichtet, die viel Geld hätten und besser ausgerüstet seien als die Taleban.“

General Campbell, der Mann mit dem Doppelhut (Kommandeur Resolute Support und der Spezialmission Freedom's Sentinel). Foto: Pajhwok.

General Campbell, der Mann mit dem Doppelhut (Kommandeur Resolute Support und der Spezialmission Freedom’s Sentinel). Foto: Pajhwok.

 

Gouverneur Kunduzi von Nangrahar widersprach Campbell allerdings und sagte, er erwarte nicht, dass sich Daesch auf Ost-Afghanistan konzentrieren werde.

Beide blieben konkrete Belege für ihre Annahmen schuldig.

Wie schnell es zu Verwechslungen kommen kann, zeigte ein Vorfall im August, als Demonstrationen von Studenten der als radikal bekannten Nangrahar-Universität für Aufsehen gesorgt hatten, auf der schwarze Fahnen aufgetaucht waren; die Studenten wurden nicht nur in afghanischen Medien (z.B. hier) als IS-Sympathisanten bezeichnet. Allerdings waren das wohl eher Anhänger der radikal-islamistischen Hezb ul-Tahrir, die zwar ebenfalls ein Kalifat will, das aber gewaltfrei erreichen will, an mehreren Universitäten des Landes über Einfluss verfügt – und ebenfalls schwarze Flaggen verwendet. (Wie wohl alle „Kalifatisten“.)

Auch über das Kalifat-Radio herrscht Hysterie: Das afghanische Parlament forderte die Regierung zu Maßnahmen auf, u.a. die Frequenz zu blockieren. Vor einigen Tagen nahm der Geheimdienst in Dschalalabad auch einen Journalisten fest, der angeblich für das Kalifat-Radio arbeite. Aber auch bei solchen Anschuldigungen muss man vorsichtig sein.

Verteidigungsminister Massum Stanakzai kündigte derweil Mitte Dezember eine Anti-Daesch-Offensive in Nangrahar, einschließlich der Aufstellung neuer Einheiten der Afghanischen Lokalpolizei, an.

Verteidigungsminister Stanakzai mit seinem US-Amtskollegen Ash Carter Dezember 2015 auf einer Luftwaffenbasis in Dschalalabad. Foto: Pajhwok.

Verteidigungsminister Stanakzai mit seinem US-Amtskollegen Ashton Carter Dezember 2015 auf einer Luftwaffenbasis in Dschalalabad. Foto: Pajhwok.

 

Hier die wichtigsten Punkte aus meiner ursprünglichen Analyse (meine Übersetzung):

Berichte über das Auftauchen von Daesch-Gruppen mehren sich, sind aber schwer zu verifizieren. Sie müssen daher mit Vorsicht genossen werden, vor allem in Nord-Afghanistan, wegen möglicher Verwechslungen (siehe oben, Nangrahar) und weil (wie früher bei al-Qaeda) alle nichtlokalen Kämpfer von Einwohner, aber auch Offiziellen pauschal jetzt Daesch zugerechnet werden.

Die Taleban kontrollieren weiter das Feld auf Seite der Aufständischen, bleiben mit Abstand die größte aufständische Gruppe und sind das größte Hindernis für eine Ausbreitung von Daesch. Das mag in Pakistan anders aussehen, wo die dortigen Taleban weit stärker fragmentiert sind als die in Afghanistan.

Es gibt keine verlässlichen Angaben zu Mannschaftsstärke der Daesch-Kämpfer . Bisher wurden Daesh-Kämpfer einigermaßen verlässlich in fünf der 34 Provinzen Afghanistan gesichtet. (Das UN-Sanktionskomitee behauptete zwar im Sommer in einem Bericht, Daesch sei in 24 Provinzen aktiv, aber das beruht auf offiziellen afghanischen Angaben – wieder: siehe oben – und wurde auch im jüngsten Bericht des UN-Sonderbeauftragten an den Sicherheitsrat viel vorsichtiger formuliert, hier, unter Ziffer 16).

Von diesen fünf Provinzen sind die Daesch-Leute aus Logar inzwischen nach Nangrahar abgezogen. Berichte aus Kundus stellten sich als wohn unzutreffend heraus.

Bleiben drei Provinzen: Nangrahar (siehe das Update am Anfang), Helmand (dort gibt es ein paar Reste im Distrikt Kadschaki; die meisten Daeshler sollen sich nach ein paar Niederlagen gegen die Taleban denen wieder angeschlossen haben) und Farah (ähnlich wie Helmand).

Damit bleibt Nangrahar eigentlich die einzige wirkliche Problemprovinz. Bis Mitte Juni 2015 nahm Daesch dort den Taleban Gebietskontrolle in sechs von 21 Distrikten ab, und hatte in zwei weiteren einige Erfolge. Dieses Bild hat sich seither nicht sehr verändert.

Im August schwor der Führer des Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) – frühere Verbündete der afghanischen Taleban (bis 2001), dann in Waziristan (Pakistan) – dem Daesch-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi die Treue und brach damit mit den Taleban. Das brachte einerseits Daesh und den Taleban-Dissidenten (v.a. in Zabul) einigen Zulauf. Aber der IBU-Chef soll kürzlich bei einem Drohnenschlag umgekommen sein. Und es war auch vorher schon nicht klar, wie viele seiner Leute ihm gefolgt waren. Im Norden hatte sich eine größere Gruppe abgespalten, die auf afghanischer Seite als „Dschundullah“ und hierzulande manchmal als Islamische Dschihad-Union bezeichnet wird. Aber mir ist das alles noch etwas unklar. Jedenfalls sind es oft IBU-Leute, die gerade in Nord-Afghanistan für Daesch gehalten werden.

Berichte, dass angeblich Taleban- und Daesch-Kämpfer örtlich zusammenarbeiten, halte ich für Missverstehen oder Propaganda. Beider Führer behaupten ja, als amir ul-momenin alle (im Falle der Taleban nur afghanischen) Muslime zu vertreten.

 

Letzter Update:

Mitte Dezember meldete die BBC, dass die Taleban 1000 Man starke eigene Special Forces zur Bekämpfung von Daesch gebildet hätten. Die scheinen das Problem also ernst zu nehmen, aber auch entschieden gegen den Konkurrenten Daesch vorgehen zu wollen. Für angebliche Kooperation bleibt da nicht viel Platz.

 

Hier der Link zum Originalbeitrag auf Englisch:

oxford-analytica-afghan-taliban-contain-islamic-states-regional-reach.pdf

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