Dieser Artikel erschien 2011 als Kapitel in dem Buch Der Taliban-Komplex: Zwischen Aufstandsbewegung und Militäreinsatz, hg. von Conrad Schetter und Jörgen Klußmann, Campus-Verlag. Ich veröffentliche es hier aus gegebenem Anlass der Diskussionen, wie es nach dem Tod von Mulla Omar mit den Taleban weitergehen wird, da es einen nach wie vor gültigen Einblick in die Entstehungsgeschichte und –gründe sowie Strukturen und Ideologie der afghanischen Taleban gibt. Ergänzungen habe ich wie immer [in eckigen Klammern] hinzugefügt.

Dies ist Teil 2; Fortsetzung folgt.

(Anmerkung: Die Quellenangaben in den Fußnoten sind Kürzel; vollständige Literaturangaben am Ende des Textes.)

Das Logo des Islamischen Emirates Afghanistan.

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Elastisch und stabil: Organisationsstrukturen und Ideologie der afghanischen Taleban

Teil 2

Thomas Ruttig

 

Die Netzwerke der Taleban

Den Kern der Taleban-Bewegung bilden die so genannten Kandahari oder Quetta-Shura-Taleban. Diese Kategorie stellt selbst wiederum ein Netzwerk von Netzwerken in den vier Südprovinzen Afghanistans – Kandahar, Helmand, Uruzgan und Zabul – dar. Die vier genannten Provinzen bildeten bis in die 1950er Jahre hinein eine gemeinsame Provinz und werden deshalb noch heute bisweilen als „Groß-Kandahar“ bezeichnet. Assoziiert mit den Kandahari sind mehrere semi-autonome Netzwerke in Südost- und Ost-Afghanistan, außerhalb Groß-Kandahars, die auf den Familienclans der Haqqani, der Mansur und der Khales gründen. Diese drei Netzwerke unterscheiden sich von den Netzwerken im restlichen Afghanistan dadurch, dass sie auf feste Strukturen der Vor-Taleban-Zeit zurückgehen, in Form eigenständiger Mudschahedin-Verbände: Die Khales bildeten in den 1980er Jahren regionale Kommandeursnetzwerke, im Rahmen einer Abspaltung von der Islamischen Partei Afghanistans (als Islamische Partei Afghanistans/Khales bekannt)[1], die Haqqanis eine Fraktion der Bewegung der Islamischen Revolution (Harakat-e Enqelab-e Islami). Das Oberhaupt der Haqqani-Familie, Jalaluddin Haqqani, gehörte – zusammen mit Gulbuddin Hekmatyar und dem 2001 ermordeten Ahmad Schah Massud – zur ersten Generation der bewaffneten Islamisten in Afghanistan. 1975 verübte er seine erste bewaffnete Operation, bei der der Distriktgouverneur von Urgun (heute in der Provinz Paktika) in Südost-Afghanistan in einem Hinterhalt getötet wurden.

Diese drei regionalen Netzwerke gruppieren sich jeweils um einen oder mehrere Stämme, rekrutieren aber auch über die Stammesgrenzen hinaus. Die Haqqanis im Südosten stützen sich vor allem auf die Dzadran im Provinzdreieck von Paktia, Paktika und Khost, die Mansurs, ebenfalls im Südosten, aber weiter westlich, auf die Andar und Stämme von Katawaz sowie der Khales im Osten auf die Khugiani.

Alle drei regionalen Netzwerke wurden von den Taleban kooptiert, weil sie ihnen die Möglichkeit boten, den eigenen Einfluss über die eigentlichen Hochburgen in Groß-Kandahar hinaus zu erweitern. Im Gegenzug konnten sich die drei regionalen Netzwerke – durch ihre Mudschahedin-Vergangenheit kompromittiert – das ursprüngliche Saubermann-Image der Taleban zulegen und erhielten Zugang zu zusätzlichen Ressourcen.

Dazu kommen weitere, kleinere lokale Netzwerke in den meisten der restlichen Provinzen Afghanistans, die von lokalen Kommandeuren mobilisiert und geführt werden und zumeist der Kandahari-dominierten Taleban-Führung unterstehen. Dadurch sind sie in die zentrale militärisch-administrative Struktur eingebaut. In Form von „Fronten“, die aus mehreren „Zellen“ bestehen können, gibt es auch hier noch einmal zwei Ebenen. Die Fronten benötigen Anerkennung durch den Führungsrat (rasmiya). Ihr Verhalten wird von einem wohl erstmal 2006 und seitdem mehrmals (zuletzt 2010) redigierten Verhaltenskodex (layha)[2] reguliert: „Out of area“-Gruppen benötigen eine Anmeldung („Vorstellung“) beim jeweiligen lokalen Kommandeur und müssen sich dessen Befehlen unterordnen.

Dazwischen gibt es vereinzelt vertikale, Provinzen übergreifende Netzwerke charismatischer Kommandeure. Dazu zählte das Netzwerk des berüchtigten Mulla Dadullah, das von Kandahar bis Ghazni und Wardak reicht(e); inzwischen wurde es – nach dem Tod Dadullahs – wohl wieder dem Führungsrat untergeordnet. Das bedeutet auch, dass die aus Kandahar stammende Führung keine Extratouren erlaubt. Viele Mitglieder der Taleban-Führung verfügen über ähnliche Direktkontakte zu bestimmten Feldkommandeuren, aber diese Sonderstrukturen haben bisher nicht zur Destabilisierung der Bewegung oder zu einem Autoritätsverlust der Führung geführt. Die Ursache dafür dürfte sein, dass diese Beziehungen als stammesbestimmte hierarchisch unter den religiös-islamisch bestimmten rangieren.

Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der Taleban-Kämpfer operieren auf oder nahe dem Territorium ihrer Herkunftsgemeinschaften und -stämme. Dies ist offenbar stärker im Süden der Fall als weiter nördlich; so melden Berichte, dass lokale Taleban-Gruppen in Ghazni, Wardak und Logar weniger von lokalen Gemeinschaften abhängig seien.

Wie vielfältig diese Strukturen sind, zeigt das Beispiel des Oberen Darafshan-Tals in der Provinz Uruzgan. Hier operierten in der zweiten Hälfte des Jahres 2009 allein zwölf Taleban-Zellen aus den Seitentälern und den beiden Nachbar-Distrikten auf insgesamt nur 25 Kilometern. In den Nachbar-Distrikten existieren noch einmal 13 bzw. acht Zellen (Stand 2009). Diese Gruppen geben sich zum Teil gegenseitig Zuflucht, unterstützen sich und bilden (auf zentrale Anweisung) eine Art cluster für größere Operationen.

Diese vier Haupt- und die zahlreichen Untersegmente formen die Islamische Bewegung der Taleban. Jedes einzelne von ihnen beruht auf mehreren Schichten verschiedener Beziehungsgeflechte. Diese können familiärer, politisch-ideologischer oder freundschaftlicher Natur sein – wie die andiwali (andiwal: umgangssprachlich für „Kumpel“). Sie können auch über die Jahre gewachsenen sein – durch gemeinsame Schulzeit oder auch Erlebnisse im Kampf gegen die Sowjets.

 

Die Strukturen der Taleban: zentralisiert, und doch elastisch

Organisatorisch und auch ideologisch sind die Taleban dual strukturiert, in vertikalen und horizontalen Strängen. Horizontal setzen sie sich aus einem Netzwerk von regionalen oder lokalen Netzwerken als Organisations- und Mobilisierungsgrundlage zusammen, das wiederum von einer vertikalen Befehlskette zusammengehalten wird.

Die militärische Führung sowie die politische Entscheidungsfindung sind als vertikale Hierarchie organisiert. Diese vertikal-zentralistischen Strukturen spiegeln die islamistische, in ihrem Selbstverständnis über Ethnien und Stämmen stehende Ideologie der Taleban wider. Über die vertikale Schiene wird die politische Richtlinienkompetenz der Taleban-Führung verwirklicht.

Die horizontalen Netzwerkstrukturen geben den Feldkommandeuren relativ viel Handlungsfreiheit im operativen Tagesgeschehen und bestimmen „den Alltag“ der Taleban-Bewegung. Sie verkörpern das bei den Taleban überwiegende paschtunische Stammeselement, von dem sie sich – trotz gegenteiliger Erklärungen und trotz ihrer islamistischen Ideologie – nicht zu lösen in der Lage sind. Die horizontalen Netzwerkstrukturen widerspiegeln die „segmentäre (akephale) Gesellschaftsstruktur der Paschtunen“ (Christian Sigrist)mit ihrer Loyalitätshierarchie von Familie (kor) über Clan bzw. Unterstamm (koranai bzw. qabila) bis zu Stamm (auch: Nation)/Vaterland (qaum/watan). Damit bewegen sich die Taleban in der paschtunischen Gesellschaft wie „Fische im Wasser. Dabei greifen sie auf das innertribale Solidaritätsgebot zurück, kombinieren dieses aber effektiv mit indirekter Kontrolle und Einschüchterung durch Informanten und die schon zu Zeiten des Taleban-Regimes mit nie gekannter Macht ausgestatteten Dorfmullas. Als Abschreckung setzen sie dabei gezielte Morde und anderen „Bestrafungen“ ein.

Die Kombination vertikaler (religiös/ideologischer) und horizontaler (Stammes- und Netzwerk-)Strukturen verleiht der Talebin-Bewegung einen hohen Grad von Zusammenhalt, während organisatorische Elastizität gewahrt bleibt. Diese Elastizität in ihrer horizontalen Dimension – begründet im paschtunischen Individualismus – erlaubt Diskussionen und sogar Dissens und verhindert, dass sich die Feldkommandeure zu stark kontrolliert fühlen. Im Ergebnis haben die Taleban bisher keine substanzielle Abspaltung erfahren, ganz im Gegensatz zu allen übrigen relevanten politischen Organisationen in Afghanistan.

 

Die Taleban-Hierarchie

* Der Geistliche Führer

An der Spitze der Taleban-Hierarchie steht Mulla Muhammad Omar als „Führer der Gläubigen“ (amir ul-mu’menin). In dieser Eigenschaft wird er auch von den Netzwerken der Haqqani-, Mansur- und Khales-„Clans“ betrachtet, die mit den Taleban als semi-autonome regionale Netzwerke verbunden sind, aber operativ über weitestgehende Autonomie verfügen. Dies gilt jedoch nicht für Hekmatyars Islamische Partei Afghanistans. Zu Anfang des Jahres 2010 haben auch die bis dahin eigenständig operierenden Salafisten in Kunar und Nuristan (Ost-Afghanistan) nach Taleban-Angaben Mulla Omar Gefolgschaftstreue geschworen.[4]

Als „Führer der Gläubigen“ bietet Mulla Omars Person der Taleban-Bewegung zusätzlich Zusammenhalt und Identität auf ideologischer Ebene. Sich von ihm zu lösen, würde eine eine hohe, religiös aufgeladene Hürde darstellen. Gleichzeitig verkörpert er das oberste – wenn auch oft ideelle – Glied der Kommandostruktur der Taleban. Mulla Omar begann seine „Karriere“ in den 1980er Jahren als kleiner Kommandeur in den Vororten Kandahars. Damals war er kaum über dieses Gebiet hinaus bekannt. Allerdings kannte man ihn dort bereits für seine radikal anti-westlichen Ansichten und dafür, dass er eine harsche Rechtsprechung ausübte. Zu Beginn des antisowjetischen Kampfes war er Mitglied der Islamischen Partei Hekmatyars, schloss sich aber später der Harn, die sich vor allem auf ulema– und madrassa-Netzwerke stützte und sich Ende 1994 zugunsten der neuen Taleban-Bewegung für aufgelöst erklärte.

 

* Die Räte-[Schura-]Struktur

Mulla Omar wird vom Führungsrat (Rahbari Shura) der Taleban beraten; dieser Rat wird in den Medien häufig auch als „Quetta-Shura“ bezeichnet. Er selbst ist nicht Mitglied dieses Rates, sondern steht über ihm. Vorsitzender des Führungsrates und damit de-facto-Oberhaupt der Taleban-Bewegung war bis zu seiner Verhaftung Anfang 2010 Mulla Baradar. Mulla Omar selbst ist vom Rest der Bewegung weitgehend abgeschottet und offenbar nur über wenige Vertraute und Kuriere erreichbar. Ende März ernannte Mulla Omar, laut Verlautbarung der Bewegung, zwei neue Stellvertreter, die Baradar ersetzen sollen: Akhtar Muhammad Mansur und Mulla Abdul Qayyum Zaker. Während Mansur als Minister im bis Ende 2001 herrschenden Taleban-Regime zur älteren Generation gehört, handelt es sich bei Zaker um einen Vertreter der jüngeren Generation. Er bekleidete vor 2001 keine höhere Funktion, verfügt aber als ehemaliger Guantanamo-Häftling über einen gewissen Heldenstatus. Die Wahl dieser beiden Stellvetreter wahrt einerseits Kontinuität, widerspiegelt andererseits aber bereits den beginnenden Aufstieg einer neuen Generation von Taleban-Kommandeuren.

Dem Führungsrat unterstehen:

  • wahrscheinlich zehn Komitees (oder shuras), die die „Ministerien“ der Taleban darstellen. Sie sind unter anderem zuständig für militärische, politische, innere sowie Finanz-, Geheimdienst-, Informations- und Kulturangelegenheiten. [Diese Zahl hat sich im Lauf der Jahre erhöht. Es gibt nun z.B. eine Kommission, die Vorwürfe wegen ziviler Opfer untersuchen soll.]
  • (Sonder-)Kommissionen, wie zum Beispiel die Kontrollkommission, die afghanische Regionen bereist und das Verhalten lokaler Taleban-Kommandeure überprüft.
  • das Militärkomitee, das mitunter auch als Oberster Militärrat (Nizami Ali Shura) bezeichnet wird. Ihm unterstehen die vier regionalen Militärräte in Quetta, Peshawar, Miram Shah, Gerdi Dschangal[5], die jeweils für Großregionen in Afghanistan zuständig sind, eventuell auch Militärräte für einzelne Provinzen (etwa für Zabul). Quetta leitet die Taleban-Strukturen in Süd-, West- und Nord-Afghanistan, Peshawar ist zuständig für Ost- und Miram Shah für Nord-Waziristan sowie für Südost-Afghanistan, Gerdi Dschangal konzentriert sich offenbar auf die Provinz Helmand.

Formal dem Führungsrat gleichgestellt, gibt es auch einen Taleban-Rat der Geistlichkeit (ulema-Rat), dessen Rolle aber unklar ist. Er tritt jedenfalls öffentlich [wenig] in Erscheinung. [Er wird gerade jetzt, im Verlauf des Machtkampfes nach dem Tod Mulla Omars, mehr sichtbar.]

Es muss an dieser Stelle jedoch deutlich darauf hingewiesen werden, dass über die innere Funktionsweise der Taleban-Räte und Kommissionen, wie etwas über ihre genaue personelle Zusammensetzung, wenig und dann nur anekdotisches bekannt ist. Die Taleban geben dazu kaum Stellungnahmen ab; Ausnahmen dazu bildeten lediglich die Ernennung der Nachfolger Mulla Baradars Anfang 2010 sowie von zwei offiziellen Sprechern der Bewegung bereits 2005.[6] [Seit mehreren Jahren hat sich das deutlich verändert. Die Taleban geben mehr Informationen über ihre Webseite „De Jihad Ghag“ (Stimme des Jihad; auch als „Shahamat“ bekannt sowie die sozialen Netzwerke heraus. Auf ihrer Webseite finden sich regelmäßig Interviews mit Provinzkommandeuren und anderen Funktionären sowie regelmäßig Erklärungen des Führungsrates oder z.B. der für Verhandlungen zuständigen Kommission.]

Es kann angenommen werden, dass die Mitgliedschaft [in Schuras wie Kommissionen] nicht fest geregelt ist, genauso wenig wie schon angesichts der Gefahrenlage regelmäßige Tagungen stattfinden dürften; wer anwesend ist, entscheidet mit. Eine solche Praxis ist von anderen shuras in Afghanistan bekannt.

 

* Die ethnische und Stammesstruktur der Taleban-Führung

Die Kernführung der Taleban – repräsentiert durch die Rahbari Shura – setzt sich seit Gründung der Bewegung kontinuierlich aus so genannten Kandaharis zusammen, also Bewohnern der vier Provinzen Groß-Kandahars. Die meisten Mitglieder des Führungsrates waren persönliche Freunde und Mitkämpfer – andiwalan – Mulla Omars.

Zudem dominieren in ihr – trotz einiger Verluste – nach wie vor frühere Mudschahedin-Kommandeure, also Taleban der ersten Generation, die nach dem sowjetischen Truppenabzug 1989 und dem Fall des Najibullah-Regimes 1992 zu ihren islamischen Studien zurückgekehrt waren. In diesem Punkt unterschieden sich die Taleban nicht grundsätzlich von den Mudschahedin, bildeten zunächst also so etwas wie „Neo-Mudschahedin“. Jedoch setzten sie sich bald von ihnen als sittenstrenge Nachfahren ab, die das gebrochene Versprechen der ursprünglichen Mudschahedin aufnahmen, eine an „wirklich islamischen Werten“ ausgerichtete Gesellschaft zu schaffen. Konsequenterweise, nennen auch die Taleban ihre Kämpfer noch immer „Mudschahedin“.

Besonders seit ihrer Ausdehnung nach Nord-Afghanistan überwinden die Taleban zunehmend die Hürde zwischen Paschtunen und Nicht-Paschtunen. Zunächst schlossen sich tadschikische Ex-Mudschahedingruppen in der Provinz Herat dem bewaffneten Kampf gegen die „fremden Besatzer“ an, auch weil sie sich von der Machtausübung ausgeschlossen fühlten. Sie waren organisatorisch gegenüber den Taleban noch eigenständig, übernahmen aber deren Sprache und Habitus. Der inzwischen getötete Kommandeur Ghulam Yahya Akbari Siawuschan erklärte Anfang 2009 gegenüber Reportern: „Ich stimme einer Menge von dem zu, was die Taleban tun, und ich habe ihnen sogar finanziell geholfen. Ich stehe in Kontakt mit einer Gruppe von Taleban, aber ich operiere in einer unabhängigen Front.”[7]

Während die Taleban weiter östlich – in den Nordprovinzen Faryab, Balkh und Kunduz – zunächst paschtunische Minderheitsgruppen als Türöffner verwendeten, ist seit spätestens 2009 auch eine zunehmende Rekrutierung nicht-paschtunischer Kommandeure und Kämpfer zu beobachten. Neueste Untersuchungen sprechen von einer „zunehmenden Anzahl nicht-paschtunischer Kämpfer“ in ganz Nord-Afghanistan, darunter „Usbeken, Turkmenen, Aimaq und – in geringerem Ausmaße – Tadschiken (…) in signifikanter Zahl“ bzw. – mit dem noch größeren Bezugsrahmen von 20 Provinzen „Afghanen usbekischer, Nuristani-, Paschai-, Gudschar-, Aimaq-, belutschischer und tadschikischer Ethnizität, [die] an der Aufstandsbewegung teilnehmen“.[8] In Süd-Afghanistan sind ohnehin seit jeher viele Belutschen unter den Taleban zu finden. Antonio Giustozzi und Christoph Reuter haben in diesem Zusammenhang auf die Rolle des islamischen Klerus bei der Rekrutierung verwiesen, die „ethnische Linien überschreitet“.[9] Schließlich hat die Positionsänderung der Taleban gegenüber der schiitischen Minderheit auch die Kontaktaufnahme zu früheren Mudschahedin-Kommandeur aus deren Reihen erleichtert, zum Beispiel in den Zentralprovinzen Bamian und Daikundi.

 

* Die Schattenregierung der Taleban

Der Führungsrat der Taleban hat – unter Mulla Baradars Führung seit 2007 – seinen Zugriff auf die Feldkommandeure in Afghanistan gestrafft und versucht, eine stärkere Kontrolle über lokale Taleban-Formationen durchzusetzen. Er schuf landesweite Parallelstrukturen auf subnationaler Ebene, das heißt in Provinzen und Distrikten. Diese sind dual – also zivil und militärisch zugleich: Der Provinz- oder Distriktgouverneur ist gleichzeitig meist auch der militärische Oberkommandierende des jeweiligen Gebietes. Die Kommandeure sind der jeweils nächsthöheren Ebene per Weisung untergeordnet – bis hinauf zum Führungsrat. Die Distriktgouverneure sind laut dem Verhaltenskodex der Taleban, der so genannten layha, die ein Disziplinierungsinstrument darstellt – gleichzeitig auch „Stellvertreter für zivile Angelegenheiten“. Darin spiegelt sich tatsächlich ein Kampf um die „das Herz und den Verstand“ der Bevölkerung wider. Zu den lokalen Verwaltungen zählen jeweils noch ein „Polizeichef“, ein Leiter des Geheimdienstes, Scharia-Gerichte mit je einem Richter und zwei ulema.

Damit bilden die Taleban eine Art Parallel- und sogar Gegenregierung zur Karzai-Administration. Sie ist Ausdruck der selbsterklärten Kontinuität des Islamischen Emirats Afghanistan. Die Taleban beanspruchen damit de facto quasistaatliche Legitimität und setzen bewusst einen Gegenpart zu Karzais „Marionettenregime“.

Auf lokaler Ebene verwenden die Taleban konsistent die Symbole des Islamischen Emirats. Sie versenden Schreiben mit dessen Briefkopf an Regierungsvertreter und verwenden ihn auch auf ihren ansonsten meist handgeschriebenen Flugblättern, den so genannten shabname (dt.: Nachtbriefe).

Auch die Erhebung religiöser Steuern dient, neben der Finanzierung der Bewegung, dem Statement von Staatlichkeit. Besteuert werden alle Geschäftstätigkeiten, vom Basarhandel über die Drogenwirtschaft bis zu Wiederaufbauprojekten, der Belieferung der NATO-Stützpunkte oder Regierungsgehältern. Dies dürfte die größte Einnahmequelle für die Taleban darstellen.[10] Wenngleich die Besteuerung in vielen Gebieten nicht regelmäßig erfolgt, ist mancherorts – wie in Zabul – doch bereits eine gewisse Systematik zu erkennen – bis zur Zustellung schriftlicher Bescheide. Die Steuererhebung wird durch die örtlichen Kommandeure kontrolliert. Dabei kommt es jedoch auch immer wieder zu Konflikten.

Auf regionaler Ebene unterscheiden sich die Präsenz und der Einfluss der jeweiligen Funktionäre der Taleban-„Regierung in der Praxis erheblich, auch in Abhängigkeit von der Nähe zur Grenze mit Pakistan. Viele pendeln regelmäßig über die Grenze. Das führt in einigen Gebieten zu Absentismus, wie er allerdings auch aus der Karzai-Administration bekannt ist. Zudem dient die Behauptung flächendeckender Parallelstrukturen auch der Selbstdarstellung nach außen und dem Fund-Raising, vor allem in islamischen Staaten und Auslandsgemeinden.

Überhaupt erweisen sich die Taleban auch in ihrem Herkunftsgebiet Süd-Afghanistan integrativer als die Karzai-Regierung. Trotz gewisser Spannungen im Inneren bzw. bisweilen auch offenen Konflikten, lässt die Führung unter Mulla Omar bisher auch tribale Nahtstellen wie die zwischen den großen Stammeskonföderationen der Paschtunen, den Durrani und den Ghilzai, nicht in größerem Stil aufbrechen.[11]

 

[1] [Gleichnamige Parallelgründung zur Hezb Hekmatyars.]

[2] Die Originalfassung in Pashto liegt dem Autor vor: De Afghanistan Islami Emarat Dar-ul-Ensha, De Talebano lepara layha, (Sekretariat des Islamischen Emirats Afghanistan, Verhaltenskodex für die Taleban), undatiert (ca. Mai 2009). Eine – in Teilen ungenaue – englische Übersetzung unter: http://www.nefafoundation.org/miscellaneous/nefa_Talebancodeconduct.pdf (letzter Zugriff: 4. Juni 2011). Vgl. u.a. auch: Deb Riechmann und Amir Shah, „Afghanistan’s ranks of civil servants under siege”, AP, 3. August 2010.

[3] Christian Sigrist, Regulierte Anarchie , Olten 1967.

[4] Details zum Haqqani- und zum Mansur-Netzwerk siehe: Thomas Ruttig, „Loya Paktia’s Insurgency“, S. 57f.; zum Khales-Netzwerk siehe: Ruttig, The Other Side, AAN , S. 10; zu den Salafiten siehe: Ruttig, On Kunar’s Salafi Insurgents, AAN-Blog, 14. Januar 2010, http://www.aan-afghanistan.org/index.asp?id=570.

[5] Nach dem gleichnamigen Flüchtlingslager. Manchmal wird er auch direkt nach der Stadt Tschaman in Pakistanisch-Belutschistan benannt.

[6] „Taleban ‚appoint new spokesman’”, BBC News Online, 14. Oktober 2005, http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/4342478.stm.

[7] Saber, „Rebel Chief Defies Coalition Forces”

[8] TLO Reflections on the Afghanistan Study Group Report, TLO, Kabul, 30. September 2010, S. 2; Giustozzi/ Reuter, The Northern Front, S. 4; zu Badghis siehe auch Partlow, „U.S. strikes at the heart of Taleban leadership”

[9] Giustozzi/Reuter, The Northern Front, S. 1

[10] Die UNO schätzt, dass 200 bis 300 Millionen US-Dollar an Drogengeldern pro Jahr an die Taleban fließen. Der Anteil an anderen „Steuern“, darunter auf den Transport von NATO-Nachschub und Wiederaufbauprojekte, könnte noch darüber liegen. Allein das Auftragsvolumen für den NATO-Nachschub wird auf 2,16 Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt; vgl. Imbert, „Wegzoll, Schutzgeld, Schmuggel“, S. 5.

[11] Auf Provinzebene gibt es solche Rivalitäten, die aber selten wirklich zu Kämpfen führen. Etwa in Uruzgan, wo Ghilzai- und Durrani-Vertreter seit Längerem um das Amt des Schattengouverneurs rivalisieren. Die Taleban-Führung reagierte intelligent und setzten eine Reihe von Seyyed – Nachkommen des Propheten Muhammad, die als „überparteilich“ gelten – in dieses Amt.

(Letzter Teil folgt)

 

Literatur

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–, „Why the West thinks it is time to talk to the Taleban“, The Observer, 28. September 2008

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Coghlan, Tom, „The Taleban in Helmand: An Oral History”, in: Antonio Giustozzi (Hg.), Decoding the New Taleban: Insights from the Afghan Field, London, 2009

De Afghanistan Islami Emarat Dar-ul-Ensha, De Talebano lepara layha, (Sekretariat des Islamischen Emirats Afghanistan, Verhaltenskodex für die Taleban), ohne Ort, undatiert (ca. Mai 2009)

Giustozzi, Antonio, Between Patronage and Rebellion: Student Politics in Afghanistan, AREU Kabul, Februar 2010, http://www.areu.org.af/index.php?option=com_docman&task=doc_details&gid=753&Itemid=26

–/Reuter, Christoph, The Northern Front: The Afghan insurgency spreading beyond the Pashtuns, AAN Briefing Paper 03/2010, Kabul/Berlin, Juni 2010

Glatzer, Bernt, „Zum politischen Islam der afghanischen Taleban“, in: Dietrich Reetz (Hg.), Sendungsbewusstsein oder Eigennutz: Zu Motivation und Selbstverständnis islamischer Mobilisierung, Zentrum Moderner Orient, Studien 15, Berlin, 2001

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Imbert, Louis, „Wegzoll, Schutzgeld, Schmuggel“, in: Le Monde diplomatique (deutsche Ausgabe), September 2010

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, The Ex-Taleban on the High Peace Council: A renewed role for the Khuddam ul-Furqan?, AAN Discussion Paper 04/2010, Kabul/Berlin, 2010

-, How Tribal Are the Taleban: Afghanistan’s largest insurgent movement between its
tribal roots and Islamist ideology
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