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Gerade habe ich die jährliche „State of the Union“-Reden von US-Präsident Obama gelesen, die er am Dienstag hielt – es war die letzte in seiner zu Ende gehenden, zweiten Amtszeit. (Der Originaltext findet sich hier.) Die Rede wurde in den Medien wegen ihrer Offenheit und des kämpferischen Tons (zu Waffenbesitz; immer noch geplante Schließung von Guantanamo etc) weitgehend positiv bewertet.

Mir war natürlich wichtig, was Obama zu Afghanistan – „Amerikas längsten Krieg“ (Washington Post) – sagen würde. Und das Ergebnis war enttäuschend: Er erwähnte das Wort – und das Thema – nur ein einziges Mal.

Die Washington Post, in einem Kommentar, bemerkt dazu sehr treffend:

Obama, der den afghanischen Krieg zu seinem eigenen gemacht hat, als er die Anzahl der Truppen dort erhöhte [ab 2009, auf zeitweise 140.000, alle ausländischen Soldaten mitgezählt, aber nicht die privaten Kontraktoren], legte im Mai 2014 Pläne für eine definitive Beendigung des Konflikts [gemeint ist wohl: für die Beteiligung der USA daran] vor. In Afghanistan, sagten damals Offizielle der US-Regierung, hätten die US- und alliierte Streitkräfte ein verlässliches einheimisches Militär aufgebaut und die festgesetzte Taleban-Militanz zurückgeschlagen. Heute ist es viel schwieriger für Obama, den Sieg zu beanspruchen. In den letzten Monaten haben die Taleban ihre Stärke mit einer Serien von Offensiven vorgeführt, die die lokalen Kräfte in die Flucht schlugen und selbst US-Militärführer überraschten. (…)

Seitdem er vor zwei Jahren bekannt gab, dass er bis Ende 2016 den letzten US-Soldaten abgezogen haben werde, hat Obama seinen Afghanistan-Abzugsplan mehrmals angepasst, jedesmal eine größere Zahl an Truppen länger dort lassend, was die Verwundbarkeit der lokalen Streitkräfte für Taleban-Attacken reflektiert.

Interessant ist auch, dass das Thema Afghanistan in einen Absatz eingebettet ist, der sich mit der außenpolitischen Strategie der USA befasst. Dabei ergibt sich eine – allerdings nicht neue Mischung – aus einem Trend zum Isolationismus (wir können nicht überall sein), der Apologie früherer Einsätze (Vietnam, Irak) und der „America First“-Interessenpolitik, die postuliert, dass – natürlich – US-Interessen und der Schutz von US-Bürgern vor allem anderen steht.

Die Aussage, dass „unsere Antwort [auf Krisen] mehr sein muss als große (“harte”) Worte und Aufrufe, Teppichbombardements gegen Zivilisten durchzuführen” ist begrüßenswert. Natürlich gibt es keine US- Teppichbombardements wie in Vietnam mehr, aber – wie gerade in einem Blog auf der Webseite des amerikanischen Council for Foreign Relations mitgeteilt wurde – werden immer noch hinreichend US-Bomben abgeworfen und töten Zivilisten, auch wenn viele von diesen pauschal als „Terroristen“ mitgezählt werden. In dem Artikel werden Pentagon-Quellen zitiert, denen zufolge in 17 Monaten Luftkrieg gegen den Islamischen Staat 25.000 „Terroristen“ getötet worden seien, aber nur sechs Zivilisten.

Dem Artikel zufolge waren es „23.144 Bomben in sechs Ländern“, über 22.000 davon in Irak und Syrien. 947 waren es in Afghanistan. (Darunter auch jene, die das Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen in Kunduz zerstörten.)

Zurück zu Obama: Der eine Satz, in dem Afghanistan auftaucht, ist aber auch ein brauchbare und realistische kurze Zusammenfassung des Scheiterns in Afghanistan:

Selbst wenn es ISIL und al-Qaeda nicht gäbe, Unsicherheit wird über Jahrzehnte in vielen Teilen der Welt anhalten – im Mittleren Osten, in Afghanistan, Teilen Pakistans… Einige dieser Orte könnten sichere Zufluchtsorte für neue terroristische Netzwerke werden.

Denn diese Formulierung beweist, dass die Hauptziele des US-Eingreifens 2001 in Afghanistan verfehlt wurden: den (al-Qaeda- oder islamistischen) „Terrorismus“ zu zerschlagen und Afghanistan zu befrieden. Stattdessen führte der Einsatz (wie wir in den letzten Wochen und Tagen erneut schmerzlich erfuhren) zu dessen Ausbreitung von Libyen und Paris über Istanbul bis Indonesien – auch wenn der erste Nebensatz apologetisch und das Eingeständnis um die Ecke formuliert wird.

[Update 13:51 Uhr: Ich hatte diese Einschätzung auch auf soziale Medien gestellt – und schon meldet sich der ehem. Deputy Assistant Secretary im US-Verteidigungsministerium David Sedney, jetzt als Analyst und Kommentator tätig, und schreibt:

Noch nicht, denn die realistische Zeitvorstellung war immer 30-40 Jahre.]

 

Hier die ausführlichere Originalpassage im Zusammenhang:

Our foreign policy hast to be focused on the threat from ISIL and al Qaeda, but it can’t stop there. For even without ISIL, even without al Qaeda, instability will continue for decades in many parts of the world — in the Middle East, in Afghanistan, parts of Pakistan, in parts of Central America, in Africa, and Asia. Some of these places may become safe havens for new terrorist networks. Others will just fall victim to ethnic conflict, or famine, feeding the next wave of refugees. The world will look to us to help solve these problems, and our answer needs to be more than tough talk or calls to carpet-bomb civilians. That may work as a TV sound bite, but it doesn’t pass muster on the world stage.

We also can’t try to take over and rebuild every country that falls into crisis, even if it’s done with the best of intentions. (Applause.) That’s not leadership; that’s a recipe for quagmire, spilling American blood and treasure that ultimately will weaken us. It’s the lesson of Vietnam; it’s the lesson of Iraq — and we should have learned it by now. (Applause.)

Fortunately, there is a smarter approach, a patient and disciplined strategy that uses every element of our national power. It says America will always act, alone if necessary, to protect our people and our allies; but on issues of global concern, we will mobilize the world to work with us, and make sure other countries pull their own weight.

 

 

 

 

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