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Mit der Nachweihnachtspost traf Ende vergangener Woche noch etwas sehr Interessantes ein: Die nun in Buchform vorliegende Dissertation meines Kollegen (in Sachen Afghanistan) Philipp Münch, mehrmals AAN-Autor, früherer SWP-Mitarbeiter, Bundeswehr-Reserveoffizier und nunmehriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), das zum Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) gehört.

Zu Münchs Credentials gehören u.a. die beiden AAN-Papiere „Local Afghan Power Structures and the International Military Intervention: A review of developments in Badakhshan and Kunduz provinces“ (2013) und das so zutreffend betitelte „Resolute Support Light. NATO ́s New Mission versus the Political Economy of the Afghan National Security Forces“ (2015).

Sein wichtigstes Werk bisher aber, würde ich sagen, ist die leider zu wenig beachtete SWP-Studie (2011) „Strategielos in Afghanistan: Die Operationsführung der Bundeswehr im Rahmen der International Security Assistance Force“, zu der Thomas Wiegold auf seinem Blog Augen Geradeaus! folgendes schrieb:

Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) gilt oft als ein (zu) regierungs-naher Think Tank. Das Papier „Strategielos in Afghanistan – Die Operationsführung der Bundeswehr im Rahmen der International Security Assistance Force von Philipp Münch zeigt, dass die auch mal draufhauen können…

Aus der Zusammenfassung:

Diese Studie zeigt, dass von Seiten des Militärs das Fehlen einer klaren politischen Strategie für Afghanistan nicht kompensiert werden kann. Vielmehr führt dieses Defizit im Fall der ISAF dazu, dass strategische Entscheidungen innerhalb der NATO-Kommandostrukturen immer weiter nach unten delegiert werden. Somit sieht sich dann die niedrigste operative Ebene mit dem Problem konfrontiert, Operationen ohne ein konkretes übergeordnetes Ziel führen zu müssen.

Ähnlich kritische und dabei wohl informierte Töne kann man auch in der nun vorliegenden Dissertation erwarten. (Eine ausführliche Rezension wird demnächst auf diesem Kanal folgen.)

 

Hier der Ankündigungstext des Verlages mit allen wichtigen Angaben zur Bestellung:

Sowohl für die NATO als auch für die Bundeswehr stellte die International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan den intensivsten und verlustreichsten Einsatz ihrer Geschichte dar. Über die genaue Praxis dieser vielfach als problematisch gesehenen militärischen Mission ist jedoch wenig bekannt. Philipp Münch untersucht erstmals auf breiter Quellenbasis und in historischer Perspektive die Handlungslogik der Bundeswehr in Afghanistan, ebenso die relevanten politischen Entscheidungen. Er analysiert eingehend, wie die Verantwortlichen den Auslandseinsatz strategisch und operativ planten, wie sie mit afghanischen Machthabern umgingen, wie das Nachrichtenwesen funktionierte und wie die Bundeswehr Gewalt anwendete. Die Ergebnisse werden eingebettet in eine Untersuchung der lokalen afghanischen Verhältnisse, unter denen die Bundeswehr agierte.

Philipp Münch, Die Bundeswehr in Afghanistan: Militärische Handlungslogik in internationalen Interventionen, Rombach-Verlag Freiburg, 2015, 431 S., geb., € 48,00 (D).

ISBN 978-3-7930-9827-0

 

Zum selben Thema brachte i.ü. die Bundeszentrale für Politische Bildung ebenfalls im Vorjahr den Sammelband „Am Hindukusch – und weiter?“ heraus. Als Herausgeber zeichnen der ehemalige Kommandeur des (u.a. für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan zuständige) Bundeswehr-Einsatzführungskommandos General a.D. Rainer L. Glatz und der Terrorismus-Forscher Rolf Tophoven. Dieser von Beiträgen unterschiedlichen Niveaus und teilweise wirklich schlecht redigierte Band ist aber trotzdem hilfreich, v.a. weil er eine Innensicht vieler seiner Autoren vermittelt. Schon Vorwort (von Glatz) beginnt eine interessante, tendenzielle Reinterpretation des Einsatzes (man beachte die Passiv-Konstruktion):

… der Afghanistan-Einsatz wurde mit zunehmender Dauer anders gesehen als alle anderen Bundeswehreinsätze zuvor … wohl auch deswegen, weil die Politik … eher humanitäre Aspekte herausstellte. Insbesondere dadurch wurde das unvollständige Bild des Soldaten, vornehmlich als Helfer und Brunnenbauer, erzeugt.

Diese Argumentation ist auch aus den USA der Nach-Vietnamkriegszeit bekannt: nicht das Militär, sondern „die Politik“ habe diesen Krieg verloren. Aber Münchs o.g. SWP-Studie ist gerade deshalb so interessant, weil sie zeigt, dass sich einige Bundeswehr-Kommandeure in dem von „der Politik“ geschaffenen (oder hingenommenen – die Bundeswehrführung hätte sich sicher zu diesem Thema äußern können) strategielosen Raum mit einer eigenen Politik einrichten konnten.

Rainer L. Glatz und Rolf Tophoven (Hg.), Am Hindukusch – und weiter? Die Bundeswehr im Auslandseinsatz: Erfahrungen, Bilanzen, Ausblicke, Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1584, Bonn 2015, 392 S., €4,50 + Versandkosten (mehr Info hier).

ISBN 978-3-8389-0584-6

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