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Ein Team des privaten afghanischen Senders Tolo TV war das Ziel des gestrigen Selbstmordanschlags, bei dem gestern in Kabul sieben afghanische Journalisten sowie der Attentäter getötet wurden. 20 andere Menschen, darunter mehrere Passanten, wurden verletzt. Die Taleban bekannten sich inzwischen zu dem Anschlag. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Form afghanische Journalisten angegriffen haben.

„Harter Morgen, an dem wir den tragischen Verlust unserer Kollegen betrauern“, tweetete der Leiter des Senders, Lotfullah Najafizada, gestern. Und: „Die hart erkämpfte Pressefreiheit wird obsiegen! Bleibt standhaft!“ Die Kabuler Tageszeitung Hasht-e Sobh (7 Uhr morgens) und Human Rights Watch nannten den Anschlag ein „Kriegsverbrechen“.

Afghanische und ausländische Journalisten solidarisierten sich. In Dschalalabad protestierten Kollegen und Zivilgesellschaftler gegen den Anschlag. Auf ihren Schildern ist zu lesen: „Angriffe auf die Medien sind Angriffe auf die Meinungsfreiheit.“ „Wir, Aktivisten der Zivilgesellschaft, rufen auf, das Leben von Journalisten zu schützen.“ „Alle Seiten im Krieg müssen es vermeiden, Journalisten zu Zielen zu machen.“

Beim Sender Tolo wurden die Bilder der sieben Toten aufgestellt.

Bilder der sieben in Kabul getöteten Tolo-Journalisten. Foto: ToloNews.

Bilder der sieben in Kabul getöteten Tolo-Journalisten. Foto: ToloNews.

Nachtrag: ihren Namen, dank Waslat Hasrat-Nazimi bei der Deutschen Welle:

M. Jawad Hussaini, Zainab Mirzaee, Mehri Azizi, Mariam Ibrahimi, M. Hussain, M. Ali Mohammadi, Hussain Amiri.

Protest in Dschalalabad nach dem Mord an den Tolo-Journalisten. Foto: Pajhwok.

Protest in Dschalalabad nach dem Mord an den Tolo-Journalisten. Foto: Pajhwok.

 

Der Anschlag ereignete sich nicht ganz unerwartet. Am 12. Oktober vorigen Jahres hatten die Taleban zwei afghanische Fernsehstationen – neben Tolo TV auch 1TV – zu „legitimen Zielen“ erklärt (auf deutsch siehe hier), nachdem sie ihnen im Zusammenhang mit Ereignissen während der Eroberung von Kundus falsche bzw. tendenziöse Berichterstattung vorgeworfen hatten. Das bezog sich v.a. auf Berichte – die sich inzwischen in der Tat als falsch herausgestellt haben –, dass die Taleban im Wohnheim der Kunduser Universität Studentinnen vergewaltigt hätte. Auch amnesty international hatte diese Berichte verbreitet.

Die Taleban hatten während ihrer Besetzung der Stadt sogar Notruf-Telefonnummern bekannt gegeben, über die sich Einwohner bei etwaigen Übergriffen beschweren konnten (siehe hier). Das hat Zerstörungen, v.a. von Regierungseinrichtungen und Häusern gegnerischer Kommandanten, v.a. von Milizen, und auch einige gezielte Morde an solchen Kämpfern nicht verhindert; bei Plünderungen war nicht klar, welche Seite sie verübt hat.

Die Taleban waren schon empört, als weite Kreise der afghanischen Medien während der ersten Runde der Präsidentenwahl beschlossen hatten, wie AAN damals schrieb, „aus einem Mix politischer, patriotischer und editorialer Gründe“ Berichte über Taleban-Angriffe am Wahltag einzuschränken oder ganz einzustellen. Anschließend zeichneten sich einige Journalisten und Sicherheitsbeamte gegenseitig für die „gute Arbeit“ aus, was natürlich aus diskussionswürdig ist.

Auch in diesem Kontext waren die Taleban empört über die Kunduz-Berichterstattung und bezeichneten sie als „respektlose und feindselige Aktionen“ und als „Beispiele der Propaganda dieser satanischen Sender“, die darauf zielten, die „amerikanischen Invasoren und ihre Marionetten zu unterstützen, den Dschihad und den Kampf der heldenhaften afghanischen Nation zu bekämpfen, islamische Prinzipien herauszufordern und die Spaltung der nationalen Einheit des Landes zu ermutigen.“ Man betrachte die Sender nicht mehr als Medien, sondern als Teil des „Propagandakriegs“, den die USA in Afghanistan führten, und deshalb als „militärische Ziele“. „Kein Angestellter, Nachrichtensprecher, Büro, Nachrichtenteam und Reporter dieser TV-Kanäle besitzt [nun noch] Immunität. Alle Reporter und jene, die mit diesen Kanälen zu tun haben, werden als Feindespersonal angesehen … und werden direkt eliminiert werden.“

Sie haben diese Rhetorik jetzt wieder aufgegriffen. In Titel ihrer Stellungnahme zu dem Anschlag reden sie vom „Tolo-Geheimdienstnetzwerk“. Das ist natürlich vollständiger Unsinn. Weiter heißt es dort, triumfalistisch und mit den üblichen Schlagworten gespickt, die z.B. teilweise auch nach dem Anschlag auf das Restaurant Taverna du Liban Anfang 2014 in Kabul verwendet wurde: „Gestern hat die Militärkommission des Islamischen Emirats ihr Versprechen eingelöst, Tolo TV anzugreifen, das größte Netzwerk des Landes für die Verbreitung von Obszönität, Nichtreligiosität, ausländische Kultur und Nacktheit.“ (Solche Anwürfe gegen afghanische Medien kommen allerdings auch aus Regierungskreisen, siehe hier.)

Auch wenn die Taleban in einigen ihrer Vorwürfe – über die konkrete Berichterstattung! – Recht haben (ausländische Medien haben z.B. weitgehend darauf verzichtet, den schlecht recherchierten amnesty-Bericht aufzugreifen), darf ungenaue, fehlerhafte oder selbst tendenziöse Berichterstattung nicht dazu führen, Journalisten kollektiv zum Freiwild zu erklären. Hasht-e Sobh hat Recht: das ist ein Kriegsverbrechen, denn hier werden Zivilisten angegriffen. Zumal die Taleban immer wieder erklären, dass sie ja eigentlich Zivilisten schützen wollen. Aber hier liegt eben das Problem: ihre Definition von „Zivilisten“ enger als im Völkerrecht – das sie eigentlich anerkennen müssten, denn sie erklären ja, in die internationale Gemeinschaft zurückkehren zu wollen (z.B. siehe hier). Aber sie betrachten halt jeden, der für und auch nur „nahe“ der Regierung arbeitet, für ein „legitimes Ziel“: Richtern, Lehrern oder Polizisten außer Dienst, Angehörige von NGOs, die ausländische Gelder verwenden, Ausländer, die manchmal pauschal den „Invasoren“ zugerechnet werden…

Dieses Verbrechen und die Stellungnahme der Taleban dazu ist auch ein weiteres Zeichen dafür, dass er schwer werden wird, mit ihnen ins Gespräch und dann auch zu positiven Resultaten zu kommen.

Trauer beim Begräbnis einer gestern getöteten Journalistin. Foto: Tolo News.

Trauer beim Begräbnis einer gestern getöteten Journalistin. Foto: Tolo News.

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