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„Loyal“, ein vom Reservistenverband der Bundeswehr herausgegebenes Monatsmagazin, zitiert in seiner neuesten Ausgabe aus einer „internen Lageeinschätzung“ des Bundesverteidigungsministeriums – leider nur sehr kurz:

Selbst das Bundesverteidigungsministerium, das bisher vor allem gern die angeblichen Erfolge in Afghanistan herausstrich, sieht die Lage düster. Es sei wahrscheinlich, dass es im Vergleich zu 2015 in diesem Jahr zu einer weiteren Steigerung der Aktivitäten der Taliban komme, heißt es in einer internen Lageeinschätzung. Die Ursachen seien vielfältig. So verfügten die Taliban insgesamt über mehr Bewegungsfreiheit, könnten ihre Angriffe besser abstimmen, in größeren Gruppen auftreten und erfolgreich ihre Kern- und Einflussräume erweitern. Dies sei durch den Abzug der westlichen Truppen Ende 2014, insbesondere aber durch die nach wie vor dramatischen Defizite der afghanischen Armee möglich geworden. Von 101 Kandaks, Infanteriebataillonen mit jeweils bis zu 600 Soldaten, seien lediglich eines voll und 52 bedingt, die anderen so gut wie gar nicht einsetzbar. Die meisten der nicht einsetzbaren Einheiten seien in Süd- und Ostafghanistan, dem Kerngebiet der Taliban, stationiert.

In diesem Artikel (hier geht es zur PDF-Version) finden sich auch einige kurze Einschätzungen von mir.

Auch der von Präsident Obama ausgewählte neue Kommandeur für die 9800 US-Truppen in Afghanistan, General-Leutnant John W. „Mick“ Nicholson Jun. (er wird in Personalunion auch Kommandeur der NATO-Mission Resolute Support, zu der auch die Bundeswehrtruppen gehören) zeichnete während seines Hearings am 29.1. vor dem Streitkräftekomitee des US-Senats kein positives Bild. Auf eine Bemerkung des republikanischen Ex-Präsidentschaftskandidaten John McCain, dass es sein Eindruck sei, dass sich die Sicherheitssituation in Afghanistan eher verschlechtert als verbessert habe, erwiderte er: „Sir, ich stimme mit Ihrer Einschätzung überein.“ Er fügte dann nicht sehr tiefgründig an: „Das ist Afghanistan. Dort wird es immer ein bestimmtes Maß an Gewalt geben.“ Er sagte ferner, dass die Taleban die afghanischen Streitkräfte „intensiver“ angegriffen hätten, „als wir das möglicherweise erwartet hätten. (…) Deshalb haben wir nicht die Fortschritte gemacht, wie wir dachten.“

McCain sprach sich zudem dafür aus, mit sofortiger Wirkung jedes Enddatum für den US-Truppenabzug fallenzulassen.

Nicholson sagte ferner, dass obwohl US-Truppen nicht mehr direkt in Kämpfe gegen die Taleban involviert seien, könne er es sich nicht vorstellen, dass sie vom Rande aus zusehen würden, wenn Kandahar in Gefahr käme. „Wir müssen verhindern, dass Kandahar in die Hände der Taleban fällt“, sagte er.

Verteidigungsminister Ash Carter sagte in der selben Sitzung auf die Frage, ob die Taleban ein Comeback machen: „Das ist während der letzten Kampfsaison passiert. Wr haben das erwartet.“ Auch wenn afghanischen Truppen gut gekämpft hätten, seien sie erste eine “Streitmacht im Aufbau.” Er sagte ferner, Nicholsons Vorgänger Campbell habe ihm keine Erhöhung der Truppenzahl empfohlen. Später sagte er der Presse, dass die USA „langfristig“ in Afghanistan seien, aber er könne nicht sagen, ob es um „Jahrzehnte“ gehe. (Die Washington Post hatte einige Tage früher geschrieben, US-Kommandeure und frühere Mitglieder der Obama-Regierung würden von „Jahrzehnten“ sprechen und die Herangehensweise mit der in Südkorea vergleichen, wo ebenfalls seit Jahrzehnten US-Truppen permanent stationiert sind.)

Der neue Befehlshaber, Gen. Nicholson, hat seit 2006 schon mehrmals in Afghanistan gedient. In 2010 war er Vizestabschef für Operationen für das ISAF- und US-Militärkommando, und davor war er 14 Monate lang Direktor der Afghanistan-Pakistan-Koordinierungszelle im Pentagon.

Die Washington Post berichtete außerdem, dass im März 2007 eine Gruppe von US-Marine Sondereinheiten, die im Sektor seines Kommandos operierte, beschuldigt  pecial Operations troops working in Nicholson’s sector was beschuldigt wurde, Zivilisten getötet zu haben. Er habe diese Einheit daraufhin aus dem Land abgezogen und sich bei den Dorfbewohnern entschuldigt – wofür er wiederum von anderen US-Kommandeuren kritisiert worden sei. Die Marines wurden später von einem Militärgericht freigesprochen und Nicholsons als „unangemessen“ bezeichnet.

(Quelle der Informationen über das Hearing hier und hier; transkribierte Auszüge hier. Das gesamte Hearing im Video hier; volles Transkript noch nicht verfügbar.)

Insgesamt könnten solche negativen Bewertungen bzw Voraussagen nicht nur von dem Willen getragen sein, die Situation in Afghanistan endlich akkurat darzustellen, sondern auch von Interessen in bestimmten Sektoren des Militärs sowie im „industriellen Heimatschutzkomplex“ (New-York-Times-Journalist James Risen), die Truppenstationierung in Afghanistan aufrecht zu erhalten.

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