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Heute ist Internationaler Tag des Radios, und – da dieser Blog (wie die Freunde des gepflegten Pashto ja wissen) in der Übersetzung Afghanistan Radio heißt (siehe hier) – aus diesem Anlass ein paar kurze Durchsagen zum Thema:

 

Aus o.g. Anlass gab die afghanische Medien-Advocacy-Organisation Nai („Das Schilfrohr“) heute eine Statistik heraus, aus der hervorgeht, dass landesweit sieben afghanische Radiostationen in diesem afghanischen Jahr aus „Sicherheits- und finanziellen Gründen“ schließen mussten. Die meisten davon sendeten aus den Provinzen, darunter in Herat und Ghazni.

Nai hat 120 Radiostationen in allen 34 Provinzen des Landes untersucht. 75 Prozent davon meldeten Finanz- und 61 Prozent Sicherheitsprobleme. 84 Prozent von 26 Kabuler Sendern hätten Finanzprobleme, so wie auch alle Sender in Süd-Afghanistan. 76 Prozent der Sender klagten über die schlechte Sicherheitslage (nur 56% in Süden!).

Dazu käme der Mangel an professionellen Radiomacherinnen – einige Radiostationen in Afghanistan werden von und für Frauen gemacht – sowie Probleme mit der Stromversorgung.

Laut der afghanischen Nachrichtenagentur Tolonews senden zur Zeit 177 Radiostationen in Afghanistan.

 

Gewalt gegen afghanische Journalisten

Auf der Webseite von Nai findet sich auch der jüngste Jahresbericht der Organisation über Gewalt gegen einheimische Journalisten. Darin heißt es u.a.:

  • 2015 war das schlimmste Jahr für Afghanistans Journalisten und die Medien seit 2001;
  • 95 Fälle von Gewalt gegen Journalisten seien landesweit registriert worden (ich vermute mal, da gibt es eine große Dunkelziffer);
  • nach der Einnahme von Kundus im September/Oktober durch die Taleban erklärten die Taleban (nach vermeintlichen bzw tatsächlichen Falschmeldungen) pauschal alle Mitarbeiter von drei Fernsehstationen (Tolo, Lmar, 1TV) zu „militärischen Zielen“;
  • Afghanistans Journalisten wird der Zugang zu Informationen aus dem militärischen, rechtlichen und Justizbereich verwehrt; fast die Hälfte der befragten 300 Journalisten berichteten über Zugangsschwierigkeiten;
  • Nai ist besorgt über Mordanschläge gegen Journalisten und Medienaktivisten in Kabul (das war noch, bevor die Taleban tatsächlich solch eine Anschlag ausführten – hier)*

Die Washington Post hatte schon im August 2015 sehr ausführlich von den Problemen der afghanischen Medienlandschaft insgesamt berichtet, die aus etwa 100 TV-Kanälen, 250 Radiostationen, über 200 Zeitungen und Magazinen, 34 Nachrichtenagenturen und 17 Journalismus-Trainingszentren bestehe und insgesamt etwa 7200 Journalisten beschäftige. Die meisten Medien seien in privater Hand. (Die Umwandlung des staatlichen Radio TV Afghanistan, RTA, in eine öffentlich-rechtliche Anstalt ist trotz Bemühungen u.a. der BBC und der Deutschen Welle – nicht immer in Harmonie miteinander – fehlgeschlagen und ist, mit Verlaub, langweilig.)

Bis August 2015 habe die afghanische Regierung 60 Journalisten verhaftet. Die Organisation Nai sei Zielscheibe von Taleban-Drohungen geworden, die sie als „Zentrum der amerikanischen kulturellen Invasion“ bezeichneten. (Nai bekommt US-Gelder.)

Im April letzten Jahres protestierten afghanische Journalisten gegen die wachsende Arbeitslosigkeit in ihrer Branche – Resultat sinkender Fördergelder und der Probleme, diese durch einheimische Quellen zu ersetzen. Ein Reporter setzte sich zwei Stunden lang symbolisch als Bettler an eine Straße.

Protest gegen wachsende Arbeitslosigkeit: Afghanischer Reporter als Bettler. Foto: Khaama .

Protest gegen wachsende Arbeitslosigkeit: Afghanischer Reporter als Bettler. Foto: Khaama .

 

Kritische Medienprofis sagen, so die Washington Post weiter, man hätte bei der Entwicklung der afghanischen Medienlandschaft „mehr auf Qualität als auf Quantität“ achten sollen, und vieles sei nicht nachhaltig. Siehe die Zahlen über eingehende Radiosender oben.

Zudem war die Medienstrategie – kein Wunder bei einigen Geberländern – neoliberal: Privatfernsehen, Herz-Schmerz-Billigserien, Selbstfinanzierung durch Werbung (wofür es in der einheimischen Wirtschaft nicht viele Quellen gibt; also schalteten Institutionen wie UNO-Hilfswerke oder Bundeswehr oft ganzseitige Anzeigen) etc pp. Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass die afghanische Bevölkerung auch ein Anrecht auf Unterhaltung hat.

Und es gibt natürlich auch Highlights wie die Satiresendung Zang-e Khatar (Alarmglocke) oder die sehr beliebten Anrufsendungen im Radio, wo manches sehr kritisches aus allen Ecken des Landes kommt, weil man sich dort ja nicht mit dem eigenen Namen melden muss und einen niemand erkennt. (Ein Beispiel, das ich selbst gehört habe: „Ich bin so-und-so aus der Provinz Ghasni. Lieber Herr Polizeichef, können sie bitte ihrer Polizisten an Checkpost so-wie-so an die Kandare nehmen – die nehmen den durchkommenden Leuten immer wieder Geld ab.“)

Zu den Erfolgen wird auch die Serie „Kommissar Amanullah“ gezählt, die u.a. von der deutschen Regierung finanziert wird.

Natürlich gibt es große Tabuzonen für Journalisten; zum Beispiel kann – von Ausnahmen abgesehen – niemand namentlich über Korruption berichten. Kritik an den früheren Mudschahedinführern kann (von diesen) schnell als „antiislamisch“ ausgelegt werden – und dagegen hilft dann nicht viel. Dies bewies der Fall des Journalisten Kambachsch aus Masar-e Scharif, der 2008 wegen kritischer Diskussionen von islamischen Interpretationen der Frauenrechte in verschiedenen Richtungen des Islam erst wegen Blasphemie zum Tode, dann zu langjähriger Haft verurteilt und schließlich „begnadigt“ und ins Exil abgeschoben wurde.

Dazu kommt immer wieder Zensurversuche der Regierung sowie ein Wirrwarr in der Gesetzgebung und bei Beschwerdemöglichkeiten – wo im Medienbereich zur Zeit vier verschiedene Kommissionen existieren. (Ein Bericht darüber von Ende 2013 hier bei AAN.) Problematisch war auch der Beschluss vieler afghanischer Medien, bei der Präsidentschaftswahl 2014 einen Berichts-Blackout über Taleban-Angriffe zu verhängen.

Schließlich wurde gestern bekannt, dass die afghanische Regierung die Verbreitung elektronischer Medien Pakistans im Land untersagt hat – als Revanche für einen ähnlichen Schritt Pakistans. (So viel auch zur Entspannung zwischen beiden Ländern und dem „Friedens“prozess…)

Und zwar einen Tag, nachdem jemand in Präsident Ghanis aus dem Präsidentenpalast getweetet hatte:

„Wussten sie schon, dass Afghanistan mit die freiesten Medien in der Region hat? ‪#TheNewAfghanistan

 

Auf dem Pressefreiheitsindex der Reporter ohne Grenzen stand Afghanistan 2015 auf Platz 122 unter 180 Ländern. Die Organisation International Media Support reihte Afghanistan sogar unter die drei gefährlichsten Länder für Berichterstatter ein.

 

Und da wir ja hier im Radio sind – jetzt Musik: Die Klage der Rohrflöte

Hier der Text von Rumis gleichnamigem Gedicht, übersetzt von Annemarie Schimmel:

Hör auf der Flöte Rohr – wie es erzählt, und wie es klagt

Vom Trennungsschmerz gequält: 
“Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt, 
Weint alle Welt bei meinen Tönen mit.

 weiterlesen hier.

 

 

 

* Inzwischen stellte sich auch heraus, dass einige Journalisten aus Kundus aus „patriotischen“ Gründen in Militäruniform berichteten – das ist natürlich von keinem Journalistenethos gedeckt, aber natürlich noch lange kein Grund, diese oder sogar völlig unbeteiligte Kollegen umzubringen.

 

 

 

 

 

 

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