Schlagwörter

, , , , , , ,

Die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) hat ihren Jahresbericht über zivile Opfer für 2015 herausgegeben. Fazit: Ihre Zahl steigt weiter; auch wenn die Zahl der Todesopfer leicht zurückgegangen ist, nahm die Zahl der Verletzten erneut zu. Darunter sind mehr und mehr Kinder und Frauen: 2015 war jedes vierte Opfer ein Kind und jedes zehnte Opfer eine Frau. Das bedeutet einen Anstieg um 14 beziehungsweise 37 Prozent.

Zum Jahresende 2015 lag die Zahl der vom Konflikt Vertriebenen bei 1,17 Millionen Afghanen innerhalb des Landes, davon 335.400 aus dem Jahr 2015, ein Anstieg um 78% gegenüber 2014.

 

Die Zahlen deuten darauf hin, dass der Konflikt auf hohem Niveau andauert. Allerdings merkt UNAMA an, dass die Kämpfe um Kunduz und die großen Anschläge im Sommer 2015 in Kabul die Zahlen nach oben getrieben hätten – ansonsten wäre der Trend fallend gewesen. (Allerdings sind halt auch solche Vorfälle Teil des Konflikts.)

Gute Zusammenfassungen des Zahlenwerks des Berichts auf deutsch finden sich hier, auf der Webseite der Zeit oder hier beim Tagesspiegel.

Hier ist der vollständige Bericht zu finden.

Bedenklich ist die Mitteilung der UN, dass sie einen zunehmenden Teil der Opfer (17 Prozent) keiner Seite zweifelsfrei zuordnen konnten. Ursache: wegen der schlechten Sicherheitslage (und des Drucks der Karsai-Regierung) musste UNAMA in vielen Provinzen Büros schließen; auch Nichtregierungsorganisationen verringerten ihre Präsenz. Damit engen sich die Möglichkeit weiter ein mit Sicherheit zu sagen, was genau in vielen Provinzen des Landes vor sich geht.

Am gleichen heutigen Tag berichtete die afghanische Zeitung Kherad aus der Provinz Baghlan unter Berufung auf Zivilgesellschaftsaktivisten und Dorfälteste, dass dort bei den Kämpfen zwischen Taleban und Regierungstruppen über die letzten drei Wochen 125 Zivilisten (darunter 40 Kinder und Frauen) getötet, 700 verletzt und 17.000 Familien vertrieben worden seien. Die Wochenzeitung Rastaches berichtete vor einigen Tagen von 4188 vertriebenen Familien im umkämpften Gebiet von Dand-e Ghori.

Diese Zahlen können im Moment noch nicht verifiziert werden, aber auch sie deuten darauf hin, dass die Gewalt in Afghanistan auch in diesem Jahr anhält. (Siehe auch hier.)

 

Andere interessante Zahlen und Fakten aus dem Bericht

Zum ersten Mal nennt UNAMA eine Zahl, wie viele Distrikte die Taleban 2015 eroberten: 24 (2014: 4) sowie ein Provinzzentrum, Kunduz; vier davon hielten die Taleban immer noch. (Meine Zählung ergibt ein anderes Bild – siehe in diesem AAN-Beitrag.)

Die Kämpfe um Bevölkerungszentren haben 2015 zugenommen – was natürlich das Risiko ziviler Opfer erhöht. Das ist Resultat des Teilabzugs der westlichen Truppen und der damit verbundenen (inzwischen tendenziell revidierten) Einstellung sog. Luftunterstützung für afghanische Regierungskräfte.

85 Prozent der zivilen Opfer, die die Regierungskräfte bei Bodenoperationen verursachten, gingen auf den Einsatz von Artillerie zurück (Anstieg um 60%) – d.h. es wird z.T. wahllos in zivile Ansiedlungen geschossen. (Das wurde mir auch durch Augenzeugen hier bestätigt.)

Bei Taleban-Angriffen auf zivile Regierungsangestellte starben 156 Menschen und 806 wurden verletzt – eine Verdopplung der Zahl von 2014.

Auch der Trend abnehmender ziviler Opfer durch Luftangriffe von US- und afghanischen Truppen in den Vorjahren kehrte sich mit 149 Toten (+83%) wieder um.

2015 sah ebenfalls einen starken Anstieg bei Entführungen (+39% bei Vorfällen; insg 410 davon 400 durch die Aufständischen); dabei mehr al seine Verdopplung bei den Opfern (145 Tote, 27 Verletzte).

Abnehmende Zahl von Opfern bei Angriffen aus Schulen (11 Tote, 14 Verletzte).

Zudem wird gerade eine neue Art inoffizieller lokaler Pro-Regierungs-Milizen aufgestellt, unter der sog. National Uprising Support Strategy – ausgewählt vom Geheimdienst, bezahlt vom Independent Directorate for Local Governance (IDLG – einer zivilen Behörde) und bewaffnet vom Innenministerium. Diese Milizen sollen in 25 Provinzen entstehen, und existierten bereits in 23 Distrikten in zehn Provinzen. Das ist zusätzlich zum Afghan Local Police (ALP), die z.Zt. 28.231 Kämpfern in 175 Distrikten in 28 Provinzen umfasse.

 

Zwei wichtige Zitate zum Schluss, aus dem Bericht…:

Weder die afghanischen Sicherheitskräfte noch die regierungsfeindlichen Gruppen, einschl. der Taleban, haben in einem einzigen Fall Rechenschaft für Vorfälle demonstriert, bei denen Zivilisten offenbar direkt zu Zielen, durch ungezielte Angriffe geschädigt oder zu wenig Vorkehrungen zu ihrem Schutz getroffen wurden.

… und vom UN-Sondergesandten Nicholas Haysom:

Während die Konfliktparteien nach weiteren politischen und militärischen Erfolgen streben, dürfen sie nicht vergessen, dass Afghanistan nicht nur Territorium ist, sondern Platz, den so viele Menschen ihre Heimat nennen. Erfolgsmeldungen auf dem Kampffeld … bedeuten wenig, wenn die Parteien es versäumen, die Bevölkerung zu schützen, die sie regieren wollen.

 

Advertisements