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Sieben Särge – mit den Leichnamen von sieben jungen afghanischen Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertranken – versetzen in diesen Tagen viele Einwohner Kabuls in Trauer. Selbst hier in AAN’s Büro war das heute zu spüren – die Toten kamen aus der Nachbarschaft einiger KollegInnen. Man leidet mit den Müttern und Vätern der Toten, die doch diese Flucht ermöglicht haben, in dem sie – wie man aus allgemeinen Erfahrungen weiß – Geld von sich, Verwandten und Bekannten zusammengekratzt, Haus und Land verkauft oder verpfändet haben. „Sie hatten doch die Hoffnung auf ein besseres Leben…“

Die Särge der sieben Ertrunkenen und trauernde Kabuler. Foto: Twitter.

Die Särge der sieben Ertrunkenen und trauernde Kabuler. Foto: Twitter.

 

(Eine ähnliche Situation – mit sieben Särgen – gab es schon einmal im Kabul, im vergangenen November, als tausende in Kabul auf die Straße gingen, die größte Demo seit Jahren, politische Führer versuchten, sie für ihre Interessen einzuspannen. Sie entblödeten sich nicht, im Präsidentenpalast als Sprecher der Trauernden aufzutreten, wozu sie von diesen weder ermächtigt noch von den vor Unsicherheit strotzenden Regierenden abgehalten wurden. Die ließen nach nicht ganz unglaubwürdigen Berichten bereits die Motoren der Hubschrauber warmlaufen, falls die Menge den Palast stürmen würden…)

„Seit Ende 2014 flüchten definitiv mehr Menschen wegen wirtschaftlicher Faktoren als davor“, sagt der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Nicholas Haysom, in der österreichischen „Presse“. Das ist allerdings der Satz, den sich die Zeitung als wichtigsten für ihren zusammenfassenden Artikel aus dem ganzen Interview herauspickt.

Denn dort Fängt Haysom auf die halbwegs neutrale* Frage „Wieso haben 2015 teilweise bis zu 100.000 Menschen pro Monat das Land verlassen?“ anders an:

Weil sich mit dem Ende der Isaf-Mission der Nato Ende 2014 die allgemeine Sicherheitslage im Land stark verschlechtert hat. Dazu kam noch ein ökonomischer Schock. Denn Ende 2014 haben nicht nur die meisten Nato-Truppen das Land verlassen, sondern mit ihnen auch große Teile der zivilen Infrastruktur. 400.000 junge Leute wollen jedes Jahr in den afghanischen Arbeitsmarkt einsteigen. Arbeit gibt es nur für die allerwenigsten. Die Wirtschaft liegt am Boden, deshalb flüchten so viele.

Das hört sich doch schon viel differenzierter an als der o.g. Satz.

Nächste Frage: Flüchten also mehr Leute wegen wirtschaftlicher Faktoren als vor dem Krieg?

Das kann ich schwer abschätzen. Seit Ende 2014 flüchten aber definitiv mehr Menschen wegen wirtschaftlicher Faktoren als davor.

Werden in Zukunft noch mehr Leute das Land verlassen und nach Europa aufbrechen?

Wenn sich die Verhältnisse in Afghanistan nicht verbessern, kann das durchaus passieren. Wir hoffen aber auf einen Friedensprozess. Der könnte – sobald er in Fahrt gekommen ist – die Lage des Landes in Sachen Wirtschaft und Sicherheit verbessern. Europäischen Ländern kann ich nur raten, jetzt in Afghanistan zu investieren um Stabilität zu schaffen, anstatt später das Geld am anderen Ende für Flüchtlinge auszugeben.

Nächste Frage, nach den allseits beliebten „sicheren Zonen“: Gibt es in Afghanistan sichere Gebiete, in die Flüchtlinge, die nach Europa gekommen sind, zurückkehren können?

Es gibt auf jeden Fall Regionen im Land, die sicher sind, aber eben auch welche, die es nicht sind. Die Regierung gibt momentan an, dass über 100 der insgesamt rund 400 Bezirke als unsicher gelten.

Wohlgemerkt: Das sagt die afghanische Regierung, die natürlich nicht daran interessiert ist, die Gefährlichkeit der Sicherheitslage zu betonen und gern abwiegelt. (Gestern mussten sich die Regierungstruppen aus zwei Distrikten in Helmand zurückziehen, wo sie unter enormem Druck der Taleban stehen und sich nur noch in wenigen Stützpunkten halten konnten: ). Und „sicher“ ist relativ. Hier mein Zitat aus der besagten Artikel (ich war ebenfalls zur Situation befragt worden):

Mitverantwortlich für den Machtzuwachs der Gruppe sei die Schwäche der afghanischen Regierung, sagt Thomas Ruttig, Mitgründer der NGO Afghanistan Analysts Network, der „Presse“. Neben der Gefahr durch die Taliban sei die Korruption der Behörden eines der größten Sicherheitsprobleme und Hauptauslöser für die jüngste Fluchtwelle nach Europa, so Ruttig. (…)

Jahrzehntelang suchten Afghanen in Nachbarländern wie dem Iran oder in Golfstaaten nach – teils illegaler – Arbeit. Doch auch dort sind sie nicht mehr willkommen. [Dies stammt teilweise, aber nicht in den Schlussfolgerung, aus meinem Interview. Die Situation für afghanische Arbeitsmigranten hat sich in den Golfstaaten nicht verändert. In Iran hat sie sich ansatzweise verbessert, nachdem Präsident Khatami Anfang letzten Jahres nach Protesten u.a. aus der iranischen Zivilgesellschaft, in der es einige Hilfsorganisationen für Afghanen gibt, angeordnet hat, dass Kinder afghanischer Flüchtlinge und Migranten jetzt auch legal Schulen besuchen dürfen. Das bedeutet allerdings nicht, dass das überall schon der Fall ist und es keine Diskriminierung mehr gibt.]

„Diese Idee hat nichts mit Afghanistan zu tun“, meint Ruttig [zu den sicheren Zonen]. „Es gibt nur kleine Inseln in einem Meer von Unsicherheit“, sagt er. Selbst dort könnten sich die Menschen keine langfristige Existenz aufbauen.

Ich verweise hier nochmal auf meinen gestrigen Blogeintrag „Lauter wuchernde Fluchtursachen” (Drei neue Publikationen zu Afghanistan).

Michael Daxner hat in seinem jüngsten Blogeintrag auf einen wichtigen Fakt hingewiesen, der über kurzfristige Sicherheits- und „wirtschaftlichen“ Faktoren (letztere würde ich lieber eher Armutsfaktoren nennen, sonst hört es sich so egoistisch an) für die gegenwärtigen Fluchtbewegungen hinausgeht – nämlich die Art und Weise der sich hinziehenden Konflikte wie dessen in Afghanistan:

… weil viele Konflikte völlig entbettet sind, fehlt [mittlerweile] die Kraft der Konfliktparteien, sie untereinander auszuhandeln, einzugrenzen und zu regulieren, auch wenn die Probleme bleiben, die Ausgangspunkt dieser Konflikte waren. „Entbettet“, ein Begriff von Georg Elwert, sind Konflikte, bei denen es keinen gemeinsamen Vorrat an Regeln bei den Konfliktparteien gibt. Die Schwäche der Vereinten Nationen, die offene Missachtung der internationalen Konventionen und des Völkerrechts, sind Anzeichen für diese Entbettung. [Ich habe neulich, im Kontext der weiter zunehmenden Zahl der zivilen Opfer des Konflikts in Afghanistan selbst von einer „allseitigen Verwilderung des Krieges“ gesprochen.]

Das versteht hier in Kabul sogar die sprichwörtliche Küchenfrau: „Die Armen gehen auf der Flucht kaputt. Und die, die in diesem Krieg geplündert und gebrandschatzt haben (chor o chapawul mekardand wa mesukhtand), führen hier ein schönes Leben.“ Und, so muss man hinzufügen, fühlen sich überhaupt nicht schuldig, während dieses Krieges irgendwelche Verbrechen begangen zu haben, denn es war ja ein gerechter … jihad…

Sie widerspricht im übrigen auch einer Feststellung Daxners, demzufolge “die gut ausgebildeten jungen Afghan*innen“, „eben [die] potenzielle neue Elite nach Westen flieht“. Die mögen dabei sein, aber – auch das bisher nur anekdotisch – eben auch viele Kinder armer Familien.

Im übrigen sind für die „Entbettung“/„Verwilderung“ der Konflikte nicht nur die unmittelbaren Parteien der Konflikte (in Syrien oder auch Afghanistan) verantwortlich, die Zivilisten mit Fassbomben und Senfgas beschießen oder ihnen die Kehlen durchschneiden oder, hier in Afghanistan in den 1980ern, ethnisch säuberten und mordeten. (Das treiben von Nägeln in die Köpfe von Gefangenen, die dann im Todeskampf zur Freude ihrer Peiniger „tanzten“, kommt in den letzten Wochen immer wieder in Gesprächen hoch.) Oder die jetzt Journalisten, NRO- oder UN-Mitarbeiter zu „legitimen Zielen“ erklären und das auch umsetzen.

Wir (also der Westen) haben einen gestrichenen Anteil daran: wenn von uns besoldete und (offenbar nicht sehr erfolgreich) trainierte Soldaten einfach mal so in Krankenhäuser eindringen und Patienten abknallen („alles Terroristen“) oder „mit uns verbündete es gleich bombardieren, oder unsere statt einem Krankenhaus eben zwei Tanklaster, in dessen Umgebung sich aber ganz wirklich nur Terroristen aufgehalten haben. Oder mit den rechtfreien Räumen wie Guantanamo (oder Bad Aibling), Drohnenschlägen, denen ebenfalls immer nur „Terroristen“ zum Opfer fallen (weil Zivilisten, die sich mit Terroristen in einem Gebäude aufhalten, laut „Rechts“auffassung der Obama-Regierung, diesen Status verlieren), Abu Ghraib und dem dort durchgeführten water boarding und sonstigen Foltermethoden oder den noch geheimeren „schwarzen Gefängnissen“ in Bagram (jetzt an die Afghanen übergeben und hoffentlich aufgelöst) sowie im Salt Pit (bitte googeln) bei Kabul. Mit unserem immer mehr auf Kosten von Recht und Gesetz wachsenden Sicherheitsstaat (z.B. massenhafte Ausspähung, Stichwort Five Eyes (Fünf Augen), die Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Australiens, Kanadas und Neuseelands, oder die zeitweiligen „Gefahrenzonen“ der Hamburger Polizei 2014 oder der monatelange Ausnahmezustand in Frankreich nach den Attentaten im Bataclan und an anderen Orten). Oder die Kriminalisierung von Journalisten und Whistle Blowern, von Snowden bis Netzpolitik, die einigen der o.g. Skandale aufgedeckt haben. Oder wenn man jetzt nicht mehr so einfach in die USA einreisen kann, wenn man vorher jemals den Iran besucht hat, denn man muss nun (wie auf früheren DDR-Fragebögen) alle seine früheren Auslandsreiseziele angeben. Oder auch siehe die gerade von den USA aktiv betriebene Marganalisierung der UNO („Koalition der Willigen“) oder, wie bei uns, das immer wieder zu hörende UN-Bashing  – obwohl „wir“ ja auch dort Mitglied sind und sich die Reformanstrengungen unserer Regierung dort auf die Sicherung eines prestigeträchtigen Sitzes im Sicherheitsrat konzentrieren. 

Daxner weiter:

Zur Konflikttheorie gehört [weiterhin] die Erkenntnis, dass es zwar gut ist, Konfliktursachen zu kennen, aber aus diesem Wissen lassen sich Massnahmen zur Regelung dieser Konflikte oder gar zur Problemlösung nicht praktikabel ableiten. (Einer der best untersuchten Konflikte, zwischen Israel und seinen Nachbarn, kömmt einer Regelung durch noch so viele Analysen keinen Schritt näher).

Das könnte man auch zu den immer wieder von den Medien mit so viel Erwartungen behafteten afghanischen „Friedensgespächen“ sagen, von denen viele fragende Journalisten nicht einmal wissen, dass es sich noch gar nicht um Friedensgespräche handelt, einfach weil die Taleban nicht dabei mitmachen. (Was man ihnen nicht einmal ankreiden kann, denn sie sollen ja von Pakistan dazu beigebracht werden, was, wenn sie dem folgten (was die beteiligten Regierungen der USA, Chinas und Afghanistans anstreben) sie als „Pakistans Marionetten“ dastehen ließe, was sie nicht sind, auch wenn das viele hier in Afghanistan lieber anders sehen wollen, weil das den Konflikt so schön einfach macht und die hiesigen Eliten von jeder Mitverantwortung freispricht. (Siehe die zitierte Küchenfrau.)

Ich schließe auch mit Daxner:

Ich mag die Lügenpresse. Trotzdem. (Mein Zusatz.)

 

 

* Die Ziffer 100.000 Afghanen, die pro Monat ihr Land verlassen, ist definitiv zu hoch. Sie stammt aus einem geleakten offiziellen deutschen Bericht – meine Kritik daran hier. Meiner Meinung nach ist das ein besonders perfides Beispiel, wie sich falsche Zahlen – noch dazu aus Quellen, die seriös sein müssten – im Gedächtnis nicht nur von Journalisten festsetzen, ein Eigenleben beginnen, z.B. in solchen Interviews wieder hochkommen, und die dramatische Lage noch weiter dramatisieren.

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