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Falls sie die vorhergehenden Teile verpasst haben: Hier noch einmal eine Übersicht über meine Amanuallah-in-Berlin-Serie (1928):

Teil 1: „Vor 88 Jahren: Amanullah trifft in Berlin ein“ (Großer Bahnhof am Lehrter Bahnhof)

Teil 2: „Wie Amanullahs Buddha nach Berlin kam und was aus ihm wurde“

Teil 3: „Oberschöneweides verlorener Amanullah-Saal und der Straßenfeger von Königs Wusterhausen“

Teil 4: “Das geht dich afghanischt an” (Amanullahs Einfluss aufs Berlinische)

Amanullah und Hindenburg. Foto: Bundesarchiv.

Amanullah und Hindenburg 1928 in Berlin. Foto: Bundesarchiv.

Und hier noch eine Gedicht-Nachlese – der doch erstaunlich große Output Erich Weinerts zum Amanullah-Besuch:

Erich Weinert: „Der große König der Afghanen…“

Der große König der Afghanen
Der sprach zu seinen Untertanen:
Ich hab das Abendland bereist,
Und bin ganz voll vom neuen Geist!
Wir müssen uns modernisieren,
Um mit der Welt zu konkurrieren!
Doch letzten Endes fehlt uns nur
Die europäische Kultur! (…)

Doch Amanullahs Bergbewohner
Verhauten die Kulturdragoner,
Die rings herum Afghanistan
Mit Zivilisation versahn.
Da wurde Amanullah wütig:
Die Bande wird zu übermütig!

Ich hab´s im Abendland studiert,
Wie man das Volk zivilisiert!
Drauf schickte er ein Heer Soldaten,
Und schoss mit Bomben und Granaten
Die Bergbewohner kurz und klein.
Nun werden sie wohl artig sein! (…)

Die armen Hirten dahingegen
Die wissen jetzt. Der Bombensegen,
Der da in ihre Hütten fuhr,
War europäischeKultur.

Quelle: Labournet.de: http://labournet.de/krieg/weinert.html

 

Erich Weinert – Unser Orden

 

Ach, wie sind wir seelisch arm geworden,

seit man uns den schönsten Schmuck entriss!

Deutsche Männerbrüste ohne Orden?

Ist das nicht ein trauriger Beschiss?

Die Verfassung hat es uns verboten,

dass man uns das Knopfloch illustriert.

Selbst die allerbesten Patrioten

werden heute nicht mehr dekoriert.

 

Abgesehen nun von einigen wenigen

denen neues Glück erblüht im Spind,

die von Präsidenten oder Königen

letzthin ausgezeichnet worden sind.

 

Unsern Führer hat der Afghanese

feierlich zwei Dinger angepickt.

Anfangs waren sie zwar etwas böse;

doch dann haben sie sich drein geschickt.

 

 

Erich Weinert – Der Königliche Besuch

 

Mal endlich wieder ein Satrap

mit buntbestickten Lenden,

seit unsrer sich die Ehre gab,

von uns sich abzuwenden!

 

Ein Haufen Herrn mit Lack und Frack,

auf allen Rockaufschlägen

den kaiserlichen Siegellack,

begibt sich ihm entgegen.

 

Da wird es am Pariser Platz

von Staatszylindern wimmeln,

um diesen Majestätsersatz

entsprechend anzuhimmeln.

 

Die Könige sind dünn gesät.

Drum fühlt man sich begöttert,

Wenn wieder eine Majestät

die „Linden“ runterschmettert.

 

Berliner, zieht euch festlich an

und lasst die Fahnen wehen!

Der König von Afghanistan,

der will euch glücklich sehen.

 

Und wenn er sich vor Wonne krümmt

auf seidenen Matratzen,

das eine wissen wir bestimmt:

In Doorn wird einer platzen!

 

 

Erich Weinert: Einmal wieder: Ew. Majestät

(erschienen: Die Welt am Abend. 11. Februar 1928)

 

Bei Hindenburgs und bei Stresemanns,

da streuen sie frischen Kies,

und wienern auf historischen Glanz

das silberne Tafelservice.

Die alten Geheimräte putzen die Orden

und sind schon ziemlich nervös geworden,

von wegen dem Amanullah Khan,

dem Herrscher von Afghanistan.

 

Ein Flüstern geht durch alle Büros:

Ein König kommt nach Berlin.

Da ist natürlich der Kummer groß:

Wir haben kein Schloss für ihn!

Ein König kann nur in einem solennen

mit Kronen bestickten Bette pennen.

Sonst machten wir uns ja unbeliebt.

Wo er uns doch die Ehre gibt.

 

Denn „Adlon“ wäre nicht standesgemäß.

Auf Geld kommt’s uns nicht an.

Und wozu hat unser Kaiser Palais,

wo er nicht logieren kann?

Die wird er uns gerne möbliert vermieten,

wenn wir’s ihm standesgemäß vergüten.

Dann träumt er in Doorn am Kamin:

Wann schlafe ich in Berlin?

 

In der Wilhelmstraße die alten Herrn,

die üben die Zeremonie.

Vielleicht bekommen sie einen Stern,

vielleicht eine Photographie;

Ach, einmal wieder Hofluft zu schlürfen,

einen richtigen König begrüßen zu dürfen:

die Träne der Erinnerung tropft,

wenn der sie auf die Schulter klopft.

 

 

Erich Weinert: Amanullah

(erschienen: Die Welt am Abend, 23. Februar 1928)

 

Girlandengewimpel – Standartengeflatter

Kommandogebell – Epaulettengeblitz

Kanonenschläge – Fanfarengeknatter

Minister – Chauffeure – Berichterstatter

Medaillengeklunker – Lakaiengeflitz!

 

Achtung, wer weiter geht, wird erschossen!

Vorsicht! Anreitende Kavallerie!

Straße frei für die Staatskarossen!

Marsch, marsch, die Traditionskompanie!

 

Ja, die Direktion war gut auf dem Posten;

sie hat getan, was man irgend kann.

Sie scheute weder Mühe noch Kosten.

(Und auf die Kosten kam’s ja auch schließlich nicht an!)

 

Man hat sich wenigstens in diesem großen Momente

mal wieder in solchen Dingen geübt.

Man weiß ja nicht, ob man’s mal brauchen könnte,

wenn uns wer anders die Ehre gibt.

 

Aber das eine befriedigt uns doch:

Wir können’s noch!

 

 

Erich Mühsam: „Ruhm“. 1929

 

Als der König aus dem Morgenlande,

Amanullah von Afghanistan,

mit uns knüpfte heiße Freundschaftsbande,

ach, wie jauchzten wir denselben an!

Wonnig blitzten damals auf dem Lehrter

Bahnhof Freudentränen, Orden, Schwerter.

 

Leider war von jenem man in Kabul

weniger entzückt als in Berlin,

und mit Flugzeug, Weib und Ehrensabul

musst er bald nach außerhalb verziehn. –

Doch am Lehrter Bahnhof mit Gepräge

gelten andern jetzt die Festempfänge.

… 

 

 

 

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