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Die folgende Rezension erschien in der entwicklungspolitischen Zeitschrift südlink (März 2016), die ansonsten dem auch nicht fern liegenden Thema „Flucht und Migration – Afrikanische Perspektiven“ gewidmet ist:

 

James Risens Buch „Krieg um jeden Preis“ startet mit einem Mega-Hammer: der – immer noch nicht aufgeklärten – Geschichte, wie die US-Übergangsverwaltung Iraks im Jahr 2003 20 Milliarden US-Dollar sogenannten Notfallgeldes nach Bagdad einfliegen ließ und diese einfach so verschwanden. Es wurde nämlich gar nicht gebraucht, weil der irakische Dinar längst wieder in Umlauf war. Schon mal davon gehört? Eben.

Dabei passierten solche Ungeheuerlichkeiten in Ländern, in denen die USA intervenierten, serienmäßig. Risen, investigativer Journalist bei der New York Times, bringt in seinem von Fakten regelrecht überquellenden Buch mehrere davon. Einige davon erschienen bereits in seiner Zeitung; andere, so erzählt er, wurden lange nicht gedruckt.

Risen ordnet seine Geschichten in drei Kapitel, „Gier“, „Macht“(missbrauch) und „Krieg ohne Ende“ gegen „den Anstand, die Normalität, die Wahrheit“. Sie handeln von Drohnen, Folter, Abhören oder auch, ganz aktuell, von Meinungsführern, „eher Kulturkrieger als Terrorexporten“, die den Eindruck erwecken, „unter jedem Bett in Amerika lauere ein Terrorist“. Schauplätze sind Irak, Afghanistan und vor allem die „dunkle Seite“ seines eigenen Landes, die Tiefen des oft unsichtbaren Sicherheitsstaats, den Dick Cheney, Donald Rumsfeld und die anderen Neocons unter George W. Bush geschaffen haben.

Risen erzählt aber nicht nur, sondern analysiert. Der „Krieg gegen den Terror“ habe zu „einer der größten Vermögensumverteilungen von öffentlichen in private Hände in der [nord-]amerikanischen Geschichte“ geführt. Deren Nutznießer nennt er „die neuen Oligarchen des Terrors“. Inzwischen hätte sich sein Land an einen „permanenten Kriegszustand“ gewöhnt, der so profitabel geworden sei, dass es „keinen Anreiz mehr [gibt] ihn zu beenden.“ In Anlehnung an den 1961 von Präsident Eisenhower warnend verwendeten Begriff des militärisch-industriellen Komplexes spricht Risen vom einem „neuen industriellen Heimatschutzkomplex“.

Was beim Lesen besonders schmerzt (obwohl man es gewusst haben könnte), ist, dass dies unter der großen schwarzen, liberalen Hoffnung Barack Obama weiterging. Risen zitiert einen Blogger über Obamas Bestreben, „sich so öffentlich wie möglich hinter die Kritiker der [sicherheitspolitischen] Positionen seiner Administration zu stellen, ohne tatsächlich deren operative Flexibilität zu untergraben.“ Obama, fand das US-Institut Global Research heraus, hat in seiner Amtszeit zehnmal mehr Drohnenangriffe angeordnet als G.W. Bush.

Stünden diese ungeheuerlichen Ausführungen Risens in der Tageszeitung Neues Deutschland, wären viele LeserInnen geneigt, alles als linke Verschwörungstheorie abzutun. Aber Risen, dem zweifachen Pulitzer-Preisträger vom liberalen Flaggschiff der US-Presse, müssen sie das wohl glauben. Ich hoffe, viele von ihnen bekommen dieses Buch in die Hände – auch wenn es sehr namenslastig ist und der ntv-Geschichtsreportagenstil („Wir jagten in einem Luxusschlitten Marke *** in die Innenstadt der jordanischen Hauptstadt Amman …“) manchmal auf den Wecker geht.

Am Schluss berichtet Risen, wie er selbst ob seiner Recherchen zu einem vom „Krieg gegen den Terror“ gebrannten Kind wurde. Er war es nämlich, der mit einem Kollegen bereits 2004 die geheimen Programme der NSA zum gesetzwidrigen Abhören der eigenen Bürger aufdeckte und danach jahrelang von den Behörden seines Landes mit Prozessen überzogen wurde.

Risens Innenblick ist interessant, aber auch etwas einseitig. Ja, die eigenen Bürger flächendeckend abzuhören ist gesetzwidrig und ungeheuerlich. Aber wer regt sich auf, dass – ganz gesetzeskonform – US-Geheimdienste in manchen Ländern – zum Beispiel in Afghanistan – alle Telefonate, E-Mails usw abfangen?

Thomas Ruttig

 

James Risen: Krieg um jeden Preis: Gier, Machtmissbrauch und das Milliardengeschäft mit dem Kampf gegen den Terror. Westend Verlag, Frankfurt (M): 2015, 320 Seiten, 17,99 Euro.

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