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Eigentlich wollte ich es vermeiden, nach Bombenanschlägen die Lage in Afghanistan zu kommentieren. Aber wie es sich nun erwies, war der Anschlag auf eine Einrichtung einer früher zum Geheimdienst NDS gehörenden Personenschutzabteilung vorgestern, Dienstag, im Kabuler Südosten nicht nur „normaler“ Teil der schrecklichen Realität eines insgesamt schon seit 1979 andauernden Krieges, in dem sich Phasen, in denen sich die Zahl solcher Anschläge häuft – und vor allem die ihrer Opfer (wie am 8. August 2015, wo bei gleich drei Anschlägen zwischen 35 und 50 Menschen umkamen) –, mit solchen relativer Ruhe abwechseln. Auch das selbst ist schon ein Drama, denn dieser Krieg eskaliert – genauer: wird stetig, aber von außen zunehmend unbemerkt eskaliert. Vor allem gemessen an der Zahl seiner zivilen Opfern, die die UN jedes Vierteljahr aufs Neue bekannt gibt, wie gerade am letzten Sonntag wieder wieder. Ich wies an dieser Stelle schon kurz darauf hin.

ie bei dem Anschlag zerstörte Haltestelle in Kabul. Foto: Twitter (Quelle unbekannt)

ie bei dem Anschlag zerstörte Haltestelle in Kabul. Foto: Twitter (Quelle unbekannt)

 

Wirkliche „game changer“, also Anzeiger einer sich deutlich verändernden Entwicklung waren selten, wenn sie sich überhaupt ereigneten. Der Anschlag auf den schiitischen Abul-Fazl-Schrein am 6. Dezember 2011 während des schiitischen Ashura-Fests in Kabul mit 56 Toten und 195 Verletzten hätte ein solcher werden können, denn er sollte nach irakischem oder pakistanischem Vorbild eine gewalttätige Reaktion der Schiiten provozieren, was zum Glück misslang. Die Urheber war damals wohl eine pakistanische Splittergruppe.

Der LKW-Bomben-Anschlag am Dienstag etwa um 9 Uhr morgens während des morgendlichen Berufsverkehrs, den ein Kommando der Taleban verübte und für den deren Führung auch die Verantwortung übernahm, war in zweierlei Hinsicht eine Zäsur. Erstens war er der erste solche Anschlag in diesem (afghanischen) Jahr und seit der Verkündung der diesjährigen Frühjahrsoffensive durch die Taleban am 12. April (eine AAN-Analyse hier). (Letzteres ist mehr eine propagandistische denn eine militär-strategische Übung, denn eine wirkliche Winterpause gibt e schon seit vielen Jahren nicht mehr, höchstens regional, wo der Winter wirklich zu hart ist; außerdem hat die Talebanführung in diesem Winter ihren meisten Feldkommandeuren untersagt, sich ins wärmere Pakistan zurückzuziehen.) Das gleiche gilt für den Anschlag. Den Krieg gewinnen die Taleban mit so etwas nicht, aber sie sorgen dafür, dass ihre andauernden Kampf weiter zur Kenntnis genommen werden muss. Und sie arbeiten damit weiter an der Unterminierung der Moral in der Bevölkerung und des Ansehens der Regierung; nach solchen Anschlägen werden stets die Stimmen in ersterer lauter, die sich von letzterer nicht hinreichend geschützt fühlt.

Zweitens, wie sich inzwischen herausstellte, war dieser Anschlag der opferreichste seit dem Sturz des Taleban-Regimes 2001, zumindest was Kabul betrifft bzw., so UNAMA, seit 2008. Er galt einer Einrichtung des afghanischen Personenschutzes, einer inzwischen selbstständigen, dem Präsidialamt unterstellten Einheit, ehemals 10. Abteilung des NDS, am Südufer des Kabul-Flusses, Richtung Idgah-Moschee und Nationalstadion, wo gerade Trainingskurse für neue Rekruten stattfanden. Mindestens 64 Menschen wurden laut afghanischem Innenministerium getötet – davon fast 50 Angehörige der Sicherheitskräfte und 17 Zivilisten – sowie 347 (46/252) verletzt. (Diesem Bericht zufolge sollen 22 Kadetten des Personenschutzes und zwei Wachsoldaten bei der ersten Explosion getötet worden sein und einige in ihren Klassenräumen erschossen worden sein. Es war schwer zu ertragen, gestern und vorgestern die Agenturen und sozialen Medien zu verfolgen und dabei die Zahlen stündlich nach oben gehen zu sehen.

Neben dem Aschura-Anschlag gehörten ein Angriff auf eine Bankfiliale in Dschalalabad (und möglicherweise das dortige Konsulat Pakistans), wozu sich der afghanische Ableger des Islamischen Staates (Daesch – mehr hier) bekannte und wovon sich die Taleban distanzierten mit etwa 30 Toten und 100 Verletzten voriges Jahr etwa um die gleiche Zeit, ein Selbstmordanschlag auf ein Volleyball-Spiel in Paktika (wohl mit einem örtlichen ALP-Kommandanten als Ziel; kein Bekenner hier) in November 2014 mit etwa 50 Toten und der Angriff eines Taleban-Kommandos auf ein populäres Restaurant am Kargha-See bei Kabul im Juni 2012 mit 21 Getöteten, die meisten junge Leute, die ihr Wochenende genießen wollten zu den schwesrten Anschlägen.

Es war ein sogenannter komplexer Anschlag, bei dem erst ein Selbstmordattentäter mit seiner Autobombe (die Überreste wohl auf diesem Guardian-Foto) eine Bresche in ihr Ziel sprengte, durch das dann die beiden anderen eindrangen, umso viel wie möglich weitere „Ziele“ zu töten. In der Berichterstattung kamen gräuliche Details ans Licht, unter anderem von 16 unbewaffneten Kadetten, die sich hinter eine Mauer geflüchtet hatten und dort von den Angreifern massakriert wurden. Andere Berichte – und das Foto oben – zeigen die Haltestelle an der nahen Hauptstraße, die vom Stadtzentrum kommend die Mahmud-Khan-Brücke überquert und in Richtung Logar und Paktia weiterführt, wo wohl die meisten zivilen Opfer dieses Anschlags starben, einfach weil sie dort auf ein Taxi oder einen Kleinbus warteten. Zahlreiche Geschäfte wurden zerstört. Die afghanische Handelskammer spricht von Schäden in Höhe von 10 Millionen Dollar.

Wieder waren viele, wenn nicht die meisten Opfer Zivilisten und nicht jene, die die Taleban zu legitimen Zielen erklärt haben – u.a. alle Angehörigen der Sicherheitsorgane. Dass unbewaffnete, wenn wohl auch uniformierte Sicherheitsleute nach dem Kriegsvölkerrecht als hors de combat (also in diesem Moment als nicht am Kampf beteiligt) gelten müssen, spielt für die offenbar keine Rolle. (Sie würden wohl darauf verweisen, dass die andere Seite oftmals ebenso vorgeht.) Aber bereits die klare Zahl von Opfern unter unbeteiligten Passanten spricht ihre eigene Sprache, und sie widerspricht wiederholten Taleban-Beteuerungen, zuletzt in ihrer Erklärung zur Frühjahrsoffensive, alle Kämpfer seien ausdrücklich instruiert worden, „ihre Operationen in einer Weise umzusetzen, dass Anstrengungen unternommen werden, Zivilisten und zivile Infrastruktur zu schützen“.

Die UN erklärte, die Verwendung von hochexplosiven Stoffen in zivilen Wohngebieten und wenn mit vielen Opfern gerechnet werden müsse, könnte möglicherwiese ein Kriegsverbrechen darstellen. Die weiche Formulierung ist der Tatsache geschuldet, dass man den Vorfall trotz augenscheinlich vorliegender Tatsachen noch umfassend untersuchen muss, und das ist auch gut so.

Auf die zahlreichen Vorwürfe wegen der zivilen Opfer antworteten die Taleban bereits mit der Begründung (hier auf Pashto, noch nicht auf Englisch verfügbar), die Opfer konnten schon deshalb keine Zivilisten gewesen sein, weil sich solche nicht in der Nähe von NDS-Einrichtungen aufhalten dürften. Das ist angesichts der Menge des verwendeten Sprengstoffs und der Wucht der Explosion nicht als fadenscheinig. Praktisch gesehen spricht es entweder für schlechte Aufklärung und Ortskenntnis oder einfach für praktische Bedenkenlosigkeit, die Zivilisten als entbehrliches Kanonenfutter betrachten. (Das erinnert mich an die Auffassung der Mudschahedin, alle während der sowjetischen Besatzung in Kabul verbliebenen Einwohner als Feinde zu betrachten, denn man habe ja schließlich alle guten Moslems aufgefordert, die Stadt zu verlassen.)

Stattdessen legte die Taleban-Kulturkommission am Mittwochabend mit einer „Note“ an alle Medienverantwortlichen und Journalistenschutzkomitees nach, in der sie ihnen pauschal vorwarf, in unfairer „Opposition“ gegen den „einzigen Schutzschild unserer Nation“ gegen die ausländische Okkupation (nämlich die Taleban selbst) zu stehen, ihre Kämpfer zu verleumden, „voreingenommene Berichte“ über sie zu verbreiten und „Progaganda“ gegen sie „als ihre Pflicht anzusehen“, anstatt neutral zu berichten (hier auf Englisch nachzulesen). Die frühere Korrespondentin des Wall Street Journal in Kabul antwortete darauf zurecht via Twitter: „Liebe Taleban, wenn ihr eine Verönderung sehen wollt, wie die Medien über euch berichten, hört auf, eine Unzahl unschuldiger Zivilisten zu töten.“

Auch zwei der Attentäter sind tot. Einer hat sich mit dem Auto (ein Kleinbus?) in die Luftgesprengt, ein anderer wurde wohl in dem angegriffenen Gebäude erschossen. (Auf Twitter war jedenfalls ein Foto zu sehen, hier, das ihn zeigen soll – jung, stattlich, glatt rasiert – und in afghanischer Militäruniform. Diesen Trick wenden sie Taleban oft an, um in gut gesicherte Bereiche zu kommen.) Einen soll der Geheimdienst festgenommen haben. Bei dem Toten soll es sich nach bisher offiziell unbestätigten Berichten um einen früheren Häftling handeln, der 2013 freigelassen oder amnestiert worden war (dieses Foto soll ihn zeigen; offenbar ist inzwischen auch ein Taleban-Video aufgetaucht, das ich aber noch nicht habe) – was in sozialen Medien zu Seitenhieben auf Ex-Präsident Hamed Karsai führte, der viele Taleban freiließ, um – wie er sagte – Verhandlungen auf den Weg zu bringen. (Oft intervenierten Stammesführer bei ihm, um Angehörige freizubekommen, wobei man annehmen kann, dass dabei Fragen von Schuld oder Unschuld nicht genügend beachtet wurden. Manchmal war dabei auch Korruption im Spiel.) Ein Taleban-Sprecher gab die Namen der beiden Toten gekannt: Dschamaluddin aus Wardak und Sayed Abdul Wali Agha aus Kandahar. Welcher der Exhäftling ist, kann ich noch nicht sagen.

Nicht unerwähnt blei ben darf, dass bei aller berechtigter Empörung nun nach Rache gerufen wurde. Das begann bei Präsident Ghani („jeder einzelne Blutstropfen der Märtyrer wird gerächt“; hier auf Pashto) und setzte sich mit praktischen populistischen Vorschlägen fort, jetzt gefangen genommene und bereits zum Tode verurteile Taleban-Kämpfer hinzurichten. Dazu riefen u.a. Ex-Geheimdienstchef Rahmatullah Nabil und der Präsidenten-Sonderbeauftragte für gute Regierungsführung Zia Massud auf. Auch eine Internet-Kampagne gint es schon, unter Verwendung des Symbols einer Seilschlinge im Logo (siehe unten). Das ist nicht sehr viel weniger böse als die Taleban-Anschläge, denn das sind nicht nur Gedankenspiele, da Afghanistan immer wieder und unter dem Beifall großer Teile der Bevölkerung (darunter großer Teile der sonst recht fortschrittlichen Zivilgesellschaft) Hinrichtungen auch vollzogen hat, u.a. an Anführern von Entführersyndikaten, die in der Regel politische Protektion genießen (Entführungen sind ein Geschäftszweig von dem nicht nur und möglicherweise auch nicht in der erster Linie die Taleban profitieren – so dass Hinrichtungen oft auch ein Weg dazu sind, Inhaber gefährlichen Wissens über Hintermänner aus dem Weg zu räumen. Meine Gedanken dazu bei AAN nach einer früheren Hinrichtungswelle hier.)

"Präsident! Wir verlangen die Hinrichtung der in Gefängnissen in Afghanistan gefangen gehaltenen Taleban!!"

„Präsident! Wir verlangen die Hinrichtung der in Gefängnissen in Afghanistan gefangen gehaltenen Taleban!!“

 

Angesichts der Opfer (deren Namen und zum Teil Bilder man im Internet finden kann) fällt es schwer, wieder einmal darauf hinweisen zu müssen, dass nur eine politische Lösung diesem Morden ein Ende bereiten kann. Denn die muss natürlich die Taleban einbeziehen, die nicht nur eine durchgeknallte terroristische Randgruppe sind, sondern in – obwohl nicht zu großen – Kreisen der Bevölkerung sowie im Ausland Unterstützung genießen (und sich im Moment auch nicht gerade verhandlungsbereit zeigen). Wegbomben hat aber schon unter Zuhilfenahme von 140.000 ausländischen Soldaten nicht funktioniert und wird auch in afghanischer Alleinregie nicht funktionieren, es sei denn über einen langen opferreichen Zermürbungskrieg (wie ihn im Moment die Taleban führen). Aber das setzte voraus, dass sich der Trend, wer hier die Initiative und auch die moralische Legitimität hat, umkehrt. Denn letzteres fehlt eben der afghanischen Regierung, wegen ihrer Korruption, dem mangelnden Interesse an Frieden jener, die an diesem Krieg mitverdienen, so lange er nicht noch deutlich weiter ausufert, und auch wegen ihrer Unfähigkeit, endlich aufzuhören, sich mit sich selbst (und lukrativen Regierungsposten für ihre Anhänger) zu beschäftigen und sich stattdessen den dringenden sozialen Bedürfnissen der afghanischen Bevölkerung zuzuwenden. Und dass Pakistan endlich seine Grenze für die Taleban dicht macht und gegen deren Logistik vorgeht.

Aber die Brutalitäten der Taleban machen es einem wirklich schwer, für einen solchen Lösungsansatz zu argumentieren halten.

 

 

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