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Aus Anlass des Tages der Befreiung (ein schönes kurzes Video dazu hier) am gestrigen 8. Mai (an dem man sich dann auch noch zu bester Talkshow-Sendezeit erneut AfD-Frau Petri ansehen sollte) hatte ich den folgenden Text meiner ehemaligen AAN-Kollegin Christine-Felice Röhrs, die jetzt dpa-Korrespondentin für Pakistan und Afghanistan ist, nur einige Stunden an prominenter Stelle zu stehen. Deshalb bringe ich ihn hier noch einmal, mit zusätzlichem Material.

Der dpa-Text von Christine-Felice Röhrs erschien u.a. im Greenpeace-Magazin (15.4.2016), sowie kürzer im Focus und bei der Süddeutschen Zeitung.

Bildschirmfoto der Webseite der Zendegi-Kampagne.

Bildschirmfoto der Webseite der Zendegi-Kampagne.

 

Ticket nach Kabul – die Geschichte zweier gescheiterter Flüchtlinge Von Christine-Felice Röhrs, dpa

Gedemütigt, ängstlich, wütend: Nesar und Saki, zwei junge afghanische Flüchtlinge erzählen, wieso sie wieder in Afghanistan sind. Und was nun aus ihrem Leben werden soll.

Kabul (dpa) – Vor seiner Flucht nach Deutschland war Khodai Nesar Polizist. Er hat in Baghlan gearbeitet, einer Nordprovinz von Afghanistan. Dort hat er auch die Deutschen kennengelernt – in einem fünfmonatigen Trainingskurs des Polizeiaufbau-Projekts. Die Trainer waren nett zu ihm, sagt er. Respektvoll. Nesar hatte gedacht, dass das in Deutschland auch so sein würde. Alle Verwandten hatten ihm gesagt: Komm her, es ist friedlich und ruhig hier.

Nesar, 24 Jahre alt, wurde damals in Baghlan gegen die Taliban eingesetzt. Die sind dort seit Monaten auf dem Vormarsch; erst am Mittwoch haben sie weitere Teile der Provinz eingenommen. Polizisten gehören zu den Lieblingszielen der Taliban. Ruhe und Frieden, das klang wunderbar in Nesars Ohren.

Heute ist Khodai Nesar zurück in Afghanistan und böse auf sich selbst. Dass er «es» – die Flucht, das neue Leben – nicht geschafft hat. Dass er so viel Geld verschwendet hat. Alle anderen sind auch sauer auf ihn. Die Brüder, ebenfalls Polizisten, müssen nun helfen, einen Fluchtkredit von 6000 Dollar zurückzuzahlen. Wieso hast du nicht ausgehalten?, fragen sie. Aber Khodai Nesar konnte nicht. Es war einfach zu demütigend. Respekt, das Wort taucht immer wieder auf im Gespräch mit ihm. Nur fünf Monate nach seiner Ankunft hat er sich von Freunden im Flüchtlingsheim in Berlin Geld geborgt und ein Ticket nach Kabul gekauft.

Zum weiterlesen hier entlang…

 

Am 7. Mai erschien bei der BBC ein Text deren Afghanistan-erfahrener internationaler Chefkorrespondentin Lyse Doucet, in dem sie die – nach mehreren Räumungen und „Verkleinerungen“ – noch unsäglicher gewordenen Zustände im sogenannten „Jungle“-Lager am Eingang des Kanaltunnels in Calais beschreibt, in dem viele minderjährige Afghanen leben. Hier ein paar Ausschnitte in meiner Übersetzung. Das englische Original findet sich hier.

 

Afghanen halten Elend des “Dschungels” aus – in der Hoffnung auf ein besseres Leben

Eine afghanische Melodie dringt aus der provisorischen Bäckerei an der morastigen Gasse, die sich durch das Hüttendorf in der französischen Hafenstadt Calais windet. „Geh auf deine Reise, und sei zuversichtlich”, lautet der beruhigende Refrain. Getragen vom einladenden Aroma frisch gebackenen Naans, transportiert sie einen augenblicklich nach Afghanistan.

Aber die Afghanen, die sich in dieser Ecke des elenden Camps zusammenfinden, das sie den „Dschungel“ nennen, sind erschöpft und ängstlich, auf der letzten Etappe einer gefährlichen Reise nach Großbritannien, das am anderen Ufer des Kanals liegt. Für manche ist es schon das zweite Mal hier. „Es ist wirklich hart jetzt“, seufzt der 22-jährige Jawed Horia, der zum ersten Mal vor neun Jahren als junger Teenager nach Calais kam, verzweifelt nach einer neuen Zukunft auf der Insel suchend. „Es gibt viel mehr Zäune.“ (…)

Während wir vor dem Brotladen stehen, können wir in eine langgestreckte Hütte sehen, die „Kids-Café“ bekannt ist und den afghanischen Kindern als Zuflucht dient, die diese gefahrvolle Reise allein unternehmen. „Es ist ein Alptraum“, erinnert sich Jawed (…). Als er 2007 in Britannien ankam, kam er in Pflege bei einer britischen Familie, die ihn aufzog wie einen der ihren. Aber als er das Alter von 18 Jahren erreichte, wurde er abgeschoben.

Beamte des britischen Innenministeriums bestätigten kürzlich, dass über das vergangene Jahrzehnt fast 3000 Asylsuchende im Kindesalter in Konfliktländer zurückgeschickt wurden, darunter viele Afghanen mit Charterflügen nach Kabul.

Hier das Original weiterlesen.

 

Zum Schuss nochmal ein Hinweis auf die Kampagne “Zendegi (Leben) – Keine Abschiebung nach Afghanistan”, mit einem Offenen Brief und einer Unterschriftensammlung dazu, die langsam Fahrt aufnimmt, aber noch viel mehr Unterschriften braucht. Hier die Zendegi-Webseite mit einem erklärenden Vortext der Initiatoren (hier). Den Brief gibt es auch auf Dari.

Ich habe schon einmal hier darüber berichtet.

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