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Die Zahl ziviler Opfer in Afghanistan ist wahrscheinlich bedeutend höher als angenommen. Das berichtete vor einer Woche die britische Tageszeitung The Guardian nach Recherchen zu zwei bereits bekannten Fällen. Wahrscheinlich, schrieb die Zeitung in einem Artikel, den sie am 8. Mai 2016 veröffentlichte, handelt es sich um „Hunderte“ zusätzlicher ziviler Opfer, „die nicht in den Statistiken auftauchen“.

Kriegsgrab im Distrikt Guldara, provinz Kabul. Foto: Thomas Ruttig (2005).

„Wann wird man je verstehn…“. Kriegsgrab im Distrikt Guldara, Provinz Kabul. Foto: Thomas Ruttig (2005).

 

Der erste untersuchte Fall betrifft einen Bombenanschlag im Jahr 2011 auf einen schiitischen Schrein in Kabul, bei dem der UNO zufolge 62 Menschen getötet worden waren. Der damalige Präsident Karsai gab später bekannt, die Zahl sei auf etwa 80 gestiegen (die UNO korrigierte ebenfalls ihre Angaben nach oben). Aber ein Sprecher des Präsidenten Aschraf Ghani sprach im vergangenen Monat plötzlich von 90 Toten (was diesen Anschlag noch verheerender machen würde als den Taleban-Anschlag am 19. April 2016 gegen die Personenschutzabteilung der afghanischen Regierung mit 64 Toten. Aber der Sprecher machte keine Angaben dazu, so der Guardian, wann die zusätzlichen Toten registriert worden seien, warum die Statistik nicht schon vorher aktualisiert worden sei oder ob es ähnliche Korrekturen auch bei anderen Vorfällen gebe. (Es könnte allerdings auch sein, dass der unzuverlässige Umgang mit Zahlen in Afghanistan möglicherweise dazu geführt hat, dass der Sprecher sich einfach geirrt hat. Damit ist dieser Fall für mich nach wie vor fraglich.)

Bei dem zweiten Fall geht es um zwei Kinder, die laut Unterlagen des britischen Verteidigungsministeriums in zwei separaten Vorfällen in Süd-Afghanistan von britischen Soldaten erschossen wurden. Die britische Militärpolizei ermittelte dazu. Aus den Unterlagen gehe hervor, dass ein Opfer – ein Junge von 13 oder 14 Jahren – im Juni 2009 von einem britischen Scharfschützen einer Fußpatrouille getötet wurde, weil die Soldaten ihn verdächtigten, ein Taleban-Späher zu sein oder geplant zu haben, eine Sprengfalle zu legen. Im zweiten Fall sei ein siebenjähriger Junge durch einen „Warnschuss“ getötet worden.

Die Todesopfer in diesen beiden Fällen seien zwar dokumentiert worden, so der Guardian, aber nicht in die „am meisten zitierten und respektierten“ Berichte zu diesem Thema eingegangen. Dabei handelt es sich vor allem um die Berichte der UN-Mission für Afghanistan (UNAMA), die vierteljährlich sogenannte Berichte über den „Schutz der Zivilisten“ im Afghanistan-Krieg herausgibt. Dazu kommt jeweils ein Jahresbericht.

Wie werden zivile Opfer gezählt?

Für die UNAMA-Berichte sind drei von einander unabhängige Quellen notwendig, die den Tod eines Zivilisten bestätigen müssen, bevor er oder sie darin auftaucht. Das soll verhindern, dass tendenzielle, einseitige und nicht verifizierbare Fälle in diese Berichte eingehen und die Zahlen unglaubwürdig machen. In der Anfangsphase hatte das v.a. damit zu tun, dass sich die US-Regierung strikt weigerte, überhaupt zuzugeben, dass ihr Militär Zivilisten getötet hatte. Das änderte sich erst unter dem anhaltenden Druck wasserfester Untersuchungen und Berichte wie denen von UNAMA, führte aber auch mit ziemlicher Sicherheit zu „konservativen“ (also zu niedrigen) Zahlen.

UNAMA beschreibt seine Methodologie (im letzten Jahresbericht) wie folgt:

UNAMA untersucht Berichte über zivile Opfer mit Hilfe von Vor-Ort-Untersuchungen, wo immer möglich, konsultiert eine breite Palette von Quellen und durch Zugang zu verschiedenen Arten von Informationen, wobei alle Quellen gründlich nach ihrer Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit geprüft werden. [Dazu gehören] Berichte von Augenzeugen, Opfern und direkt betroffenen Personen, militärische Akteure (einschl. der Regierung Afghanistans, regierungsfeindliche Elements und internationales Militär), lokale Behörden auf Dorf-/Distrikt- und Provinzebene, religiöse und Gemeinschaftsführer, sowie andere Gesprächspartner.

UNAMA gelangt an Information durch direkte Vorortbesuche, physische Untersuchung von Beweisen, die an den Orten der Vorfälle sicher gestellt wurden, Besuch von Hospitälern und medizinischen Einrichtungen, Fotos und Videos, Berichte des UN-Sicherheitsabteilung und andere UN-Einrichtungen, Sekundärquellenberichte und Informationen, die von NGOs und anderen dritten Parteien gesammelt wurden.

Für die Verifikation jedes Vorfall, der zivile Opfer beinhaltet, benötigt UNAMA wenigstens drei Arten von Quellen, d.h. Opfer, Zeugen, Mediziner, lokale Behörden, Bestätigung durch Konfliktparteien, Gemeinschaftsführer und andere Quellen. Wo immer möglich, beruhen sie Untersuchungen auf Primärquellen wie Opfern und/oder Zeugen und Vor-Ort-Untersuchungen. Manchmal, vor allem wegen Sicherheitsbeschränkungen beim Zugang, diese Form der Untersuchung ist nicht möglich. In solchen Fällen verlässt sich UNAMA auf eine Reihe von Techniken, um Informationen üerlässliche Netzwerke zu erlangen, auch hier durch eine breitmöglichste Palette an Quellen, die auf Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit geprüft wurden.

Wenn UNAMAs Ansprüche an Informationen zu einem Vorfall nicht erfüllt werden, gilt er nicht als bestätigt; nichtbestätigte Vorfälle werden nicht berichtet. (…)

Bei manchen Vorfällen kann der zivile Status der berichteten Opfer nicht abschließend festgestellt werden oder ist unter Disput. In solchen Fällen lässt UNAMA sich von den diesbezüglichen Normen des internationalen humanitären Rechts leiten und trifft keine Annahme darüber, ob Männer im kampffähigen Alter Zivilisten oder Kämpfer sind. Stattdessen werden solche Behauptungen.

Weder die afghanische Regierung noch die ISAF-Truppen oder die dabei führende NATO oder die US-Regierung, aber auch nicht die UNO haben systematisch und von Anfang an die vom Afghanistan-Krieg (der Anti-Taleban-Intervention sowie der Taleban-Aufstandsbewegung) verursachten zivilen Opfer registriert. Der Autor John Bohannon stellte 2014 in der renommierten Zeitschrft Science fest: „Die Zahl der afghanischen Zivilisten, die zwischen 2001 und 2006 getötet wurden, wird niemals bekannt werden— es hat niemand gezählt.“

Die UNO begann damit erst 2007 (hier der erste, noch recht fragmentarische Bericht) und, systematisch, seit 2009. (Alle bisherigen Berichte finden sich hier.) Es tut weh, das als UN-Mitarbeiter in Afghanistan von 2000 bis 2003 zugeben zu müssen. (Allerdings stellten wir dort nach 2001 fest, dass selbst bei Einzelfällen, die wir berichteten – z.B. nach Operation Anaconda in Schahikot Anfang 2002 und vor den jeweiligen Wahlen – in der UN-Führungsspitze das Interesse an solchen Themen begrenzt war.) Der Forschungsservice des US-Kongresses schrieb noch 2012 in einem Bericht, dass „das US-Verteidigungsministerium [nur] gelegentlich zivile Opferzahlen in seine Berichte zu Afghanistan“ einschließt.

Die Afghanische Unabhängige Menschenrechtskommission (AIHRC) veröffentlicht dazu keine regelmäßigen Berichte, gibt aber manchmal Informationen an die Medien (siehe z.B. hier).

Dazu kommt, dass auch niemand „einen umfassenden Datensatz darüber zusammenstellt, wie viele afghanische Soldaten und Polizisten … getötet worden sind“, wie der amerikanische Analyst Joshua Foust 
schon 2012 schrieb. Das hat seit ein paar Jahren der Sonderinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR) der US-Regierung begonnen.

Publizierte Opferzahlen

Die letzte Ausgabe des UNAMA-Berichts – zum ersten Quartal 2016 ­– führt für diesen Zeitraum insgesamt 1943 zivile Opfer auf (600 Tote und 1343 Verletzte) – ein Anstieg von 2 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2015 (-13% bei Toten, aber +11% bei Verletzten). Die Taleban verursachten immer noch über dreimal so viele davon (60%) wie die Regierungsstreitkräfte (19%) – die übrigen waren von der UNO nicht zuzuordnen –, aber der Anteil der Regierungsstreitkräfte steigt seit einiger Zeit.

Für das gesamte Jahr 2015 lagen die Zahlen bei 11.002 zivilen Opfern (3545 Tote und 7457 Verletzte).

Damit kostete der Krieg in Afghanistan nach diesen UNAMA-Angaben seit 2009 insgesamt mindestens 58.736 afghanische Zivilopfer, davon 21.323 Tote und 37.413 Verletzte.

Im übrigen wurde kürzlich u.a. von der Bundesregierung argumentiert, die Zahlen für 2015 seien durch die kurzzeitige Eroberung von Kundus durch die Taleban im September/Oktober 2015 verfälscht worden. Aber das ist eine Fehlinterpretation. Einzelvorfälle mit ähnlich gravierenden Zahlen ziviler Opfer gab es fast in jedem Jahr – darunter der von Oberst Klein angeordnete Luftangriff auf zwei Tanklastzüge ebenfalls in Kundus 2009 mit mindestens über 90 Toten (siehe z.B. hier) – wobei die Bundesregierung allerdings weiterhin abstreitet, dass dort ein Fehlverhalten vorlag – oder US-Luftangriffe im Jahr 2009 in der Provinz Farah, mit 140 toten Zivilisten (siehe hier und hier) und 2008 in Schindand (Provinz Herat) mit etwa 90 Opfern (hier). (Im Fall von Schindand behauptete die US-Regierung, die Zahl läge bei 30-35.) Diese Fälle gehören zu den folgenreichsten des gesamten Krieges seit 2001.

Man muss allerdings, wie amnesty international in einem Bericht (2014, p 8), einerseits hinzufügen:

Unter internationalem humanitärem Recht (Kriegsvölkerrecht) deutet nicht jeder Tod eines Zivilisten in einem bewaffneten Konflikt auf einen Rechtsbruch hin. Wenn aber ersichtlich wird, dass Zivilisten absichtlich oder wahllos getötet wurden, oder als Teil eines Angriffs unter disproportionaler Anwendung von Gewalt, verlangt der Vorfall eine prompte, ernsthafte und unparteiische Untersuchung. Wenn diese Untersuchung zeigt, dass das Kriegsvölkerrecht gebrochen wurde, muss ein Verfahren eingeleitet werden.

Und auch:

Die Frequenz und der Umfang ziviler Opfer, die die internationalen Streitkräfte in Afghanistan verursachten, sind seit 2009 substanziell gefallen, (…) zum Teil, weil sie insgesamt an weniger militärischen Operationen beteiligt sind, aber das widerspiegelt auch wichtige Veränderungen in der militärischen Taktik. Geleitet von taktischen Direktiven und anderen Protokollen, haben die internationalen Streitkräfte den Einsatz von Gewalt in Wohnviertel begrenzt, die Aufklärung für gezielte Operationen verbessert und andere Schritten unternommen, die eine positive Auswirkung auf den Schutz zivilen Lebens hatten.

Allerdings gibt es dabei inzwischen schon wieder Rückschritte, genauer gesagt, seit die Rest-ISAF von Ende 2014 in Resolute Support-Mission (RSM) umgewandelt wurde. Davon zeugte besonders der angeblich unabsichtliche Luftangriff auf die MSF-Klinik in Kundus im Oktober 2015. Meine AAN-Kollegin Kate Clark schrieb dazu:

Nicht eine einfache Verkettung menschlicher Irrtümer, sondern eine Kette rücksichtsloser Entscheidungen war das, innerhalb eines größeren Systems, das es versäumte, die gesetzlichen Sicherungen vorzunehmen, die vorgeschrieben sind, wenn man solche Feuerkraft einsetzt. (…) Der Kommandeur der US-Spezialkräfte hat [außerdem], [General] Campbell zufolge [des US/RSM-Oberkommandierenden], sich vor allem auf Informationen afghanischer Partner verlassen…

Und die waren augenscheinlich falsch und von mangelndem Verständnis geprägt, dass eben auch nicht mehr am Kampf teilnehmende (weil verwundete) Taleban nicht töten darf. Dass dieses Denken bei den vor Ort befindlichen afghanischen Kommandeuren vorhanden war, hat eine ausführliche Reportage belegt, aber auch das Vorgehen afghanischer Sonderheiten, die im Februar 2016 in einer Klinik des Schwedischen Afghanistan-Komitees in Wardak mehrere Patienten und deren Begleiter, die sie für Taleban hielt, standrechtlich erschossen. (Zu diesem Fall mehr hier bei AAN.)

Clark fasst zusammen: In der Nacht zum 3. Oktober seien „augenscheinlich die Regeln über Bord geworfen worden“, die über Jahre mühevoll erkämpft worden waren, „Lektionen wurden ‚entlernt’“. Gleichzeitig, sagt sie, seien bei der Rückeroberung von Kundus möglicherweise die bestehenden Regeln (weiter) „liberalisiert“ worden, also weniger strikt gewesen.

Dafür spricht auch die zunehmende Zahl neuer US-Luftschläge, bei denen örtliche Quellen – zum erstaunlichen Schweigen der afghanischen Regierung – von vielen zivilen Opfern sprechen. Im ersten UNAMA-Quartalsbericht für 2016 heißt es:

UNAMA nimmt mit besonderer Besorgnis einen Anstieg ziviler Opfer von Luftoperationen sowohl der afghanischen Luftstreitkräfte als auch der internationalen Streitkräfte im ersten Quartal 2016 fest, mit 27 Opfern (6 Toten und 21 Verletzten), verglichen mit 16 zivilen Opfern in der selben Periode 2015.

Seither wurden im April u.a. ein US-Luftschlag in Paktika mit 17 zivilen Toten und einer in Logar mit 12 Toten berichtet. Vor allem bei Luftangriffen, die IS-Zielen gelten (hier eine laufend aktualisierte Übersicht), wird selten gefragt, ob alle dabei als getötet Gemeldeten tatsächlich wirklich „IS-Kämpfer“ sind, zum Beispiel in diesem Fall im Februar (ohne genauere Ortsangabe) oder bei diesen Angriffen im April in der Provinz Nangrahar.

Noch einmal zur Quellenlage

Die Enthüllungen aus dem afghanischen Präsidentenamt sowie aus den Ermittlungen des britischen Militärs, so der Guardian, zeigten, dass es viele Opfer gebe, die von „legitimen Quellen“ genannt werden, aber keinen Eingang in die o.g. Berichte finden, weil sie „weder öffentlich noch intern“ weitergegeben werden. Unter diesen Toten seien vor allem Einwohner ländlicher Gebiete, für deren Tod es nicht genug Zeugen gebe, oder die so entlegen seien, dass die Berichte von dort nicht die Städte erreichten. Die afghanische Regierung gehört durchaus zu diesen legitimen Quellen – sie muss allerdings beweisen, dass ihre Zahlenangaben tatsächlich durchgängig verlässlich sind.

Auch Angaben der Taleban (siehe z.B. hier) oder aus der örtlichen Bevölkerung können aus unterschiedlichen Gründen natürlich ungenau oder übertrieben sein.

Aber selbst wenn das im konkreten Fall des Schrein-Bombenanschlags – wie oben angedeutet – für mich fraglich bleibt, gibt es mindestens einen weiteren Faktor, der für eine höhere Zahl ziviler Opfer spricht als bisher angenommen – und den UNAMA bereits vor der Guardian-Recherche indirekt zugegeben hat: der zunehmende Mangel an Zugang zu vielen Gebieten, u.a. verursacht vom Drängen sowohl der Karsai- als auch der Ghani-Regierung, die Präsenz der politischen UN-Mission in den Provinzen einzuschränken. Zweitens kann es sein, dass trotz der o.g. genannten UNAMA-Methodologie getötete Zivilisten als getötete „Taleban-Kämpfer“ angegeben werden oder, weil sie „umstritten“ sind, nicht in diese Statistik ausgenommen werden können. Genau dieses Problem besteht ja auch beim Luftangriff von Kundus 2009, wo die Bundesregierung immer noch behauptet, dass ausschließlich oder überwiegend Taleban-Kämpfer getötet worden seien.

Damit muss man dem Guardian insgesamt recht geben: die bisher bekannten Zahlen sind die der unumstößlich bekannt gewordenen direkten zivilen (afghanischen) Opfer des Afghanistan-Krieges. (Es gibt ja auch getötete ausländische Journalisten, Entwicklungshelfer etc.) Die Grauziffer dürfte höher liegen. Und dann kommen dazu jene, die Organisationen wie IPPNW als „indirekte Opfer“ bezeichnen (hier im „Body Count“ von 2015, in deutscher Fassung) – jene, die an Kriegsfolgen wie Unterernährung, Mangelerscheinungen und Krankheiten sterben und die unter normalen (als nicht Kriegs-) Zuständen hätten gerettet werden können.

Diesem Thema werde ich mich demnächst noch zuwenden.

 

 

 

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