Die Wahl ist gefallen: Maulawi Haibatullah Achundsada ist neuer Taleban-Chef an Stelle des (zusammen mit seinem wenig erwähnten Chauffeur) durch eine US-Drohne getöteten Mullah Achtar Muhammad Mansur. Ein Foto Maulawi Haibatullahs hier bei der BBC.

Im unten stehenden Artikel von dpa steht er ganz unten. (Der an erster Stelle genannte Jalaluddin [Dschlaluddin] Haqqani stand nicht zur Debatte, sondern sein Sohn Seradschuddin. Die Kurz-Biografie ist allerdings die von S. Haqqani…)

Mehr (Analyse und Porträt) demnächst: hier, auf der taz-Webseite und morgen in der taz-Printausgabe.

 

Die sechs Favoriten auf den Taliban-Chefsessel

Nach dem Tod von Mullah Akhtar Mansour beraten die Taliban über einen neuen Anführer – in der Auswahl: Terroristen, Gelehrte und Kämpfer.

24.05.2016, DiePresse.com

Nach der Tötung des Talibanchefs Mullah Akhtar Mansour am Samstag haben die Taliban Beratungen über seine Nachfolge begonnen. Mindestens 14 Kommandeure und Religionsführer diskutierten schon seit Sonntag über Kandidaten, hieß es am Dienstag aus pakistanischen Sicherheitskreisen. Die Beratungen fänden im Südwesten des Landes in der Provinz Baluchistan statt.

Es ist das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass die Taliban einen neuen Anführer wählen müssen. Ende Juli 2015 hatte der am Samstag getötete Mansour offiziell vom bereits zwei Jahre zuvor verstorbenen Mullah Omar übernommen. Danach waren blutige interne Machtkämpfe ausgebrochen. Laut einer in der pakistanischen „Express Tribune“ zitierten Talibanquelle sollen „die Fehler vom letzten Mal“ diesmal vermieden werden. Hier die Namen jener, die Aussicht auf den Job haben:

 

Jalaluddin [also Seradschuddin] Haqqani

Mullah Mansours Stellvertreter für Militärisches. Die USA haben ein Kopfgeld von umgerechnet 4,45 Millionen Euro auf ihn ausgesetzt. Für ihn spricht, dass er als kompetent gilt und einige der öffentlichkeitswirksamsten (weil grausamsten) Anschläge der Taliban in Szene gesetzt hat. „Er hat auch dazu beigetragen, die zersplitterten Taliban mehr zu einen“, sagt der Sprecher der Nato-Mission Resolute Support, Charlie Cleveland. Gegen ihn spricht, das er nicht aus dem Süden – dem Kernland der Talibanelite – kommt, sondern aus dem Osten. Eine weitere Überlegung gegen ihn könnte sein, dass die USA sehr auf seine Tötung drängen und möglicherweise, wie bei Mansour, wieder selber die Initiative ergreifen. Haqqani würden von Beginn zur Zielscheibe, und die Bewegung könnte in kurzer Zeit ihren dritten Anführer verlieren. [Die Kurz-Biografie ist allerdings die von S. Haqqani…]

 

Mullah Amir Khan Mottaki

Während der Herrschaft der Taliban war Mottaki Bildungs- und Informationsminister. Laut dem deutschen Afghanistan-Experten Thomas Ruttig ist er einer der ältesten und einflussreichsten Mitglieder in der Talibanbewegung. Er genieße breites Ansehen. Ruttig, der ihn als UN-Vertreter im Jahr 2000 getroffen hat, meint, Mottaki „wäre keine schlechte Wahl“. Seine Begründung: „Er denkt politisch und ist kein Hardliner. Er hat für die Taliban wichtige Verhandlungen geführt und das Ansehen von Mullah Omar genossen.“ Auch er stammt allerdings nicht aus Kandahar, sondern aus Paktika.

 

Mullah Yaqub

Yaqub, der ältester Sohn des langjährigen, verstorbenen Talibanchefs Mullah Omar. Yaqub, der eine Religionsschule in Pakistan besucht haben soll, steuert laut Mitteilungen Militärkommissionen der Taliban in 15 Provinzen Afghanistans. Mit Ende 20 oder Anfang 30 könnte er von vielen als zu jung für den Chefposten wahrgenommen werden. Er wird als „sehr emotional“ beschrieben. Aber als Sohn des verehrten Mullah Omar ist er auch eine Figur, die zerstrittene Fraktionen wieder versöhnen könnte.

 

Mullah Abdul Manan Akhund

Akhund, jüngerer Bruder des verstorbenen Talibanchefs Mullah Omar. Manan war nie sehr prominent unter den Taliban. Eine Rolle auf dem Schlachtfeld soll er nicht gespielt haben. Erst jüngst kam er zu mehr Ansehen und wurde im April, nach einem Bericht des „Long War Journal“, zum Chef der Kommission für „Predigt und Ratschlag“ ernannt. Dass er eine nicht kontroverse Figur ist, könnte aber ein Vorteil sein.

 

Abdul Qayyum Zakir

Zakir war lange Chef der Militärkommission der Taliban und einer der wichtigsten Kommandanten auf dem Schlachtfeld. Von 2001 bis 2007 war er im US-Terroristengefängnis Guantanamo Bay inhaftiert. Nach seiner Freilassung kehrte er auf das Schlachtfeld zurück. 2014 wurde er wegen Auseinandersetzungen mit Mullah Mansour als Chef der Militärkommission entlassen. Zakir stammt aus Helmand, wo die Taliban einen ihrer wichtigsten Kämpfe um mehr eigenes Territorium führen. Das könnte ein Pluspunkt für ihn sein.

 

Haibatullah Akhundzada

Der zweite Mansour-Stellvertreter genießt als religiöser Gelehrter und hochrangiger Talibanrichter Achtung und Respekt unter vielen Taliban. Zudem stammt er aus dem Kernland der Talibanführung, der Südprovinz Kandahar. Es gibt aber Stimmen, die sagen, ihm fehle es an der nötigen Härte zu führen.

(APA/dpa)

 

Das kurze taz-Porträt hier schonmal als Vorgeschmack (morgen ausführlicher):

Scheich wird neuer Chef-Taleb

Nach den zwei Feldkommandeuren Muhammad Omar und Achtar Muhammad Mansur ist nun erstmals ein islamischer Geistlicher in das Spitzenposition der religiös inspirierten Taleban-Aufstandsbewegung in Afghanistan getreten: Maulawi Haibatullah Achundzada. Während die beiden sich zwar mit dem Titel „Mullah“ schmückten, besaßen sie doch nur eine rudimentäre religiöse Ausbildung. Haibatullahs Titel Maulawi deutet eine höhere religiöse Bildung an. Das qualifiziert ihn, islamische Rechtsgutachten (Fatwas) zu erlassen, und gibt ihm den Titel Mufti. Er wird auch als „Scheich“ bezeichnet. Mullah Omar soll ihn, den Älteren, seinen „Lehrer“ genannt haben.

Er trägt nun den Titel Amir ul-Momenin (Anführer der Gläubigen) und des Islamischen Emirates Afghanistan, wie sich die Taliban offiziell nennen.

Haibatullah (was so viel wie „Gottesfurcht“ bedeutet; die Afghanen sprechen sich oft mit dem ersten Namen an) soll etwa 56 Jahre alt und in der Provinz Kandahar in Süd-Afghanistan geboren worden sein. Er gehört zum Paschtunen-Stamm der Nursai – im Gegensatz zu Mansur, der Ishaksai war, die unter ihm in viele führende Positionen aufstiegen. Das könnte für Stammeskonflikte sorgen. Nach außen war er kaum bekannt, in der Taleban-Bewegung war er aber prominent. Er gehört zu ihrer Gründergeneration, stand von Anfang an Mullah Omar nahe, arbeitete während der Taliban-Herrschaft in Kabul (1996-2001) in ihrem Justizapparat, wahrscheinlich zeitweise als Militärstaatsanwalt, was ihm trotz geringerer Erfahrung im Felde neben seiner religiösen Autorität auch Ansehen unter den Kommandeuren eingebracht haben dürfte. Er gehörte seit langem zum Führungsrat der Taliban, der sogenannten Quetta-Schura, benannt nach dessen früheren Hauptdomizil in der gleichnamigen pakistanischen Großstadt, sowie zum einflussreichen Rat der Islamgelehrten, der Beschlüsse des Führungsrates religiös legitimiert.

Bis zum vorigen Jahr soll er an einer Koranschule in Quetta studiert haben, und gleichzeitig selbst eine solche Schule namens Khair ul-Madaris in der afghanischen Flüchtlingssiedlung Kuchlak nahe Quetta geleitet haben. Dafür wird er künftig keine Zeit mehr haben, denn die afghanische Regierung hat ihm schon das gleiche Schicksal angedroht wie Mansur, wenn er sich nicht zu Friedensgesprächen bereit erklärt.

Thomas Ruttig, Kabul

Mehr zu Haibatullah hier bei AAN.

 

 

 

Advertisements