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Hier die Fortsetzung der Berichterstattung und Analyse über den erneuten, diesmal durch einen US-Drohnenschlag erzwungenen Führungswechsel bei den Taleban.

Dieser Beitrag wird ständig aktualisiert, also lohnt es sich, immer mal wieder nach Neuem zu sehen.

Update 1: mein Interview mit Voice of America (unten)

Update 2: Neues zu Haibatullah von Willi Germund (unten)

Update 3: Bemerkung zum Zeit-Porträt Haibatullahs und Link zu umfangreicher AAN-Analyse des Wechsels von Mansur zu Haibatullah.

Update 4: Noch ein Interview von mir für den österreichischen Rundfunk (hier zum Anhören).

Tee trinken und miteinander reden. Foto: Thomas Ruttig.

Tee trinken und miteinander reden. Foto: Thomas Ruttig.

 

Zunächst ein Interview, das ich gestern mit dem Schweizer Rundfunk führte und das in einen SRF-Eigenbeitrag eingebettet ist (hier klicken und dann zu der schwarzen Box im Text gehen).

 

Das folgende ist meine Analyse für die taz:

Korangelehrter folgt auf Kommandant

Taliban bestimmen Haibatullah als neuen Chef und bestätigen Drohnentod seines Vorgängers Mansur

Schneller als erwartet ist es den afghanischen Taliban gelungen, sich auf einen neuen Anführer zu einigen. Es handelt sich um Maulawi Haibatullah Achundsada, einen islamischen Gelehrten, der bisher erster Stellvertreter seines Vorgängers Mullah Muhammad Achtar Mansur war. Mansur war am Sonnabend von einer US-Drohne getötet worden, als er in einem Mietauto angeblich von Iran aus nach Pakistan zurückkehrte. Das bestätigten nun auch die Taleban. In Iran soll sich Mansur zur medizinischen Behandlung aufgehalten haben.

Mansur war offiziell erst Ende Juli 2015 an die Stelle Mullah Muhammad Omars getreten, des Gründers der Taliban-Bewegung, hatte sie aber bereits seit etwa 2009 geführt. Omar lebte zurückgezogen, starb wahrscheinlich 2012 – aber die Taliban hielten es geheim, auch in den eigenen Reihen – und Mansur übernahm daraufhin die Gesamtführung. Als er 2015 Omar auch offiziell beerbte, führte das zu Spaltungen. Eine Fraktion – unter Mullah Muhammad Rassul – ist seit dem in heftige Kämpfe mit dem Mainstream verwickelt. Kleinere ultraradikale Gruppen schlossen sich dem Islamischen Staat an, wurden aber von Mansurs Taliban weitestgehend zerschlagen.

Die Taliban waren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 durch eine US-geführte Militärintervention gestützt worden und kämpfen seither um die Wiedererlangung ihrer Macht. Sie betrachten den Einmarsch als illegal, sich selbst als rechtmäßige Regierung und nennen sich deshalb offiziell Islamisches Emirat Afghanistans.

Die schnelle Entscheidung zeigt, dass der Tod Mansurs ein schwerer Schlag für die islamistische Aufstandsbewegung war, und sich nun bemüht, die Reihen geschlossen zu halten. Mit Haibatullah an der Spitze könnte ihnen das auch gelingen. Er gehört zur Gründergeneration der Taliban und kann wohl auch die „jungen Wilden“ um Mullah Omars Jakub bei der Stange halten. Mullah Muhammad Jakub wurde zu einem der beiden Stellvertreter ernannt und ist damit für die Taliban-Fronten in der Südhälfte Afghanistans zuständig. Allerdings untersteht er der mächtigen Militärkommission der Taliban, deren Chef Mullah Ibrahim Sadr ebenfalls als Kandidat für die Gesamtführung gehandelt worden war.

Größtes Problem für die Einheit der Taleban ist nun die Stammeszugehörigkeit Haibatullahs sowie seiner beiden Stellvertreter sein. Denn sie gehören nicht wie Mansur zum Stamm der Ishaksai-Paschtunen. Mansur hatte viele seiner eigenen Stammesgenossen in führende Position befördert, was zu den Spannungen im Vorjahr beitrug, unter anderem Taleban-Finanzchef Gul Agha Ishaksai, der ein weiterer Kandidat auf die Mansur-Nachfolge war. Sollte der nun verärgert reagieren, könnten das die Geldflüsse und damit die Militäroperationen der Taliban bremsen.

Haibatullah könnte als Zentrist in der Taleban-Bewegung bezeichnet werden, zwischen den Befürwortern von Friedensgesprächen und den Hardlinern stehend, die auf militärischem Wege zurück an die Macht wollen. Damit dürfte die Tür für Verhandlungen mit der Kabuler Regierung nicht ganz geschlossen sein. Allerdings ist auch nicht zu erwarten, dass der Krieg nun bald endet. Haibatullah wird auch militärisch Stärke zeigen müssen, um die Falken in der Bewegung bei der Stange zu halten.

Thomas Ruttig, Kabul

Hier der Artikel in einer etwas kürzeren taz-Fassung.

 

Als Zugabe ein Artikel aus dem britischen Guardian mit Zitaten von mir:

“It happened much quicker than expected, which shows that the Taliban knows the gravity of the situation, and are trying their best to keep the movement united,” said Thomas Ruttig, co-director of the Afghanistan Analysts Network in Kabul. (…)

“He might be very conservative, but it doesn’t mean that he is against talks,” said Ruttig.

Hier können Sie mein Interview gestern mit der Voice of America hören (auf Englisch). Es beginnt bei 8:42min in der Nachrichtensendung.

 

 

Und hier nochmal das Porträt des neuen Taleban-Anführers aus der heutigen taz.

Der neue Talebanchef

Der neue Talebanchef

(Foto von der Afghan Islamic Press verbreitet)

 

Der neue Taliban-Chef: „Fürchtegott“ soll verhandeln

Der neue Taliban-Chef heißt Maulawi Haibatullah Achundsada. Er ist ein islamischer Geistlicher und gehört zur Gründergeneration.

Nach den zwei Feldkommandeuren Muhammad Omar und Achtar Muhammad Mansur führt nun erstmals ein islamischer Geistlicher Führer die religiös inspirierte Taliban-Aufstandsbewegung in Afghanistan: Maulawi Haibatullah Achundsada.

Zwar schmückten sich seine Vorgänger mit dem Titel „Mullah“, doch besaßen sie nur eine rudimentäre religiöse Ausbildung. Haibatullahs Titel Maulawi deutet höhere religiöse Bildung an. Das qualifiziert ihn, islamische Rechtsgutachten (Fatwas) zu erlassen, und gibt ihm den Titel Mufti. Auch wird er als „Scheich“ bezeichnet. Mullah Omar soll ihn, den Älteren, seinen „Lehrer“ genannt haben.

Haibatullah (was so viel wie „Fürchtegott“ bedeutet; die Afghanen sprechen sich oft mit dem ersten Namen an) trägt nun auch den Titel Amir ul-Momenin (Anführer der Gläubigen) und des Islamischen Emirates Afghanistan, wie sich die Taliban offiziell nennen. Er soll etwa 56 Jahre alt und in der südafghanischen Provinz Kandahar geboren worden sein. Er gehört zum Paschtunen-Stamm der Nursai.

Nach außen war Haibatullah zuvor kaum bekannt, in der Taliban-Bewegung aber prominent. Er gehört zur Gründergeneration und stand von Anfang an Mullah Omar nahe. Er arbeitete während der Taliban-Herrschaft in Kabul (1996–2001) im Justizapparat, wahrscheinlich zeitweise als Militärstaatsanwalt, was im Felde neben seiner religiösen Autorität auch Ansehen unter Kommandeuren eingebracht haben dürfte.

Haibatullah gehörte schon lang zum Taliban-Führungsrat, der sogenannten Quetta-Schura (benannt nach dessen früherem Hauptdomizil in der gleichnamigen pakistanischen Großstadt) sowie zum einflussreichen Rat der Islamgelehrten. Der soll Beschlüsse des Führungsrates religiös legitimieren.

Bis 2015 soll er an einer Koranschule in Quetta studiert und zugleich selbst eine solche Schule in der afghanischen Flüchtlingssiedlung Kuchlak nahe Quetta geleitet haben. Dafür wird er jetzt keine Zeit mehr haben, denn die Regierung in Kabul hat ihm schon das gleiche Schicksal angedroht wie Mansur, sollte er nicht zu Friedensgesprächen bereit sein.

Thomas Ruttig, Kabul

 

Der Schulmeister der Taliban

Der fundamentalistische Gelehrte ist der spirituelle Vater vieler junger Talibankommandeure und Mullahs

Willi Germund (Bonner Generalanzeiger, 26.5.16)

(…) Der 56-jährige islamische Geistliche, der bislang als
stellvertretender Talibanchef im Schatten des von den USA bei einem
Drohnenangriff getöteten Achtar Mansur stand, ist vor allem der
spirituelle Vater der jungen Milizengarde.

Während Haibatullah in der zweiten Hälfte der 90er Jahre als
Militärrichter der Taliban drakonische Strafen verhängte, studierten in
seinem islamischen Seminar im südafghanischen Kandahar bis 2001 die
Kinder und Enkel der Führer seiner Bewegung, der Nachwuchs der in
Afghanistan untergeschlüpften arabischen Al-Kaida-Größen und die
hellsten Köpfe am Hindukusch, die von den Mullahs in Afghanistan
gefunden werden konnten. Nach der Vertreibung aus Kabul und Kandahar
wurde die Kaderschmiede im pakistanischen Grenzort Chaman neu aus der
Taufe gehoben.

Gemeinsam mit dem pakistanische Parlamentarier Fazl ur Rehman, dem Chef
der fundamentalistischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam, entschied
Haibatullah während der folgenden Jahre, welche Absolventen in den
„Heiligen Krieg“ am Hindukusch zogen und wer für ideologische Arbeit der
Talibanmilizen Verwendung fand.

(…) Außerdem trug Haibatullah seit der Vertreibung der Talibanmilizen aus Kabul im Jahr 2001 die Verantwortung für ein Projekt, gegen das westliche Nationen trotz des Einsatzes von Milliarden von Hilfsgeldern nicht konkurrieren konnten.

Haibatullah schickt seit Jahren von ihm in der islamischen Gesetzgebung
der Scharia ausgebildete Krieger in Kampf-Einheiten ins Feld. Sie
kümmern sich oft mehr schlecht als recht um die Beachtung des
Verhaltenskodex der Taliban. Aber dank Haibatullahs Richtern stehen
heute viele Afghanen lieber bei den Scharia-Gerichten der Milizen
Schlange als sich an die Justiz des afghanischen Staats zu wenden. Zwar
verhängen die Scharia-Richter drakonische Strafen wie die Amputation von
Gliedmaßen bei Diebstahl oder Steinigung bei Ehebruch. Zugleich sind sie
aber entscheidungsfreudig und entscheiden auch komplizierte zivile
Streitereien wie Landfragen schnell. Außerdem sorgen die Milizen dafür,
dass Entscheidungen umgesetzt werden. Staatliche Richter gelten dagegen
als korrupt, Urteile lassen lange auf sich warten, häufig hapert es bei
der Durchsetzung.

Der komplette Beitrag hier.

 

Heute (am 27.5.) hat meine Organisation eine ausführliche Analyse des Wechsels von Mansur zu Haibatullah veröffentlicht, die das Erbe Mansurs – eine strukturelle Neuausrichtung und „Modernisierung“ der Taleban-Bewegung – erklärt und die beiden Taleban-Anführer in einer Gegenüberstellung porträtiert (in Englisch). Autor ist Borhan Osman.

Hingegen stellt die Zeit in ihrem Porträt Haibatullah als „Hardliner“ vor und zitiert einen pakistanischen und einen afghanischen Analysten; der erste für seine ISI-Nähe bekannt (wird mit dem nicht weiter belegten, aber dramatisch genug klingenden Satz zitiert: „Achundsada zieht den Krieg dem Frieden vor und das Töten dem Leben“) und der zweite für seine Regierungsnähe. Ihre Einschätzungen könnten also politisch motiviert sein.

Nach Ansicht von uns bei AAN sollte man „Hardliner“ nicht mit „religiös Konservativer“ verwechseln – auch letztere können Friedensgesprächen offen gegenüber stehen.

 

 

 

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