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Am 30. Mai haben Präsident Aschraf Ghani und sein Regierungschef Dr Abdullah bekannt gegeben, dass der Dar-ul-Aman-Palast in Kabul wieder aufgebaut wird. Der Wiederaufbau des unter Leitung des deutschen Architekten Walter Harten in den 1920er Jahren umgesetzten und später zerstörten Gebäudes soll aus afghanischen Budgetmitteln erfolgen, zwischen 16,5 und 20 (oder sogar 40) Millionen US-Dollar kosten und drei bis fünf Jahre dauern.

Der zerstörte Darulaman-Palast mit blühenden Arghawan-(Judas-) Bäumen und fußballspielenden Jungen. Foto: Thomas Ruttig (2009).

Der zerstörte Darulaman-Palast. Foto: Thomas Ruttig (2009).

 

Fundraising durch die Regierung begann 2012. Zuvor hatte es mehrere private Initiativen gegeben, u.a. durch die 2004 in Düsseldorf gegründete Darul-Aman Stiftung, deren Schirmherr Altbundespräsident Walter Scheel war und die Afghanistans Ex-Präsidenten Hamed Karsai als Ehrenmitglied hatte. Mir ist nicht klar, ob die Stiftung noch aktiv ist; ihre Webseite scheint jedenfalls eingestellt worden zu sein.

Ghani gab seine Entscheidung für den Wiederaufbau bekannt, während er über das erste Treffen der Hohen Kommission für Stadtentwickung präsidierte (Foto hier), das in der Ruine stattfand. Ferner kündigte er an, dass nach Ende des Wiederaufbaus Afghanistans Oberstes Gericht in das Gebäude einziehen soll. Zudem soll es für nationale Feiern und Staatsempfänge genutzt werden und ein Museum beherbergen.

Ursprünglich sollte der Palast als Sitz des von Reformerkönig Amanullah (1919-29) geplanten Parlaments dienen, das jedoch niemals gewählt wurde; Amanullah wurde 1929 durch eine antimodernistische Revolte gestützt und musste ins Exil gehen. Afghanistans Parlament hatte im Januar 2016 ein von Indien finanziertes neues Gebäude in der Nähe bezogen. Der Dar-ul-Aman-Palast wurde 1969 nach einem Kurzschluss und 1978 beim Umsturz gegen Präsident Daud durch Brände in Mitleidenschaft gezogen, aber wieder hergerichtet. Während der DVPA-Herrschaft diente es als Verteidigungsministerium und wurde beim Tanai-Putsch 1990 erneut beschädigt. Augenzeugen, die danach von der Najibullah-Regierung zu einer Begehung eingeladen wurden, sagen, dass die Renovierung professionell gewesen sei, allerdings viel der Originalsubstanz durch Beton ersetzt wurde. Dem Palast den Rest gaben die Mudschahedin während der Fraktionskriege zwischen 1992 und 1996.

Bereits im März bezeichnete Ghani das zerstörte Bauwerk als „Erinnerung an unseren dunkelsten Tage“, ohne konkreter zu werden. Das taten Kommentatoren in den sozialen Medien, die u.a. bemerkten, dass einige jener, die für die Zerstörung des Bauwerks mitverantwortlich waren, jetzt beim Start des Wiederaufbaus wieder dabei waren.

Präsident Ghani eröffnet das Dar-ul-Aman-Wiederaufbauprojekt Foto: ToloNews.

Präsident Ghani eröffnet das Dar-ul-Aman-Wiederaufbauprojekt Foto: ToloNews.

 

Andere plädierten dafür, die Palastruine als Mahnmal des Krieges im jetzigen Zustand beizubehalten (eine Diskussion, die an jene um die Dresdner Frauenkirche erinnert). Die afghanische Autorin Freshta Karim schrieb am 31. Mai für die Nachrichtenagentur Pajhwok, dass die Ruine in ein “Nationales Mahnmal an den Krieg” erhalten werden solle und, wenn das nicht möglich sei, wenigstens der jetzige Zustand im Film festgehalten und in dem geplanten Museum gezeigt werden solle. Ähnlich äußerte sich Senatorin Lailuma Ahmadi: Der Palast sei „ein klarer Beweis für die Verbrechen, die an Kabul und seinen Bewohnern verübt wurden“ und dass diese nicht durch eine Rekonstruktion „verschleiert“ werden, sondern als „Zeichen von Kriegsverbrechen“ für die kommenden Generationen erhalten werden sollten.

Dar-ul-Aman, Luftbild. Quelle: Twitter.

Dar-ul-Aman, Luftbild. Quelle: Twitter.

 

 

Weitere Fragen ergeben sich aus den Angaben zum vorgesehenen Budgets, die aus Regierungskreisen stammen und bei dieser Spannbreite künftige Korruption nicht ausschließen können. Zudem erscheint selbst die höchste genannte Summe von 40 Millionen US-Dollar angesichts der strukturellen Schäden an dem Gebäude recht niedrig. (Die Renovierung der Berliner Staatsoper, zum Beispiel, kostet 349 Millionen Euro – und das ohne strukturelle Probleme an der Bausubstanz.) Zudem fragt sich, ob solch ein Prestigeprojekt in Zeiten von zurückgehender Finanzzuflüsse und Budgetknappheit tatsächlich Priorität hat.

Auch das Gesamtnutzungskonzept für das Gebäude sowie die Pläne für die Umgebung des Palasts erscheinen provisorisch bzw gigantomanisch und ästhetisch fragwürdig. Ein ganz neuer Stadtteil ist vorgesehen, u.a. mit Wohnhochhäusern für 20.000 Menschen, v.a. Regierungsbeamte und ihre Familien, mit Märkten und anderer Infrastruktur. Ob Hochhäuser als Kulisse für den Palast taugen? Schon das neue Parlamentsgebäude hat die Gesamtanlage der von Amanullah ursprünglich geplanten neuen Stadt Dar-ul-Aman stark verändert, die auch als Standort für die damals noch nicht existierende Kabuler Universität vorgesehen und durch die erste Eisenbahnlinie des Landes mit Kabul verbunden war.

Was mit der einst von Deutschland unterstützten Musterfarm nordöstlich des Gebäudes geschieht, die u.a. Afghanistans Vielzahl von Getreidesorten durch Vermehrung am Leben erhielt und der unter dem international nicht anerkannten Taleban-Regime der Geldhahn zugedreht wurde, ist ebenfalls unklar. (Vielleicht ist das Gelände schon überbaut.)

Klar dürfte hingegen sein, dass die Baupläne die örtlichen Landpreise in die Höhe treiben und Landspekulation und illegale Landnahme (land grabbing) fördern werden. Schon soll das nahegelegene, teilweise zerstörte frühere (d.h. Vorkriegs-) Archäologische Institut „privatisiert“ und an einen Polizeikommandeur weiter verkauft worden sein. Der hat die Reste des – wie der Dar-ul-Aman-Palast – neoklassizistischen Gebäudes abreißen und neu bauen lassen.

 

Hier eine Reihe sehr guter Fotos von Dar-ul-Aman.

Die Huffington Post veröffentlichte 2014 Fotos von einigen der zahlreichen Graffiti in dem Gebäude, hier.

2012 figurierte der Palast auch bei der Documenta in Kassel, u.a. mit einer Video-Installation von Mariam Ghani, der Tochter des heutigen Präsidenten (siehe hier und hier).

Der zerstörte Darulaman-Palast mit blühenden Arghawan-(Judas-) Bäumen und fußballspielenden Jungen. Foto: Thomas Ruttig (2009).

Der zerstörte Darulaman-Palast mit blühenden Arghawan-(Judas-) Bäumen und fußballspielenden Jungen. Foto: Thomas Ruttig (2009).

Dar-ul-Aman während des Baus (1920). Quelle: dpa-corbis

Dar-ul-Aman während des Baus (1920). Quelle: dpa-corbis

Dieser Fotoblog von mir enthält Fotos von der Gedenktafel für Ing. Harten in Kabul und ein Foto der deutschen Architektengruppe, die für Amanullah arbeitete.

 

 

 

 

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