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Die Grenzen auf dem Balkan, von Österreich, Deutschland, Schweden und anderen Ländern sind geschlossen. Das Lager Idomeni, lange ein Symbol, existiert nicht mehr. (Es wurde unter Zwang geräumt; seine Insassen an andere Orte verbracht.) Die gefährlichen Überfahrten von den griechischen Inseln finden nicht mehr in so großer Zahl statt wie 2015, aber nach wie vor kommen tausende über das Mittelmeer (siehe unten). Allerdings sind die Fluchtwege in Europa wieder komplizierter geworden (siehe hier und schon hier).

Graffiti in Kabul (2009). Foto: Thomas Ruttig.

Graffiti in Kabul (2009). Foto: Thomas Ruttig.

 

Die deutsche Asylgesetzgebung wurde verschärft, Afghanen werden bei der Anerkennung ihrer Asylfälle und bei der Integration benachteiligt (siehe schon hier). Der EU-Türkei-Deal hält Flüchtlinge wieder effektiver von den EU-Außengrenzen ab.

In den letzten Tagen wurde bekannt, dass mehr und mehr Flüchtlinge Untätigkeitsklagen gegen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einreichen. Deren Zahl ist im ersten Quartal 2016 um mehr als 40 Prozent gestiegen. Untätigkeitsklagen können gegen eine Verwaltung erhoben werden, wenn auf einen Antrag hin innerhalb einer angemessen Frist keine Entscheidung getroffen wurde. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums von Ende April hatte die Bearbeitungszeit für Asylverfahren im Februar bei durchschnittlich 5,8 Monaten gelegen (mehr hier in der Süddeutschen Zeitung). Für Afghanen liegen die Fristen z.T. deutlich höher. Laut Spiegel kamen deshalb zwangsläufig die meisten solcher Klagen von Asylsuchenden aus Afghanistan (560).

Die Flucht aus Afghanistan ist alles andere als beendet. UNHCR verzeichnete für 2016 bisher 208.150 über das Mittelmeer eingetroffene Flüchtlinge (2015: 1,015 Millionen) – 21 Prozent davon sind Afghanen, fast 44.000. Im deutschen Erstregistrierungssystem EASY wurden 2016 bisher 36.639 neue afghanische Asylbewerber registriert – das ist nach den Syrern und (knapp) den Irakern die drittgrößte Gruppe.

Aber auch das „Dschungel“-Camp in Calais am Festlandeingang zum Kanaltunnel besteht weiterhin; viele seiner minderjährigen Insassen, die dort unter unsäglichen Bedingungen hausen, sind Afghanen. Der Guardian hat Ende April berichtet (hier auf Englisch). Vorher hatte der britische Independent darüber berichtet, dass nach einem behördlichen Teilabriss des Lagers 129 minderjährige Flüchtlinge vermisst werden. Ende Mai wurde zunächst gemeldet, dass die Zahl der dort Lebenden wieder im Ansteigen begriffen sei; wenige Tage später kam es dort zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Afghanen und Sudanesen. Jetzt ordnete ein Gericht dort Verbesserungen an – die Einrichtung zusätzlicher Wasserzapfstellen und Latrinen.

Was mit den – bisher wohl „nur“ einigen hundert – Abgeschobenen aus der Türkei geschieht, bleibt im Dunkel. Auch – wie ich jüngst in Kabul erfuhr – weil es kein bilaterales Abkommen zwischen den Türkei und Afghanistan gibt, das die Türkei u.a. verpflichten würde, die afghanische Regierung zu benachrichtigen, bevor Afghanen von dort nach Afghanistan ausgeflogen werden. Im Moment genügt es, sie an Bord des Turkish-Airlines-Linienfluges Istanbul-Kabul zu bringen. (Ich sehe den Werbespruch der Fluggesellschaft an den Banden der Fußball-EM: Meet Europe’s, darauf anspielend, dass TA in den Vorjahren mehrmals zur besten Fluggesellschaft des Kontinents gewählt worden war.) Dann kommen sie auf dem Flughafen Kabul an und niemand kümmert sich um sie; sie müssen sich selbst irgendwie durchschlagen.

Hier nun ein weiterer Artikel über freiwillig nach Afghanistan zurückgekehrte Flüchtlinge, von Willi Germund (erschienen in der Frankfurter Rundschau), der sie in Kabul getroffen hat. Vorher berichteten schon Christine Roehrs für dpa und der Focus. Auch die Süddeutsche berichtet von einem Einzelfall.

 

„Nie wieder Flüchtling!“

Noch sind es wenige Tausend, doch es werden mehr: Viele Afghanen kehren aus Europa heim. Auch in Deutschland sahen sie keine Perspektive

VON WILLI GERMUND

FR 5.6.16

KABUL. Vom Hof des schmucken Hauses sind in der klaren Luft die

schneebedeckten Berge des Hindukusch zu sehen. Auf der breiten Straße

Richtung Salang-Pass ein paar Hundert Meter weiter fließt dichter

Verkehr, doch der Staub und die Abgase des Zentrums von Kabul dringen

nicht bis hier hinauf. Die Landschaft ist spektakulär. Der 16-jährige

Shadab Qadari aber hat kein Auge für sie. Er zeigt lieber

Erinnerungsfotos vom Kölner Dom und vom Rhein.

 

„Geschwister-Scholl-Straße“, radebrecht der kräftige Junge mit dem

modischen Haarschnitt die Adresse, wo er in Leverkusen monatelang ein

Zimmer mit einem anderen Asylbewerber teilte. Unvergesslich geblieben

ist ihm aus seiner Zeit in Deutschland ein Fußballmatch. „Unsere Gruppe

war beim Spiel Leverkusen gegen Barcelona. Ich habe Messi und andere

Superstars gesehen“, schwärmt Shadab.

 

Seine Augen leuchten, wenn er von Deutschland erzählt. Das Leuchten

verschwindet, wenn er von der Heimkehr berichtet. „Ich habe mir selbst

das Flugticket gekauft“, sagt der Teenager im Gästezimmer des

großmütterlichen Hauses, in dem er nun wohnt. 2 800 Afghanen sind seit

Januar aus eigenem Antrieb heimgekehrt aus Europa nach Monaten des

Wartens und der Untätigkeit. Shadab ist einer von ihnen. „Ich wäre gerne

geblieben“, sagt Shadab und zupft an seinem engen Hemd, „aber meine

Großmutter war alleine. Ich muss mich um sie kümmern.“

 

Eine Viertelmillion Afghanen haben es im vergangenen Jahr bis Europa

geschafft. 154 000 von ihnen landeten in Deutschland. Für die meisten

war es eine Flucht vor Krieg und Lebensgefahr und eine Reise der

Hoffnung auf ein besseres Leben. Shadab, seine Eltern und zwei

Geschwister von ihm machten sich im August vergangenen Jahres auf den

Weg. Als sie nach Wochen im iranisch-türkischen Grenzgebiet ankamen,

wurde daraus eine Tour des Schreckens. In der zweiten Nacht des

Gewaltmarsches über die Grenze verlor Shadab den Kontakt zu seiner

Familie.

 

So viel Geld verpulvert

 

Seither hat er kein Lebenszeichen von seinen Angehörigen mehr erhalten.

Shadab befürchtet das Schlimmste: Eltern und Geschwister können irgendwo

auf dem Weg umgekommen sein – ermordet, ertrunken, verdurstet. „Es war

lebensgefährlich“, berichtet der 16-Jährige von seinen eigenen

Erlebnissen. „In Bulgarien sind wir bei tagelangen Märschen durch die

Wälder an Toten vorbeigekommen.“

 

Während Shadab von seinen Erlebnissen erzählt, blockieren ein paar

Kilometer weiter nördlich im Dorf Akakhil Hunderte Paschtunen die

Hauptverkehrsstraße Richtung Norden. Lastwagen stehen kilometerlang im

Stau. Pkw, deren Fahrer sich vorbeizuschleichen versuchen, werden mit

Steinen beworfen. Die Demonstranten fordern die Freilassung eines

Mullahs und von drei weiteren Männern, die am Abend zuvor vom

Geheimdienst NDS verhaftet wurden, weil sie die radikalislamischen

Talibanmilizen mit Informationen versorgt haben sollen. Die Polizei

schießt in die Luft, doch die Demonstranten weichen nicht. Der Krieg ist

in Afghanistan allgegenwärtig, er lauert vor jeder Tür.

 

Vielleicht setzte Shadabs Vater aus diesem Grund alles auf eine Karte,

verkaufte das Haus der Familie und machte sich mit allen auf den Weg.

Nach der Trennung von den Eltern konnte sich der Sohn auch dank der 10

000 Dollar bis nach Deutschland durchschlagen, die seine Mutter im Bund

seiner einzigen Hose eingenäht hatte. Als der Teenager nun wieder

heimkehrte, half ihm die Internationale Organisation für Migration (IOM)

mit einem Startgeld von 2 000 Euro über die ersten

Anfangsschwierigkeiten hinweg. Shadab lächelt müde: „Ich habe 10 000

Dollar verpulvert, um 2 000 Euro zu bekommen.“

 

Seine Zukunftsaussichten sind mies. Die Großmutter hat einen Teil ihres

Hauses vermietet, damit sie und ihr Enkel finanziell über die Runden

kommen. Eine Perspektive ist das nicht. Und die Lage wird nicht besser.

Internationale Organisationen warnen vor einer Ausweitung des

bewaffneten Konflikts auf weitere Regionen und vor Engpässen bei der

Versorgung mit Lebensmitteln.

 

Die deutsche Bundesregierung drängt Kabul seit Wochen mit Nachdruck zu

mehr Entgegenkommen bei der Rückführung von Flüchtlingen. „Von allen

Ländern mit Flüchtlingen aus Afghanistan beklagen sich die Deutschen am

lautesten“, sagt Flüchtlingsminister Hossain Alemi Balkhi bei einem

Gespräch mit der Berliner Zeitung und lächelt nachsichtig. Sonderlich

beeindruckt scheint er nicht von den Wehklagen. „Wenn die Flüchtlinge

auf alle Staaten der EU verteilt würden, entfielen auf jedes Land nur

ein paar Tausend Afghanen“, sagt Balkhi. „Wir haben gegenüber

Deutschland und der EU deutlich gemacht, dass wir keine

Zwangsdeportierten akzeptieren werden. Allen geflüchteten Afghanen muss

es erlaubt werden, alle legalen Instanzen auszuschöpfen.“

 

Der Drang vieler Afghanen zur Flucht scheint freilich zu erlahmen. Auf

dem Kabuler Busbahnhof, von dem im vergangenen Jahr jede Nacht Dutzende

Busse zur Provinz Nimruz an der iranischen Grenze starteten, ist kaum

noch etwas los. In einem Reisebüro klagt ein Angestellter: „Wir

verkaufen 70 Prozent Tickets in den Iran weniger als im vergangenen

Jahr.“

 

Ähnliche Beobachtungen macht Mio Sato von der IOM in Kabul, „Nach

unseren Erkenntnissen entscheiden sich seit Anfang des Jahres zunehmend

Afghanen für eine Rückkehr, ohne zuvor in Europa alle Möglichkeiten

auszuschöpfen“, sagt die Japanerin. Welche Risiken Afghanen im Alltag

eingehen, weiß sie aus eigener Erfahrung. Sie selbst überlebte vor zwei

Jahren einen Selbstmordanschlag im Serena-Hotel. Und nur einen Tag vor

dem Gespräch mit dem Journalisten starb ein Wachmann aus Nepal, als auf

dem Nachbargrundstück, einer Unterkunft des UN-Minenräumprogramms, ein

Polizist wild um sich schoss.

 

„Wenn Afghanen 4 000 Euro für die Heimkehr zugesagt würden, wären viele

sofort zur Rückkehr bereit“, versichert Mohammed Naim Salozai, „Viele

bleiben nur, weil sie so Abstand zu den Leuten haben, die ihnen für die

Flucht Geld geliehen haben.“ Der 31-jährige Mann aus dem Dorf Asmar in

der umkämpften Provinz Kunar hat früher bei einer Baufirma gearbeitet,

die mit Aufträgen der Nato gutes Geld verdiente. Dann machte er sich auf

nach Europa, doch nach elf Monaten in Gelsenkirchen gab der Vater von

zwei Kindern auf und kehrte zurück. „Ich habe aber vor allem meine

Familie vermisst“, sagt er. Nun ist der Job weg und 11 000 Dollar an

Ersparnissen. Sein Fazit: „Nie wieder Flüchtling!“

 

Und wenn’s nicht klappt …

 

Den Spott seiner Landsleute steckt der Heimkehrer weg. Er hätte nie auf

die Schlepper hören sollen, ärgert er sich. „Die beschreiben Europa wie

das Paradies auf Erden.“ Seine Erfahrung in der Fremde schildert er so:

„In Deutschland gibt es für alles Regeln. Das ist in Afghanistan anders.

Hier sucht man sich jemanden mit Einfluss, der einem helfen kann.“

 

Wirklich überzeugen kann Salozai aber nur wenige. Der Kellner Shafik

Ullah in der Teestube, der minutenlang zugehört hat, platzt plötzlich

ins Gespräch: „Ich würde trotzdem sofort gehen, wenn ich das Geld

hätte“, sagt der 19-Jährige. Ein Taxifahrer in Kabul manifestierte seine

Überzeugung gar mit einem Aufkleber auf dem Rückfenster seines Wagens.

„Wenn’s klappt, klappt’s“, steht dort. „Und wenn nicht, gehe ich nach

Deutschland.“

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