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„Imaginationen vom Hindukusch“ heißt ein neuer Blog, der von Susan Zerwinski betrieben wird (unter diesem Link). Susan Zerwinski war von 2002 bis 2007 Koordinierungslektorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für deutsche Sprache, Literatur und Landeskunde bei der Dozentenausbildung im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Universität Kabul.

Susan Zerwinski ist auch Herausgeberin des interessanten Bandes „Lessing in Kabul: Deutsche Sprache, Literatur und Germanistik in Afghanistan“, erschienen 2008 beim Iudicium-Verlag München (ISBN 978-3-89129-569-4).

Afghanistan – Sehnsuchtsort Alexander von Humboldts: Berglandschaft in Farah. Foto: Thomas Ruttig (2006).

Afghanistan – Sehnsuchtsort Alexander von Humboldts: Berglandschaft in Farah. Foto: Thomas Ruttig (2006).

 

Zur Einführung in ihren Blog schreibt sie:

Ich kehrte aus Afghanistan zurück und nahm einen Wissensschatz mit. Dieser Schatz bestand aus einigen Büchern, die Afghanistanreisende geschrieben haben und die teilweise längst vergriffen sind. Ich begann also, alte Reiseberichte, Erzählungen und Romane von deutschsprachigen Autoren zu suchen und zu sammeln. Heute füllen rund 150 Bücher aus verschiedenen Epochen und zu verschiedenen Themenbereichen Afghanistans das alte hölzerne Vertiko meiner Großmutter. Das Vertiko steht unverwüstlich im Wohnungsflur und hat schon diverse Umzüge miterlebt. Die Bücher begleiten mich um die Welt. Und manchmal setze ich mich vor das Vertiko, öffne die beiden Flügeltüren, atme für einen Moment den wunderbaren Geruch nach Holz und Papier ein und streiche mit dem Finger über all die Buchrücken, die dort auf vier Regalbrettern im geheimnisvollen Halbdunkel warten und verheißungsvolle Titel tragen. 

Und nun, zehn Jahre, nachdem ich das erste Buch entdeckt habe, packe ich diese wartenden Schätze aus: Ihrem Erscheinungsdatum folgend, werde ich in chronologischer Folge die Bücher vorstellen und mir dabei die Frage stellen, welches Bild von Afghanistan sie vermitteln. Was erfahren wir durch diese Werke über Afghanistan? Welche Bilder von diesem bemerkenswerten Land prägen und hinterlassen die Texte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren? Welche Geschichten erzählen die Bücher über Afghanistan und die jeweilige Zeit und welchen Imaginationen der Menschen und Geschehnisse begegnen wir durch diese Texte?

Susan Zerwinski widmet ihren Blog den „vier Jahrgänge[n] junger Germanistinnen und Germanisten, denen ich im täglichen Umgang an der Universität Kabul in den Jahren 2002 bis 2007 begegnete und die sich neugierig, weltoffen und mit Begeisterung und teilweise großem Talent der deutschen Sprache, Literatur und Kultur öffneten. (…) Ihr Schicksal liegt mir am Herzen und Ihnen bleibe ich in Dankbarkeit verbunden.“

Bisher (am 18.6.16) sind zwei Teile der geplanten Serie erschienen.

Teil 1 ist Alexander von Humboldts Spätwerk „Kosmos“ (5 Bände, 1845-1862) und seinem Afghanistanbild gewidmet. Das letzte fällt allerdings etwas mager aus; im Text findet sich zu Afghanistan nur eine einzige direkte Referenz – zu den „schneebedeckten Bergketten von Indien und Afghanistan“ und die „Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe“ in „Mittel- und Vorderasien“.

Interessanter der Hinweis, dass Humboldt „gerne nach Kabul gereist [wäre], wie er 1811 notierte. Aber leider kam ihm der Napoleon-Feldzug von 1812 in die Quere. So ist und bleibt Afghanistan für Humboldt ein Sehnsuchtsort.“

Teil 2 folgt einer Kuriosität, „Herrn Wippchen aus Bernau“, einem fiktivem Reporter, der in seinen „sämmtlichen Berichten“, veröffentlicht 1885, ein ganzes Kapitel dem zweiten anglo-afghanischen Krieg widmet. Wippchen ist eine Schöpfung des Berliner Schriftstellers und Satirikers Julius Stettenheim:

Herr Wippchen schildert den damaligen Emir von Afghanistan, Mohammed Yakub, als „grausamen Herrn“, der vor- und hinterlistig, unter- und überschlau“ und „ein Diplomat wie Richelieu der Vierzehnte“ sei, „jederzeit bereit, selbst seinem besten Freunde das Fell über die Ohren zu hauen.“

Der Berliner Journalist weist mit feiner Ironie den „armen Engländern“ die Opferrolle zu. Russland, die zweite Großmacht im „Great Game“ hat es seiner Einschätzung nach „faustdick hinter den Ohren“. Und den Afghanen bleiben die Attribute „vor- und hinterlistig“, „grausam“, mordlustig und „feindselig“. Ihr Schicksal bewertet Stettenheim mit seiner Anspielung auf den Mythos des Trojanischen Pferdes als „klassisch“. Afghanistan wird als finsterer Kriegsschauplatz wahrgenommen und seine Bevölkerung und ihre Individualität negiert. (…)

Das Afghanistanbild bzw. das Bild der Bevölkerung Afghanistans bleibt in den Briefen von Herren Wippchen aus Bernau alias Julius Stettenheim eine einseitige und recht abenteuerliche Kulisse für seine Beobachtungen und seinen feinen Wortwitz. Den historischen Ereignissen und dem Zeitgeist seiner Generation geschuldet, bewegt sich der Autor im Rahmen einer schlichten schwarz-weiß Beschreibung.

 

Bemerkenswert ist, dass Stettenheim/Wippchen damit die Methode vorweg nimmt, die später Theodor Fontane verwendet – nämlich aus Angelesenem (Zeitungslektüre im Falle Fontanes) Literatur zu schaffen.

Aus diesem Anlass unten noch einmal Fontanes bekannte Ballade „Das Trauerspiel von Afghanistan“ aus dem ersten anglo-afghanischen Krieg (1842), allerdings erst 1859 entstanden.

In diesem Zusammenhang verdanke ich Susan Zerwinskis Blog auch noch eine sehr interessante Entdeckung, nämlich ein Video, in dem Nina Hagen live Fontanes Afghanistan-Ballade singt – ein wirkliches Kleinod!

Und nun zu Fontanes Original:

 

Das Trauerspiel von Afghanistan

 

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,

Ein Reiter vor Dschellalabad hält,

„Wer da?“ – „Ein britischer Reitersmann,

Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

 

Afghanistan! Er sprach es so matt,

Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,

Sir Robert Sale, der Kommandant,

Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

 

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,

Sie setzen ihn nieder an den Kamin,

Wie wärmt ihn das Feuer, wie Iabt ihn das Licht,

Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

 

„Wir waren dreizehntausend Mann,

Von Kabul unser Zug begann,

Soldaten, Führer, Weib und Kind,

Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

 

Zersprengt ist unser ganzes Heer,

Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,

Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,

Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

 

Sir Robert stieg auf den Festungswall,

Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,

Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,

Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

 

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,

So laßt sie’s hören, daß wir da,

Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,

Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

 

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,

Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,

Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,

Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

 

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,

Laut, wie nur die Liebe rufen mag,

Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,

Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

 

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,

Vernichtet ist das ganze Heer,

Mit dreizehntausend der Zug begann,

Einer kam heim aus Afghanistan.

 

Quelle: internetloge.de

Zum Hintergrund der Ballade dieser Artikel aus der Welt von Thomas Schmid.

 

 

 

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