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Einfach mal eine positive Reportage: In einer vor der Pleite stehenden Gaststätte in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg, die die NPD als Landesgeschäftsstelle und „Begegnungsstätte“ für Parteimitglieder und Sympathisanten übernehmen wollte, sind nun unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien als „Wohngruppe Waldhorn“ (der Name der ehemaligen Kneipe) eingezogen. Nachdem der Kreis, in dem Meßstetten liegt, das Gebäude nicht übernehmen wollte (er war von einem Scheinangebot der NPD ausgegangen), hatte der Verein Diasporahaus Bietenhausen es gekauft. Eröffnet wurde am 2. Mai 2016.

Die engagierte lokale Kontext: Wochenzeitung aus Stuttgart, die im Internet und als regelmäßige 4-seitige Beilage der Wochenend-taz erscheint – aus ihr stammen die folgenden Textauszüge –, hat den Fall Waldhorn über lange Zeit verfolgt.

Ohne Titel. Foto: Mohammad H., 16 Jahre alt, aus Afghanistan. Quelle: Kontext.

Ohne Titel. Foto: Mohammad H., 16 Jahre alt, aus Afghanistan. Quelle: Kontext.

 

An einem sicheren Ort

Ein ganz anderes Leben im Waldhorn in Meßstetten. Statt der NPD sind junge Flüchtlinge eingezogen und mit ihnen eine Zukunft, die Hoffnung verspricht. Ein Ortsbesuch.

Von Josef-Otto Freudenreich

Kontext: Wochenzeitung, 15.06.2016

(…) Seit Mai lebt Hussein im Waldhorn, in der sich einst Rechte und Linke, Rocker und Liebhaber großer Schnitzel getroffen haben und zuletzt, wie mehrfach berichtet, die NPD eine Heimstatt finden wollte. Der Tresen, von dem aus Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden, steht noch, nur der Zapfhahn ist weg. Statt des Gläserarsenals blinkt ein kleiner Pokal vor der Wand, den Hussein gemeinsam mit Isam, Mohamed, Reda, Omar, Mohamad, Ali, Ismael und Sadegh gewonnen hat. Beim Fußballturnier des Diasporahauses Bietenhausen, dem neuen Eigentümer des Waldhorns. Die karitative Einrichtung vertritt eine „Pädagogik des sicheren Orts“, in Meßstetten soll er es für die neun unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) sein, wie sie im Amtsdeutsch heißen. (…)

Wer die fünf syrischen und vier afghanischen Jungs heute erlebt, vermag die Sinnhaftigkeit des Unternehmens zu begreifen. Hussein über Rechenaufgaben, Isam über den Flaggen der europäischen Fußballnationen, Bilder und Buchstaben mit den Fingern aufsaugend – „das ist der Hammer, wie die lernen“, sagt Holger Reisewitz. Als technischer Leiter ist er eigentlich eher für Strom, Wasser und Gas zuständig. Und demnächst für die Fahrräder, deren Nutzung nur mit Führerschein erlaubt sein wird. (…)

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Schon 2015 berichtete Kontext über ein Fotoprojekt der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Daraus stammt das oben gezeigte Foto von Mohammad H., 16 Jahre alt, aus Afghanistan.

Aus dem Kontext-Artikel vom 13.5.15:

(…) Ein 18-jähriger Afghane, der an dem Projekt teilgenommen hat, spricht verhältnismäßig gut Deutsch. Seit zweieinhalb Jahren lebt er hier. An seine Ankunft in Stuttgart erinnert er sich noch genau: „Ich war vorher einige Wochen in Paris. Das ist eine berühmte Stadt, aber sie stinkt und ist unglaublich schmutzig. Dort hat ein anderer Afghane mir erzählt, dass es in Stuttgart wenige Flüchtlinge gibt und ich deswegen hier bessere Chancen habe, dass man mich nicht abschiebt. Dann bin ich mit dem Zug nach Stuttgart gefahren. Als ich aus dem Bahnhof raus bin, zum ersten Mal auf die Königstraße, dachte ich: ‚Das ist ein kleines Paradies.‘ Es war alles so sauber und ordentlich!“

Seine Familie lebt illegal im Iran, nach Afghanistan kann sie nicht zurück. Der Vater hat früher gegen die Taliban gekämpft. Ihren Sohn haben die Eltern mit 15 Jahren nach Europa geschickt, damit er dem Elend und der Armut entkommt. Damit er endlich wieder zur Schule gehen kann, etwas lernen, arbeiten, vielleicht irgendwann seine Familie nachholt. Seinen Namen will der Jugendliche nicht in der Zeitung lesen.

Im Rahmen des Projekts haben die Jugendlichen von einer Medienpädagogin die Grundlagen über Bildgestaltung, Licht und Perspektive gelernt. Die Fotos haben sie meist mit dem Handy gemacht. Einige Bilder wurden digital verfälscht, um ihnen eine besondere Wirkung zu verleihen. Die Werke auf Acryl, Leinwand oder Aluminium sollen für sich sprechen. Die Biografien der jungen Künstler sind dort aber öffentlich. So will das Projekt zu einer besseren Verständigung zwischen jungen Flüchtlingen und den Stuttgartern beitragen. Zum Abschluss des Projekts erhielten die jungen Fotografen ihre Werke digital und als kleines Fotoalbum. So können sie auch ihren Familien die Bilder zeigen, die ihr Leben beschreiben.

Das Lieblingsobjekt des jungen Flüchtlings besteht aus zwei Bildern. Das erste ist am Feuersee entstanden, das zweite in Bad Cannstatt. Eines ist hell, das andere dunkel. „Ich wollte mein Leben und meine Geschichte erzählen. Dabei bin ich nicht sicher, ob das helle Bild die Gegenwart zeigt und das dunkle die Zukunft oder umgekehrt. Wahrscheinlich beides.“ Nach einiger Zeit in Stuttgart kam er in einer WG für jugendliche Flüchtlinge in Bad Cannstatt unter, heute lebt er mit zwei weiteren Jungs in einer Dreier-WG in Mönchfeld. „Meine Mitbewohner sind super, aber Bad Cannstatt hat mir besser gefallen. Das Lebensgefühl dort ist toll: die Menschen, die Luft, einfach alles. Ich habe da auch mal ein Praktikum gemacht bei einem Friseur. In vier Wochen mache ich meinen Hauptschulabschluss. Wenn ich gut genug bin, kann ich danach noch die mittlere Reife machen.“

Drei mal die Woche trainiert er im Fußballverein in Münster, am Wochenende sind die Spiele. Aktuell steht seine Mannschaft auf Platz zwei, wenn alles glatt läuft, steigen sie zum Ende der Saison auf. Alles eitel Sonnenschein, könnte man meinen. Elend und Flucht haben den Jungen aber stark geprägt: „Sogar beim Fußball oder in der Schule bin ich manchmal lieber alleine als mit meinen Freunden. Schon als kleiner Junge habe ich von einer Insel geträumt. Dort komme ich an und bin der einzige Mensch. Keiner beschimpft mich als Ausländer oder schickt mich weg. Aber in der wirklichen Welt will ich lieber versuchen, anderen Menschen zu helfen, denen es noch schlechter geht als mir.“

 

 

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