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Update 19.7.16, gg. 22 Uhr:

Die Welt meldet jetzt (21.52 Uhr) unter Bezug auf das ZDF das folgende:

Zweifel an afghanischer Herkunft des Attentäters

Ermittler bezweifeln, dass der Täter wirklich aus Afghanistan stammte. Das berichtet das ZDF unter Berufung auf Sicherheitskreise. In seinem Zimmer habe die Polizei ein pakistanisches Dokument gefunden. Auch seine Wortwahl und Aussprache in dem Bekennervideo sei nach Einschätzung von Sprachexperten gegenüber dem ZDF eindeutig pakistanisch.

Der vom IS angegebene Name des Mannes stimme nicht mit dem Namen überein, mit dem er in Deutschland registriert wurde.

Nach Einschätzung von Ermittlern gebe es Anhaltspunkte, dass sich der Täter bei seiner Registrierung als Afghane ausgab, um seine Chance zur Anerkennung als Flüchtling zu erhöhen.

Das ist natürlich nach wie vor uneindeutig. Da viele Afghanen bekanntlich jahrelang in Pakistan gelebt haben oder noch leben oder dorthin pendeln, kann auch ein Afghane durchaus pakistanische Dokumente (einschließlich Ausweispapiere) und eine ‚pakistanische Aussprache‘ besitzen. Allerdings (und ich bitte, das mit Vorsicht zu genießen), scheint mir der Name Riaz/Riad unter Afghanen – im Gegensatz zu Pakistani – doch recht selten vorzukommen.

Ich habe mir gerade Ausschnitte aus dem Video angehört (hier zu finden), würde mir aber nicht zutrauen einzuschätzen, ob das ein afghanischer oder pakistanischer Akzent ist. (In den sozialen Medien behaupten einige Afghanen, es sei „eindeutig“ pakistanisch. Da kann auch der Wunsch Vater des Gedankens sein…)

 

Mehr als die Medien habe ich auch nicht zu melden, aber ich muss wohl der – hier besonders traurigen – Chronistenpflicht nachkommen:

„Es ist ein Alptraum“, schreibt die taz. „In einer Regionalbahn bei Würzburg, Montag, kurz nach 21 Uhr, geht ein 17-Jähriger unvermittelt mit einem Beil und Messern auf Passagiere los, schlägt und sticht auf ihre Köpfe ein. Nach seiner Flucht aus dem Zug schlägt er noch einer Passantin mit der Axt ins Gesicht. Ergebnis: Fünf Schwerverletzte und der später vom SEK erschossene Täter.“

Medien, wie eben die Tagesschau, sprechen inzwischen aufgrund zunehmender Indizien (mehr unten) von einem „islamistisch motivierten Anschglag“.

Die Opfer: eine Familie aus Hongkong (zwei von ihnen schweben noch ins hrsbensgefahr) und eine deutsche Passantin. Dazu viele Zugpassagiere und wohl auch Anwohner unter Schock.

Der Täter: ein 17-jähriger Afghane (das hatte bereits gestern abend Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in des Tagesthemen bekanntgegeben), von dem nicht viel bekannt ist. Am 30. Juni 2015 sei er, noch 15-jährig, in Deutschland angekommen – ein „unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling“, denen besondere Aufmerksamkeit zukommt. Er wurde von der Polizei aus Notwehr erschossen (eine Untersuchung läuft routinemäßig).

Sein Name und seine Herkunft innerhalb Afghanistans sind bisher unbekannt; klar ist nur, dass offenbar Pashto seine Muttersprache ist. In seiner Wohnung habe man auf einem Block einen Text auf Pashto gefunden.

Die afghanische Webseite Tolonews allerdings gibt den Namen mit Muhammad Riyad (bzw Riaz) an, mit Bezug auf ein angebliches Internetvideo (auch dazu mehr unten).

 

Bei der Polizei seien gestern gegen 21.15 Uhr mehrere Notrufe aus der Regionalbahn RB 58130 eingegangen, so Die Zeit. Bereits der erste Anrufer habe den Hinweis gegeben, dass der Jugendliche „Allahu Akbar“ gerufen hatte. Daraufhin hätte die Polizei so rasch wie möglich so viele Einsatzkräfte wie möglich an den Tatort geschickt. Diese Rufe seien mit dem Notruf, der offenbar von einer Flüchtlingshelferin stammte, von der Polizei aufgezeichnet worden und „deutlich zu verstehen“, so der Spiegel. „Die Zeugin war eine Mitarbeiterin eines Heims für Asylbewerber, die den 17-Jährigen erkannt habe.“

Der Täter wohnte zunächst in einer Sammelunterkunft des Kolpingwerkes, dann kommt er – vor zwei Wochen – in eine Pflegefamilie. Er soll auch bereits eine Lehrstelle in Aussicht gehabt haben. Die Süddeutsche hat ein paar kurze Aussagen einer lokalen Flüchtlingshelferin und der Pflegemutter über den 17-Jährigen.

„Vor der Attacke habe er sich von der Pflegefamilie verabschiedet und gesagt, er gehe Fahrradfahren“, schreibt die taz weiter.

In dem schon erwähnten Notizblock hätten Ermittler hätten auch Hinweise auf eine islamistische „Radikalisierung“ des Täters gefunden: eine handgemalte Flagge des Islamischen Staates (IS) sowie Textpassagen. Aus einem Text soll hervorgehen, dass Muslime ‚sich zur Wehr setzen müssten’. Eine andere Passage hätten die Ermittler als Abschiedsbrief an seinen Vater gewertet. Darin heißt es laut Ermittlern: „Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann und dass ich in den Himmel komme.“

Zuvor, am vergangenen Samstag, habe er erfahren, dass ein Freund von ihm in Afghanistan ums Leben gekommen war. Auch hier gibt es keine weiteren Details. „Diese Nachricht hat wohl nachhaltig Eindruck auf ihn gemacht“, so Ermittler, und er habe danach viel telefoniert. Bisher sei nicht bekannt, mit wem er telefoniert habe, da die Auswertung seines Handys noch nicht abgeschlossen sei.

Inzwischen kursiere im Internet eine Aufnahme, die den Zug-Attentäter zeigen soll. Verbreitet wurde das Video von der sogenannten Nachrichtenagentur Amaq, die dem IS nahesteht. Demnach soll darin angeblich der 17-Jährige vor der Tat zu sehen sein. Unter anderem sagt er auf Pashto: „Ich bin ein Soldat des Islamischen Staates und werde eine heilige Operation in Deutschland ausführen. (…) Ihr kommt in unsere Länder, um unsere Männer, Frauen und Kinder zu töten. (…) So Gott will, werdet ihr in jeder Straße, in jedem Dorf, in jeder Stadt und auf jedem Flughafen angegriffen.“

Die Tagesschau berichtete gerade, laut Bundeskanzleramtschef Peter Altmaier sei das Video wahrscheinlich authentisch. Es werde aber noch geprüft.

Schon vorher hatte Amaq behauptet, der Angriff sei von einem IS-Kämpfer ausgeführt worden. Wörtlich hieß es laut Die Zeit: “ Der Täter hinter der Axt-Attacke in Deutschland ist einer der Kämpfer des IS und er führte die Attacke aus als Antwort auf die Aufrufe, alle Staaten ins Ziel zu nehmen, die an der Allianz zur Bekämpfung des IS beteiligt sind.“

Das wäre der erste Terrorakt, den der IS in Deutschland beansprucht.

Die Zeit schreibt weiter: „Diese Erklärung ist sehr ähnlich zu denen, die Amaq nach den Anschlägen von Orlando und Nizza abgab. Nach Einschätzung von Zeit-Redakteur Yassin Musharbash sind sie nicht gleichzusetzen mit einem unmittelbaren Bekennerschreiben des IS. Eher habe es den Anschein, als wähle der IS diesen Weg, wenn er eine bestimmte Tat zwar „adoptieren“ möchte, den Täter aber nicht kenne und deswegen einen Rest an Distanz zwischen sich und die Benennung zu der Tat stehenlasse.“

Der Spiegel berichtet, dass die afghanische Regierung die Tat des jungen Flüchtlings aufs Schärfste verurteilt habe. „Wir sind erschüttert und erschrocken über den brutalen Akt, den einer unserer Landsleute ausgeführt hat“, teilte das Büro von Außenminister Salahuddin Rabbani auf Anfrage mit. Für die afghanische Regierung betonte der Top-Diplomat, dass die Brutalität des Täters in keiner Weise die Gefühle der Afghanen widerspiegele. „Deutschland hat uns immer unterstützt, bis heute, dafür sind wir dankbar“, so die Mitteilung von Rabbani.

 

dpa veröffentlichte folgenden Hintergrund, z.T. auf AAN-Analysen beruhend:

 

Was wir über Flüchtlinge aus Afghanistan wissen

Ist der IS verbreitet in Afghanistan?

Den IS gibt es in Afghanistan erst seit Anfang 2015, und sein Wachstum ist auch wegen blutiger Rivalitäten mit den Taliben stark gebremst. Seine Kämpfer – angeblich derzeit rund 2500 – sind in nur ein bis zwei der 34 afghanischen Provinzen aktiv. US-Drohnen fliegen derzeit mehrmals wöchentlich Luftangriffe auf ihre Stellungen.

 

Wieso fliehen junge Afghanen aus ihrem Land?

Afghanistan ist immer noch eins der ärmsten Länder der Welt. Die Arbeitslosenrate wird auf etwa 40 Prozent geschätzt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Sicherheitslage. Seit dem Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 fühlen sich die Taliban in vielen Provinzen ermutigt. 31 von 34 Provinzen waren nach UN-Angaben in 2015 von Gewalt betroffen. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sehen keine Zukunft in Afghanistan.

 

Sind unter den Flüchtlingen viele Extremisten?

Das ist schwer festzustellen. Viele der jungen Flüchtlinge gehören zur dünnen Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. Das Interesse der großen Mehrheit scheint nicht der Dschihad, sondern ein besseres Leben zu sein. Allerdings nimmt dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network zufolge die Radikalisierung auch an Afghanistans Universitäten zu.

 

Fliehen weniger Afghanen, seit die Balkanroute geschlossen ist?

Es sieht so aus – aber gestoppt ist die Fluchtbewegung damit nicht. Einer der vielen Menschenschmuggler in Kabul sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass er im vergangenen Jahr täglich bis zu 25 bis 30 „Kunden“ außer Landes geschafft habe. Nun seien es zehn bis zwölf.

 

Wie sind die Reaktionen in Afghanistan?

Afghanische Medien (z.B. hier und hier) berichten am Dienstag über die Tat. In der Hauptstadt Kabul sind die Menschen schockiert. Von hier sind Tausende Flüchtlinge nach Europa aufgebrochen, viele Menschen haben nun Verwandte und Freunde in Deutschland. Sie hoffen, dass dass nicht alle Afghanen wegen der Tat eines Einzelnen verurteilt werden. Das müsse „ein Psycho“ gewesen sein, sagt ein Wirtschaftsstudent, Said Taufik Jakin, 26. Aber man müsse auch bedenken, was ihn möglicherweise zu seiner Tat getrieben habe: „Ich höre von meinen Freunden in Deutschland, dass afghanische Flüchtlinge dort eine Menge Probleme haben.“

Was mir an der Berichterstattung besonders gefällt, ist der wiederholte Hinweis, dass die Behörden sich noch mehr den minderjährigen Flüchtlingen zuwenden muss, die häufig (durch Erlebnisse auf und vor der Flucht, im Krieg) traumatisiert worden sind – etwas, das Nicht-Spezialisten nicht auf Anhieb erkennen können.

 

 

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