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Der Angriff der Taleban auf eine Wohnlage für ausländische Kontraktoren in Kabul in der Nacht zum 1. August (mein Bericht hier) wirft Licht auf ein Thema, über das – wie Willi Germund in der heutigen Frankfurter Rundschau schreibt (unten der gesamte Artikel) – „westliche Regierungen ebenso gerne schweigen wie Kabul“: den Einsatz von zivilen Kontraktoren, die über die vergangenen Jahre nicht nur in Afghanistan große Teile der Militär- und Geheimdienstoperationen vor allem der USA übernommen haben und damit, so Germund weiter, „möglicherweise zum Herzen der westlichen Militäroperationen am Hindukusch gehör[en“]. Das „möglicherweise“ kann man wohl sogar weglassen.

Micah Zenko (in der Zeitschrift Foreign Affairs) schreibt, die oftmalige Nichterwähnung der Kontraktoren erzeuge „einen falschen Eindruck eines viel kleineren militärischen Fußabdrucks der USA“. Auch die Unterzeile eines Artikels in der linken US-Zeitrschift The Nation ist treffend: „Die Mission ist nicht vorüber – sie wurde nur anderen Akteuren übertragen“.

Die Zeit beschreibt die Kontraktoren-Wohnanlage wie folgt:

Das angegriffene Hotel gehört zur Firma Northgate, die laut eigener Webseite „Dienstleistungen der Lebensunterstützung für Militär und zivile Organisationen in Krisenländern“ anbietet. Das Hotel wird als „sicherer Hafen“ beworben. Es habe „diplomatischen Status“. Bereits 2013 ist es angegriffen worden. Im Januar hatten die Taliban in einem ähnlichen Angriff das ebenfalls von ausländischen Vertragskräften bewohnte Camp Baron angegriffen und mindestens 30 Menschen verletzt.  

Schottische Söldner im 30jährigen Krieg. Quelle: Wikimedia Commons.

Schottische Söldner im 30jährigen Krieg. Quelle: Wikimedia Commons.

 

Eine Studie von Transparency International bezifferte im Februar 2016 die Zahl der in Irak und Afghanistan eingesetzten Mitarbeiter von privaten Militär- und Sicherheitsfirmen auf zusammen rund 250.000. In Irak soll die US-Regierung zwischen 2003 und 2008 rund ein Fünftel der Gesamtkosten des Krieges, etwa 100 Milliarden US-Dollar, für die Dienste sogenannter privater Sicherheitsfirmen ausgegeben haben, berichtet die taz. „Den Löwenanteil sicherte sich im Irak Kellogg, Brown & Root, Tochterfirma von Halliburton, dem früheren Arbeitgeber des damaligen Vizepräsidenten Richard Cheney.“

Eine jüngste Auflistung, der sogenannte Kontraktoren-Zensus des US-Zentralkommandos CENTCOM nennt für das dritte Quartal 2016 die Zahl von 26.435 Kontraktoren, die allein für das US-Verteidigungsministerium in Afghanistan arbeiten (im 4. Quartal 2014: 45.349), sowie 13.774 (4/2014: 15.511) auf anderen CENTCOM-Stützpunkten, von denen einige mit Afghanistan zu tun haben dürften. Damit ist vor allem die Zahl der direkt in Afghanistan eingesetzten Kontraktoren seither um etwa 40 Prozent gefallen.

Hier, hier und hier ziemlich treffende Fotos solcher Kontaktoren.

Die Zahl der Kontraktoren liegt aber immer noch mehr als vierfach über der Zahl der in Afghanistan stationierten US-Soldaten, die mit 9800 angegeben wird. Die NATO gibt für Juli 2016 6800 US-Soldaten an, die zur von ihr geführten Mission Resolute Support gehören. Daraus kann man schließen, dass etwa 3000 zur Anti-Terrorismus-Mission Freedom’s Sentinel gehören, die „Aufgaben gegen Kämpfer von al-Qaeda, den Taleban und des Islamischen Staats oder damit verbundene Aufgaben durchführen“ (siehe auch mein Bericht zur Verlängerung der Mission Resolute Support).

Unter den direkt in Afghanistan stationierten Kontraktoren waren laut CENTCOM die meisten als Logistiker, Übersetzer usw registriert, während 2802 (10,6% – eine prozentuale Verdopplung seit 2014) als „Sicherheitskräfte“ (davon 1022 als „private bewaffnete Sicherheitskontraktoren) sowie 397 (1,5%) als “andere” kategorisiert waren, definiert als für die „Defense Logistics Agency, das Army Materiel Command, externe und Systemunterstützungsverträge für die Air Force, das Special Operations Command und INSCOM [the U.S. Army Intelligence and Security Command]” arbeitend.

Auch die Zahl der in Afghanistan getöteten US-Kontraktoren liegt höher als die der US-Soldaten. Nach Angaben des Cost of War Project einer US-Universität wurden bis April 2014 2313 US-Soldaten, aber 3248 US-Kontraktoren getötet. Ein Artikel in Foreign Affairs von 2015 hat hingegen 1592 – aber zählt vielleicht nur die mit US-Pass. (Das bleibt im Artikel unklar, obwohl es generell um US-Todesopfer in Afghanistan geht.) Laut CENTCOM waren im Juli 2016 8837 aller 26.435 Kontraktoren in Afghanistan US-Amerikaner, weitere 11,824 Afghanen sowie 5774 anderer Nationalität.

Die Zahl der eingesetzten Kontraktoren wird vom CENTCOM vierteljährlich hier veröffentlicht.

 

Hier Willi Germunds FR-Artikel:

Taliban greifen Söldnerhotel an

In Afghanistan stehen Tausende Zivilisten und private Kämpfer im Dienst regulärer westlicher Truppen

Von Willi Germund

Frankfurter Rundschau, 2.8.2016

(…) Mit dem Angriff gelang es Afghanistans radikalislamischen Talibanmilizen ein Thema zu beleuchten, über das westliche Regierungen ebenso gerne schweigen wie Kabul. Sie trafen mit ihrem zweiten Angriff auf das Northgate innerhalb der vergangenen Jahre eine Anlage, die gegenwärtig möglicherweise zum Herzen der westlichen Militäroperationen am Hindukusch gehört.

Angriff in Kabul

Das Hotel, das laut eigener Webseite seit dem Jahr 2013 diplomatischen Status genießt, dient überwiegend als Unterkunft für sogenannte „Private Contractors“, wie Söldner heutzutage verschämt genannt werden. Zwischen den Jahren 2001 und Ende 2014 starben fast 1600 von ihnen im Kriegseinsatz am Hindukusch.

Zwischenzeitlich kamen laut Schätzungen auf einen Nato-Soldaten sage und schreibe drei Söldner. Als die USA während der letzten Offensive westlicher Truppen gegen die Taliban 45 000 Soldaten in Afghanistan hatten, wurden sie von 105 000 männlichen und weiblichen Söldnern unterstützt. Im Folterprogamm des US-Geheimdienstes CIA waren zwischenzeitlich 85 Prozent der Angestellten Söldner, die Gefangene quälten.

Millionen für „Contractors“

Zu den Aufgaben der „Contractors“ gehören die Wartung von Flugzeugen, Kampfhubschraubern und Kommunikation. In Sri Lanka wurden Küchenhilfen angeheuert. In Nepal gingen Werber bei den Gurkhas auf Rekrutierungstour.

Erst um die Jahreswende vergab das US-Pentagon einen Vertrag in Höhe von 100 Millionen US-Dollar an die Söldnertruppe DynCorps. Der Grund: Mit einer Obergrenze von mittlerweile 8400 Soldaten ließen Einheiten wie die 101. Combat Aviation Brigade rund 2000 Soldaten in der Heimat und nur 800 rückten aus. DynCorps übernimmt nun Wartungsaufgaben und andere Arbeiten in der Etappe der Fronttruppe.

Laut der Webseite „Danger Zone Jobs“, einem Webportal für risikofreudige Jobsucher in gefährlichen Weltgegenden, beschäftigt gegenwärtig alleine das US-Verteidigungsministerium 30 455 Contractors in Afghanistan. 10 151 stammen aus den USA, 6586 aus anderen Ländern und etwa 13 700 wurden vor Ort in Afghanistan angeheuert. Gegenüber dem vergangenen Jahr nahm die Zahl der Söldner sogar um 0,8 Prozent zu, während die Zahl der westlichen Soldaten schrumpfte.

Laut „Danger Zone Jobs“ gibt es trotz Abzugs westlicher Truppen und Kürzung von Mitteln dank dem Krieg weiter Verdienstmöglichkeiten am Hindukusch: „70 Prozent der Firmen, die früher in Afghanistan aktiv waren, suchen weiter Leute. Der Fußabdruck von Contractors in Afghanistan wird so lange bleiben, bis die letzten Stützpunkte geschlossen werden.“

Afghanistans Talibanmilizen machen schon lange keinen Unterschied zwischen regulären Soldaten und hoch bezahlten Söldnern, die vorwiegend für das eigene Konto arbeiten. Da viele der Contractors nicht alleine im militärischen Umfeld aktiv sind, sondern auch für Privatfirmen arbeiten, die mit Regierungsaufträgen Hilfsprojekte umsetzen, gerieten während der vergangenen Jahre auch die Mitarbeiter regulärer Hilfsorganisationen vermehrt ins Zielfeuer der Rebellen. Taliban konnten keinen Unterschied zwischen echten Hilfsorganisationen und privaten Hilfsunternehmen erkennen.

Für die Söldner am Hindukusch aber gilt nach der erfolgreichen diesjährigen Sommeroffensive der Taliban: Ihr fröhliches Leben hinter hohen Zäunen, massiven Sicherungsvorkehrungen mit diplomatischem Schutz, Pizzarestaurant und Daiquiris am Swimming Pool könnte im Grab enden.

 

Hier der Abschnitt zu Afghanistan aus der o.g. Transparency-Studie:

Die ersten PMSC wurden in Afghanistan zusammen mit US-amerikanischen und anderen ISAF-Kräften in der Zeit nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingesetzt. Im Anschluss an die Intervention wuchs die Zahl der afghanischen Sicherheitsunternehmen schlagartig.

Besonders stark stieg die Zahl der PMSC an, nachdem sich die Sicherheitslage im Jahr 2007 allmählich zu verschlechtern begonnen hatte. Der damalige Präsident, Hamid Karzai, sah die Präsenz von bewaffneten Sicherheitsunternehmen
mit großer Sorge und verfügte im Jahr 2010 die Beendigung des Einsatzes bewaffneter PMSC. Diese sollten durch eine staatlich geführte Afghan Public Protection Force (APPF) ersetzt werden. Da diese nicht imstande war, die Sicherheitsnachfrage internationaler Akteure zu erfüllen, wurde sie 2014 wieder aufgelöst. 

Das Fallbeispiel Afghanistan zeigt fünf Probleme beim Einsatz von PMSC. 

  • Bewaffnete Sicherheitskräfte waren mehrfach in Gewalthandlungen gegen Zivilisten und in illegale Hinrichtungen verstrickt. 
  • PMSC sind beschuldigt worden, Zivilisten und ihre eigenen Mitarbeitenden auszubeuten und zu misshandeln, wobei die Bandbreite der Vergehen von Bedrohung und organisierter Schutzgelderpressung über Entführung und Menschenhandel bis hin zu Diebstahl und Plünderung reicht. 
  • Afghanische Sicherheitsunternehmen sind vielfach in Machtkämpfe zwischen einflussreichen Clans oder lokalen Milizen und Bandenchefs verwickelt worden, was die Schaffung demokratischer Strukturen auf nationaler und lokaler Ebene behinderte. 
  • PMSC und ihren Mitarbeitenden ist es in vielen Fällen gelungen, sich der Strafverfolgung in Afghanistan und ihren Heimatstaaten zu entziehen. 
  • Audits bei Auftragnehmern haben ergeben, dass Korruption, Verschwendung und Ineffizienz weitverbreitet sind. 

Zu den Grundursachen dieser Probleme zählen mangelnde Transparenz, Rechenschaft und Kontrolle durch Heimatstaaten, Auftraggeber und Zielländer. Es hat sich gezeigt, dass Auftraggeber Unternehmen in der Regel auf Grundlage ihrer Größe, ihres Standorts und ihrer Verbindungen auswählen statt auf Grundlage professioneller Standards und somit auch zu den erwähnten Problemen beitragen. 

Die Auftraggeber achten zudem kaum auf die Einhaltung operativer Standards oder die Verflechtungen zwischen PMSC und lokalen Machthabern. Internationale Verträge mit Unternehmen, die bewaffnete Sicherheitskräfte stellen, haben Clans, Bandenchefs und Milizen unwissentlich mit Einkommen versorgt und ihnen Einfluss verschafft. Auch viele der größten afghanischen Unternehmen hatten oder haben derartige Verbindungen. So befindet sich das Unternehmen Watan Risk Management im Besitz von Ahmad Rateb Popal und Rashed Popal, zwei Verwandten des ehemaligen Präsidenten Karzai. NCL Holdings, ein strategischer Partner von NCL Security, wurde von Hamed Wardak gegründet und geleitet, dem Sohn des ehemaligen Verteidigungsministers Rahim Wardak. 

Die sogenannten Status-of-Forces-Agreements (SOFA) zwischen den Vereinigten Staaten, der ISAF und der afghanischen Regierung enthalten keine eindeutigen Angaben zur rechtlichen Verantwortlichkeit für die Verfolgung von Straftaten, die von PMSC oder deren Mitarbeitenden begangen werden. In vielen Fällen sind sich selbst die Auftraggeber und die Heimatstaaten der jeweiligen Zuständigkeiten nicht bewusst. 

Schon 2007 schrieben Susanne Schmeidl (auch AAN-Autorin) und Lisa Rimli für die Organisation Swisspeace (Volltext hier); Quelle der Zusammenfassung: http://www.swissinfo.ch/ger/sicherheitsfirmen-in-afghanistan-kritisiert/6248650), dass private Sicherheitsfirmen in Afghanistan zur Verunsicherung in der Bevölkerung beitragen, da sie oft mit der Internationalen Schutztruppe ISAF verwechselt würden. Private Unternehmen würden auch frühere Mudschahedin und Angehörige von Milizen – oft ganze Gruppen samt deren Anführern – anheuern.

 

Die taz schrieb 2015, dass auch „europäisches Militär“ private Sicherheitsdienstleister in Anspruch nahm, „etwa in Afghanistan“ – aber ohne weitere Angaben zu machen. Die Tagesschau meldete im Februar 2016 unter Bezugnahme auf die Transparency-Studie:

Im Rahmen deutscher Polizeiausbildungs- und ziviler Missionen in Afghanistan setzte die deutsche Regierung zudem 264 lokale Sicherheitskräfte ein. Auch Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Schweden, Norwegen und Polen greifen im Rahmen ihrer Einsätze auf die Unterstützung durch PMSC [private Militär- und Sicherheitsunternehmen] zurück. (…) Hatte die Bundeswehr 2004 und 2005 die Auslagerung von Aufgaben in den Bereichen Bewachung, Reparatur, Wartung und Logistik im Rahmen internationaler militärischer Interventionen vor Ort noch prinzipiell abgelehnt, so wurden diese Aufgaben in Afghanistan routinemäßig ausgelagert.

Dort heißt es auch, dass auch deutsche Firmen in dem Geschäft mitmischten, etwa „die deutsche Xeless-Group mit mehr als 5000 Mitarbeitern“. Die wiederum wurde 2013 in einem Bericht des Wall Street Journal im Zusammenhang mit Untersuchungen von US-Korruptionsbekämpfungsbehörden über einen möglichen „kriminellen Ring, der für das Kommando der US-Spezialkräfte in Süd-Afghanistan“ gearbeitet und die US-Regierung bei Treibstofflieferungen um 77 Millionen US-Dollar erleichtert haben soll. Die taz erwähnte 2010 das Unternehmen Asgaard aus Telgte bei Münster.

 

Weitere Literatur:

  • „Debatte vertagt? Militär- und Sicherheitsfirmen in deutschen Auslandseinsätzen“, eine Studie der deutschen Friedensforscher Elke Krahmann und Cornelius Friesendorf von 2011 (hier), hier eine andere Version auf Englisch.
  • Ein Papier von 2010 diskutiert Aktivitäten, rechtlicher Status und Perspektiven privater deutscher Militärdienstleister.
  • Ein weiterer interessanter Hintergrund-Artikel zu diesem Thema in deutscher Sprache erschien 2009 in der Zeitschrift „Hintergrund“ von Autor Rolf Uesseler.
  • Der Artikel „The New Unknown Soldiers of Afghanistan and Iraq“ aus der Zeitschrift Foreign Affairs (2015) von Micah Zenko.
  • Außerdem: House of Representatives (2010): Warlord, Inc.: Extortion and Corruption Along the U.S. Supply Chain in Afghanistan: Report by the Majority Staff, Washington, D.C: Committee on Oversight and Government Reform (Link hier).
  • Beim GIGA Hamburg gibt es sogar eine Bibliografie zu dem Thema („Private Militärfirmen auf dem Vormarsch“)
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