Afghanistan wird nur mit einem kleinen Team an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen, die heute eröffnet werden. Eine Frau und zwei Männer werden an den Start gehen: die Leichtathleten Kamia Yousufi und Abdul Wahab Zahiri – beide im 100m-Sprint sowie der Judoka Mohammad Tawfiq Bakhshi  in der Über-90kg-Klasse. Bakhshi hat bereits mehrere Mediallen bei Südasien-Spielen gewonnen.

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Afghanistans Judo-Champion und Olympia-Starter Bakhshi. Foto: Tolo.

Afghanistans Judo-Champion und Olympia-Starter Bakhshi. Foto: Tolo.

 

Bereits am 1. August war im Olympischen Dorf von Rio die afghanische Flagge gehisst worden. Das dazu verbreitete Foto zeigt, dass die Delegation offenbar aus mehr Offiziellen denn Sportlern besteht. Delegationsleiter ist Ghulam Rabbani Rabbani (dessen Funktion mir nicht bekannt ist).

Afghanistan hat immerhin schon zwei olympische Mediallen auf seinem Konto, jeweils Bronze, gewonnen vom Taekwondo-Kämpfer Rohullah Nekpai, 2008 in Beijing und 2012 in London.

Hier und hier sind Übersichten über Afghanistans bisherige Olympia-Teilnahmen. Die erste war 1936 in Berlin, bei den von den Nazis ausgerichteten Spielen. Hier finden sich einige Fotos davon (Beijing 2008, London 2012, Melbourne 1956, Hockeyteam startete).

Im vergangenen Jahr war Afghanistans sowieso schon notorisch von Korruption geschütteltes Nationales Olympisches Komitee (NOK) in neue Schwierigkeiten geraten. Der bis dahin amtierende NOK-Chef Fahim Haschemi – ein Geschäftsmann, dem der Fernseh-Sender 1TV gehört – hatte wegen angeblicher prozedurales Fehler gegen die Wahl seines Nachfolgers Muhammad Zahir Akbar protestiert, die allerdings vom IOC anerkannt worden war. Haschemi war allerdings nach 17 Monaten im Amt zurückgetreten. Akbar – der dann Sicherheitsberater von Chief Executive Dr Abdullah wurde – war auch Vorgänger Haschemis gewesen und 2014 seinerseits zurückgetreten (wahrscheinlich zur Präsidentenwahl). Haschemi hatte sich wohl auch bemüht, das NOK unabhängiger von der Regierung zu machen. Er habe wegen des Ausbleibens von Regierungsmitteln die Teilnahme eines afghanischen Teams bei den Asienspielen 2014 aus eigenen Mitteln finanziert.

Die Abteilung für Körperkultur und Sport beim Kultur- und Informationsministerium weigere sich, das NOK finanziell zu unterstützen. Ursache seien politische Querelen: NOK-Chef Akbar ist Abdullah-Anhänger, während Sportchef Khairi im Kulturministerium von Warlord Dostum unterstützt werde.

Auch Olympia-Medaillengewinner Nekpai gehörte zu den Gegners Haschemis, dem er vorwarf, nicht gegen Funktionäre des Taekwando-Verbandes vorgegangen zu sein, die Geld für Athleten unterschlagen hätten. Die Verbandsquerelen hätten dazu geführt, dass er nicht regelmäßig trainieren konnte und somit die Chance auf seine dritten Olympischen Spiele verpasste. Immerhin darf er bei der Eröffnung die afghanische Flagge ins Maracana-Stadion ragen. Auch eine andere afghanische Medaillenhoffnung, eine in Iran lebende und trainierende Taekwando-Kämpferin, wurde schließlich nicht für Rio nominiert – Gründe unbekannt.

Im April hatte die New York Times von unhaltbaren Zuständen im afghanischen Frauensport berichtet. Das Frauen-Radteam, das durch die Medien gegangen und sogar für den Friedensnobelpreis nominiert war, ist in Auflösung begriffen, weil der Verbandstrainer es offensichtlich als Selbstbedienungsladen betrachtete; er soll sogar drei der Sportlerinnen nacheinander geheiratet und sich wieder von ihnen geschieden haben. Das Frauenfußballteam hat seit 2014 nicht mehr international gespielt und wird nur noch von regelmäßigen Gehaltszahlungen formal zusammengehalten. Das Frauen-Kricketteam wurde vom Kricket-verband aufgelöst, weil man(n) der Meinung war, Frauen sollten diesen – oder überhaupt einen – Sport betreiben. Diese Ansicht äußerte auch die ehemalige afghanische Fußballkapitänin Shamila Kohestani, die sagte, dass die afghanische Sportoffiziellen niemals wirklich die Idee der Frauensports unterstützt hätten und nur Interesse geheuchelt hätten, weil darüber Hilfsgelder akquiriert werden konnten.

 

 

 

 

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