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Prolog

Selten konnte man innerhalb zweier Tage im Juli so deutlich sehen, wie super sich die US- und afghanischen Verbündeten dort koordinieren und, im Resultat, wie groß der Propaganda-Anteil an den sogenannte westlichen Informationen zur Sicherheitssituation in Afghanistan ist – und das in den Zeilen ein und derselben Quelle

“Taliban Violence Goes Down” titelte die Nachrichtenagentur AP am 18.7.16, unter Berufung auf US-Generalstabschef Joseph Dunford – zuvor von Februar 2013 bis August 2014 Kommandeur von ISAF und gleichzeitig der U.S. Forces Afghanistan (USFOR-A).

“Afghan Officials Report (…) Uptick in Violence” hieß es bei AP einen Tag später, nach Berichten über Kämpfe in mehreren Provinzen des Landes.

Das war im Juli. Im Moment gibt es keine Zweifel, dass die Taleban wieder im Vormarsch sind.

Gebet am Abzweig nach Laschkargah, Helmand. Foto: Thomas Ruttig (2005).

Gebet am Abzweig nach Laschkargah, Helmand. Foto: Thomas Ruttig (2005).

 

Die Berichtslage gestern (am 10.8.16)

Schwerpunkt erneuter massiver Taleban-Angriffe war die Provinz Helmand im Süden, wo bereits seit Wochen in den Distrikten wieder gekämpft wird. Im schon öfter umkämpften Sangin (siehe hier) sind die Regierungstruppen wieder umzingelt und auch in Mardscha wieder unter Druck. In beide Distrikte hatten von US-Truppen unterstützte Regierungskräfte erst mühselig in der ersten Jahreshälfte wieder die Straßen freigekämpft.

Teile von Garmser ganz im Süden sowie das Distriktzentrum von Chaneschin wurden in den letzten Tagen überrannt. Ebenso große Teile von Nawa, nahe der Provinzhauptstadt Laschkargah, die bisher noch unter Regierungskontrolle waren. Afghanische Spezialeinheiten – wohl nur insgesamt nur einige hundert Soldaten und mit Einsätzen im ganzen Land überlastet – vertrieben im Gegenzug die Taleban aus einem wichtigen Basar im Distrikt Nad Ali [Update 11.8.: und inzwischen nach Berichten afghanischer sozialer Medien auch aus dem Distriktzentrum].

„Taliban umzingeln Provinzhauptstadt von Helmand“ meldete folgerichtig AP. Hier die gesamte Meldung:

(ap) Im Süden Afghanistans haben sich die Kämpfe zwischen den radikalislamischen Taliban und dem Militär um eine wichtige Provinzhauptstadt verschärft. Die Taliban hätten Laschkar Gah in der Provinz Helmand komplett umzingelt, sagte ein führender Politiker der Provinz am Mittwoch. Die Armee habe Soldaten und Polizeieinheiten von anderen Orten als Verstärkung in die Stadt beordert. Sie sollten am Mittwoch dort eintreffen.

Helmand ist eine Hochburg des Opiumanbaus, über den die Taliban ihren Kampf um die Macht in Afghanistan finanzieren. Aber auch für die Regierung in Kabul hat die Provinz strategische Bedeutung.

Ende Juli sagte der Regierungsvertreter in Helmand, Karim Atal, in den zurückliegenden sechs Monaten hätten die Taliban 60 Prozent der Provinz unter ihre Kontrolle gebracht. 90 Prozent des weltweiten Heroins stammen aus Opium aus Helmand.

Die Kämpfe um Laschkar Gah haben bereits alle Zufahrtstrassen gekappt [seit sechs Tagen auch die Hauptverbindungsstraße zwischen Kandahar und Laschkargah – obwohl L. etwas abseits der Ringstraße liegt]. Preise für Lebensmittel und andere wichtige Güter seien innerhalb der Stadt bereits drastisch gestiegen, hiess es weiter. (…)

Auch aus Helmands Distrikten kamen Berichte, dass den eingeschlossenen Truppen Munition und Lebensmittel ausgingen. Im Moment werden Verstärkungen nach Laschkargah eingeflogen. Zudem haben US-Truppen ihre Luftangriffe in der Region verstärkt. Aber auch die Taleban setzen ihre neuen Sondereinheit, die sogenannte Sra Qeta („Rote Einheit“), ein (mehr dazu hier bei AAN).

Tausende sind auf der Flucht und erhöhen die Zahl der afghanischen Binnenvertriebenen (bisher etwa 1,2 Millionen) weiter. Die Preise für Lebensmittel steigen bereits.

Aus den Distrikten in Nord-Helmand (Musa Qala, Nausad, Kadschaki, Baghran) ist nichts zu hören. Dort scheinen die Taleban fest im Sattel zu sitzen; es gibt nur wenige kleine Regierungsenklaven.

Parlamentsmitglied Abdul Sattar Chawasi aus Parwan überlebte unterdessen einen Mordanschlag, als zur Gebetszeit mehrere Taleban in sein Wohnhaus eindrangen.

Am Tag zuvor wurden bei einem Bombenanschlag auf einem Basar in Masar-e Scharif ein Mensch getötet und 14 verletzt.

 

Ein Graffiti in Kunduz. Foto: Thomas Ruttig (2007).

Ein Graffiti in Kunduz. Foto: Thomas Ruttig (2007).

Und wieder: Kundus (und Baghlan)

Auch in Kundus läuft eine neue Offensive. Die Taleban nahmen Ende Juli die Zentren der Distrikte Qala-ye Sal und Dascht-e Artschi ein, griffen das Zentrum von Imam Sahib an und rückten auch in Tschahardara wieder vor. Zudem kontrollieren sie fast das gesamte Gebiet der Distrikte Aqtasch, Golbad und Gortepa, deren Neugründung die Regierung Ende letzten Jahres ankündigte, die aber mangels Kontrolle nicht umgesetzt warden konnte. (Dazu demnächst mehr bei AAN.)

In der Provinz Baghlan nahmen die Taleban mehrere Dörfer im Distrikt Dahna-je Ghori ein, wo sie bereits etwa 90 Prozent des Territoriums kontrollieren sollen. [Update 11.8.: Auch um das Distriktzentrum werde gekämpft.] In Baghlan haben die Taleban seit Ende 2015 ihre Kontrolle merklich ausgedehnt, auch in unmittelbarer Nähe der Provinzhauptstadt Pul-e Chumri. Sie kontrollieren bereits größere, zusammenhängende Gebiete, die auch ins nördlich benachbarte Kunduz hinüberreichen, und bedrohen nun den Abschnitt Baghlan-Masar-e Scharif der großen nationalen Ringstraße. Einen Bericht zur Lage in Baghlan gibt es demnächst ebenfalls  bei AAN.

Distriktzentrum von Pasaband (Ghor). Foto: Pajhwok.

Distriktzentrum von Pasaband (Ghor). Foto: Pajhwok.

 

… und der Rest des Landes

Schon seit Anfang August rückten sie auf weitere Distriktzentren vor: „Distrikt Kohistan [in Farjab] könnte an die Taliban fallen, warnen Offizielle“ und „Farahs Distrikt Poschtrud in Gefahr, an die Taleban zu fallen: gewählte Vertreter“ (beides 1.8.); „Distrikt Pasaband [in Ghor] am Rande des Kollaps“ (7.8.); „Paktias Distrikt Dschanichel am Rande des Kollaps: Offizielle“ (10.8.). Auch wenn die afghanischen Offiziellen manchmal übertreiben, auch um dem Wunsch nach Nachschub und Verstärkung Nachdruck zu verleihen, gibt es ja keinen Rauch ohne Feuer.

Mitte Juli hatten Taleban den Distrikt Chasch in Badachschan angegriffen. In der Provinz urusgan wird ebenfalls seit Wochen gekämpft, und auch die dortige Hauptstadt Tirinkot steht unter Druck.

Sicherheitsprobleme wurden zudem aus der Provinz Herat laut. Dort beherrschten die Taleban große Teile der Distrikte Schindand, Adraskan, Gulran, Kuschk-e Kuhna und Farsi, auch wenn es dort noch keine direkten Angriffe auf Regierungseinrichtungen und Stützpunkte der Armee und Polizei gebe.

Zur Gesamtsituation gehören auch folgende Meldungen: Das afghanische Bildungsministerium sagt, landesweit seien 500 bis 600 Schulen wegen der Kämpfe geschlossen, und dass laut Afghanischer Industrie- und Handelskammer im letzten Monat 35 Geschäftsleute in fünf Provinzen entführt worden sind. das ist zusätzlich zu den gegenwärtig noch entführten mindestens drei Ausländern (hier und hier).

 

Und einen Polizeiposten.

Einsamer Polizeiposten in Nimruz. Foto: Thomas Ruttig.

 

Wie viel Prozent kontrollieren die Taleban?

Der US-Generalinspektor für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR) hat eine Ausdehnung des von den Taleban kontrollierten Territoriums in Afghanistan festgestellt. Das kann man in seinem jüngsten Vierteljahresbericht auf S. 86 nachlesen. (Der Teil „Sicherheit“ beginnt auf S. 81.) Die SIGAR-Berichte stellen generell eine rechtungeschminkte Darstellung der Situation in Afghanistan aus US-Sicht dar.

Die Nachrichtenagentur dpa hat den Teil des Berichts zur Sicherheitslage wie folgt in zwei Absätzen zusammengefasst:

Regierung verliert mehr Land an Taliban

dpa 29.7.2016, abgedruckt in der NZZ

(dpa) Die radikalislamischen Taliban haben in Afghanistan weiteres Territorium erobert. Das geht aus einem am Freitag veröffentlichten Bericht des Aufsichtsgremiums des amerikanischen Senats für die Hilfe in Afghanistan (Sigar) hervor. Demnach kontrollierte die Regierung Ende Mai nur noch 65,6 Prozent der 407 Bezirke [Distrikte] des Landes. Ende Januar seien es noch 70,5 Prozent gewesen.

Unter Berufung auf amerikanische Militärquellen heisst es weiter, 268 Bezirke seien in den Händen der Regierung, 36 in der Gewalt oder unter dem Einfluss der Extremisten und 104 Bezirke «in Gefahr». Die Gewalt in Afghanistan hat seit dem Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 stark zugenommen. 2015 starben in Gefechten mit den Taliban rund 7000 afghanische Polizisten und Soldaten, rund 14’000 weitere wurden verletzt. 2016 sollen diese Zahlen weiter gestiegen sein, wie es aus Sicherheitskreisen heisst.

Alle SIGAR-Vierteljahresberichts sind hier gelistet (mit Links).

Allerdings scheinen mir die angewandten Kriterien nicht ganz eindeutig. Sie stammen auch nicht vom SIGAR, sondern der von ihm zitierten eigentlichen Quelle – dem Kommando des US-Militärs in Afghanistan (USFOR-A) – das, siehe General Dunfords öffentliche Äußerungen oben, nicht sehr verlässlich in seinen Angaben ist. USFOR-A verwendet fünf Kategorien: „unter Kontrolle der Insurgenten, unter Einfluss der Insurgenten, neutral, unter Regierungseinfluss, unter Regierungskontrolle“. Völlige Kontrolle der Taleban beinhaltet demzufolge: „keine (Anwesenheit des?) Distriktgouverneur(s) und bedeutende Regierungspräsenz“, „Aufständische kontrollieren das Gebiet, keine bedeutende Präsenz der Regierungstruppen“, „Aufständische kontrollieren die gesamte Schlüsselinfrastruktur“ sowie „die lokale Wirtschaft“, „keine effektive Besteuerung oder Gehaltszahlungen durch die Regierung; Versorgungsrouten für die Regierung abgeschnitten“. (Für Taleban-Einfluss würde das alles mit dem Attribut „überwiegend“ versehen usw.)

Die Kriterien finden sich hier auf S. 96.

Das ist zwar schon recht aussagekräftig, aber immer noch nicht eineindeutig. Zum Beispiel gibt es Distrikte, in dem es keinen offiziell ernannten, sondern nur amtierenden Distriktgouverneur gibt, aber trotzdem noch eine mehr oder weniger funktionierende Verwaltung. Außerdem gibt es Distrikte, in denen die Regierung die Distrikthaupt“stadt“ einfach verlegt hat, weil die Taleban das eigentliche Zentrum kontrollieren. Werden diese mitgezählt?

Hingegen teilte das Independent Directorate of Local Governance (IDLG) der afghanischen Regierung, das u.a. Distriktgouverneure vorschlägt, Ende Juli mit, etwa 30 Prozent aller Distrikte seien “unter ersthafter Bedrohung” – 116 von (nach seiner Zählung) 384 Distrikten, einschließlich 15 neu geschaffener und “nicht-permanenter” (was auch immer das heißt). 91 weitere Distrikte sähen sich “mittlerer” Bedrohung gegenüber.

Mindestens zehn Distrikte “seien außerhalb der Regierungskontrolle”: Discho, Baghran, Musa Qala und Nausad in Helmand, Chak-e Afghan in Zabul, Neka in Paktika, Nawa in Ghasni, Wardudsch und Jamgan in Badachshan und Kohistanat in Sar-e-Pul. Dort gebe es keine Regierungsvertreter. (Das afghanische Innenministerium sprach von neun: MoI: vier in Helmand, zwei in Badachshan, und je einer in Ghazni, Sar-e Pul und Zabul.)

Nach einem Bombenanschlag in Kabul. Foto: Thomas Ruttig (2015).

Nach einem Bombenanschlag in Kabul. Foto: Thomas Ruttig (2015).

 

Diese Zahl dürfte allerdings noch zu niedrig liegen. Vielleicht sind die genauen Prozentzahlen auch nicht ganz so wichtig, denn die Lage ist ohne fließend. Wichtiger sind Trends:

Der SIGAR-Bericht zitiert den der UNO, dass sich die Sicherheitslage in den letzten vier Monaten „beträchtlich verschlechtert“ habe und die Taleban „außergewöhnlich aktiv“ seien. Zwar habe sich die Gesamtzahl der Zwischenfälle verringert, aber die Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen sowie – erneut – der zivilen Opfer sei angestiegen. Die Hauptstadt Kabul habe seit 1.12.15 bis 20.5.16 zehn „Hoch-Profil-Attacken“ (also schwere Bombenanschläge und sogenannte „komplexe Angriffe“ unter Einsatz von Selbstmordattentätern sowie Bomben) erlebt (in der gleichen Vorjahresperiode waren es noch 26), der Rest Afghanistans 50 weitere. Die diesjährige Taleban-Offensive habe „weitgehend“ zivile Ziele ausgespart und sich statt dessen audf Distriktzentren und „strategisch wichtige Teile Urusgans an der Hauptstraße Kandahar-Tirinkot und Baghlan“ konzentriert. 68,5 Prozent aller Zwischenfälle konzentrierten sich – trotz Kundus und Baghlan – auf Süd-, Ost- und Südost-Afghanistan.

Einsame Gehöft in Waza Dzadran, Paktia. Foto: Thomas Ruttig.

Einsame Gehöft in Waza Dzadran, Paktia. Foto: Thomas Ruttig.

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