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Sei neben mir und sieh,

was mir geschehen ist.

Es ist vorbei, die Spuren noch im Herzen.

Kein Platz für mich, für Schlaf in diesem Bus.

Die Füße vertrocknet, der Traum versank im Auge.

Die Polizei sagte stopp.

Geht zurück, geht zurück.

Alle dann in den Waggons, nur ich allein auf dem Gleis.

Das Schlauchboot sank, und mein heißes Herz für Europa wurde kalt.

Die Welt schlief, nur wir waren wach,

hungrig, durstig, müde.

Wir sind ja weggegangen, schwieriger wird es zurückzukehren.

Das ganze Sich-Zerreißen, für ein bisschen Ruhe.

Nicht meine Ruhe.

Die Ruhe meiner Familie.

 

Dieses Gedicht schrieb der 14-jährigen Yasser Niksada, in Afghanistan geboren, in Iran aufgewachsen, über die Überfahrt auf der Flucht nach Europa. Der junge Autor und sein Werk sind Teil des Poetry Project, das die Afghanistan-erfahrene Spiegel-Reporterin Susanne Koelbl seit fünf Monaten als Workshop mit 14- bis 18-jährigen Geflüchteten im Berliner Kunstraum „BOX Freiraum“ beherbergt. Erstmals öffentlich trugen die Jugendlichen ihre Werke im Abendprogramm der akademisch-künstlerischen Konferenz Thinking beyond „Crises“ am 17. Mai 2016 in Berlin vor.

Das berichtete anschließend die Süddeutsche Zeitung:

Was sie vortrugen, war nicht orientalisch-blumig, aber auch nicht westlich-cool. Es war erschütternd, weil es Erfahrungen zur Sprache brachte, an denen andere zerbrechen: „Ein Toter lag auf dem Weg./ Sein Kopf war mit einem Tuch bedeckt./ Ein kleiner Junge wollte nicht weitergehen./ Der Schmuggler sagte, ich zeige dir etwas,/ danach wirst du schon laufen./ Und er führte ihn zu dem Toten.“

Oder: „Ich liebte die Mutter. Sie starb. Ich wollte gehen, und ich blieb./ Ich wollte bleiben, ich ging.“

Koelbl erklärt unter der mehr als treffenden Überschrift „Meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen“– auch das ein Zitat aus einem der Gedichte:

In der östlichen Welt gelten Gedichte als das kollektive Gedächtnis der Völker, die Verse werden von den Älteren an die Kinder weitergegeben und so ist Poesie eine vertraute Form. Im findet seit, die sich allein nach Europa durchgeschlagen haben.

Mehr zu dem Projekt und noch mehr Gedichte hier auf der Webseite von Spiegel-Online Kultur.

Nun folgt für die jungen Flüchtlingspoeten ein noch prominenterer Auftritt beim Berliner Literaturfestival im September. Hier die Ankündigung:

 

Zeit: Dienstag, 6. September 2016, 21:00

Veranstaltungsort: Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne

(mit einer Ausstellung im Haus der Berliner Festspiele, Kassenhalle)

Eintritt: 8/6/4 €

 

Mit Ali Ahmadi [Afghanistan], Ghani Ataei [Afghanistan], Mahdi Hashemi [Afghanistan], Kahel Kaschmiri [Afghanistan], Mohamad Mashgdost [Iran], Samilullah Rassouli [Afghanistan], Shah Zamir Hataki [Afghanistan], Yasser Niksada [Afghanistan]

Moderation: Susanne Koelbl

Sprecher: Julia Huston, Aarash D. Spanta, Mira Wichers

Übersetzung: Aarash D. Spanta

 

Mehr Informationen finden Sie hier oder hier.

 

Abschließend noch ein etwas älterer Beitrag zum gleichen Thema, Lyrik aus Afghanistan – ein Gedicht der jungen Herater Dichterin Nadia Andschoman, die 2005 unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich durch einen Fall häuslicher Gewalt seitens ihres Ehemannes, ums Leben kam. Ich übersetzte es 2006 für die in Berlin erscheinende entwicklungspolitische Zeitschrift INKOTA-Brief, wo es in Heft 136 (Juni 2006) erschien.

Hier der Link zur PDF-Datei:

INKOTA-Brief Nadia Anjoman Gedicht

 

Ein andere Gedicht von Nadia Anjoman (auf Dari): Hellblaue Erinnerungen.

Ein weiteres Gedicht von Nadia Anjoman (auf Dari): Hellblaue Erinnerungen.

Quelle: http://www.universeofpoetry.org/afghanistan.shtml

 

 

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