Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Nicht alles über die jüngsten erneuten Kämpfe in Afghanistan, bei denen einige Distriktzentren mehrmals den Besitzer wechselten, ist bis in die deutschen Medien gedrungen.

Berichtet wurde kurz unter Verwendung von dpa-Material, dass die Taleban am Sonnabend morgens das Distriktzentrum von Chanabad in der Provinz Kunduz eingenommen, nach einigen Stunden von Regierungstruppen aber wieder hinausgedrängt worden waren. [Ergänzung 22.8., 10.30 Uhr: dpa schrieb u.a. weiter:

In der Provinzhauptstadt sind die Ängste groß, dass sich der Fall der Provinz aus dem Herbst 2015 wiederholen könnte. Damals war die Stadt Kundus fast zwei Wochen in den Händen der Taliban gewesen. Auch um das zu verhindern, ist nun zeitweise wieder eine kleine Gruppe deutscher Militärberater vor Ort.

In einer jüngst veröffentlichten Analyse des Rechercheinstituts «Afghanistan Analysts Network» heißt es, Kundus habe im vergangenen Jahr mehr Angriffe auf Bezirkszentren gesehen als jede andere Provinz. Das Leben in der Provinzhauptstadt sei zum Stillstand gekommen. Die Regierung habe weitgehend aufgehört, zu arbeiten. Gouverneur Assadullah Omarchel wird mit den Worten zitiert: «Ich soll eine ganze Provinz regieren, aber ich bin in der Stadt gestrandet.»

Humanitäre Helfer warnen, dass im nahenden Winter Zehntausende Menschen Hunger leiden werden, weil die Gefechte Saat und Ernte weitgehend verhindert hätten. Die Stadt ist seit drei Tagen ohne Strom, weil bei Kämpfen Leitungen gekappt wurden.]

dpa berichtete in diesem Zusammenhang auch, dass „nun zeitweise wieder eine kleine Gruppe deutscher Militärberater vor Ort“ sei. Wo genau, ist unklar – aber wahrscheinlich auf dem Flugplatz von Kundus, da sie – so weit aus früheren Berichten bekannt ist – dort nur jeweils für ein paar Stunden und tagsüber einfliegen darf, um afghanische Streitkräfte zu beraten.

[Ergänzung, 22.8., 10.30 Uhr:

Wie der deutsche Einsatz genau aussieht, schildert dpa-Korrespondentin Christine-Felice Röhrs in dem Beitrag „Krieg aus zweiter Reihe – Die Deutschen, die Nato und Afghanistan“, der schon am 2.7.16 auf der Webseite des Online-Magazins Europe lief:

Kabul/Kundus (dpa) – Der Helikopter starten am frühen Morgen. Die Männer tragen Waffen, Helme und schwere Schutzwesten. Sie sehen aus, als ob sie in den Krieg ziehen. 50 Minuten dauert der Flug. Die Heckklappe bleibt offen. Ein Schütze hockt auf der Rampe und schaut wachsam nach unten. Dann Landung in einem Wirbel aus Staub und vertrocknetem Gras – fast drei Jahre nach Abzug der Bundeswehr aus ihrem Feldlager sind wieder deutsche Soldaten in Kundus, Nordafghanistan. Dies war jüngst Schauplatz von einigen der schwersten Kämpfe mit den radikalislamischen Taliban.

Aber die Männer ziehen nicht in den Krieg. Oder anders: Es ist nicht ihr Krieg. Es ist der der Afghanen, denn die Nato kämpft seit Ende 2014 nicht mehr in Afghanistan. Die Männer sind Berater: Mitglieder der neuen Nato-Mission für Afghanistan. «Resolute Support» (…)

Mit dem Teamchef, Oberst Axel Hermeling, beraten in Kundus nun sechs Bundeswehrsoldaten einen [afghanischen] Stab, der rund 7000 Soldaten in drei Provinzen führt. Mindestens einer in diesem Stab kann nicht lesen und schreiben. Die Zahl der Probleme ist so groß, dass Hermeling sagt, er bräuchte eigentlich doppelt so viele Berater. Aber das gibt die Mission nicht her. Denn mit Resolute Support ist einer der größten, teuersten und längsten Nato-Einsätze von zeitweilig mehr als 130 000 Soldaten aus mehr als 50 Ländern auf eine Beratertruppe von etwa 650 Mann zusammengeschrumpft. Rund 40 davon stellen die Deutschen, 32 davon im Norden; alle anderen Soldaten im bis zu 980 Mann umfassenden deutschen Einsatz sind Helfer und Verwalter.

(…) In Kabul helfen Nato-Berater unter Leitung eines deutschen Generals, einen Kommandeurslehrgang aufzubauen. Für bessere Führung, um Soldaten besser an ihre Armee zu binden. Um die «Abnutzungsrate» herunterzubekommen. Um Wissen zu halten.

In Kundus muss verlorenes Wissen wieder aufgebaut werden. Es ist eine lange Liste. Nach der Morgenlage schwärmen die Berater zu den afghanischen Kollegen aus, der Logistikberater zum Logistiker, der Geheimdienstberater zum Geheimdienstler. Trainings werden vereinbart. Sie sind kurz. Es ist nicht sicher, wieviel davon wirklich weiter unten ankommt, dort, wo die Soldaten kämpfen. Themen: Wie bei Luftunterstützung nicht danebenschießen, welche Bremsklötze in den Humvee einbauen, wie das Formblatt zur Munitionsanforderung ausfüllen. Einiges, wie «Auffrischung Kartenlesen», liest sich wie Soldatsein für Anfänger. Als habe es die teure, lange Vorgängermission ISAF nie gegeben.

Der deutsche Inspekteur des Heeres, Jörg Vollmer, hat neulich Masar-i-Scharif besucht und gefragt: Kann mir mal einer sagen, wieso wie hier immer wieder von vorne anfangen? (…)

Hier den ganzen dpa-Bericht lesen.

Nach dem Bericht eines afghanischen Journalisten wurde auch in der Nähe der Provinzhauptstadt – nur drei Kilometer entfernt – gekämpft.]

In Folge der Kämpfe um Chanabad flohen „hunderte Familien“ von dort. In Helmand sind laut der italienischen Hilfsorganisation Emergency, die dort und in Kabul Krankenhäuser betreibt, allein in der zweiten Julihälfte 30.000 Menschen in die Provinzhauptstadt Laschkargah geflohen.

Im Ergebnis der jüngsten Kämpfe in der Provinz Kundus waren nach einem Bericht der New York Times zahlreiche Einwohner und Mitarbeiter der Provinzverwaltung an den örtlichen Flughafen geflohen, der außerhalb der Stadt liegt, wo die Regierungstruppen auch von US-Spezialkräften unterstützt werden und der im vorigen Jahr als einziger Teil der Stadt nicht von den Taleban erobert wurde (obwohl es nahe daran war). Das hatte sich ähnlich auch im vergangenen Herbst so abgespielt. Die Regierung habe auch die Gefangenen des Kunduser Gefängnisses dorthin verlegt, um – ebenfalls wie 2015 – ihre Befreiung durch die Taleban zu verhindern. Die Taleban hätten auch die Altschin-Brücke zwischen Kundus und der Grenze zu Tadschikistan gesprengt. Die Taleban hingegen sprachen von einem US-Luftschlag.

[Ergänzung 24.8.16: Zudem war eine Woche lange die Stromversorgung für Kundus-Stadt unterbrochen: sie konnte erst am 24.8. wieder hergestellt werden.]

Die Kämpfe waren seit der Einnahmen der Provinzhauptstadt Kundus im September/Oktober vorigen Jahres durch die Taleban nie wirklich abgeflaut. Die Taleban hatten in den vergangenen Wochen wieder Geländegewinnen erzielt. Sie kontrollieren mindestens zwei der sechs Distriktzentren (Kundus-Stadt ist der sechste Distrikt), und die meisten Gebiete der anderen drei ländlichen Distrikte sowie Teile der Peripherie der Provinzhauptstadt.

Kurz wurde auch berichtet, dass sich eine Woche vorher die Lage im Distrikte Dahna-je Ghori in der südlich benachbarten Provinz Baghlan ähnlich entwickelt habe. Die Taleban hatten das dortige Distriktzentrum – nur etwa ein Dutzend Kilometer von der Provinzhauptstadt Pul-e Chumri entfernt – am 15.8. eingenommen. Regierungstruppen hatten es am folgenden Tag zurückerobert.

In der vergangenen Woche sei es Regierungstruppen auch gelungen, die Taleban an einigen Abschnitten der Ringstraße zwischen Baghlan und Masar-e Scharif zurückzudrängen.

Offenbar eroberten die Taleban am Sonntag (21.8.) auch das Distriktzentrum von Qala-je Sal, ebenfalls in Kundus, vollständig. Dort hatten die Regierungstruppen nur noch wenige Gebäude der Verwaltung gehalten. Was mit den dortigen Soldaten oder Polizisten geschah, ist unbekannt.

Zudem geht aus dem gleichen Bericht hervor, dass die Taleban heute morgen auch das Distriktzentrum von Chodschaghar in der Kundus östliche benachbarten Provinz Tochar eingenommen hätten – aber auch das binnen Stunden von Regierungstruppen zurückerobert worden sei.

Am Sonntag hatten die Taleban auch zwei weitere Distriktzentren angegfriffen. In Hissarak in der Ostprovinz Nangrahar seien sie aber zurückgeschlagen worden; laut Regierungsangaben seien 100 Talebankämpfer getötet worden – aber solche Zahlen müssen mit Vorsicht genossen werden. In Hissarak gibt es auch eine Präsenz des afghanischen Zweiges des Islamischen Staates (Daesch), dessen Kämpfer sich früher im Jahr mit den Taleban Kämpfe geliefert hatten. Auch ein Angriff auf das Zentrum von Barak-e Barak in Logar, südöstlich von Kabul, wurde zurückgeschlagen. Seit mehreren Tagen wird nach Angriffen der Taleban auch im Distrikt Santscharak in der Nordprovinz Sarepul gekämpft. Zudem beschossen am Sonntag (21.8.) Taleban das Polizeihauptquartier in Gardez (Provinzhauptstadt von Paktia) und lösten einen Brand aus.

Auch die Kämpfe in Helmand dauerten an. Afghanischen Medien zufolge rückten die Taleban weiter auf die Provinzhauptstadt Laschkargah vor. Auch in den Distrikten Nadali, Nawa und Mardscha werden weiterhin gekämpft. Die Straße zwischen Kandahar und Laschkargah sei schon seit Wochen unterbrochen.

Erstaunlich ist, dass in drei der oben genannten Distrikte es den Taleban erst gelungen war, das Zentrum einzunehmen, und sie dann wieder mit großem Aufwand daraus vertrieben werden mussten. Laut afghanischen Medien sprachen Soldaten erneut von Koordinationsmängeln auf ihrer Seite. Die Taleban, und nicht die Regierungstruppen, scheinen weiter die Initiative zu haben.

Hier mein vorangegangener Bericht vom 11. August über die Taleban-Angriffswelle zu diesem Zeitpunkt.

Meine Zusammenfassung der jüngsten Entwicklung hier auch in der taz vom 23.8.16.

Advertisements