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Am gestrigen Donnerstag (1. September) sollten in Kabul die Gebeine des oft abwertend als „Banditenkönig“ bezeichneten Habibullah II – auch noch abwertender oft Batscha-je Saqao, der Sohn des Wasserträgers, genannt (er herrschte 1929 für nur neun Monate) – sowie von 16 seiner Mitstreiter an einen neuen, ehrenvollen Ort auf dem Schahrara-Hügel im Stadtteil Kolola Puschta überführt werden. Bis dahin hatten sie über 80 Jahre lang in einem unmarkierten Grab gelegen. Aber nach der Auftakt-Gedenkzeremonie in der Idgah-Moschee – an der Regierungsvertreter, Parlamentsmitglieder und andere Politiker teilnahmen – kam es bei der anschließenden Umbettungszeremonie zu Schießereien, die einem afghanischen Medienbericht zufolge Anhängern von Vizepräsident (und Warlord) Abdulraschid Dostum angelastet wurden, aber an der nach einem weiteren Bericht beide Seiten beteiligt gewesen seien. Dabei soll es fünf bis acht Verletzte gegeben haben. Ein Dostum-Sprecher behauptete, einer seiner Anhänger sei später seinen Verletzungen erlegen.

Die Umbettung musste abgebrochen werden, aber die Pro-Habibullah-Aktivisten campieren auf dem Hügel, um sie doch noch zu erzwingen. Straßen in der Gegend blieben auch über Nacht abgesperrt.

Habibullah II auf einem aktuellen Poster. Foto:

Habibullah II auf einem aktuellen Poster. Foto: Twitter.

 

Der interessante, aber etwas merkwürdige Konflikt war über den afghanischen Unabhängigkeitstag aufgebrochen, an dem erwartungsgemäß Bildnisse des von Habibullah II gestürzten Reformerkönigs Amanullahs prominent figurierten. Der Unabhängigkeitstag wird am 19. August begangen und erinnert an die Wiederherstellung der vollständigen Unabhängigkeit (oder besser außenpolitischen Handlungsfähigkeit, die Ende des 19. Jahrhunderts in einer Reihe von Verträgen verloren gegangen war) des Landes durch Amanullah. Der hatte am 9. Mai 1919 mit einigen kleineren Operationen über die Durand-Linie nach Britisch-Indien den kurzen dritten Anglo-Afghanischen Krieg gegen die noch vom Ersten Weltkrieg erschöpften Briten gestartet.

Amanullah-Wandbild der Kabuler Artlords. Quelle: Omaid Sharifi.

Amanullah-Wandbild der Kabuler Artlords. Quelle: Omaid Sharifi.

 

Der Krieg endete am 8. August 1919 mit einem Waffenstillstand, gefolgt am 19. August durch den Vertrag von Rawalpindi. Darin wird das Recht Afghanistans anerkannt, seine außerpolitischen Beziehungen wieder selbst zu gestalten. Aber Afghanistan verlor auch seine britischen Subsidien und Waffenimporte aus Britisch-Indien. Das versuchte Amanullah, durch verbesserte Beziehungen zu Deutschland und Sowjetrussland zu kompensieren. (Hier der erste Beitrag meiner Reihe zu seiner langen Auslandsreise 1927/28, und besonders zum Deutschland-Besuch.)

Nun also verlangten einige Aktivisten – auch unter Verweis auf den ebenfalls vor einigen Jahren exhumierten und mit Staatsbegräbnis bestatteten, beim 1978er Militärputsch ermordeten Präsidenten Muhammad Daud –, dass Habibullah Kalakani, wie sie ihn unter Verweis aus seine Herkunft aus dem nördlich von Kabul in der Schimali-Ebene liegenden Herkunftsort nennen, ebenfalls ein Mausoleum erhalten soll. Inzwischen meldeten sich auch Befürworter der gleichen Maßnahme für den 1992 von den Taleban – möglicherweise unter pakistanischer Mitwirkung – umgebrachten Präsidenten Nadschibullah.

Nadschibullah-Plakat am Kabuler Flughafen. Foto: Thomas Ruttig (2015).

Nadschibullah-Plakat am Kabuler Flughafen. Foto: Thomas Ruttig (2015).

 

In dieser Debatte mischen sich verschiedene Konflikte ethnischer und politischer Natur, und die Grenzlinien zwischen den Lagern sind nicht immer ganz einleuchtend. Amanullah, Daud und Nadschibullah sind Paschtunen, aber Nadschibullah war – vereinfacht gesagt – ein Kommunist (und dazu Chef des berüchtigten Geheimdienstes KhAD, später WAD). Seine Partei, die DVPA, stürzte und ermordete 1978 Daud. Trotzdem wird er heute – ähnlich wie Daud – als „effektiver“ Staatschef verehrt, und nicht nur von ehemaligen Mitgliedern seiner Partei. Ich sah seine Fotos bereits 2003 wieder in seiner Heimatprovinz Paktia auftauchen; im damals einzigen zumutbaren Kebab-Restaurant von Gardez hing es auf gleicher Höhe neben Karzai. (Nadschibullah stammte aus dem Nachbardistrikt Seyyed Karam, und gehörte – wie der derzeitige Präsident Aschraf Ghani ­– zum paschtunischen Stamm er Ahmadzai. Ghani, der unter dem PDPA-Regime im Ausland war, dürfte aber kaum zu seinen Fans gehören.) Seitdem hat sich der Nadschibullah-Bilderkult – wie der anderer gewaltsam ums Leben gekommener afghanischer Führungspersönlichkeiten, besonders Ahmad Schah Massud, aber auch des Hasara-Führers Abdul Ali Masari – über das ganze Land verbreitet.

Muhammad Daud Khan, Foto: Khaama.

Muhammad Daud Khan, Foto: Khaama.

Dauds Grab nach dem Wiederbegräbnis 2009. Foto: Pajhwok.

Dauds Grab nach dem Wiederbegräbnis 2009. Foto: Pajhwok.

Mehr Fotos vom Wiederbegräbnis Dauds hier.

 

Im Gegensatz dazu war Habibullah II ein Tadschike – der einzige Tadschike, der (bis zur Regierungszeit des ebenfalls umgebrachten Prof Borhanuddin Rabbani 1992-96) Afghanistan regiert hatte. Der Sohn eines Teilnehmers am zweiten anglo-afghanischen Krieg war tatsächlich Chef einer Art Robin-Hood-Räuberbande in Kohistan. Er nutzte die Schwächung Amanullahs durch mehrere Aufstände zu einem erfolgreichen Überraschungsangriff auf Kabul, wo er am 16. Januar 1929 einzog. Auch die heutigen Anhänger von Habibullah II sind Tadschiken, die der gegenwärtigen Regierung ein paschtunisches Übergewicht anlasten. Viele von ihnen sind – obwohl sie auch die Taleban bekämp(f)ten – auch Islamisten und stehen vielen seit 2001 eingeführten Reformen skeptisch gegenüber. Aber im wesentlichen ist ihr Eintreten für Habibullah II eine indirekte Kritik an der gegenwärtigen Ghani-Regierung.

Aber der Siegerzug Habibullah des II war vielschichtiger, als sich diese Debatte anhört. Es waren ja nicht nur Tadschiken, die gegen Amanullah aufstanden, sondern auch paschtunische Stämme und die Mullahs, die unter Amanullah einige Privilegien verloren hatten (und offenbar auch von den Briten finanziert wurden, die mit Amanullah noch eine Rechnung offenhatten). Nur waren die Leute aus Kalakan schneller und besetzten das politische Zentrum des Landes. Das brachte Habibullah II das Etikett „englischer Agent“ ein.

In Kabul sei  er – schreibt der französische Autor Olivier Roy – vom Pir von Tagao, einem Sufi-Führer, gekrönt worden. Auch die bis heute einflussreiche Mudschaddedi-Familie habe ihn unterstützt. Roy nennt Habibullah II deshalb den „Kandidaten einer fundamentalistischen Koalition“ gegen Amanullah. An der Macht widerrief er die fortschrittlichen Reformen Amanullahs – etwa den Beginn von Frauen- und Mädchenbildung sowie erste parlamentarische und konstitutionelle Institutionen. Fortschrittliche Afghanen sind deshalb nicht seine Fans und werfen ihm – wie hier auf Twitter – taleban-ähnliche Politik vor. (Dazu werden seine Edikte aus der damaligen Zeitung Habib-ul-Islam zitiert: Außerkraftsetzung aller „ausländischen“ Gesetze – Amanullah hatte sich u.a. an Atatürk, aber auch europäische Rechtsprechung angelehnt –, Verbot der Lehre von Sprachen der „Ungläubigen“ an afghanischen Schulen, Wiedereinführung der Scharia und der Verschleierung. Einige seiner Reformen hatte allerdings Amanullah selbst schon zurückgenommen, so die Abschaffung der Vielehe und der Zwang, europäische Kleidung zu tragen, für Staatsbeamte.)

Interessant – und so weit ich das sehe in der Literatur auch nicht wirklich analysiert – ist seine Namensgebung: Habibullah I war ja der Vater Amanullahs und wurde 1919 bei einem Jagdausflug ermordet. Die angeblich dafür Verantwortlichen wurden hingerichtet, darunter 1920 Nasrullah, Amanullahs Onkel und der Bruder Habibullah des I. Aber bis heute halten sich Gerüchte, dass Amanullah – der seines Vaters probritische Politik ablehnte – selbst dahinter gesteckt haben könnte. Roy zitiert eine Quelle, derzufolge der Vater des Pir von Tagao 1919 Nasrullah in Kabul zum König gekrönt hatte (er wurde schnell von Amanullah abgesetzt und zunächst verhaftet). Die Mudschahddedis hingegen favorisierten Amanullahs älteren Bruder Enayatullah, der dann aber – wohl unter dem Eindruck des Schicksals Nasrullahs – verzichtete (und 1929 für vier Tage von Amanullah als König eingesetzt wurde, während er sich über Kandahar nach Indien absetzte – Enayatullah wurde dann erstaunlicherweise von dem ‚Banditenkönig‘ verschont). Insofern könnte Habibullah Kalakanis Wahl seines Herrschernamens eine Anspielung auf den ermordeten Vater Amanullahs und eine Art Selbstlegitimierung gegenüber Amanullah sein.

Aber Habibullah II wurde bereits im Oktober 1929 nach einem militärischen Gegenschlag des späteren Königs Muhammad Nader Schah (1929-33) und der paschtunischen Stammesaristokratie seinesseits gestürzt und am 1. November des Jahres öffentlich gehenkt.

Zwei Artikel über diese Debatte – beide auf Englisch – hier (aus der Washington Post) und hier (von Radio Free Europe).

Unterstützer Habibullah des II bei ihrem Umzug. Foto: Tolo.

Unterstützer Habibullah des II bei ihrem Umzug. Foto: Tolo.

Mehr Fotos hier.

 

Im Gegensatz zu Roy und seinen afghanischen Nicht-Anhängern feierten einige zeitgenössische sowjetische Autoren ihn als Sozialrevolutionär – denn er beseitigte ja die Herrschaft der (paschtunischen) Stammesaristokratie. Ähnliches hörte ich noch 2014 bei einem Besuch in Tadschikistan. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass Amanullah eine Zeitlang den gestürzten Emir von Buchara und die antisowjetischen „Basmatschen“ – Aufständische in Zentralasien – unterstützte und Ambitionen hegte, sich zum Herrscher über das gesamte muslimische Zentralasien zu machen. Das gab es aber schnell wieder auf, weil er sowjetische Finanz- und Militärhilfe benötigte, um Aufständische im eigenen Land niederzuschlagen. Aber ein wirklicher Freund der Sowjets wurde er nie – und sorgte auch dafür, dass die beiderseitige Grenze zunehmend undurchdringlicher wurde. Andererseits wurden einige – dann scheiternde – Versuche, Amanullah wieder an die Macht zu bringen, mit sowjetischer Hilfe durchgeführt. Aber auch die sowjetischen Politik war damals eben alles andere als einheitlich – ich sage nur: Lenin vs Stalin vs Trotzki, ganz besonders auch was die Zukunft Mittelasiens betraf.

Zurück ins heutige Afghanistan: Solche im Grunde ethno-politischen Konflikte werden gern genommen, denn sie sorgen für Emotionen und Mobilisierung – und verdecken gleichzeitig, dass es allen Seiten an überzeugenden und vor allem wirksamen Lösungskonzepten für die eigentlichen – sicherheitspolitischen und sozialökonomischen – Probleme Afghanistans fehlen. (Dazu ausführlich, wenn auch schon von 2014, mein Artikel hier.)

Das hat vor ein paar Tagen in drastischen Worten auch der afghanischer Autor Arif Sahar im Webmagazin The Diplomat zum Ausdruck gebracht – der nicht nur Akademiker, sondern laut seinem Twitter-Profil auch Berater des afghanischen Finanzministeriums ist. Hier einige Auszüge in meiner Übersetzung, denen nicht viel hinzuzufügen ist:

Die derzeitige „nationale Einheitsregierung“ (NUG) beschreibt er als gekennzeichnet durch „sich paralysierende Rivalitäten verschiedener Gruppen, Eliten-Pakte und ethnischer Bewegungen”. Die derzeitige „politische Wettbewerb“ (wenn er doch nur politisch wäre!) „manipuliert, übertreibt und intensiviert ethno-kulturelle Differenzen und politische Missstände”. Präsident Ghani habe die „politische Angewohnheit andere zu marginalisieren und seine Alliierten in strategische Schlüsselpositionen zu ernennen“ (okay, letzteres würde Angela Merkel auch nicht andres machen), während Abdullah sich „als ineffektiver Staatsmann“ erwiesen habe, der seine zeit mit Treffen mit „einflusslosen“ Politikern verbringt, “damit scheiterte, signifikante Pläne oder Programme vorzulegen” und dessen meiste Amtspflichten der Präsident an seinen nationalen Sicherheitsberater Hanif Atmar „delegiert“ habe. Die NUG bezeichnete er als “tatsächlich ein Amalgam von Unvereinbarkeiten (…) mit wenig Pflichtgefühl oder Fähigkeiten, Schlüsselprobleme sicherheitspolitischer, ökonomischer und politischer Art anzugehen“.

 

 

 

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