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Verschiedentlich wurde jüngst wieder beklagt, dass Afghanistan in den Nachrichten nur noch auftaucht, „wenn es knallt“. Michael Daxner, Uni-Professor in Berlin und ehemals Berater im afghanischen Hochschulwesen, schrieb in einem Blogeintrag „Afghanistan ist immer noch…“:

In der Politik und in den Medien, jedenfalls in Deutschland, ist Afghanistan längst vergessen(…); bis auf Meldungen von gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt kaum mehr etwas rüber aus dem Land, in dem wir Krieg mitgemacht hatten, ohne ihn zu führen; in dem wir Verantwortung und auch Schuld auf uns geladen hatten, ohne richtig zu wissen, wohin mit unserer Haftung; aus dem Land, in dem es noch immer die Möglichkeit zu einer friedlichen Entwicklung mit unserer Unterstützung gibt.

Ulrich Ladurner von der Zeit folgte dann Anfang des Monats unter dem Titel „Afghanistan wird vergessen“:

Wenn ein Attentäter in Kabul Dutzende Menschen tötet, wenn eine amerikanische Drohne einen Führer der Taliban trifft, wenn die afghanische Armee sich harte Kämpfe mit den Taliban liefert, dann flackert Afghanistan über den täglichen Nachrichtenstrom kurz auf, man vernimmt ein Grollen wie von einem fernen Gewitter. Schnell zieht es vorbei. (…) [H]heute erfährt der durchschnittlich interessierte Deutsche nichts Wesentliches über Afghanistan. Die Medien berichten selten, die allermeisten heimischen Politiker haben das geschundene Land mit Schweigen belegt. Afghanistan fällt der Vergessenheit anheim.

(Interessant, dass ein Journalist das auf dem Blog einer großen Wochenzeitung schreiben muss – er richtet sich damit ja sozusagen an seine eigene Adresse bzw. die seines Chefredakteurs oder Herausgebers.)

Die Szene in der Kabuler Neustadt nach dem Angriff vom 6. September 2016. Foto: Abdullah Rahmani/Twitter

Die Szene in der Kabuler Neustadt nach dem Angriff vom 6. September 2016. Foto: Abdullah Rahmani/Twitter

 

Am vorgestrigen Montag war es wieder so weit, als sich in Kabul gleich zwei sogenannte komplexe Angriffe der Taleban ereigneten. (Für beide haben die Taleban die Verantwortung übernommen; hier eine AFP-Zusammenfassung.) Am Morgen wurde zunächst eine Einrichtung des Verteidigungsministeriums angegriffen; dann folgte am Abend ein Angriff in Kabuls Schahr-e Nau, auf was die Taleban in ihrem diesbezüglichen Statement als „geheimes Nachrichtendienstzentrum ausländischer Streitkräfte, als Gästehaus getarnt“ bezeichneten.

Bei der Berichterstattung fiel auf, dass nicht nur das „wann“ und „worüber“ der Afghanistan-Berichterstattung ein Problem ist, sondern auch das „was genau geschah“, wenn schon berichtet wird.

Dpa zum Beispiel berichtete:

Die radikalislamischen Taliban haben sich zum Anschlag auf das Gelände der internationalen Hilfsorganisation Care in der afghanischen Hauptstadt Kabul bekannt. Bewaffnete hatten am späten Montagabend den Komplex, zu dem auch ein Gästehaus gehört, im Zentrum der afghanischen Hauptstadt angegriffen und sich ein mehr als elf-stündiges Gefecht mit Sicherheitskräften geliefert.

Auch die Nachrichtenagenturen AP und AFP schrieben vom „Sturm“ bzw „Angriff auf eine Hilfsorganisation“. Ein Autor, der von vorort für die taz berichtet, schrieb: „Ziel war das Gebäude einer Hilfsorganisation, die sich im Hotel- und Einkaufsviertel Scha[h]r-e Nau befand.“ (Das Gute an diesem Artikel war, dass er die Anschläge nur als Anlass nahm, um breitere Zusammenhänge zu erläutern.)

Ein Angriff auf eine Hilfsorganisation wäre äußerst Besorgnis erregend, denn das würde bedeuten, dass auch solche wieder „legitimes Ziel“ der Taleban geworden wären.

Allerdings hatte offenbar niemand genau gelesen, was Care (in Afghanistan unter der Pashto-Bezeichnung Pam-larena bekannt) und die Taleban dazu schrieben. Das Statement der Organisation wurde bei al-Jazeera wie folgt zitiert (hier):

„Eine bewaffnete Gruppe hat einen Angriff auf was als eine Einrichtung der afghanischen Regierung betrachtet wird, nahe des Kabuler Büros von Care International, ausgeführt“ (meine Hervorhebung). Dabei sei „Schaden auf dem Care-Gelände“ angerichtet worden; „alle Care-Mitarbeiter seien evakuiert worden, sind in Sicherheit“. Dass 42 Menschen, darunter zehn Ausländer, bei dem Angriff in Sicherheit gebracht wurden, war auch von den Agenturen berichtet worden.

In einer weiteren Erklärung hießt es gestern, „zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es unklar, wer das direkte Ziel dieses Angriffs war“.

Auch die Taleban nannten in ihrer Erklärung – siehe oben – ebenfalls den Namen von Care nicht. Sie erklärten zunächst, sie hätten den Angriff nach einer „intensiven dreimonatigen Aufklärungsmission“ gestartet, mit einem Kämpfer, der sich mit einem Auto „an Tor des Geländes“ in die Luft sprengte und vier weiteren, die im Innern „ausländische und einheimisches Feindpersonal in Kämpfe verwickelt hätten. „Alle beteiligten Mudschahedin erlangten Märtyrerschaft (mäge Allah sie annehmen)“.

Wenn sie tatsächlich genau Bescheid gewusst hätten, hätte ihnen auch klar sein müssen, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft mehrere „Gästehaus“ befanden – das von Care sowie eines, das früher offenbar dem afghanischen Geheimdienst gehörte und nun offenbar von dessen früherem Chef Rahmatullah Nabil privat genutzt wird. Der NDS besitzt solche Gästehäuser, die auch so genannt werden, manchmal auch dazu genutzt werden, geheime Verhandlungspartner oder auch Nicht-ganz-Gefangene unterzubringen. In einem solchen wurde 2012 auch der Anschlag auf den damaligen Geheimdienstchef Assadullah Chaled verübt.) Aber der Verweis auf eine „getarnte“ Einrichtung lässt darauf schließen, dass sie nicht zwischen beiden differenzieren – oder Care sogar irgendwie als Teil des Angriffsziel betrachtet haben könnten.

[Nachtrag 7.9.16: Inzwischen gibt es ein neues Statement der Taleban. Darin heißt es:

Unser Angriff richtet sich gegen ein militärisch.geheimdienstliches Zentrum, geleitet vom früheren Geheimdienstchef der Kabuler Administration, das eine Zweigstelle des Informationsaustausches der ausländischen Invasoren enthält. Dass sich dort eine NGO befand(?) – CARE International –, in der selben Straße, gegenüber dieser Militärzone, hat nichts mit dem Plan der Operation zu tun.

Ich lasse meine Bemerkungen zur Zielauswahl der Taleban weiter unten trotzdem stehen, da weiter Unschärfen bestehen.]

Wie Care andeutet, gibt es natürlich einen Unterschied zwischen dem direkten Ziel eines Angriffs und eventuell von einem mehr oder weniger unbeabsichtigt oder indifferent in Mitleidenschaft gezogene Personen oder Institutionen – wofür es im Englischen den unschönen Begriff „collateral damage“ gibt. In der Berichterstattung über den Angriff wäre deshalb auch der BBC-Titel korrekter gewesen: „Kabul charity hit by bomb and gun attack“ – das „hit“ kann ja auch „getroffen“ heißen –, wenn es in dem Bericht nicht weiter geheißen hätte, dass „vier bewaffnete Männer das Gebäude der Hilfsorganisation Care in Schahr-e Nau“ gestürmt hätten. Davon hat Care nichts gesagt.

Dass es unter den Taleban-Kämpfern und -Kommandeuren die Auffassung gibt, dass manche NGOs Tarnfirmen seien (etwa wenn sie z.B. US- oder Militärgelder für ihre Projekte annehmen), ist bekannt.

Leider muss auch man sagen, dass in der Vergangenheit bestimmte westliche Militärelemente in der Tat NGO-Insignien zur Tarnung verwendet haben. (Ich sah 2003 – glaube ich – auf dem Weg nach Paktia ein Fahrzeug mit grünem NGO-Nummernschild, in dem bewaffnete US Special Forces saßen.) Aber auch das kann keine Begründung für eine pauschale Gleichsetzung sein – und andere Beispiele, etwa die Verurteilung des von offenbar pakistanischen Taleban 2010 in Nuristan begangenen Mordes an einer Gruppe von Augenärzten durch afghanische Taleban zeigt, dass die örtlichen Aufständischengruppen durchaus wissen, mit wem sie es zu tun haben, vor allem wenn es um seit langem präsente NGOs geht, und deren Arbeit zum Wohle lokaler Bevölkerungsgruppen durchaus schätzen.

Andererseits kann man sich bei der „Zielauswahl“ nicht mehr sicher sein. Bisher standen bestimmte Kategorien außerhalb – Schulen, zivile Infrastruktur etc durften laut offizieller Taleban-Politik nicht angegriffen werden. Das war nach jahrelangen Unklarheiten intern geregelt worden. Borhan Osman hat bei AAN anhand des Angriffs auf die Amerikanische Universität in Kabul (AUAF) gerade beschrieben, dass das Aufkommen ultra-extremistischer Kräfte innerhalb der afghanischen Talebanbewegung, die (langjährige) Existenz sogenannter autonomer Netzwerke wie das Haqqani-Netzwerk – die oft machen, was sie wollen, und von der zentralen Führung gelassen werden, so lange sie nicht bestimmte „rote Linien“ überschreiten – sowie eine möglicherweise nach dem Tod bzw der Beseitigung zweier Talebanführer (Mulla Omar und Achtar Muhammad Mansur) die Befehlsstrukturen an Einheitlichkeit eingebüßt haben. Er beschreibt auch, wie die „Zielbestimmung“ Gegenstand von Lobbying und einer internen Konsensfindung ist, die manchmal auch ausbleibt. Autonome Netzwerke suchen sich dann manchmal Ziele aus, die die Talebanführung offiziell nicht billigt – aber sich dann manchmal trotzdem dazu bekennt (wie möglicherweise am Montag in Kabul) oder nicht die Verantwortung übernimmt (wie im Fall der AUAF).

Solch eine Situation macht das Leben von NGOs und andere zivilen Akteuren in Afghanistan nicht gerade leichter.

Im übrigen haben die Taleban in einem offiziellen Statement gerade Racheaktionen gegen juristische Einrichtungen in Afghanistan für den Fall angekündigt, dass die nach einem offenbar in einem Geheimprozess verhängte Todesstrafe gegen Anas Haqqani, Sohn des Gründers des Haqqani-Netzwerks Dschalaluddin Haqqani, vollstreckt wird. Die afghanische Regierung legte ihm Geldbeschaffung und Planung von Terroranschlägen zur Last (allerdings wurden wegen des nicht öffentlichen Prozesses die exakte Anklagepunkte nicht bekannt). Die Taleban halten dagegen, Anas Haqqani sei nur ein Religionsstudent (taleb ul-elm), nicht in bewaffnete Aktionen verwickelt und stünde auch nicht auf der US-Terrorliste.

Ende August war ein Video eines seit 2012 von Taleban gefangen gehaltenen US-kanadischen Pärchens veröffentlicht wurden, das in Afghanistan während einer Touristenreise durch das Land entführt worden war. Das Video mit einer Hinrichtungsdrohung war als Signal in Sachen Anas Haqqani interpretiert worden.

 

 

 

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