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Gestern abend (unserer Zeit) trat in Rio Afghanistans einziger Athlet bei den Paralympischen Spielen an: der Speerwerfer Muhammad Naim Durrani. In einem Starterfeld von 16 Teilnehmern belegte er den 16. Platz – mit einer Weite von 26.,51 Metern (der Sieger lag bei über 57 Metern).

ToloNews hatte ihn etwas ausführlicher vorgestellt: Er ist 32 Jahre alt, ist in Vobereitung auf Rio nach Iran zum Training geschickt worden, hat sich bei Ausscheidungswettkämpfen in Dubai über seine Leistung qualifiziert (als erster afghanischer Athlet jemals) und startete ein paar Mal im Ausland, auch in anderen Disziplinen wie im Sprint und im Diskuswerfen. Durrani ist am Bein verletzt, eine Kriegswunde, die er sich 1995 in Kabul zuzog. Sein größter Wunsch ist natürlich, sagt Durrani, in Rio eine Medaille zu gewinnen.

Speerwerfer Durrani. Foto: Tolo.

Speerwerfer Durrani. Foto: Tolo.

 

Aber viel Aufmerksamkeit lässt das Land diesen Sportlern offenbar nicht zuteil werden, obwohl dort nach Angaben der WHO (zitiert hier) 2,7% der Bevölkerung an schweren Behinderungen leiden. (In „Disability in Afghanistan“, einer Studie der Organisation Handicap International von 2005/06, werden folgende Ursachen angegeben: Krieg und Landminen, Behinderungen bei der Geburt – oft bei unterernährten Frauen bei schlechter Versorgung –, unzulängliche medizinische Versorgung, angeborene Behinderungen, Unfälle und/oder Mangelernährung und verhinderbare Krankheiten wie Polio oder Tuberkulose. Zähle man andere Behinderungen dazu wachse die Quote auf 15 Prozent.)

 

Vor diesem Hintergrund ist die Teilnahme eines einzigen Sportlers an diesen Spielen – die bis zum 18.9.16 dauern werden – mehr als mager (und noch geringer als bei den Mainstream-Olympischen Spielen vor einigen Wochen, wohin man eine Sportlerin und zwei Sportler plus ein paar Funktionäre schickte). Die Webseite des zuständigen afghanischen Komitees ist unauffindbar. Der für Afghanistan vorgesehene Platz auf dieser Webseite ist im Grunde ebenfalls leer – es scheinen also keine Informationen eingereicht worden zu sein.

Diese nichtafghanische Webseite hat einige Informationen über die bisherige Teilnahme von Afghanen bei Paralympics, aber nichts zu Rio 2016. Auf dieser Webseite findet sich ein Foto des paralympischen Flaggenträgers für Afghanistan bei Olympia 2012 in London, des Gewichthebers Muhammad Fahim Rahimi, sowie weitere Informationen zu bisherigen afghanischen Paralympics-Teilnahmen.

Hingegen hat ein afghanisches Team an den sog. Invictus Games 2016 „für verwundete Krieger“ in Orlando teilgenommen, die – wenn ich das richtig verstanden habe ­– vom britischen Prinzen Harry gesponsert werden.

 

Auch bei den Rio-Paralympics wird wieder ein Flüchtlingsteam starten. Man durfte gespannt sein, ob dafür ein Afghane oder eine Afghanin nominiert wird – immerhin gehören Afghanen weltweit zu den größten Flüchtlingsgruppen (siehe z.B. hier). Aber schon bei den Mainstream-Spielen war im Flüchtlingsteam kein Afghane dabei. Die Mitglieder können von den Nationalen Olympischen Komitees nominiert werden – aber Kabul hat vielleicht kein Interesse, auf diese Weise Aufmerksamkeit auf das Land zu lenken.

Die taz stellte dann am 7.9.16 auf einer ganzen Seite einen afghanischen versehrten Flüchtlingssportler vor, der schon fast in Rio war – Ahmad Jasini, der in Cottbus lebt – und nun doch nicht dorthin fahren darf. Formale Gründe stehen ihm im Weg: über seinen Asylantrag wurde noch nicht entschieden. (Die durchschnittliche Asylverfahrensdauer bei Flüchtlingen aus Afghanistan ist dreimal höher als der Durchschnitt – 15 gegenüber 5,2 Monate (Zahl von März 2016). Die Anerkennung als Flüchtling aber ist das entscheidende Auswahlkriterium.

Jasini hatte sich zuvor schon qualifiziert, noch in Afghanistan, wo er für ein von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beauftragtes Unternehmen bei Fahrsicherheitstrainings mitarbeitete. Der afghanische Verband wollte ihn nominieren. Aber dann musste er im Frühsommer 2015 aus Afghanistan fliehen. Doch es kam noch eine weitere Chance, sich bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin in diesem Sommer im 100m-Sprint für das Flüchtlingsteam zu qualifizieren – wofür er sich „von seinem reduzierten Hartz-IV-Satz mit Spikes besohlte Schuhe besorgte“, mit denen er neben „Athleten mit Hightech-Prothesen“ startete, die sportliche Qualifikation aber schaffte.

Zunächst spielten auch die deutschen Behörden mit, schreibt die taz. Damit er als Asylbewerber überhaupt nach Rio reisen kann,

hat ihm die Cottbusser Ausländerbehörde nach Rücksprache mit dem Brandenburger Innenministerium ein Reisedokument ausgestellt. (…) „Es hat uns gefreut, das möglich zu machen.“

Bereits im Mai ist Yasini aus der Sammelunterkunft in Bliesdorf nach Cottbus verlegt worden, um dort am Olympiastützpunkt trainieren zu können, was während des laufenden Asylverfahrens ebenfalls eine absolute Ausnahme ist. „Für ein Sporttalent öffnen sich manche Türen schneller“, sagt der Cottbusser Sozialdezernent Berndt Weiße: „Wenn das Schicksal uns einen solchen Spitzensportler vor die Füße spült, wäre es unsinnig, die Chance nicht zu nutzen.“

Ahmad Yasini hat die deutschen Behörden auch schon anders kennengelernt. Im September 2015 traf er in der Erstaufnahme im brandenburgischen Eisenhüttenstadt ein. Die ersten Nächte schläft er bei Temperaturen nahe null Grad in einem Zelt, danach landet der Athlet über Monate ausgerechnet in einer umfunktionierten Turnhalle. Als Yasini dann in Cottbus richtig loslegen kann mit dem Training, spielt seine Achillessehne nicht mit. Er hat starke Schmerzen im rechten Bein. Mehrmals spricht er beim Sozialamt vor, um ärztlich verordnete Massagen genehmigt zu bekommen. Als Asylbewerber steht ihm diese Behandlung nicht zu.

Doch schließlich kam die kalte Dusche vom Internationalen Paralympischen Komitee: „Sie sind nicht mehr berechtigt, Teil des unabhängigen Flüchtlingsteams zu sein.“ „Sein Rauswurf rückt eine symbolische Geste in schlechtes Licht“, kommentiert die taz.

Hätte bei ihm die durchschnittliche Verfahrensdauer von 5,2 Monaten gegriffen, hätte Yasini nach Rio fliegen können.

Hier den ganzen taz-Text lesen.

 

Und hier noch ein Nachtrag zu Olympia in Rio und der afghanischen Teilnahme dabei:

In meinem ersten Artikel zur afghanischen Olympia-Teilnahme in Rio hatte ich erfreut gemeldet, dass die Sprinterin Kamia Jusufi (die einzige Sportlerin im dreiköpfigen Team) die Ehre erwiesen worden sei, zur Eröffnung der Spiele die Flagge ihres Landes ins Maracana-Stadion zu tragen. Leider hat sich das als Fehlmeldung erwiesen. Offenbar war das erst geplant, dann aber trug doch der Judoka Muhammad Taufiq Bachschi die Flagge. Hier ein paar Fotos davon. (Sie zeigen Bachschi auch während seines verlorenen Kampfes gegen den Portugiesen Fonseca, seinen einzigen Auftritt in Rio.)

Immerhin gab es bei Pajhwok noch ein nettes Foto des afghanischen Rio-Teams.

Immerhin gab es bei Pajhwok noch ein nettes Foto des afghanischen Rio-Teams.

 

Das bringt mich zu einem weiteren Thema, dem ursprünglichen olympischen Motto „Dabeisein ist alles“ des Begründers der modernen Spiele, Baron de Coubertin.

Zum ersten bietet die kommerzialisierte Olympia-Variante Athleten kleinerer Sportnationen wie Afghanistan nicht mehr als einen karger Auftritt; bei der Fußball-EM oder –WM haben alle Teilnehmer durch den Gruppen-Vorrunden-Modus immerhin drei Auftritte. Warum kann das IOC nicht so etwas organisieren? Der K.O.-Runden-Modus traf neben Bachschi auch Kamia Jusufi und ihren Sprintkollegen Abdul Wahhab Sahiri – die jeweils nur in Vor-Vorläufen starten durften und dort sofort wie nach ihren bisherigen Leistungen erwartet ausschieden.

Offenbar war ihnen (aus Kostengründen?) auch nicht mehr erlaubt worden, bei der Schlusszeremonie dabei zu sein. Die offizielle Liste der Fahnenträger für diese Veranstaltung listet unter Afghanistan „Freiwillige“. (Afghanistan war nicht das einzige Land, das es so machte, siehe auch hier.)

(Das war jedenfalls NICHT der offizielle afghanische Fahnenträger.)

Drittens hat – mit einer Ausnahme – keine der führenden afghanischen Nachrichtenagenturen auf ihren Webseiten (Tolo, Pajhwok, 1TV, Khaama, Ariana – in ihrem englisch- oder landessprachigen Diensten) irgendetwas über die Leistungen der afghanischen Teilnehmer in Rio verlauten lassen. Ausnahme war ein Satz im Bericht über den Abschluss der Rio-Spiele im Dari-Dienst von 1 TV, wo es hieß, dass die drei afghanischen Teilnehmer „von ihren Konkurrenten besiegt wurden und keine Medaillen errangen“. So viel zu: Dabeisein ist alles.

 

 

Hier aber noch einmal die Ergebnisse der drei afghanischen Starter bei Mainstream-Olympia in Rio – die keinesfalls eine Schande, sondern durchaus berichtenswert gewesen wären:

Im 100m-Sprintwettbewerb der Frauen belegte Kamia Yousufi am 12. August unter 80 Starterinnen Platz 78. Sie erzielte in ihrem Vorrundenlauf eine Zeit von 14.02s und konnte sich nicht für die nächste Runde qualifizieren. (Hier Fotos von AFP.)

Sprinter Abdul Wahab Zahiri ließ am nächsten Tag über die gleiche Distanz im Männerwettbewerb in einem Feld von 84 Startern vier andere Teilnehmer hinter sich, scheiterte mit einer Zeit von 11.56s aber ebenfalls in der ersten Runde.

Als erster war am 11. August Judoka Mohammad Tawfiq Bachschi am Start, kam aber ebenfalls nicht über die ersten Runde hinaus. Er unterlag seinem portugiesischen Konkurrenten Fonseca glatt mit 0:100.

Hier mehr (vor-olympische) Hintergrund-Informationen zum Thema.

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