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Während Europa im wesentlichen mit sich selbst beschäftigt ist und versucht, einige Gruppen von Flüchtlingen loszuwerden (darunter die Afghanen, nicht nur abgelehnte Asylbewerber, sondern durch die Festlegung, welche ethnische Gruppe hohe Bleibechancen hat und welche nicht), hat Afghanistan auch mit präzedenzlosen Deportationen seiner Landsleute aus dem benachbarten Pakistan zu tun.

Ende 2015 lebten nach UN-Angaben noch 2,7 Millionen afghanische Flüchtlinge außerhalb ihres Landes – rund 100,000 mehr als im Jahr zuvor. Nach den Syrern bleiben die Afghanen damit weltweit die zweitgrößte Flüchtlingsbevölkerung. Pakistan beherbergt mit 1,6 Millionen die größte Gruppe davon, gefolgt von Iran (951,000), abgesehen von einer großen Zahl an sog. „undokumentierten“ Flüchtlingen – auf 1,5-2 Millionen in Iran und eine Million in Pakistan geschätzt.

Die afghanische Gemeinde in Deutschland könnte sich nach meinen Berechnungen/Schätzungen derzeit auf etwa 320.000 bis 420.000 Menschen belaufen (einschließlich nicht bearbeiteter Asylbewerber und Duldungen) – wobei eine halbwegs realistische Schätzung bei 350.000 liegen würde.

In Pakistan kamen dazu andere Maßnahmen, die eine Einreise von Afghanen erschweren sollen. Zunächst wurden nur noch Afghanen mit Visum durchgelassen – jahrzehntelang hatte man einen (ziemlich großen) „kleinen Grenzverkehr“, da v.a. durch den Krieg viele Afghanen auf beiden Seiten der Grenze lebten und arbeiteten. Der Hauptgrenzübergang in Torcham war wiederholt wochenlang geschlossen (zuletzt hier). Dort muss man jetzt lange Stacheldrahtverhaue durchqueren, wenn man über die Grenze will. Zudem hat Pakistan angeordnet, dass Afghanen mit einem indischen Einreisestempel im Pass nicht mehr kommen dürfen –  was später dementiert wurde.

So sieht es normalerweise am Grenzübergang Torkham aus...

So sieht es normalerweise am Grenzübergang Torkham aus…

... und so, wenn Krise ist. Fotos: Pajhwok.

… und so, wenn Krise ist. Fotos: Pajhwok.

 

Über diese Rückweisung in ein Kriegsgebiet hat meine AAN-Exkollegin und nunmehrige dpa-Korrespondentin in Islamabad Christine-Felice Röhrs folgenden Text geschrieben, der auf der Webseite Qantara (14.9.16) abgedruckt wurde:

Rückkehr in den Krieg – der Massenexodus der Afghanen aus Pakistan

Ganz unerwartet kehren Hunderttausende afghanische Flüchtlinge aus Pakistan zurück. Wieso? Eine neue Eiszeit zwischen Pakistan und Afghanistan spielt eine Rolle. Aber es steckt noch mehr dahinter. Und humanitäre Helfer warnen vor tödlichen Konsequenzen.

Von Christine-Felice Röhrs

In der Nacht sind neue Lastwagen auf den Parkplatz gerollt. In langen Reihen stehen die bunt bemalten Riesen nun nebeneinander, jeder ein ganzes Leben im Bauch. Strohballen, Matratzen, Kanister, Ziegen, sogar Fenster und Türen lugen über die nach oben offenen Rahmen der Ladeflächen.

Auf der Spitze dieser Lebenshaufen hocken Männer, Frauen, Kinder und blinzeln müde in die Morgensonne. Tausende Afghanen warten an diesem Tag am Stadtrand von Kabul auf ein wenig Geld, das die Vereinten Nationen ihnen geben wollen für ein neues Leben im alten Heimatland. (…)

Aber seit einigen Monaten ist das Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan auf einem neuen Tiefpunkt. Afghanistan wirft Pakistan vor, die Taliban zu unterstützen, Friedensgespräche sind gescheitert, jeder neue Anschlag verschärft die anti-pakistanische Rhetorik. In Pakistan wiederum dokumentieren die UN tausendfach Übergriffe von Sicherheitskräften auf die Afghanen im Land. Die Aufenthaltserlaubnis für die, die als Flüchtlinge registriert sind, wurde im Sommer gerade mal bis Dezember erneuert.

Und plötzlich ist zwischen den Ländern eine Art Völkerwanderung in Gang gekommen. «Diesen Massenexodus hat keiner so kommen sehen», sagt ein Mitarbeiter des UN-Flüchtlingswerks UNHCR in Kabul.

Der Leiter für Humanitäres bei den UN, Stephen O’Brien, verkündet deshalb am Mittwoch in Kabul einen Notappell. 150 Millionen Dollar brauche man jetzt, für eine Million «unerwartet vom Konflikt entwurzelte Menschen». Die Zahlen: Bis Dezember sollen 620.000 Afghanen aus Pakistan zurückkommen. Dazu kommen Binnenflüchtlinge, die der sich verschärfende Krieg produziert: nun 400.000 bis Jahresende – 150.000 mehr als die UN ursprünglich kalkuliert hatten.

Einer aus dieser Million ist Habibullah, 52, ein großer, schwerer Mann mit grauem Bart. In Pakistan hatte er eine Herberge. Aber dann verlängerte der Vermieter seinen Vertrag nicht, und jeden Tag kam die Polizei und durchsuchte seine Taschen nach Geld. Mit zehn Mann geht Habibullah nun zurück in den Norden Afghanistans, nach Kundus – in eine der am stärksten umkämpften Provinzen des Landes.

«Welche Wahl habe ich?», fragt Habibullah. (…)

400 Dollar pro Nase bekommen Habibullah und andere – einmalig. «Allein der Lastwagen kostet schon 800 Dollar», sagt Habibullah. Ein Dach über dem Kopf, dann Essen und Holz kaufen, so viel sie können – weiter als bis zum Winter planen die meisten mit diesem Geld nicht. Eine neue Existenz gründen? Dafür reiche es doch nicht. Hunderttausende andere sind noch schlimmer dran. (…)

Hier entlang zum Weiterlesen.

Afghanische Flüchtlinge, aus Pakistan abgeschoben. Foto: Pajhwok.

Afghanische Flüchtlinge, aus Pakistan abgeschoben. Foto: Pajhwok.

 

ZDF Heute berichtete vor ein paar Tagen ebenfalls; der in Österreich lebende afghanische Journalist Emran Feroz bereits im vergangenen Dezember, hier.

Und die Berliner Zeitung brachte Porträts afghanischer Flüchtlinge in Pakistan.

 

 

 

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