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Einige Unklarheiten, die ich im ursprünglichen Text hatte, haben sich durch eine freundliche Zuschrift geklärt – z.B. dass die in Titel erwähnte Quote sich nicht nur auf Todesopfer, sondern auch Verletzte bei Kampfhandlungen bezieht sowie auf ganz Afghanistan und nicht auf eine spezifische Region. Ich habe aber das Wort „Todesgefahr“ im Titel gelassen, denn in der schweben ja nicht nur jene, die später tatsächlich getötet werden. Die Änderungen sind im Text markiert. Die Aussage ändert sich dadurch nicht.

 

0,074 Prozent beträgt laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Wahrscheinlichkeit, Opfer des Krieges in [korrigiert: Afghanistan] zu werden. Das ist zu wenig, um in Deutschland Asyl gewährt zu bekommen, erfuhr im August Rohullah Qaderi, ein 24-jähriger früherer TV-Produzent und Reporter aus Nord-Afghanistan, der in Deutschland Schutz gesucht hatte, in Altenberg (Sachsen) untergekommen ist und dessen Asylantrag mit dieser Begründung nun abgelehnt worden ist.

 

Berichtet hat das vor einigen Tagen Kaveh Rostamkhani für die Nachrichtenagentur IRIN, die früher zum UN-System gehörte, aber seit einiger Zeit unabhängig arbeitet. Hier findet sich sein gesamter Artikel, der auf Englisch erschienen ist. Rostamkhani hat den Ablehnungsbescheid gesehen.

Qaderi, einer von fast 100.000 Afghanen, die im vergangenen Jahr Deutschland erreichten, schreibt Rostamkhani, habe sein bestes getan, um sich in Deutschland zu integrieren. Dabei habe Qaderi „in einer Gegend, in der viele Einwohner unvorbereitet und unwillig waren, Neuankömmlinge zu akzeptieren“, anfängliche Widerstände überwunden und sich einer Initiative angeschlossen, die anderen Flüchtlingen hilft. Unter anderem verfüge er über eine „beeindruckende Beherrschung des Deutschen“ und sei „hoch motiviert“ gewesen. Jetzt seien all die Erinnerungen an die Bedrohungen zu Hause zurückgekommen: “Ich habe niemals erwartet, dass [die Entscheidung] negativ sein werde. (…) Ich kann kaum noch schlafen und mich nicht konzentrieren.”

Die BAMF-Quote basiere auf einer Risikoberechnung, die sich auf Bevölkerungs- und Opferzahlen („von 2014“) [ergänzt: für ganz Afghanistan] stütze – [korrigiert: dabei werden nicht nur Todesopfer] einbezogen. Bernd Mesovic von Pro Asyl nennt die Berechnung zurecht “absurd”. [Ergänzung: Er kritisiert die Unzuverlässigkeit der errechneten Quoten, weil aus Regionen unter Taleban-Kontrolle – wegen mangelnden Zugangs – eine gewisse Anzahl von gewaltsamen Zwischenfällen ihren Weg nicht in die Statistik finden. UNAMA z.B. weist bei den eigenen Berichten darauf hin, dass jeder Fall mindestens zwei von einander unabhängige Quellen bestätigt werden müssen. Das führt einierseits zu einer gewissen Dunkelziffer. Und gerade in jenen Regionen sei die Gefährdung für Zivilisten höher.]

Dass es keine halbwegs verlässlichen, umfassenden, öffentlich zugänglichen Quellen über solche Zwischenfälle gibt, seit ISAF nicht mehr existiert und ihre Nachfolgemission Resolute Support nicht mehr öffentlich berichtet (man hat ja die „Verantwortung“ an die afghanische Regierung abgegeben), ist m.E. dabei noch ein schwächeres Argument. [Ergänzt: Selbst wenn alle Fälle erfasst würden – eine solchen Quotenberechnung ist schlicht zu unterkomplex für die Situation in Afghanistan. Eine Debatte darüber, wie man eine solche Quote „richtig“ berechnet halte ich für wenig sinnvoll. Im Grunde wird damit indirekt wieder bestritten, dass in Afghanistan Krieg herrscht, vor dem man fliehen müsste.]

Qaderi hat Einspruch eingelegt. Verhandelt werden soll am 16. Dezember am Verwaltungsgericht in Dresden. Wenn seine Zurückweisung aufrecht erhalten wird, so Qaderi, werde er nicht freiwillig zurückkehren. „Wenn sie mich zwangsweise zurückbringen, könnte ich vielleicht aufhören zu existieren. Wenn ich überlebe, werde ich ganz sicher wieder fliehen, denn ich will nicht von den Islamisten abgeschlachtet werden.”

Mir fiel beim Lesen dieses Falles ein Tagesthemenbeitrag vom 29.10. d.J. ein (hier zum Video, ab 0:08:46), in dem eine BAMF-Entscheiderin interviewt wurde. Sie erklärte darin, dass ihr individuelle Fälle durchaus nahegingen, aber man „halt eine gewisse Routine an den Tag legen (müsse), ähnlich wie Ärzte oder Krankenschwestern auch“, um – wie die Reporterin aus dem off kommentiert – „objektiv entscheiden zu können, die Wahrheit herauszufinden(…), denn Afghanen gelten als komplexe Fälle“ – was auch immer „komplex“ hier heißen soll, gleich nach dem Begriff „Wahrheit“. Zahlen wie die BAMF-Gefährdungsberechnung ihrer Dienststelle sollen bei der Objektivität wohl helfen.

Diese Zahlenakrobatik ist im übrigen ähnlich überzeugend (Vorsicht, Sarkasmus) wie die Begründung des Bundesinnenministerium auf die Anfrage einer Grünen-Politikerin (siehe hier) in Sachen geplanter „Rückführungen“ solcher Leute wie Qaderi – die die Bundesregierung wohl indirekt der Verantwortung entheben soll, die behaupteten „sicheren Zonen“ in Afghanistan zu identifizieren, nämlich dass man für den Transport von Menschen in die als „sicher“ eingestuften Regionen nicht verantwortlich sei: „Sofern der Ankunftsort der zurückgeführten afghanischen Staatsangehörigen in Afghanistan nicht zugleich der Zielort der Rückführung ist [nämlich Kabul oder „gegebenenfalls Masar-e Scharif“ (Zitat findet sich hier), wo die Bundesregierung erst den Flughafen modernisiert hatte, vorausschauend, könnte man fast sagen], liegt der weitere inländische Transfer in der Verantwortung der zuständigen afghanischen Behörden“. Damit werde „die Verantwortung für das Wohl der zwangsweise Rückgeführten ab dem Flughafen Kabul bei der afghanischen Regierung“ abgeladen, so die Grüne Amtsberg.

Siehe auch mein Beitrag „Wie die Bundesregierung ’sichere Zonen‘ in Afghanistan definiert“):

Bereits im Februar hat der Spiegel kurz beschrieben (im Heft 9/2016), wie die Bundesregierung „sichere Zonen“ in Afghanistan definiert:

Jede Woche erstellen Beamte der “Gruppe 22” im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ein aktuelles Briefing zu Afghanistan. Es liest sich wie eine Sammlung des Schreckens: militärische Auseinandersetzungen, Selbstmordanschläge, Entführungen, gezielte Tötungen. […] Wenn in einer Region das Verhältnis von zivilen Opfern zur Gesamtbevölkerung geringer als 1:800 ist, gilt das Risiko für Leib und Leben als zu niedrig, um allein deshalb Schutz in Deutschland zu erhalten.

Um die Zahlen zu vervollständigen: das Verhältnis 1:800 entspräche einer Opferquote von 0,125 Prozent.

0,125 > 0,074.

 

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