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Afghanen und Afghanistan-Beobachter fragen sich nun, wie sich der Wahlsieg Trumps auf ihr Land auswirken wird. Schwierig zu sagen, denn Trumps Statements strotzen nur so vor Widersprüchlichkeit. Zum Atomabkommen mit Iran sagte er erst zum Beispiel erst, er werde es sofort „zerreißen“, dann gab er zu dass ein Abkommen mit UN-Mandat nicht so leicht außer Kraft gesetzt werden kann.

Außenpolitik und besonders nicht Afghanistan waren auch keine Schlüsselthemen im Wahlkampf. Kein Wunder, beide Parteien haben ja ihren Anteil an dem Desaster dort. Diesem Blog zufolge wurde Afghanistan bei der ersten Fernsehdebatte beider Kandidaten nur einmal erwähnt – und zwar nur en passant, ohne irgendwie auf einen spezifischen Aspekt einzugehen. (Es ging um die NATO.) In den Transkripten der zweiten und dritten Debatte – Fehlanzeige.

Am meisten Aufmerksamkeit bekam Afghanistan, als Trumps Kampagnensprecherin Katrina Pierson im Oktober live auf CNN erklärte, über das Jahr 2007: “Erinnern sie sich, zu dieser Zeit waren wir noch nicht mal in Afghanistan. Barack Obama marschierte nach Afghanistan ein.” Knapp daneben ist auch vorbei: um knappe sechs Jahre. Trump ließ sich nicht lumpen. Während eines Kampagnenauftritts im September 2016 sprach er über die Innenstädte der USA und meinte, Afghanistan sei sicherer als diese: “Sie können nach Afghanistan gehen. Sie können in kriegsbetroffene Länder gehen, und sie werden herausfinden, dass es sicherer ist als in den Zentren einiger unserer Innenstädte.”

Kabuler Graffiti. Foto: Thomas Ruttig.

Kabuler Graffiti. Foto: Thomas Ruttig.

 

Auf der offiziellen Webseite der Trump-Kampagne gibt es eine Liste von “Positions” in Stichpunktform mit dem Titel “Außenpolitik und ISIS besiegen”. Unter der Zwischenüberschrift “Donald J. Trumps Vision” findet sich eine Anzahl von Prinzipien, die wohl auch Hillary Clinton nicht viel anders formuliert hätte: “Amerikas nationale Kerninteressen voranbringen, regionale Stabilität fördern und eine Abmilderung von Spannungen in der Welt produzieren.” Frieden müsse “Frieden durch Stärke” sein. Aber der Titel deutet schon darauf hin, dass der ‚Krieg gegen Terror’ zentral bleiben wird – wie die BBC Trumps “Detaillierten Plan zum Sieg über ISIS“ zusammenfasst: ISIS „in die Hölle bomben“. Auch das – außer in der Wortwahl – ist eher Kontinuität als Wechsel, verglichen mit Obama.

Trump will gleichzeitig ein großes Rüstungsprogramm auflegen (die Kurse einschlägiger Firmen stiegen heute schon kräftig), andererseits Geld sparen. NATO-Mitglieder und andere Verbündete sollen für den Schutz durch US-Truppen zahlen; er werde auch ihnen nicht „automatisch“ zu Hilfe kommen.

Das bringt uns zu Afghanistan. Dazu twitterte er zum Beispiel (wenn auch vor ein paar Jahren schon):

Lasst uns aus Afghanistan rausgehen. Unsere Truppen werden von den Afghanis [sic], die wir ausbilden, getötet und wir verschwenden Millarden dort. Unfug! Die USA wieder aufbauen.

und

Es ist Zeit, Afghanistan zu verlassen. Wir bauen Straßen und Schulen für Leute, die uns hassen. Das ist nicht in unserem nationalen Interesse.

In seinen „Positionen“ gibt es wieder keine Spur von Afghanistan. Dort kommen nur der IS und der “atomare Iran” vor. Auch in seinem detaillierten Plan zu IS wird Afghanistan nur mit dem Fakt erwähnt, dass der Vater des Todesschützen im Schwulenklub in Orlando im Juni “aus Afghanistan stammt” und dort das Taleban-Regime unterstützt habe. Auch der afghanische Flüchtling, der im Juli in einem Zug bei Würzburg mehrere Reisende verletzte, kommt vor.

Im Interview mit CNN im Oktober 2015 sagte er wieder völlig entgegen gesetzte Dinge fast im selben Satz: „Wir machten einen schrecklichen Fehler, als wir begannen, uns dort zu engagieren.” Und: “Ich habe niemals gesagt, dass es ein Fehler war, nach Afghanistan zu gehen.” Dann fragte er, ob US-Truppen dort “für die nächsten 200 Jahre sein sollen?” Um dann – zumindest teilweise- unverständliches Zeug zu stammeln:

Okay, egal, ich habe das nie gesagt. Afghanistan ist ein anderes paar Schuhe. Afghanistan liegt nahe bei Pakistan, es ist ein Zugang. Man muss wegen der Atomwaffen aufpassen. Es geht nur um die Atomwaffen. Übrigens, ohne die Atomwaffen wäre das ein völlig anderes Spiel.

Außerdem enthalten Trumps “Positionen” den Plan, “die gegenwärtige Strategie des nation-building und Regimechange zu beenden.” Die Unterstützung von Demokratie und Demokraten sowie der Menschenrechte und ihrer Verteidiger dürfte damit von der Washingtoner Agenda fallen. Auch Erdogan will er nicht wegen dessen Niederschlagung demokratischer Freiheiten unter Druck setzen.

Afghanistans führende Politiker – Präsident Aschraf Ghani und CEO Dr Abdullah (Presseerklärungen hier und hier) – haben Trump natürlich zum Sieg gratuliert. Beide bezeichneten die USA “wichtigen strategischen Partner“ bei, so Ghani, der Entwicklung des Landes und dem Kampf gegen den Terrorismus. Zwei frühere Geheimdienstchefs, Amrullah Saleh und Rahmatullah Nabil, waren etwas offener damit, was sich viele Afghanen vorstellen: die USA sollen “die Rückzugsorten und Terrorunterstützer in Pakistan angehen.“ Auch Ex-Präsident Hamed Karzai, der im Hintergrund immer noch agiert, als sei er noch im Amt, biederte sich an, obwohl ihn Trump vor ein paar Jahren, auch per Tweet, „in die Hölle“ wünschte.

Afghanistan hatte immer eine republikanische Fangemeinde – auch in der Zivilgesellschaft und unter Linken –, die Bushs, Cheneys und Rumsfelds Anti-Terror-Krieg gut fanden – nur dass sie mehr davon wollten: die Taleban sollten militärisch vernichtet und Pakistan dazu gebracht werden, diese nicht mehr zu unterstützen. Das war unrealistisch und bleibt wohl auch weiterhin Wunschdenken (auch wenn Trump sich ähnlich abfällig wie über die Afghanen auch über Pakistan äußerte).

Auch die Taleban machten weiter wie immer. Sie forderten Trump auf, “alle US-Truppen aus dem Land abzuziehen” und eine „entwürdigende Niederlage zu vermeiden“, ließen aber ansonsten größere Schmähungen weg und tönten wieder staatstragend und fast schon pazifistisch:

Unsere Botschaft an Amerikas neuen Präsidenten ist, dass er eine Regierungspolitik entwerfen soll, die nicht die Unabhängigkeit der anderen Völker in der Welt unterdrückt und [US-] Eigeninteresse nicht durch Zenstörung und Inhaftnahme anderer Nationen betreibt, so dass die ganze Welt in Sicherheit leben und andauernde Krisen ein Ende finden können.

Die Gefahr für Afghanistan ist nun zweierlei. Erstens könnte eine zu schnelle Beendigung der militärischen und finanziellen Hilfe durch die USA könnte die jetzt schon überforderte und sich selbst paralysierende afghanische Regierung zum Zusammenbruch bringen. Zweitens würde eine Aufkündigung des Iran-Deals die Kriegsgefahr in der Region wieder enorm steigern; ein Einsatz von Atomwaffen würde auch Afghanistan treffen.

 

 

 

 

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