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Gestern eingegangen ist folgender Bericht des früheren Grünen-Bundestagsabgeordneten Winni Nachtwei, der auch nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament das Thema Afghanistan weiter verfolgt. Ich stelle wegen der unmittelbaren Eindrücke hier seinen gesamten Bericht (hier zum Original) ein; bitte besuchen sie auch seine Webseite. (Hier geht es zu seinem Afghanistan-Teil, wo man auch frühere Berichte und Kontext zu den jüngsten Ereignissen findet.)

Innenhof des deutschen Generalkonsulats in Masar-e Scharif 2015. Foto: Winni Nachtwei.

Innenhof des deutschen Generalkonsulats in Masar-e Scharif 2015. Foto: Winni Nachtwei.

 

Afghanistan-Bericht von Winfried Nachtwei

Terrorangriff gegen deutsche Diplomaten in Mazar – Bundespolizisten + afg. Sicherheitskräfte schützen sie. Kurzbericht von meinem 19. AFG-Besuch

Veröffentlicht von: Nachtwei am 13. November 2016 19:02:59 +01:00 (73 Aufrufe)

Es waren die letzten Stunden meines jüngsten AFG-Besuches in Mazar-i Sharif, als ein Talibankommando mit Bomben-Lkw und Kämpfern das deutsche Generalkonsulat in Mazar angriff. Hier ein Kurzbericht.

Erster Terrorangriff gegen deutsche Diplomaten – Bundespolizisten und afghanische Kollegen schützen sie

Winfried Nachtwei, MdB a.D. (13.11.2016)

(Fotos dazu auf seiner Facebook-Seite hier.)

Am späten Abend des 10.November 2016 griff ein Terrorkommando der Taliban das deutsche Generalkonsulat in Mazar-i Sharif an. Ich befand mich zu der Zeit wenige Kilometer entfernt im Camp Marmal. Am nächsten Morgen sollte es mit Turkish Airlines zurück nach Deutschland gehen. (Bericht von meinem 19. Afghanistanbesuch folgt)

Der 10. November war der Tag des feierlichen Kommandowechsels beim Train, Advice and Assist Command North (TAAC-N) der NATO-geführten Mission Resolute Support im Camp Marmal bei Mazar-i Sharif. Brigadegeneral André Bodemann übernahm das Kommando über die mehr als 1.700 Soldaten aus 21 Nationen von Brigadegeneral Hartmut Renk. Das Tagesprogramm endete mit einem Formal Dinner der beiden Generale mit dem Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, Generalleutnant Pfeffer, sowie engsten Mitarbeitern des RS-Kommandeurs und unserer kleinen Delegation aus Deutschland in der „Oase“. Um 21.00 Uhr gingen wir auseinander. Kurz nach 23.00 Uhr passierte es im ca. 10 Kilometer entfernten Stadtzentrum von Mazar: Ein Selbstmordattentäter sprengte einen mit Sprengstoff beladenen Laster im Eingangsbereich des stark gesicherten Generalkonsulats in die Luft.

In unserer Unterkunft am Ostrand des Camps bekam ich davon zunächst nichts mit. Um

0.43 (21.13 MEZ) ging das Telefon, dann erneut um 0.52 Uhr. Auf dem Anrufbeantworter meldeten sich meine Ex-FraktionskollegInnen, erst Omid Nouripour, dann Agnieszka Brugger: Sie hätten von einem schweren Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat in Mazar erfahren, „bitte melde Dich“. Draußen höre ich außer dem entfernten Generatorenbrummen nichts Auffälliges. Ich rufe zurück und melde, dass persönlich alles in Ordnung ist, dass wir am Tag noch mit Angehörigen des Generalkonsulats gesprochen haben. Sicherheitshalber informiere ich auch meine Frau in Münster, die auch noch nicht von dem Anschlag gehört hatte.

Am Morgen des 11. November verdichtet sich das Lagebild. Matthias Gebauer von SPIEGEL ONLINE berichtet sehr genau.

Gegen 23.10 Uhr Ortszeit brachte ein Selbstmordattentäter einen (Kohle-)Laster mit einer sehr großen Sprengladung im Eingangsbereich des deutschen Generalkonsulats im Zentrum von Mazar zur Explosion. Diese zerstörte die massive Mauer und beschädigte die Konsultatsgebäude sowie Gebäude im größeren Umkreis (laut TOLO news mehr als 100 Wohnungen und Läden). Es heißt, vier Zivilisten seien getötet und 128 verletzt worden – viele durch Glassplitter in ihren Wohnungen. Wie bei „komplexen Angriffen“ üblich, seien Talibankämpfer (Zahl bisher unbekannt) auf das Konsulatsgelände vorgedrungen, aber von Bundespolizisten und afghanischen Sicherheitskräften bekämpft und abgewehrt worden. Die Schusswechsel gingen über längere Zeit.

Die zwanzig Konsulatsangehörigen konnten sich zum großen Teil in den besonders geschützten „Panikraum“ zurückziehen. Körperlich verletzt wurde niemand. Nachdem die Quick Reaction Force und weitere Schutzkräfte aus dem Feldlager vor Ort eingetroffen waren, wurden alle Konsulatsangehörigen von RS-Kräften in das Camp Marmal evakuiert.

Als gegen 6.00 Uhr drei Motorradfahrer auf eine Absperrung am Anschlagsort zufuhren und auf Warnschüsse und Stoppzeichen nicht reagierten, eröffneten deutsche Soldaten das Feuer. Zwei Kradfahrer wurden getötet, einer verletzt.

Bei solcher Art komplexen Angriffen legen es Taliban darauf an, möglichst viele Personen ihrer „Zielgruppe“ umzubringen. Es sind x Mal praktizierte Massaker-Angriffe. Vor diesem Hintergrund ist es eine große Leistung der deutschen und afghanischen Sicherheitskräfte und ein Glück, dass sie diese Absicht der Taliban verhindern und die Konsulatsangehörigen alle schützen konnten!

Ausführlich: Thomas Ruttig; Taleban greifen deutsches Generalkonsulat in Masar an (mit weiteren Updates) am 11. November vormittags, Interview der Deutschen Welle mit Thomas Ruttig; sehr informativ und mit Kontext „Im Norden braut sich etwas zusammen“ von Friederike Böge und Johanes Leithäuser in der FAZ am 12. November.

(Als ich am Nachmittag des 12. November verspätet bei der Bundesdelegiertenversammlung der Grünen in Münster eintraf, begrüßten mich viele Kolleginnen und Kollegen ganz besonders herzlich und mit Erleichterung: Zu Beginn der BDK hatte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner mitgeteilt, dass ich wegen eines Afghanistanbesuches nicht im Präsidium mitwirken konnte.)

Die politische Dimension

Bisher hieß es, dass die deutsche zivile Aufbauhilfe in der Bevölkerung besonders anerkannt sei und nicht im Visier der Taliban stehe. Hauptrisiken bestanden bisher vor allem in kriminellen Umtrieben und in „Begleitschäden“ bei Angriffen von Aufständischen. Der Anschlag jetzt zielte erstmalig auf eine deutsche zivile Einrichtung. Die Taliban begründeten den Terrorangriff als Vergeltung für einen NATO-Luftangriff, dem am 3. November in Kunduz 30 Zivilpersonen zum Opfer gefallen waren. Ob die Taliban damit zugleich einen Kurswechsel einläuten und die deutsche Aufbauhilfe zu einem „legitimen Ziel“ erklären, muss geklärt werden.

Der Anschlag traf den Knotenpunkt der deutschen Aufbauhilfe in Nordafghanistan: Das Generalkonsulat flankiert das zivile deutsche Engagement unter den erschwerten Bedingungen einer schwierigen Sicherheitslage. Das Generalkonsulat pflegt Kontakte zum Gouverneur, zu den Vertretungen der Ministerien, zu den Provinzräten.

Besonders wichtige Aufbauvorhaben sind

  • der Technical Vocational Education & Training (TVET) Campus Takhta Pul bei Mazar, die größte Einrichtung dieser Art in ganz Afghanistan (die Agrartechnikerschule für 840 Schüler und die Berufsschullehrerakademie für 350 Studierende wurden im Frühjahr eröffnet; das Engineering College für Hoch- und Tiefbau, Elektriker, Mechaniker, Installateure ist bald fertig, vgl. mein Bericht zur Stärkung der beruflichen Bildung hier);
  • die Zusammenarbeit mit der Balkh-Uni auf dem Feld der IT (Partnerschaft mit der TU Berlin);
  • die Straßenverbindung Cholm – Kunduz.
  • Auch wenn zzt. in den Provinzen Kunduz und Baghlan keine internationalen und lokalen Mitarbeiter mehr für die deutsche EZ arbeiten können, laufen dort noch erstaunlich viele Maßnahmen (z.B. Wiederaufbau des Provinzratsgebäudes, ein Brückenprojekt).

Deutschland ist in Nordafghanistan einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Akteur internationaler Aufbauhilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Dieses Engagements ist hoch angesehen und breit akzeptiert. Damit hat dieser Einsatz zugleich bessere Chancen, nachhaltig zu wirken.

Der Großanschlag vom 10. November darf nicht zu einer Kurzschlussreaktion in Berlin führen. Bundesregierung und Bundestag sollten alles dafür unternehmen, dass die Frauen und Männer der deutschen EZ ihre hervorragende Arbeit in Afghanistan weiter leisten können – und dabei bestmöglich geschützt sind.

Informationen zum Deutschen Generalkonsulat in Mazar

Im Februar 2015 besuchte ich das Generalkonsulat in der Nähe der Blauen Moschee. Es wurde am 8. Juni 2013 von Außenminister Westerwelle eingeweiht und ist das erste Generalkonsulat eines europäischen Staates in Nordafghanistan. (Am selben Tag wurde der neue International Airport Mazar-e Sharif eröffnet, von Deutschland mit rund 50 Mio. Euro unterstützt.)

Untergebracht ist das Generalkonsulat im ehemaligen Mazar Hotel im Stadtzentrum an der AH 76. Von außen wirkt es mit dicken Mauern und hohen Sichtblenden wie eine Festung. Drinnen erstreckt sich ein großzügiger Bau mit Gartenanlage im Stil der 30er Jahre. Ursprünglich wollten die USA hier ihr Generalkonsulat unterbringen und bauten es um. Als in der Nachbarschaft höhere Neubauten entstanden, gaben sie das Gelände aus Sicherheitsgründen auf.

Im Generalkonsulat arbeiten um zwanzig Entsandte. Bis auf das Thema  „ehemalige  Ortskräfte“, das in Camp Marmal von AA-Mitarbeitern und Bundeswehr bearbeitet wird, ist für Rechts-, Konsular- und Visaangelegenheiten weiterhin nur die Botschaft in Kabul zuständig. Der Generalkonsul ist zugleich Leiter des multinationalen Stabes Senior Civilian Representative TAAC-N (früher ISAF RC North), der Director Development ist German Development Commissioner beim SCR TAAC-N.

(Bericht von meinem ersten Afghanistanbesuch nach ISAF-Abzug, hier)

 

 

 

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