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Der afghanisch-pakistanische Ableger des Islamischen Staates (IS oder auch Daesch) hat heute in Kabul wieder einen Anschlag gegen Schiiten ausgeführt. Berichten afghanischer Medien zufolge soll sich ein einzelner Attentäter kurz nach Mittag unter die Versammelten in der Baqir-ul-Ulum-Moschee im Stadtteil Karta-je Tschahardehi im Südosten der afghanischen Hauptstadt gemischt und in die Luft gesprengt haben. Die Zahl der Todesopfer soll inzwischen bei 32 und die der Verletzten bei 64 liegen. Die Versammelten dort begingen den schiitischen Feiertag Arba’in (Dari: Tschehelum – 40 Tage nach Aschura, der Todestag des von ihnen Verehrten Imam Hussain.

Die schiitische Baqir-ul-Ulum-Moschee in Kabul, Ziel des heutigen IS-Anschlags. Foto: Pajhwok.

Die schiitische Baqir-ul-Ulum-Moschee in Kabul, Ziel des heutigen IS-Anschlags. Foto: Pajhwok.

 

Der Islamische Staat Provinz Chorassan (ISKP) bekannte sich laut BBC über seine Nachrichtenagentur Amaq und zu dem Anschlag, dem vierten in diesem Jahr. Die Taleban distanzierten sich hingegen.

Zuvor ereigneten sich am 11.10.16 in Kabul eine Attacke mit Schusswaffen in einem Schrein im Westkabuler Stadtteil Karta-ja Sachi, nahe der Universität. Am gleichen Tag starben bei einem Sprengstoffanschlag in einer Moschee in Masar-e Scharif 14 Menschen. Am 23. Juli hatten sich wahrscheinlich zwei Attentäter in einer Schiiten-Demonstration in Kabul in die Luft gesprengt und über 80 Menschen getötet. Damals schrieb ich:

In der Tat unterscheidet sich die „Handschrift“ des Anschlags von der der Taleban: Diese greifen in der Regel militärische oder Regierungsziele an und nehmen dabei auch den Tod von Zivilisten in Kauf, vermieden bisher aber Angriffe auf rein zivile Ziele. Der IS hingegen kennt offenbar überhaupt keine Skrupel. Er will vor allem, wie in Irak und Syrien, einen dauerhaften Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten erzeugen. In Afghanistan leben beide Bevölkerungsgruppen seit Ende der Talebanherrschaft und trotz existierender gegenseitiger Vorurteile und manchmal auch Spannungen friedlich miteinander. Frühere versuche, solche Konflikte auszulösen, wie ein Doppelanschlag in Kabul und Masar-e Scharif während des schiitischen Aschura-Gedenkmonats 2011, als zusammen über 80 Menschen getötet wurden, scheiterten. (Hier die AAN-Analyse von damals.)

Der Anschlag ist auch eher ein Ausdruck der Schwäche des IS, der seit seinem Auftauchen in Afghanistan Anfang 2015 fast alle Gebiete wieder verloren hat, die er zeitweise kontrollierte (und das waren nur kleine Gebiete, Teile weniger Distrikte in wohl fünf Provinzen; davon sind wohl nur Teile Atschins und Kots in Nangrahar übriggeblieben). Der örtliche IS-Ableger ist keine starke Gruppierung. US-Angaben, dass er über 1000 bis 3000 Kämpfer verfüge, dürften zu hoch gegriffen sein, zumindest deren oberes Ende. Das versucht er, wie in Syrien und Irak, mit Terrorangriffen wie diesem zu kompensieren. (Ein ähnliches Argument wird ja oft auch gegen die Taleban ins Feld geführt – allerdings haben die in Afghanistan eine gewisse Basis, was man vom IS nicht sagen kann.) In letzter Zeit waren Gerüchte von einer Kabuler IS-Zelle im Umlauf.

(…) Es scheint das Ziel nun auch des Ablegers der IS in Afghanistan zu sein, wie schon in Irak und Syrien (und in Pakistan, wo das von Gruppen betrieben wird, die schon vor dem IS existierten und ihm nun z.T. beigetreten sind) die schiitische und die sunnitische Bevölkerung in einen Gewaltkonflikt zu treiben. In Afghanistan war das jedoch bisher noch immer fehlgeschlagen. (Meine früheren Analysen hier und hier und hier.)

Ihren ersten größeren Anschlag verübte ISKP im April 2015 in Dschalalabad. ISKP bekannte sich auch zu mehreren Attentaten auf afghanische Politiker und Polizeichefs sowie zu einem Anschlag auf Gurkhas, die für die kanadische Botschaft arbeiteten, am 20. Juni d.J.; dabei starben 14 Menschen. Hier blieb die IS-Urheberschaft allerdings kontrovers. Der IS soll möglicherweise auch Attentate salafistische Prediger ausgeführt haben – bei den Salafisten gbt es verschiedene Strömungen und politische Zugehörigkeiten (neben dem ISKP etwa die Hezb-e Islami).

Seit damals hat der ISKP weitere Gebiete in Afghanistan verloren, unter anderem etwa die Hälfte von dem was er in der Ostprovinz Nangrahar kontrollierte, der einzigen Provinz mit einer signifikanten Präsenz in vier Distrikten. Das scheint auch der Grund dafür zu sein, dass ISKP jetzt verstärkt mit Terroranschlägen außerhalb Nangrahars agiert. (Mehr AAN-Analyse dazu hier.) Zuletzt hatte AAN berichtet, dass es in Kabul mehrere IS-Zellen gebe (hier). Die Zahl der ISKP-Kämpfer wird von verschiedenen Quellen mit bis zu 2000 angegeben, aber das scheint stark übertrieben. Wahrscheinlich geht es um mehrere hundert.

Im Gegensatz zu den Taleban (jedenfalls nach 2001) betrachten der IS und sein ISKP-Ableger die Schiiten als „Abtrünnige“ vom Islam, genauer als rawafidh (ein abwertender Begriff, der „Ablehner“ bedeutet). Sie greifen Schiiten in Afghanistan nach eigenem Bekunden auch deshalb an, weil Hasaras auf Seiten des Assad-Regimes in Syrien gegen den IS kämpfen (siehe z.B. hier).

Hier eine deutschsprachige Zusammenfassung zum heutigen Anschlag von epd.

 

 

 

 

 

 

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