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Der Berliner Terroranschlag vom 19.12.16 hat für einen Tag ein Schlaglicht auf einer der wohl wirklich vergessenen Kriege in dieser Welt geworfen: den in Belutschistan, der größten, aber ärmsten Provinz Pakistans, in der seit der Unabhängigkeit Pakistans 1947 fast unablässig gekämpft wird.

Denn: Für einen Tag gilt der 23-jährige Pakistani Nawed (andere Schreibweisen: Nawid/Naved/Navid/Naweed…) B. (Baloch, also Belutsche) als Hauptverdächtiger des Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz. Nach seiner Festnahme am Abend des 20.12. durchsuchen Beamte seine Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof (taz). Teile seiner „Akte“ gelangen an die Medienöffentlichkeit, etwa dass er wegen „sexueller Belästigung“ und Beleidigung aktenkundig sei. Außerdem hieß es, er „habe unterschiedliche Nationalitäten angegeben. Mal soll er behauptet haben, Afghane zu sein, ein anderes Mal sprach er von einer pakistanischen Staatsangehörigkeit.“

Nach 24 Stunden stellt sich heraus, alle Indizien (keine Schmauch- oder Blutspuren an seiner Kleidung; ein angeblicher Augenzeuge hatte doch keinen durchgehenden Blickkontakt bis zu seiner Festnahme – zudem habe er ein Alibi) sprechen gegen seine Tatbeteiligung. Es wird kein Haftbefehl beantragt, Nawed Baloch wird freigelassen – und verschwindet von der Bildfläche. Das Alibi stammte, laut taz, von einem Cousin:

Waheed Baloch spricht ein paar Sätze in ein ZDF-Mikrofon: Naved sei zum Tatzeitpunkt mit ihm unterwegs gewesen, sagt er, er sei unschuldig. (…) Am Abend des Anschlags, erzählt er, war sein Cousin Naved im Lageso, anstehen, Geld abholen. Den weiteren Verlauf schildert Waheed Baloch so: Sie trafen sich im Tiergarten. Sie sind spazieren gegangen, wollten Fotos von der Siegessäule machen. Auf dem Weg zur U-Bahn-Station Hansaplatz hat Naved sich verabschiedet und die Straße überquert. Dann stoppte ein Streifenwagen ohne Blaulicht und Sirene ihn.

Waheed ging hin, um ihm zu helfen. (…) Naved zeigte den Polizisten seine Aufenthaltsgestattung. Er könne gehen, sagten sie erst. Doch dann nahmen sie ihn mit. Waheed ging von einem Verkehrsdelikt aus, weil Naved eine mehrspurige Straße überquert hatte. Dass es um eine Geldbuße ging und sie ihn dann in sein Heim bringen. Keine Rede von Terrorverdacht, sagt Waheed.

Dpa fasste wie folgt zusammen:

Der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zunächst festgenommene und später wieder freigelassene Pakistaner ist für seine Familie anscheinend nicht mehr erreichbar. Der Vater des 23-jährigen Flüchtlings sagte der pakistanischen Zeitung „Dawn“, sein Sohn habe ihn nach der Freilassung am Dienstag nicht kontaktiert. Der 23-Jährige war am 31. Dezember 2015 über die Balkanroute und über Passau eingereist. Die deutschen Sicherheitsbehörden identifizierten ihn unter dem Namen Naved B.

Ein in Berlin lebender pakistanischer Aktivist namens Wajid Baloch aus Baluchistan, der Heimat des jungen Mannes, sagte der Zeitung, der junge Mann sei auch nicht in seine Flüchtlingsunterkunft zurückgelehrt. Er selbst stehe mit dem Leiter der Unterkunft in Kontakt, das Telefon des 23-Jährigen sei aber ausgestellt.

Die taz schreibt: 

B.s Angehörige und Freunde (…) können (…) ihn seitdem nicht erreichen. Sie fürchten, dass ihm etwas zugestoßen ist. Auch in seiner Flüchtlingsunterkunft hat keiner mehr etwas von B. gehört. Die Polizei will nicht sagen, ob sie B.s Aufenthaltsort kennt, und verweist an den Generalbundesanwalt. Dort heißt es lediglich, B. sei in Berlin freigelassen worden. (…)

Am Donnerstagnachmittag (22.12.) kommen bei seinen Leuten erste vage Nachrichten an, dass Naved Baloch wiederaufgetaucht ist. (…) Er sei an einem sicheren Ort, sagt ein Freund. Reden könne man mit ihm nicht. Er wolle sich erst mal ausruhen. (…)

Auch B.s Hintergrund passt nicht ins Bild [als islamistischer Terrorist]: Er kämpft für ein unabhängiges Belutschistan. (…) Aus dem Londoner Exil erklärt der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung Hyrbyair Marri: „Die Belutschen selbst sind Opfer des pakistanischen Staates und des damit verbundenen dschihadistischen Terrors.“ Die Bewegung sei „gegen jede Form des religiösen Fundamentalismus“.

Nur die taz und wenige andere Medien recherchierten weiter über seinen Hintergrund und Verbleib; immerhin ist Nawed Baloch als Angehöriger der Unabhängigkeitsbewegung tatsächlich ein politischer Flüchtling. Er sei säkular, stamme aus Turbat, einer kleineren, eher ländlichen Stadt, spreche nur Belutschisch (Balochi) und einige Brocken Urdu und Farsi. Über seinen Asylantrag sei noch nicht entschieden worden.

Waheed Baloch, sein Cousin, [auch] spricht nur wenig Deutsch oder Englisch, ein Freund übersetzt, 26 und seit einem guten Jahr in Deutschland [sagt]:

„Wir sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, wir sind wirklich in Gefahr. Mich wollten sie umbringen und kidnappen, die Armee hat Naveds Haus gestürmt und seine Großmutter verletzt.“ (…)

Belutschische Flüchtlinge ais Pakistan in Afghanistan. Foto: Karlos Zurutuza.

Belutschische Flüchtlinge ais Pakistan in Afghanistan. Foto: Karlos Zurutuza.

 

Diese Hintergründe sind richtig. Die belutschische Unabhängigkeitsbewegung war ursprünglich links, wurde in den 1960er/70er Jahren sogar von der Sowjetunion unterstützt. Viele ihrer jüngeren Führer hatten in Moskau studiert. Die älteren aber waren eher konservativ (aber nicht islamistisch); immer wieder spalteten Stammesstreitigkeiten die Bewegung, was der pakistanischen Regierung erlaubte, die Führer abwechselnd zu kooptieren. Afghanistans Regierungen unter Daud und der DVPA unterstützten die Belutschen-Bewegung ebenfalls gegen Pakistan. Als ich 1983 erstmals in Kabul war, wohnten ihre Führer in einem Lehmhaus-Grundstück nicht weit vom heutigen ISAF/RS-Hauptquartier, bewacht von eigenen, bewaffneten Leuten.

Schon die Ursache des Konflikts ist schwer zu verstehen. Der Kern der pakistanischen Provinz Belutschistan besteht aus dem früheren Chanat von Qalat, das autonomer Teil Britisch-Indiens war und nach der Teilung und Unabhängigkeit Pakistans am 14. August 1947 diesen Status behalten sollte. Belutschische Nationalisten proklamierten jedoch am 15.8.47 einseitig die Unabhängigkeit; neun Monate später marschierte Pakistans Armee ein und beseitigte die Unabhängigkeit. Die erste Runde der Aufstände begann. Es geht aber auch um die Kontrolle über Belutschistans reiche Bodenschätze: Gas wird bereits gefördert, Uran gibt es auch – daraus werden wohl Pakistans Atombomben gebaut.

Später beschränkte sich die Belutschen-Bewegung auf die Forderung nach Autonomie innerhalb Pakistans (und einen gerechten Anteil an den Reichtümern). Sie wehrte sich gegen die afghanischen Taleban, die Belutschistans Hauptstadt Quetta zu ihrem Hauptquartier machten, lehnten deren islamistische Tendenzen ab (auch weil sie sie v.a. als Paschtunen sahen, die die pakistanische Regierung verstärkt nach Belutschistan einwandern ließ, wodurch die Belutschen dort zur Minderheit wurden) und boten sich der internationalen Gemeinschaft nach 2001 vergeblich als Verbündete an. Als aber auch all das nichts nützte – und 2005 ihr Führer Nawab Akbar Khan Bugti von pakistanischen Sondereinheiten umgebracht wurde (hier ein etwas Karl-May-mäßiger Spiegel-Bericht) – und eine jüngere Generation die Führung übernahm, radikalisierte die Bewegung sich wieder und will nun erneut volle Unabhängigkeit. Außerdem sind die Belutschen gegen die chinesisch-pakistanischen Wirtschaftsprojekte im Rahmen des „One Road, One Belt“-Programms, dessen einer Endpunkt an der belutschischen Küste im Hafen Gwadar liegt – wo nur wenige Belutschen Arbeit bekommen haben und der wegen ihrer Angriffe sogar teilweise eingezäunt ist (hier ein Bericht aus dem Wall Street Journal).

Pakistans Regierung geht mit großer Brutalität gegen die Bewegung vor – selbst zivile Aktivisten werden „verschwinden“ gelassen und tauchen oft erst tot wieder auf, irgendwo am Straßenrand, mit Folterspuren. Ausländische Journalisten erhalten kaum Genehmigungen, in die Provinz zu reisen (siehe hier). Das ist möglich, weil der Konflikt außerhalb der Region kaum bekannt ist.

Aber die wenigen ausführlichen Berichte über die Situation in Pakistanisch-Belutschistan, die in internationalen Medien erschienen sind, bestätigen das Vorgehen der pakistanischen Regierung, wie hier im britischen Guardian, in der New York Times, im Spiegel oder dieser Bericht über einen belutschischen Asylbewerber in der Schweiz und die Hintergründe seiner Flucht. Oder Erklärungen von Menschenrechtsorganisationen, wie hier von amnesty international, der Internationalen Juristenkommission und Human Rights Watch.

Weitere gute Berichte über die Belutschen-Bewegung in Pakistan finden sich hier Frédéric Grare: Pakistan: The Resurgence of Baluch nationalism (2006, hier); International Crisis Goup (ICG), Pakistan: The Worsening Conflict in Balochistan (2006, hier); Foreign Policy Centre, Balochis of Pakistan: On the margins of history (2006, hier); ICG, Pakistan: The Forgotten Conflict in Balochistan (2007,  hier); F. Grare, Balochistan: The State Versus the Nation (2013, hier). Auch in Iran gibt es eine Belutschen-Bewegung, die aber eher islamistisch ist (Dschundullah und andere Gruppen).

Dieser Bericht von AAN weist auf ein weiteres Problem hin: die belutschischen Flüchtlinge in Afghanistan, die dort ohne Unterstützung der afghanischen Regierung oder der Uno leben.

Der Guardian-Reporter wurde später ausgewiesen. Ähnlich erging es dem Vertreter der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, der über Belutschistan provomiert hat und dessen Promotion als Buch erscheinen sollte, aber bis heute erschienen ist. Laut Spiegel wollte er sich Ende 2011 mit einem belutschischen Aktivsten treffen, um „ein neues Bildungsprojekt in Belutschistan [zu] beginnen.“ Der Projektpartner wurde ermordet, nur fünf Minuten von dem Hotel entfernt, in dem er sich mit dem Deutschen treffen wollte. „Nach Mengals Ermordung brachte sich Axmann in Sicherheit – er verließ das Land.“

Die taz weiter: 

Eine Reihe von Unabhängigkeitsaktivisten sind (…) in den vergangenen Jahren nach Deutschland geflohen; sie würden verfolgt, sagen sie. Leute wie Waheed Baloch und sein Cousin. (…) Vielleicht ein paar hundert Belutschen leben derzeit in Deutschland. Offizielle Zahlen gibt es nicht, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Statistiken nur nach Nationalität erhebt. Die Aktivisten verbreiten nun zunächst in den sozialen Netzwerken die Botschaft: Ein Mann, der vor Terror flüchtet, wird einfach so zum Terrorverdächtigen gemacht. (…) 

Am Abend sitzen ein halbes Dutzend junger Männer aus Belutschistan, Freunde und Bekannte von Naved Baloch, um einen Tisch im McDonald’s am Bahnhof Zoo. Sie sind politische Aktivisten verschiedener Organisationen der Unabhängigkeitsbewegung, deren Abkürzungen außerhalb Pakistans kaum einem was sagen. Die meisten sind weniger als zwei Jahre in Deutschland, alle haben Asyl beantragt, manche bekamen einen negativen Bescheid. (…)

Einer der Männer erzählt, wie er zusammen mit Naved nach Deutschland geflohen ist, von ihrem Heimatort im Kech-Distrikt über den Iran, die Türkei und die Balkanroute, zwei Monate. Um die Jahreswende 2016 waren sie in Deutschland, am 16. Februar in Berlin. Über Naved sagt er: „Eine gute Person, säkular, mit Respekt anderen Religionen gegenüber, er kam immer zu den politischen Treffen.“ (…)

Unter diesen Umständen kann man nur hoffen, dass auch deutsche Medien an Naweds Fall dranbleiben. Die taz fragt: „Welche Rolle spielte, dass er wegen des Verdachts einer sexuellen Belästigung aktenkundig war? In welcher Sprache wurde er vernommen? Wird noch gegen ihn ermittelt?“ Denn nun, v.a. als mögliche Folge der jetzt diskutierten Gesetzesverschärfungen, besteht die Gefahr, dass er demnächst als „Krimineller“ ausgewiesen wird. In Pakistan würde das angesichts der Tatsachen für ihn tödliche Konsequenzen haben.