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Die taz rief vor zwei Wochen ihre Leser auf, Vorschläge für die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten einzusenden. Aber vielleicht kann man ja auch noch etwas für die Neujahrsansprache der Kanzlerin tun.

Hier ist mein Beitrag – der Einfachheit halber vom norwegischen König Harald V entlehnt, aus einer Rede, die er am 6. September 2016 im Osloer Schlosspark hielt und über die u.a. die Wochenzeitung Kontext, die norwegische Webseite The Local (hier auch ein Video) sowie die Webseite Upworthy berichteten. Daraus habe ich den Auszug unten zusammengestellt und nur das Wort „Norweger“ durch „Deutsche“ ersetzt:

Norwegens König Harald V. Foto c/o Webseite before It's News

Norwegens König Harald V. Foto c/o Webseite Before It’s News

Kinder in Surchab, Logar.

Kinder in Surchab, Logar.

 

Deutsche kommen aus dem Norden des Landes, aus der Mitte, aus dem Süden und allen anderen Regionen. Norweger sind auch Einwanderer aus Afghanistan, Pakistan, Polen, Schweden, Somalia und Syrien.

Deutsche sind Mädchen, die Mädchen lieben, Jungs, die Jungs lieben, und Mädchen und Jungs, die sich gern haben. (…) Deutsche glauben an Gott, an Allah, an alles und an nichts. (…)

Es ist nicht immer einfach zu sagen, woher wir kommen, welcher Nationalität wir angehören. Heimat ist wo das Herz ist. Das kann nicht immer innerhalb von Landesgrenzen platziert werden.“

Er selbst habe übrigens auch Migrationshintergrund.

(Diesen letzten Satz könnte Innenminister Thomas de Maizière beisteuern.)

 

Ich zitiere König Harald in dem Bewusstsein, dass Norwegen seit Jahren auch abgelehnte Asylbewerber abschiebt, wie aus einer mir vorliegenden BA-Arbeit aus Norwegen – „Unintended Consequences of Deportations to Afghanistan“ (nicht online) – hervorgeht. Norwegen schloss bereits 2005 ein sogenanntes Rückführungsabkommen mit Afghanistan ab. Seither sind (Angaben bis einschließlich 2014) 1302 Afghanen „unfreiwillig“ aus Norwegen abgeschoben worden; die Tendenz war über die Jahre steigend. Dazu kamen im gleichen Zeitraum 810 Fälle sogenannter „unterstützter Rückkehr“. (Mehr zu afghanischen Flüchtlingen in Norwegen, hier bei AAN.)

 

Inzwischen wissen wir, dass Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede – obwohl er nach dem Anschlag von Berlin mahnte, nicht „Gruppen pauschal zu Verdächtigen“ zu machen – nicht so konkret wurde wie König Harald V (Gaucks  Rede im Wortlaut hier).

Kanzlerin Merkel in ihrer ersten Rede danach den Berliner Anschlag als „besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind“ bezeichnet. „Und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen, und die sich um Integration in unser Land bemühen.“ Das ist richtig, stellt aber auch kein vollständiges Bekenntnis dazu dar, dass Flüchtlinge Schutz benötigen; immer wird es mit der Notwendigkeit nach Integration verknüpft – und das, obwohl gerade Afghanen (um die es in diesem Blog besonders geht) die Integration durch politische Hürden wie die „Schutzquote“ pauschal verbaut wird. (Und viele Flüchtlinge wollen ja so schnell wie möglich in ihr Land zurückkehren, müssen sich also vielleicht gar nicht integrieren, jedenfalls nicht im Sinne der schwarz-rot-goldenen Leitkulturdebatte und der Debatte darüber, ob der „Islam zu Deutschland“ gehöre. In König Haralds Norwegen scheint das nicht wirklich ein Problem zu sein.)

Ihrer Aussage „Ich weiß nur: (….) Wir werden die Kraft finden, für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen: frei, miteinander und offen“ möchte man aus ganzem Herzen zustimmen. Aber, wie die taz (Ausgabe 24.-26.12.16, hier) ganz richtig bemerkte, hat Kanzlerin Merkel ja inzwischen „ihre Flüchtlingspolitik … erst auf der regulatorischen, dann auf der rhetorischen Ebene umgekehrt“. Ihre derzeitige Politik begrenzt in Wirklichkeit, wohl unter dem Druck der Rechtspopulisten außerhalb und auch innerhalb der Union, diese wünschenswerte Offenheit.

Mal hören, was sie heute abend sagen wird.

 

 

 

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