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Schon wieder einen Jahrestag verpasst: Am Freitag, dem 13.1.2017, jährte sich zum 175. Mal die Niederlage der Briten im ersten anglo-afghanischen Krieg – genauer wurde sie an diesem Tag besiegelt. Dann nämlich versuchten die letzten 65 britischen Überlebenden des Winterrückzugs aus Kabul bei Gandamak (heutige Provinz Nangrahar), sich den verfolgenden afghanischen Kriegern entgegen zu stellen. Die ließen angeblich nur einen entkommen – den Arzt Dr William Brydon, der die Kunde von der Niederlage zur damals noch britischen Festung Dschalalabad brachte.

Die britische viktorianische Schlachtenmalerin Elizabeth Thompson Butler malte 1879 den erschöpften Brydon, der sich den Toren der Festung Dschalalabad nähert. Er sitzt auf einem sterbenden Pferd (das bei der Ankunft in der Stadt tot zusammenbrach). Das berühmte Bild The remnants of an army, Jellalabad, January 13, 1842 (kurz: Remnants of an Army; dt. Die Reste einer Armee) ist heute in der Tate Gallery zu sehen (Quelle; Wikipedia). Die m.E. beste Schilderung – unter Verwendung zahlreicher kontemporärer Quellen – findet sich bei William Dalrymple, Return of a King: The Battle for Afghanistan 1839-42 (2013).

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Über den last stand hat Theodor Fontane eine seiner berühmten Balladen gedichtet.

Ich entnehme den Text bei Spiegel online (Projekt Gutenberg) – siehe unten. Die Briten revanchierten sich aber später. Als die Afghanen nach dem zweiten anglo-afghanischen Krieg am 26. Mai 1879 einen Friedensvertrag unterzeichne mussten, die sie große paschtunisch besiedelte kostete, geschah das ausgerechnet in Gandamak. Die damals oktroyierte Grenze, die sogenannte Durand Line, existiert bis heute, wurde von Afghanistan aber niemals anerkannt – eine der Ursachen für das chronisch gespannte Verhältnis mit Pakistan.

 

Theodor Fontane

Das Trauerspiel von Afghanistan
1859

Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!« – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.«

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

»Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.«

 

Viel weniger bekannt als Fontanes Ballade ist Nina Hagens Vertonung derselben, hier das Live-Video (2001) auf Youtube, eine Entdeckung die ich der lange in Kabul tätigen Germanistin Susan Zerwinski verdanke.

 

 

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