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Hier veröffentliche ich mit dessen freundlicher Genehmigung einen Beitrag des Journalisten Marco Seliger, der Ende 2016 Afghanistan bereiste und danach die Hintergründe des Taleban-Angriffs auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-e Scharif  am 10. November 2016 beschrieb. Offenbar ging es noch weitaus dramatischer zu, als es ursprünglich den Anschein hatte (hier meine damalige erste Zusammenfassung des Geschehens, meine erste Analyse, mein taz-Artikel dazu sowie deutsche Stellungnahmen im Wortlaut und ein Bericht von Ex-MdB Winnie Nachtwei, der kurz zuvor Masar besucht hatte). Der Beitrag von M. Seligar erschien im Januar-Heft des Magazin Loyal des Deutschen Reservistenverbandes.

Deutsches Generalkonsulat Masar nach dem Anschlag. Bildschirmfoto "Monitor" (ARD):

Deutsches Generalkonsulat Masar nach dem Anschlag. Bildschirmfoto „Monitor“ (ARD).

 

Mutige Polizisten

Von Marco Seliger

Nur haarscharf ist die deutsche Diplomatie vor knapp anderthalb Monaten an einer der größten Katastrophen in ihrer Geschichte vorbeigeschrammt. Eine Stunde lang wehrten 13 Beamte der Bundespolizei allein und auf sich gestellt die Attacke eines Taliban-Kommandos auf das Generalkonsulat in der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif ab. Sie retteten damit das Leben der ihnen anvertrauten Diplomaten. Vieles deutet darauf hin, dass die Taliban Mitwisser, wenn nicht gar Unterstützer in den afghanischen Behörden hatten. Selbst die Rolle des vom deutschen Konsulat beschäftigten privaten Sicherheitsdienstes wirft erhebliche Fragen auf. Auch Spezialkräfte des KSK und Kampfretter der Luftwaffe waren in die Rettung der Konsulatsangehörigen eingebunden.

Wie konnte es zu dem Angriff kommen? loyal hat recherchiert, was am 10. November in Mazar-i-Sharif geschehen ist. Demnach explodierte um 23.04 Uhr eine Tonne Sprengstoff vor der Konsulatsmauer. Die Bombe war in einem Lastwagen deponiert. Die Wucht der Explosion schlug eine Bresche in die Mauer und brachte die Außenwände des Konsulatsgebäudes teilweise zum Einsturz. Noch Hunderte Meter entfernt barsten Fensterscheiben. Die Zerstörungen waren gewaltig. Am Tag darauf teilten die afghanischen Behörden die Opferzahlen mit. Es habe sechs Tote und knapp hundert Verletzte gegeben, hieß es. „Das lässt darauf schließen, dass weder viele Autos noch viele Fußgänger zum Zeitpunkt der Explosion unterwegs gewesen sein können“, sagt ein deutscher Sicherheitsberater und fragt, wie das möglich sei, wo sich die Explosion doch direkt auf einer vielbefahrenen Straße ereignete. „Da wussten offenbar die Leute auf der Straße mehr als die Mitarbeiter und das Sicherheitspersonal des Konsulats.“

Dass es nur sechs Todesopfer bei einer derart heftigen Explosion gegeben hat, ist nicht die einzige Merkwürdigkeit. Drei bis vier Minuten nach dem Anschlag sollen fast gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Konsulatsgebäudes Schüsse gefallen sein. Sie stammten von mindestens zwei bis drei Angreifern. Ihre genaue Anzahl ist unbekannt. Reichen drei bis vier Minuten, um aus einer sicheren Position außerhalb des Explosionskreises der Autobombe bis in die Gänge eines einem Angreifer normalerweise unbekannten Gebäudes vorzudringen? Sicherheitsexperten bezweifeln das, nicht zuletzt auch aufgrund der Zerstörungen auf dem Konsulatsgelände. Trümmer versperrten den Weg, die Sicht war gleich null. Das lag am Ausfall des Stroms sowie am dichten Staub, der nach der Explosion in der Luft stand. Wie also konnten die Angreifer so schnell in den Wohnbereich der Mitarbeiter auf der zweiten Etage des Gebäudes gelangen? „Ich gehe davon aus, dass sie sich ausgekannt haben“, sagt der Sicherheitsberater.

Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich in dem Gebäude abgespielt haben. Einem Angreifer war es gelungen, bis auf wenige Meter an den Raum heranzukommen, in dem sich der stellvertretende Konsul, Alexander Fierley, aufhielt. Konsul Robert Klinke war zum Zeitpunkt des Angriffs nicht vor Ort. Der mit einer AK47 schießende Angreifer muss gewusst haben, wo der Diplomat seine Wohnräume hatte. In Unterwäsche, teilweise im Schlafanzug, die Schutzweste notdürftig übergeworfen, bewaffnet mit einem Gewehr G36C, sollen die Personenschützer der Bundespolizei schon weniger als zwei Minuten nach der Explosion versucht haben, den Konsul und die drei anderen Konsulatsmitarbeiter in einen „Saferoom“ zu schaffen.

Das Vorhaben scheiterte. Der Weg war durch einen oder mehrere Angreifer versperrt. Die Bundespolizisten schafften den Vize-Konsul in seinen Wohnraum zurück und lieferten sich dabei auf dem engen, stockdunklen und in Staub gehüllten Flur ein etwa 45-minütiges Feuergefecht mit den Taliban. Drei andere Konsulatsmitarbeiter erreichten zwar den „Saferoom“. Doch eine der Türen hatte sich durch den Explosionsdruck verzogen und ließ sich nicht mehr schließen. Der Weg zurück war jedoch versperrt, da von dort Angreifer kamen. Eine Handvoll Bundespolizisten verteidigte den Raum und soll dabei sogar mit Handgranaten geführte Attacken abgewehrt haben.

Gut eine Stunde nach der Explosion traf die Quick Reaction Force (QRF) aus dem Bundeswehr-Camp ein. Sie bestand aus georgischen Soldaten, deren Führer über Mobiltelefon mit der Bundespolizei in Verbindung gestanden haben soll. Nach loyal-Informationen waren die Georgier die erste externe Unterstützung, die den deutschen Diplomaten geleistet wurde. Auch das wirft Fragen auf. Wo war die afghanische Polizei, wo das afghanische Militär? Wo blieben die Milizen des Provinzgouverneurs [Atta] Mohammed Noor, der die Taliban seine Todfeinde nennt? Sie alle haben Stützpunkte in der Stadt und hätten einen deutlich kürzeren Weg bis zu dem Gebäude gehabt als die Eingreiftruppe aus dem Feldlager. Vor allem aber: Wo waren die Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes „Saladin“, der das Konsulat schützen sollte?

Eine halbe Stunde nach der QRF erreichten auch die KSK-Soldaten und die Kampfretter der Luftwaffe das Konsulat. Nach außen hin von den Georgiern gesichert, durchkämmten sie das Gebäude. Sie mussten davon ausgehen, dass sich die Taliban noch darin aufhielten. Jeden Raum in dem großen Gebäude zu kontrollieren und dabei jederzeit auf einen Angriff gefasst zu sein, dauert Stunden. So lange mussten die Konsulatsmitarbeiter und die Bundespolizisten in ihren Verstecken ausharren.

Erst knapp vier Stunden nach dem Beginn des Angriffs sollen sie das Gebäude schließlich verlassen haben. Sie wurden in das Bundeswehr-Feldlager gebracht und am Tag darauf in die Heimat geflogen. Deutsche und georgische Soldaten riegelten die Anschlagsstelle ab. Am folgenden Morgen erschossen Bundeswehrangehörige zwei Motorradfahrer, die sich trotz mehrerer Warnschüsse dem Konsulat genähert hatten. Das Auswärtige Amt kündigte an, das Gebäude nicht wieder beziehen zu wollen.

 

Ein ausführlicherer Artikel von Marco Seliger unter dem Titel „Warum kannten sich die Taliban so gut aus?“ erschien bereits am 9.12.16 in der Frankfurter Allgemeinen, ist jedoch hinter einer Bezahlschranke verborgen. Darin schreibt er u.a.:

Die Geschichte des Anschlags auf das Konsulat beginnt weit vor dem 10. November 2016. Ihren Ausgang nimmt sie mit einer Entscheidung der amerikanischen Regierung. Sie hatte erwogen, in dem Gebäude ihr Konsulat für Nordafghanistan einzurichten. Es handelt sich dabei um das ehemalige „Mazar“-Hotel, ein U-förmig angelegtes Gebäude aus den 30er Jahren mit einem großen Garten hinter dicken, hohen Mauern. Das US-Außenministerium hatte bereits aufwendige Umbauarbeiten in die Wege geleitet, als in der nahen Umgebung mehrere Hochhäuser errichtet wurden. Von diesen Häusern gab es ein freies Sichtfeld und offenes Schussfeld auf das Gebäude. Die Experten der amerikanischen Sicherheitsdienste winkten ab. Das Gebäude sei aus Sicherheitsgründen ungeeignet als Konsulat. Daraufhin verzichtete das Außenministerium in Washington ganz auf eine diplomatische Vertretung in Mazar-i-Sharif. 

Das traf sich gut für das Auswärtige Amt in Berlin. Außenminister Guido Westerwelle wollte eine diplomatische Vertretung in Nordafghanistan. Die gab es zwar schon, allerdings nur in Form eines kleinen Teams, das im Bundeswehr-Feldlager außerhalb der Stadt untergebracht war. Westerwelles Ziel lautete, die Diplomaten in die Stadt zu verlegen, um zu demonstrieren, dass sich die Bundesrepublik mit dem Abzug der Kampftruppen von nun an stärker in ziviler Weise am Hindukusch engagieren werde. (…)

Der Bezug des Gebäudes war eine einsame Entscheidung des Auswärtigen Amts. Bundeskriminalamt, Bundespolizei, Bundeswehr und Bundesnachrichtendienst hätten die amerikanischen Sicherheitsbedenken geteilt und von der Einrichtung des Konsulats an der Stelle abgeraten, erfuhr die F.A.Z. aus deutschen Sicherheitskreisen. Noch etwas sprach gegen das Gebäude. Der Stützpunkt der Bundeswehr und der anderer internationaler Truppen liegt 13 Kilometer entfernt außerhalb der Stadt. Das bedeutete, dass eine Eingreiftruppe bei einem Angriff auf das Konsulat viel zu lange bräuchte, um zu Hilfe zu kommen. Das Auswärtige Amt teilte dazu mit, die Entscheidung, dennoch das Gebäude zu beziehen, sei „nach sorgfältiger Prüfung und Abwägung aller zu berücksichtigenden Gesichtspunkte getroffen“ worden.

 

Im übrigen handelt es sich bei der Sicherheitsfirma Saladin um eine Gesellschaft mit Sitz in Großbritannien, die u.a. auch in Somalia und Südsudan operiert. Sie hat auch unbewaffnetes Personal am Eingang der deutschen Botschaft in Kabul.

John K. Cooley zufolge (in seinem Buch Unholy Wars, 1999, hier) ist Saladin ein Ableger eines anderen britischen privaten Sicherheitsfirma namens , die von einem ehemaligen britischen SAS-Offizier namens David Walker geführt wurde und bereits in den 1980er Jahren Mudschahedin für den Kampf gegen die sowjetische Besatzung ausbildete. 2002 wurde sie offiziell mit einem Ableger in Afghanistan registriert. CorpWatch schrieb, dass Firmen wie Saladin „afghanisches Wachpersonal anheuerte, das in früheren Kriegen gekämpft hatte und eigentlich hätte entwaffnet werden müssen“ – ein Beschluss der Bonner Afghanistan-Konferenz 2001, der wie so viele nicht umgesetzt wurde.

Die kanadische Zeitung Globe and Mail nannte KMS/Saladin eine „Firma mit einer langen Geschichte von Geheimoperationen“, u.a. für die CIA (mit Beteiligung am Kampf gegen die Sandinisten in Nikaragua) und berichtete weiter, es „bleibt unklar, ob das Saladin-Wachpersonal z.B. kanadischem [auch Kanada nutzte seine Dienste] oder afghanischem Recht unterliegt“. Auch die gerade geschlossene EUPOL-Mission in Afghanistan hatte Saladin-Personal angeheuert.

Präsident Hamed Karsai hatte im März 2011 per Dekret eine Reihe privater Sicherheitsfirmen aufgelöst und anderen – darunter Saladin – ein Jahr Frist gegeben; danach sollten sie ihre Aufgaben der afghanischen Public Protection Force übertragen. Nach Protesten zahlreicher Geberländer, die den Schutz ihrer Einrichtungen und Projekte gefährdet sahen, sah er von der Umsetzung des Dekrets ab. Wie AAN 2011 schrieb, war ein nicht genannter Grund, dass solche Firmen auch Deckmäntel für Geheimdienstoperationen waren (Mehr Hintergrund bei AAN, hier.)

 

 

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