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Zum Mord an sechs afghanischen sowie der Entführung von zwei weiteren wohl auch afghanischen Mitarbeitern des internationalen Roten Kreuzes (IKRK) im Distrikt Quschtepe in der Nordprovinz Dschausdschan unten ein taz-Artikel, der auch Informationen von mir bzw dem Afghanistan Analysts Network enthält. Die im Text enhaltenen Behauptungen afghanischer Offizieller über eine etwaige Verantwortung des afghanischen Ablegers des Islamischen Staates sind mit Vorsicht zu genießen.

Seit mehreren Monaten gibt es immer wieder „IS-Sichtungen“ nicht nur in Dschausdschan, sondern auch in den Provinzen Sarepul und Farjab, verbreitet von den jeweiligen Regierungsoffiziellen. Im Juli/August z.B. sprach der Polizeichef von Dschausdschan gegenüber afghanischen Medien von einem „Schattengouverneur“ der IS für diese Provinz namens Mullah Baz Muhammad. (Bisher waren nur für die Taleban bekannt, dass es bei ihnen eine solche Position gibt.) AAN fand heraus, dass der Mann der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) angehört, die nach dem Verlust ihres Anführers 2016 in mehrere lokale Splittergruppen zerfallen ist, von denen einige mit den Taleban zusammenarbeiten, andere sich für den IS erklärt haben. Hier ähnliche Aussagen aus Sarepul.

Im Fall des Kommandeurs in Quschtepe, Qari Hekmat, handelt es sich – siehe auch unten – um einen Taleban-Dissidenten und wohl ex-IBUler, der sich möglicherweise als IS-Anhänger ausgibt oder örtlich so wahrgenommen wird.

Die Gesundheitskommission der Taleban hat inzwischen den Vorfall verurteilt, die über 30-jährige Arbeit des IKRK in Afghanistan gewürdigt und die Organisation aufgefordert, ihre Arbeit im Land fortzusetzen (siehe hier).

Straßenszene aus Scheberghan, der Provinzhauptstadt von Dschausdschan. Foto. Tolonews.

Straßenszene aus Scheberghan, der Provinzhauptstadt von Dschausdschan. Foto. Tolonews.

 

Nach Mord an sechs Mitarbeitern: Rotes Kreuz stoppt Afghanistanhilfe

Nach einem tödlichen Angriff auf Mitarbeiter des Roten Kreuzes hat die Organisation ihre Arbeit vorübergehend gestoppt. Zwei bleiben verschwunden.

Von Sven Hansen

Taz 10.2.17

BERLIN taz | Das Rote Kreuz hat seine Arbeit in Afghanistan am Donnerstag bis auf Weiteres gestoppt. Dies erklärte der Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Kabul, Thomas Glass, der taz. Damit reagiert das IKRK auf den Mord an sechs einheimischen Rote-Kreuz-Mitarbeitern am Vortag in der nördlichen Provinz Dschuzdschan. Von zwei weiteren Mitarbeitern fehlt trotz intensiver Suche weiterhin jede Spur.

„Unsere Priorität ist es, die beide Vermissten zu finden. Und dann müssen wir schauen, was dieser Angriff für uns bedeutet“, sagte Glass. Das Rote Kreuz sei seit 30 Jahren ununterbrochen im Land und wolle die Afghanen nicht allein lassen. „Aber Hilfe können wir nicht auf Kosten unserer Mitarbeiter leisten“.

Laut Glass würde die Arbeit in sieben orthopädischen Zentren aber fortgesetzt, wo Kriegsversehrte mit Prothesen versorgt werden. Aber alle anderen Aktivitäten, insbesondere die Verteilung von Lebensmitteln und Hilfsgütern sowie Krankentransporte, würden sofort gestoppt. „Das ist für uns einer der schwerwiegendsten Zwischenfälle, die es je gab.“

Am Mittwoch waren acht Rote-Kreuz-Mitarbeiter am frühen Nachmittag in drei Geländefahrzeugen außerhalb der Provinzhauptstadt ­Sheberghan unterwegs, um in der unter heftigem Schneefall leidenden Region Viehfutter an Bauern zu verteilen. In einem Dorf wurden sie dann von Unbekannten erschossen. „Dabei wurde nichts gestohlen“, sagte Glass. Über mögliche Motive und Täter könne das IKRK nichts sagen.

Taliban distanzierten sich

Bisher bekannte sich niemand zu der Tat. Der Polizeichef der Provinz an der Grenze zu Turkmenistan, Rahmatullah Turkistanie, vermutet Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag. Denn in der Gegend seien IS-Kämpfer aktiv. Die Taliban distanzierten sich in einer Erklärung von dem Anschlag. Sie würden alles tun, um die Täter zu finden.

Nach Informationen des Afghanistan Analysts Network (AAN), einem unabhängigen Thinktank, herrscht ein usbekischer Kommandeur namens Qari Hekmat mit seiner regierungsfeindlichen Miliz in dem betroffenen Gebiet. Bei ihm handle es sich um einen Dissidenten der Taliban, der möglicherweise der radikalen Islamischen Bewegung Usbekistans nahestehe, die früher mit den Taliban verbündet war.

Afghanistan ist weltweit der viertgrößte Einsatz des Roten Kreuzes, das dort mit rund 2.000 Mitarbeitern aktiv ist. Erst im Januar hatte das IKRK vor den immer größer werdenden Risiken für seiner Mitarbeiter gewarnt.

Zuletzt war im Dezember ein spanischer Rotes-Kreuz-Mitarbeiter entführt worden, der von Masar-i-Scharif nach Kundus unterwegs war, als er von Bewaffneten gestoppt wurde. Drei einheimische Mitarbeiter waren dabei unbehelligt geblieben. Im Januar kam der Spanier frei, wobei die genauen Umstände unklar blieben. 2013 starb beim Angriff auf das IKRK-Büro in Dschalalabad ein Wächter.

 

Hier auch ein taz-Kommentar zu dem Vorfall von Sven Hansen.

 

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