Schlagwörter

, , , , , , , , , ,

Die folgende Meldung verbreitet dpa am 2.3.17 aus Pakistan:

 

Islamabad (dpa) – Pakistan hat umfassende Reformen der

terrorgeschüttelten Stammesgebiete entlang der afghanischen Grenze

beschlossen. Das Kabinett des Landes billige Empfehlungen einer

Reformkommission, hieß es in einer am Donnerstag veröffentlichten

Notiz. Das Parlament muss noch zustimmen, wird dies aber wohl tun.

 

Die Vorschläge der Reformkommission sehen politische, wirtschaftliche

und rechtliche Maßnahmen sowie Entwicklungshilfe vor. Ein Ziel ist

die Verbesserung der Sicherheitslage in den Gebieten und damit im

ganzen Land.

 

In den vergangenen Wochen hatte es nach zwei ruhigeren Jahren eine

ganze Serie von Anschlägen mit mindestens 130 toten Zivilisten und

Sicherheitskräften gegeben. Viele der pakistanischen Extremisten

sollen für die Angriffe aus sicheren Rückzugsgebieten in Afghanistan

über die wilde Grenze in die Stammesgebiete gekommen sein.

 

Die Stammesgebiete unter Bundesverwaltung (Fata) bestehen aus sieben

Bezirken, die lange Jahre Al-Kaida- und Talibankämpfer beherbergt

hatten. Zu ihnen gehören die berüchtigten Bezirke Nord-Waziristan und

Kurram. Das Militär hatte dort von 2014 an mit Großeinsätzen viele

Extremisten vertrieben oder getötet. Dennoch gilt Fata immer noch als

Hort des Extremismus.

 

Die Gesetze der halbautonomen Sonderterritorien stammen teilweise aus

dem Jahr 1901 und sehen zum Beispiel die Sippenhaft vor. Fata gilt

als eine der ärmsten Gegenden des Landes. Ab 2021 sollen die

Stammesgebiete offiziell Teil der Nachbarprovinz Khyber Pakhtunkhwa

werden.

Khaiber-Pass an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Foto: thisismyheaven.com

Khaiber-Pass an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Foto:
thisismyheaven.com (via Pinterest)

 

Und hier mein daran anschließender taz-Artikel zu den derzeit wieder krisenhaften afghanisch-pakistanischen Beziehungen, der Material aus dem dpa-Artikel oben verwendet. Der Artikel ist gegenüber der taz-Fassung leicht korrigiert: Die Taleban haben sich inzwischen zu den beiden Anschlägen in Kabul bekannt:

Streit zwischen Afghanistan und Pakistan: Nicht einmal Lust auf Reden

Nach einem Anschlag in Pakistan kriselt die Beziehung zu Afghanistan. Die Länder beschuldigen sich jeweils, Terroristen zu beherbergen.

KABUL taz | Pakistans Versuch, die derzeit angespannte Beziehung zum Nachbarland Afghanistan bei einem Wirtschaftsgipfel zu verbessern, ist gescheitert. Nach einem islamistischen Anschlag in Pakistan mit 72 Toten hat das bilaterale Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern einen erneuten Tiefpunkt erreicht. Pakistans Regierung behauptet, die Anschläge seien von afghanischer Seite organisiert worden, schloss die Grenze und beschoss die afghanische Seite. Dabei starben zwei Kinder.

Beim Gipfel der der zentral- und südasiatischen Staatenorganisation Economic Cooperation Organisation (ECO) am Mittwoch [1.3.17] strebte die pakistanische Seite Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen gegen Terrorismus an. Doch Afghanistan erteilte dem eine Abfuhr. Zum ECO-Gipfel reiste Staatspräsident Aschraf Ghani gar nicht erst an und Außenminister Salahuddin Rabbani blieb dem Vortreffen seiner ECO-Amtskollegen fern. Stattdessen saß Kabuls Botschafter in beiden Meetings. Viel näher an einen Boykott kann man nicht kommen.

Unmittelbarer Auslöser der derzeitigen Krise war der blutige Anschlag auf den Sufi-Schrein von Sehwan in Pakistan am 16. Februar mit 72 Toten, für den der regionale Ableger des Islamischen Staates (IS), genannt IS Chorasan-Provinz, die Verantwortung übernahm. Sechs weitere Anschläge folgten innerhalb weniger Tage. Afrasiab Chattak, früherer Chef der Menschenrechtskommission und Senator, schrieb von der „blutigsten Woche in der Geschichte Pakistans“.

Darauf folgte die Eskalation Pakistans: Die Regierung schloss die Grenze und ließ angebliche Schlupfwinkel des IS und der Pakistanischen Talebanbewegung (TTP) beschießen. Stattdessen wurden afghanische Dörfer getroffen, darunter auch eine Schule, in der die Kinder starben.

Zudem legte die pakistanische Regierung Afghanistan eine Liste mit den Namen von 76 Führern militanter Gruppen vor, deren Verhaftung und Auslieferung man verlangt. Afghanistan revanchierte sich mit einer Liste von 85 Taleban-Führern und 32 terroristischen Trainingscamps, die sich in Pakistan befinden sollen.

Am Donnerstag beschloss Pakistan nun Reformen zur Verwaltung der umstrittenen, bisher direkt der Zentralregierung unterstehenden sogenannten Stammesgebiete entlang der afghanischen Grenze. Die sieben „Stammesgebiete unter Bundesverwaltung“ (Fata) sollen ab 2021 offiziell Teil der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa werden. Das Parlament muss noch zustimmen. Dies könnte die Spannungen mit Afghanistan weiter verschärfen. Kabul betrachtet die Fata- sowie weitere von Paschtunen und Belutschen besiedelten Gebiete als unrechtmäßig abgetrennte, afghanische Territorien und erkennt den Grenzverlauf dort nicht an.

Wegen der umstrittenen Grenze, die auf die britische Kolonialzeit zurückgeht, sitzen die gegenseitigen Animositäten zwischen Afghanistan und Pakistan tief. Seit Staatsgründung Pakistans 1947 haben beide Seiten immer wieder militante, zum Teil separatistische Bewegungen im jeweiligen Nachbarland unterstützt.

Heute operieren Teile sowie Splittergruppen der pakistanischen Taleban in unkontrollierbaren Gebieten Ost-Afghanistans. Einige arbeiten mit dem örtlichen IS-Ableger zusammen. Unstrittig ist seit Langem auch, dass sich Mitglieder des Führungsrats der afghanischen Taleban in Pakistan aufhalten – nach einer dortigen Großstadt ist das Gremium als Quetta-Schura bekannt.

Ebenso unstrittig, obwohl von Pakistan stets dementiert, ist, dass zumindest Teile des pakistanischen Militärs die afghanischen Taleban unterstützen. Zusätzlich gibt es derzeit pakistanische Massenabschiebungen und sogenannte freiwillige Rückkehr afghanischer Flüchtlinge. Seit Anfang 2016 wurden fast 630.000 Menschen nach Afghanistan geschoben.

Aus Angst vor Anschlägen wurde für Islamabad auch der Tag des ECO-Gipfels zum Feiertag erklärt. Geknallt hat es am Mittwoch aber in Kabul, wo Taliban-Kommandos zwei Geheimdienstbüros und ein Ausbildungszentrum der Armee angriffen: Mindestens 23 Menschen starben, mehr als hundert wurden verletzt.

Nach dem Taleban-Angriff auf ein Geheimdienst-Stadtteilbüro in Kabul am 1.3.17. Foto: Tolo.

Nach dem Taleban-Angriff auf ein Geheimdienst-Stadtteilbüro in Kabul am 1.3.17. Foto: Tolo.

 

 

 

Advertisements