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Mein folgender Text steht (leicht gekürzt) in der heutigen taz, in einer Reihe mit Texten aus Kampala, Kairo und Jerusalem, unter dem Titel „… und nun zu den weiteren Nachrichten“.

Nach jedem Anschlag in Europa, steht die Welt still. Die Medien überschlagen sich. Vier Auslandskorrespondent*innen erzählen von Orten, an denen Terror längst zum Alltag gehört:

Nach Bombenanschlag zerstörtes Gebäude in Kabul. Foto: Thomas Ruttig

 

Verdrängung statt Mitgefühl

Die Geschichte des Anschlags auf der Westminster Bridge, tweetete jemand danach, ist die Geschichte jener Menschen, die am Abend jenes Tages nicht mehr nach Hause kamen. In Kabul kamen 2016, dem blutigsten Jahr seit langem, 305 Menschen nach Anschlägen nicht mehr heim, und schon mehrere Dutzend in diesem Jahr. Das ist ein „Breitscheidplatz“ zwei bis dreimal pro Monat, und zwar nur in der Hauptstadt. Für die Südprovinz Kandahar wurden von September 2015 bis Mai 2016 – die letzte öffentliche Zählung –, 1880 „Zwischenfälle“ registriert, von Gefechten bis zu Selbstmordattentaten. Wie viele Menschen danach nicht nach Hause kamen? Wohl um die tausend. Aber im Gegensatz zu den Anschlägen in Paris, Nizza, Brüssel, Berlin oder London tauchte hinterher niemand Brandenburger Tor oder Eiffelturm per Lichteffekt in afghanisch Schwarz-Rot-Grün. Hashtag JeSuisKandahar? Fehlanzeige.

Zugegeben: Solche eine Geste der Solidarisierung macht keine Afghanin, keinen Afghanen wieder lebendig. Es hilft auch nicht, die Opfer gegeneinander aufzurechnen. Doch die mangelnde Empathie mit den Afghanen ist ein Ausdruck der Verdrängung – der Mitverantwortung unserer Regierenden für die Opfer zwischen London und Kabul. Denn sie sind mittelbar Resultat ihrer fehlgeschlagene Afghanistan-Intervention, die al-Qaeda zerschlug, aber in alle Winde zerstreute und in den Islamischen Staat mutieren ließ. Norwegen, das einzige Land, das bisher seinen Afghanistaneinsatz öffentlich evaluierte, hat diese Kausalkette zugegeben.

Ein Brandenburger Tor mit afghanischem Lichteffekt wäre also zumindest deshalb gut, weil Kanzleramtsminister Peter Altmaier das aus seinem Bürofenster sehen könnte – der Mann, der neulich behauptete, Millionen Afghanen lebten in Normalität.

Thomas Ruttig, Oranienburg/Kabul

 

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