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Im Januar interviewte mich Ralf Richter für die Zeitung „Links!“ der sächsischen Linken in Dresden. Es ging um die gegenwärtige Situation in Afghanistan, Einschätzungen des Bundeswehreinsatzes, aber auch um meine Eindrücke in Afghanistan in den 1980er Jahren, als ich als Student in Kabul war, verglichen mit der Gegenwart, sowie wie und warum ich anfing, mich mit Afghanistan zu beschäftigen.

Die gedruckte Version erschien vor ein paar Wochen (siehe unten).

Da unser Gespräch aber viel mehr enthielt, als was nachher in die Zeitung kam, habe ich Ralf Richter um die Aufnahme des Interview gebeten, das ich hier mit seiner freundlichen Genehmigung in voller Länge zum Nachhören zur Verfügung stelle.

Hier die Audio-Datei zum Nachhören:

 

Medizinische Fakultät der Universität Kabul in den 1980er Jahren.

Medizinische Fakultät der Universität Kabul in den 1980er Jahren.

 

Und hier – wie gesagt – die Kurzfassung, die im Druck erschien:

Afghanistan –Experte Thomas Ruttig über ein Land im Krieg

Aufklärung zu den komplexen Themen dieser Zeit verlangt kompetente Gesprächspartner. Im Dresdner Hygienemuseum kann man seit geraumer Zeit so genannte „Länder-Abende“ veranstaltet vom European Direct Information Center (EDIC) Dresden erleben. Der letzte im vergangenen Jahr am 13. Dezember lief unter der Überschrift „Fokus Afghanistan – Zwischen Terror und Wiederaufbau am Hindukusch“. Als wichtigster Gast war Thomas Ruttig angekündigt worden, er war von 1988 bis 1989 als Diplomat der DDR in Kabul und ist heute Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network (AAN), einer gemeinnützigen Organisation für politische Analysen, die er mitbegründet hat. Leider war Thomas Ruttig aus gesundheitlichen Gründen verhindert. Ralf Richter erreichte den Mann, der sich seit über 35 Jahren mit Afghanistan beschäftigt, jetzt im Januar telefonisch.

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Links: Wie haben Sie die Situation Ende der 80er Jahre erlebt in Afghanistan – konnten Sie durch das Land reisen? Wie sicher war es damals?

Thomas Ruttig: Man konnte sich in Kabul ziemlich frei bewegen und mit dem Auto etwas aus Kabul raus fahren – das ist schon mehr als heute möglich ist. Mit dem Flugzeug habe ich andere Städte erreicht, aber es herrschte damals auch schon Krieg. Bombenanschläge gab es zwar, aber sie hatten Seltenheitswert. Heutzutage ist das Alltag. Um Kabul herum hatten die sowjetischen und afghanischen Truppen drei Verteidigungsringe installiert – das hat man auch jetzt versucht, aber damals funktionierten sie besser.

 

Links: Ist die damalige afghanische Armee stärker gewesen als die heutige?

Thomas Ruttig: Wenn man Afghanen fragt so sagen sie, dass die damalige Armee unter dem Präsidenten Nadschibullah besser organisiert und geführt gewesen sei. Zwar hat damals der äußere Verteidigungsring um Kabul nicht immer gehalten, die Raketen der Mudschaheddin erreichten insbesondere die Außenbezirke, wo die ärmere Bevölkerungsschicht lebte, und es gab immer wieder Tote und Verletzte. Heute sehen viele Afghanen, die damals Nadschibullah sogar aktiv bekämpften, in ihm einen der besten Politiker, die das Land je hatte.

 

Links: Wie ist es heute?

Thomas Ruttig: Heute gibt es Kabul den so genannten Ring of Steel, den Ring aus Stahl, eine Postenkette der afghanischen Polizei um das Stadtzentrum. Aber zu Feierabend hin wird der Ring recht dünn, da gleicht der Stahl eher Schweizer Käse.

 

Links: Seit über zehn Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan „engagiert“ und man hat seither den Eindruck, dass es zwar viele Informationen über Afghanistan gibt, aber letztlich führen diese Informationen nicht zu Wissen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Thomas Ruttig: Es gibt schon gute Informationen – in Medien und in akademischen Publikationen –, aber die kann man heutzutage nirgendwo mehr zusammen führen. Man muss also viele Quellen anzapfen, und es ist auch hilfreich, wenn man Englisch kann, da das Meiste (auch das beste) auf Englisch publiziert wird. Was von der Bundesregierung kommt, ist natürlich interessengeleitet. Hier geht es um eine Positivdarstellung – Probleme werden eher nicht benannt. Doch inzwischen haben die meisten Leute mitbekommen, dass da einiges nicht stimmt. Man sieht das im Moment in der Debatte darum, ob Afghanistan „sicher“ für Abschiebungen sei. Meine Organisation tut auch einiges zur Aufklärung – im Internet findet man uns unter http://www.afghanistan-analysts.org

 

Links: Viele Migranten kommen wohl nicht umsonst aus Afghanistan …

Thomas Ruttig: Das hat natürlich mit dem Krieg dort zu tun und auch damit, dass er seit vierzig Jahren anhält. Es gab immer wieder die Hoffnung, dass er beendet wird, die aber auch ständig aufs Neue enttäuscht wurde. Da kann man die Leute schon verstehen, wenn sie sagen, ich halte es zu Hause nicht mehr aus. Wenn man diese Menschen dann als Wirtschaftsflüchtlinge hinstellt, finde ich das zynisch.

 

Links: Die Fluchtursachen sind vielfältig.

Thomas Ruttig: Natürlich gibt es auch sozialökonomische Ursachen. Aber Armut und Unterentwicklung sind auch Resultate der Kriegsjahre und sind im Kriegszustand auch nicht zu überwinden. Der Wiederaufbau geht schleppend voran und was vorne aufgebaut wird, wird hinten wieder weg gesprengt. Wenn der Bundesinnenminister sagt, wir haben so viel in Afghanistan reingesteckt, da müsste man doch auch erwarten können, dass die Leute da bleiben – dann ist das eine überaus verkürzte Sicht auf die Dinge, die den aktuellen Umständen nicht gerecht wird.

 

Links: De Maziere sollte das besser wissen.

Thomas Ruttig: Er weiß es besser. Mit solchem Statement übertüncht man auch, dass die deutsche Bundesregierung als großer Geldgeber und Truppensteller eine Mitverantwortung dafür trägt, dass in Afghanistan keine Ruhe herrscht.

 

Links: Was hat denn bislang der gesamte Einsatz der Bundesrepublik in Afghanistan nachhaltig bewirkt?

Thomas Ruttig: Die Bilanz ist gemischt. Man hat dazu beigetragen, dass sich tatsächlich das Leben für viele Afghanen für eine Weile verbessert hat. Aber man nicht weiß, wie nachhaltig das alles sein wird. Das kann man auch im Afghanistan-Fortschrittsbericht der Bundesregierung (2014) nachlesen. Doch man rechnet – und das war zu DDR-Zeiten auch nicht anders – lieber Erfolge als Misserfolge ab.

 

Links: Was sagen eigentlich linke Afghanen zum militärischen Einsatz des Westens?

Thomas Ruttig: Linke Afghanen oder solche mit einer linken Vergangenheit haben sich immer gewünscht, dass die westlichen Soldaten stärker gegen die Taliban vorgehen. Dass man aber auch gleichzeitig politisch gegen die Korruption und den „Warlordismus“ auf der Regierungsseite vorgehe. Die vereinfachte Darstellung, dass sich eine „gute Regierung“und „böse Taliban“ gegenüber stehen, unterschlägt, dass die Hälfte der Probleme in Afghanistan durch die Regierung verursacht werden. Um das zu ändern, hatten die afghanischen Linken gehofft, würden ihnen die demokratischen Staaten des Westens helfen. Der Westen hat aber nie Afghanistans politischen Pluralismus auch institutionell anerkannt. Es gab nur immer Karzai und die Taliban, doch die Zivilgesellschaft und die Parteienlandschaft wurden kaum wirklich gefördert,. Die vielen fortschrittliche Afghanen sind hängen gelassen worden, und das rächt sich heute.

 

Links: Junge Afghanen haben beim Länderabend berichtet, dass sie nicht unbedingt vor den Taliban geflohen sind sondern dass sie von der eigenen Regierung gar nichts erwarten und auch nicht wünschen, dass diese vom Ausland weiter unterstützt wird. Was muss denn aus Ihrer Sicht passieren, damit das Land zur Ruhe kommt?

Thomas Ruttig: Wenn der Westen die Unterstützung für die Regierung einstellt, bricht diese zusammen und die Taliban könnten wieder an die Macht kommen. Das würden diesen Afghanen auch nicht gefallen. Der Krieg muss beendet werden, damit sich das Land friedlich entwickeln kann. Es braucht ferner Druck, damit sich auch die Regierungsführung zum besseren ändert und endlich beginnt, sich um die Lebensumstände der Bevölkerung – fast zur Hälfte unter der Armutsgrenze – zu kümmern.

 

 

 

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