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Zunächst bitte ich erneut v.a. jene um Entschuldigung, die heute schon auf meiner Webseite versucht haben, Informationen über den schweren Anschlag in Kabul zu finden. Ich habe schon früher gesagt, dass ich nicht in der Lage und auch nicht Willens bin, mit Nachrichtenagenturen oder –webseiten zu konkurrieren, v.a. nicht, wenn es noch kaum gesicherte Informationen gibt.

Foto: Dr Zakhilwal/Twitter

 

Hier also erstmal eine Zusammenfassung des Geschehens, eine Schilderung des „Tatorts“ und Mutmaßungen über die möglichen Urheber, worum mich die taz gebeten hat. Erscheint morgen in der Druckausgabe – jetzt auch auf der Webseite. Die taz-Titelseite wird wie folgt aussehen – und bezieht sich auf das zweite Thema, das hier eine Rolle spielt: die geplante, aber nun vorerst abgesagte sechste Abschiebung nach Afghanistan. Dazu wird es einen gesonderten Bericht der taz geben, außerdem einen Kommentar: „Keine Deutschen unter den Opfern“. (Es gab allerdings einige Verletzte, und einer der afghanischen Bewacher der Botschaft ist umgekommen.)

Dahinter geht’s mit anderem Material weiter – und, wie gesagt, jetzt steht noch nicht alles dort. Ich fülle über den Abend weiter auf.

 

Bombe im Wassertanker

Einer der größten Anschläge in Kabul bisher / Erhebliche Schäden auch an einem deutschen Botschaftsgebäude / Hintermänner und viele Umstände noch ungeklärt

Die Straßenkreuzung im Kabuler Stadtteil Scherpur, an der am Mittwochmorgen mitten im Berufsverkehr eine Autobombe explodierte, war übervoll. Wie an jedem Werktag drängten sich dort um diese Zeit Kabuls gelb-weiße Taxis, die mangels eines nennenswerten ÖPNV das Hauptverkehrsmittel des kleinen Mannes sind, Privatautos aus zweiter Hand, das Standardvehikel der Mittelklasse, sowie die Protzwagen der Reichen, gepanzert und manchmal von bewaffneten Wachen begleitet. Dazwischen mutige Fahrradfahrer, während auf den kaum vorhandenen Bürgersteigen Fußgänger zur Arbeit eilen. Meist kommt man dort nur im Schritttempo vorwärts.

Deshalb war die Opferzahl so hoch. Der afghanische Privatsender Tolo TV gab sie gestern nachmittag mit über 80 Toten und etwa 400 Verletzten an. Das könnte noch nicht endgültig sein. Aber auf jeden Fall handelt es sich damit um einen der schwersten Anschläge in der afghanischen Hauptstadt. Nur im vergangenen Juli starben mehr Menschen, fast 100, als sich zwei Selbstmordattentäter inmitten einer friedlichen Demonstration in die Luft sprengten.

Bei der Bombe gestern handelte sich um einen mit Sprengstoff gefüllten Wassertankwagen. [Ergänzung: Laut Spiegel wollte der fahrer in die Straße vor der deutschen Botschaft einbiegen, an der weiter östlich auch ein Zugang zum Präsidentenpalast liegt – sowie Zugänge zur RS/NATO-Hauptquartier und zur US-Botschaft. Möglicherweise zündete er, als er nicht durchgelassen wurde.]

Die Straße, die zum Stadtteil Wasir Akbar Chan mit seinen mauer- und stacheldrahtbewehrten Botschaften und Villen der Kabuler Eliten führt, ist die einzige noch befahrbare Verbindung in diesem Teil der Stadt. Viele Seiten- und Nebenstraßen sind dort abgesperrt. Oft werden nur noch Fußgänger durchgelassen, manchmal nicht mal die. Die wohlhabenderen Kabuler Bürger, die dort noch bis vor zehn, fünfzehn Jahren wohnten, sind längst weggezogen, geflohen vor den ständigen Schikanen an den Sicherheitskontrollen, den Abgasen des Dauerstaus und der Dieselgeneratoren. Durch diese örtliche Variante kriegsbedingter Gentrifizierung mutierten Teile Scherpurs und Wasir Akbar Chans erst zu einer Art „Botschaftsviertel“.

Ein riesiger Schlagbaum versperrte auch den Zugang zur Abzweigung, an der sich linker Hand die deutsche Botschaft befindet. Der war nach einem ähnlichen Vorfall 2009 errichtet worden, als ein Attentäter versucht hatte, mit einer Autobombe einen parkenden Treibstofftransporter in die Luft zu jagen. Genau gegenüber der Botschaft befüllten solche Fahrzeuge damals regelmäßig normalerweise Tanks im inzwischen verlegten US-Militärhauptquartier Camp Eggers. Zum Glück aber traf der Attentäter den falsche Tanker, einen mit Abwasser. Der Schaden blieb mit fünf Toten und 28 Verletzten verhältnismäßig gering.

Sehr detaillierte und aufschlussreiche Berichte zu diesem früheren Anschlag und seinen Auswirkungen finden sich hier, bei der FAZ und im Spiegel.

Die Fenster des nahe der Straße gelegenen dreistöckigen Kanzleigebäudes der Botschaft wurden daraufhin mit Stahlplatten gesichert. Viele Mitarbeiter mussten in andere Gebäude ziehen. Eine neue Kanzlei soll an sicherer Stelle errichtet werden. Deshalb war auf deutscher Seite die Zahl der Verletzten wohl auch diesmal relativ niedrig. Einige Mitarbeiter sollen durch Glassplitter verletzt worden sein. Trotzdem war die Explosion so gewaltig, dass die Kanzlei erneut erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Die meisten Opfer entstanden vor der Sperre. Bis dahin kann der öffentliche Verkehr ungehindert fließen. Aus den Reihen der afghanischen Polizei und Sicherheitsdienste, die sie bewachten, dürften viele der Opfer vom Mittwoch kommen. Mehrere afghanische Firmen und Fernsehsender, aber auch die BBC, die Büros an der Straßenkreuzung unterhalten, verloren ebenfalls Mitarbeiter. Beschädigt wurden die iranische Botschaft sowie das von der italienischen NGO Emergency betriebene gleichnamige Krankenhaus ein paar Straßenzüge weiter, in dem auch die meisten Verletzten eingeliefert wurden. Ein islamischer Aktivist gab über soziale Medien bekannt, ein Geistlicher habe ihm gesagt, man dürfe das Fasten im gerade begonnenen Monat Ramadan unterbrechen, wenn man Blut spenden wolle.

Es ist unwahrscheinlich, dass die deutsche Botschaft das eigentliche Angriffsziel war. Zu viele andere afghanische und internationale Einrichtungen befinden sich in der Nähe, darunter der afghanische Präsidentenpalast nur wenige hundert Meter weiter östlich.

Der Anschlag, wenn es denn überhaupt einer war, erinnert an einen Vorfall im August 2015. Damals detonierte kurz nach Mitternacht in Schah Schahid am südöstlichen Kabuler Stadtrand eine Lastwagenbombe. 15 Menschen wurden getötet, 283 verletzt. Einiges deutete darauf hin, dass die Bombe auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Ziel woanders in der Stadt war. Etwa wie am 19. April 2016, als eine weitere LKW-Bombe eine Zentrale des afghanischen Geheimdiensts zerstörte, ebenfalls im Morgenverkehr. Die damals offiziell angegebene Zahl von 68 Toten und 347 Verletzten lag wahrscheinlich zu niedrig. Damals bekannten sich die Taliban zu dem Anschlag. Sie argumentierten, es habe sich um ein legitimes, weil militärisches Ziel gehandelt.

Diesmal erklärten die Taliban, ihre „Mudschahedin“ hätten mit dem Vorfall nichts zu tun. Zumal die Taleban in städtischen Zentren häufig sogenannte komplexe Angriffe ausführen. Das heißt, sie schicken einen Bomber vor, um Sperren zu beseitigen, und greifen dann eine bestimmte Institution mit weiteren Bewaffneten an. Dies war am Mittwochmorgen nicht der Fall.

 

Hier das Taleban-Statement im O-Text:

Remarks by spokesman of Islamic Emirate concerning today’s Kabul explosion

May 31, 2017

A huge explosion by a car bomb took place earlier today in Kabul city, killing and wounding hundreds with the target of attack also remaining unknown.

This explosion has nothing to do with the Mujahideen of Islamic Emirate. Our Mujahideen are not involved in this incident and neither are the Mujahideen allowed to carry out such a large explosions at ill-defined areas.

Who has carried out this attack and for what purpose shall become clear at a later stage however the Islamic Emirate condemns every explosion and attack carried out against civilians, or in which civilians are harmed and has no legitimate target.

Our countrymen must rest assured that the Kabul attack is not the work of Mujahideen.

Spokesman of Islamic Emirate of Afghanistan

Zabihullah Mujahid

05/09/1438 Hijri Lunar

10/03/1396 Hijri Solar                    31/05/2017 Gregorian

 

Auch der örtliche Ableger des sogenannten Islamischen Staates, Daesch Chorassan, hat sich bisher nicht geäußert. Daesch bekennt sich sonst sehr schnell zu solchen Taten, manchmal auch, wenn er gar nicht dahinter steckt. Es wäre zudem sein erster Anschlag mit einer LKW-Bombe, was größere Mengen Sprengstoff erfordert als die Selbstmordattentäter am 23. Juli 2016 in Kabul am Körper tragen konnten. Also doch ein Taleban-Anschlag, dessen Bombe zu früh losging, während die Kommandos dann nicht mehr losschlugen?

Thomas Ruttig

Der Spiegel hat eine Fotostrecke vom Anschlagsort (hier).

Und er berichtet weiter vom Zustand der deutschen Botschaft:

Im Auswärtigen Amt wird deshalb darüber diskutiert, die Botschaft zumindest zeitweise zu schließen. In dem Gebäude kann nicht mehr gearbeitet werden. Zudem ist die Sicherheit kaum noch zu gewährleisten, da die Außenmauer kaputt ist. Vermutlich werden die Diplomaten zunächst am von der Nato gesicherten Hauptquartier am Flughafen untergebracht, einige von ihnen werden auch noch heute Abend ausgeflogen. 

 

Weitere Interviews:

Hier mein recht ausführliches Interview mit dem Deutschlandfunk-Kultur sowie kurze Einschätzungen von mir zu den Umständen und Folgen des Anschlags in diesen Interviews mit dem Schweizer Radio (SRF) und mit dem NDR-Radio.

Das Transkipt des SRF-Interviews hier:

«Wir müssen noch mit vielen Anschlägen rechnen»

Es ist nicht der erste, aber der bisher schwerste: Afghanistan-Experte Ruttig schätzt den Bombenanschlag in Kabul ein.

SRF News: Der Anschlag geschah im Diplomatenviertel Kabuls. Gibt es schon Hinweise, wem der Anschlag gegolten hat?
Thomas Ruttig: In dem Stadtteil befinden sich zu viele Einrichtungen der afghanischen Regierung und der Internationalen Gemeinschaft, um das jetzt schon sagen zu können. Zudem gibt es bisher keine Erklärung der Urheberschaft.

Wen vermuten Sie hinter dem Anschlag?

Die Taliban führen sehr oft sogenannte komplexe Attacken durch. Also sie zünden eine Bombe, um sich den Weg zu bestimmten Institutionen freizusprengen und in diese einzudringen. Das scheint heute Morgen nicht der Fall gewesen zu sein. Möglicherweise könnte die Terrormiliz IS dahinterstecken. Es gab in den vergangenen Monaten mehrere Anschläge in Afghanistan, zu denen sich die IS-Miliz bekannte. Wobei nicht immer ganz klar ist, ob das auch der Wahrheit entspricht.

Warum bekommt die Regierung die Gewalt nicht in den Griff?

Das hat mit dem Charakter dieses Krieges zu tun. Er ist über weite Teile kein Krieg mit offenen Fronten, sondern ein Guerillakrieg, der zum Teil mit terroristischen Mitteln geführt wird. Dagegen kann man sich nur sehr schlecht wehren. Die Behörden haben sicher schon viele Anschläge vereitelt, aber wir müssen in Afghanistan wohl leider noch mit vielen Anschlägen rechnen. Und klar ist auch: Meistens trifft es afghanische Zivilisten.

Das Gespräch führte Monika Glauser.

 

Im folgenden mein Interview mit dem Evangelischen Pressedienst – siehe hier.

Afghanistan-Experte: Täglich Angriffe durch Rebellengruppen

In Afghanistan nehmen Angriffe durch Rebellengruppen nach Angaben des Experten Thomas Ruttig weiter zu. „Wir haben es mit einem sehr hohen Gewaltniveau zu tun“, sagte der Ko-Direktor der unabhängigen Recherche-Organisation „Afghanistan Analysts Network“ dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das zeige nicht nur der schwere Anschlag am Mittwoch in Kabul. Bereits in den vergangenen Monaten sei die Situation weiter eskaliert, da die Taliban ihre sogenannte Frühjahrsoffensive begonnen hätten: „Sie haben oftmals täglich in mehreren Provinzen gleichzeitig angegriffen.“

Am Mittwoch wurden bei einem schwereren Terroranschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul mindestens 80 Menschen getötet und 350 verletzt. Der Sprengsatz zündete am Morgen im hochgesicherten Diplomatenviertel. Auch die deutsche und französische Botschaft wurden beschädigt und Mitarbeiter getroffen. Wer die Täter waren, blieb zunächst unklar.

Die Taliban sind dem Experten zufolge immer noch die wichtigste Rebellengruppe. Erst danach folge der sogenannte „Islamische Staat“ (IS), der im Gegensatz zu den Taliban kaum eine territoriale Basis habe. „Die Taliban kontrollieren mittlerweile über 40 Prozent des Landes“, sagte Ruttig. Besonders nachdem bis Ende 2014 die meisten westlichen Kampftruppen aus dem Land abgezogen waren, hätten sich die Taliban weiter ausgebreitet. Es sei eine Fehleinschätzung gewesen, zu glauben, die afghanischen Sicherheitskräfte seien in der Lage, die Taliban allein im Zaum zu halten: „Das ist – wie der Anschlag wieder einmal gezeigt hat – nicht der Fall.“

Ruttig forderte stärkere Bemühungen um eine Beilegung des Konflikts. „Es ist eine politische Lösung nötig, in die auch die Taliban miteinbezogen werden“, sagte der 59-Jährige. Denn die Rebellengruppe könne man nicht nur als Terrororganisation bezeichnen: „Sie haben eine bestimmte Legitimität und teilweise Unterstützung aus der Bevölkerung.“ Letztendlich seien die Taliban auch Teil der afghanischen Gesellschaft.

In den vergangenen Jahren habe es in Afghanistan täglich Anschläge oder Kämpfe gegeben, erklärte Ruttig, der sich bereits seit 35 Jahren mit dem Land am Hindukusch beschäftigt. Anschläge wie am Mittwoch seien dazu da, um Macht zu demonstrieren, und die Schwäche der Regierung aufzuzeigen: „Solche Attentate gewinnen aber den Krieg nicht. Sie verunsichern aber Bevölkerung und Regierung.“

 

Aktualisierungen (aus anderen Quellen):

Tolo TV meldet (zunächst per Tweet), der afghanische Geheimdienst habe das mit den Taleban verbundene Haqqani-Netzwerk „mit direkter Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI“ für den Anschlag verantwortlich gemacht.

Hier geht es zu einem Video von Tolo-TV, das den Moment des Anschlags zeigt – offenbar von einem Überwachungsturm hinter der Sperre, und hier ein Video mit Material von unmittelbar nach dem Anschlag, von 1TV (Afghanistan) via CNN.

CNN berichtet, auch elf US-Bürger – Kontraktoren, die für die US-Botschaft arbeiten – seien unter den Verletzten (mit Video, hier).

Hier eine ARD-Grafik über die Entwicklung der zivilen Opfer in Afghanistan.

 

Und eine Geste über Europas Grenzen hinaus: Der Eiffelturm schaltet heute abend für Kabul sein Licht aus (allerdings: ist es in Paris schon dunkel? muss ein altes Foto sein…):

 

 

 

 

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