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Hier setzte ich meine Berichterstattung und Materialsammlung zu dem brutalen Anschlag gestern in Kabul fort. Teil 1 findet sich hier. Das Thema Abschiebungen nach Afghanistan und Aussetzung des für gestern geplanten deutschen Abschiebeflugs nach Kabul kommt auch vor (im ersten Interview), aber ich behandle es in den kommenden Tagen nochmal gesondert.

 

Je suis Kabul: Um Mitternacht wurden im Gedenken an die Opfer in Kabul die Beleuchtung des Eiffelturms ausgeschaltet.

 

Hier mein kurzes Update, das etwas gekürzt morgen in der taz stehen wird:

Weitere Autobomben in Afghanistan

Deutsche Botschaft vor Kabuler Anschlag offenbar gewarnt

Nach dem schweren Bombenanschlag am Mittwoch in Kabul mit nun etwa 90 Toten und 460 Verletzten hat sich in Afghanistan gestern eine ähnliche Attacke ereignet, allerdings mit weitaus weniger Opfern. In der Ostprovinz Nangrahar sprengte sich vor dem Luftstützpunkt von Dschalalabad, der auch von US-Streitkräften genutzt wird, ein Selbstmordattentäter mit einem Auto in die Luft. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde ein afghanischer Bewacher getötet, ein weiterer sowie drei Zivilisten verwundet. Wie am Mittwoch bekannt sich noch keine Gruppe zu dem Anschlag. Einen Tag vorher, ebenfalls in Nangrahar, überlebte der Distriktgouverneur von Chogiani einen dritten Autobombenanschlag. Nach Regierungsangaben wurden dabei mindestens sechs Zivilisten, zwei Frauen und vier Kinder, verletzt. Für diesen Anschlag übernahmen die Taleban die Verantwortung. Sie behaupteten allerdings, der Gouverneur sei unter den Verletzten und vier seiner Leibwächter getötet worden.

Der afghanische Geheimdienst machte noch Mittwochabend das mit den Taliban assoziierte Haqqani-Netzwerk „in direkter Kooperation mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI“ für den Anschlag in Kabul verantwortlich. Das Haqqani-Netzwerk verübte bereits früher ähnliche Anschläge in Kabul und ist für seine langjährigen engen Bindungen zum ISI bekannt, die noch aus der Zeit des Kampfes gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans (1979-89) stammen. Das Haqqani-Netzwerk war damals Teil der Hesb-e Islami (Chales), die sich im Grunde aufgelöst hat. Es ist damit historisch älter als die Taleban-Bewegung, der es sich 1995/96 anschloss.

Der Chef dieses Netzwerks, Seradschuddin Haqqani (Sohn des bekannten Mudschahedin-Führers Dschalaluddin Haqqani), ist einer der beiden Stellvertreter von Talibanchef Mulla Hebatullah Achundsada. Präsident Aschraf Ghani soll gestern nach noch unbestätigten afghanischen Agenturberichten, die sich auf anonyme Quellen im Präsidentenpalast bezogen, die Hinrichtung elf verurteilter Taliban- und Haqqanikämpfer angeordnet haben. Die Taleban warnten darauf hin, dass die Regierung in Kabul dann dafür verantwortlich sei, wenn westlichen Geiseln in der Hand der Taleban „etwas passiere“. In der des Haqqani-Netzwerks befinden sich zwei im August 2016 in Kabul entführte Professoren der American University in Kabul, ein US-Bürger und ein Australier. (Im Januar 2017 wurde ein Video der beiden veröffentlicht. Im September war eine US-Kommandoaktion zu deren Befreiung gescheitert.)

Unterdessen wurde in Kabul bekannt, dass die deutsche Botschaft offenbar drei Tage vor dem Anschlag konkrete Warnungen vor einer LKW-Bombe gegen ein „hochrangiges“, eventuell auch konkret deutsches Ziel (und schon voerher allgemeinere Warnungen) erhalten hatte. Danach wurden Mitarbeiter vorsorglich umquartiert. Die Warnung, so erfuhr der Autor aus afghanischen Geheimdienstkreisen, sei auch an diesen gegangen. Deshalb konnten die afghanischen Wachen nahe der Botschaft den für den Anschlag verwendeten Abwassertanker stoppen, obwohl er das Zeichen der Firma trug, die normalerweise in diesem Gebiet arbeitet (und möglicherweise auch die deutsche Botschaft bediente) – allerdings sei der Fahrer den Wachen nicht bekannt gewesen und die hätten ihn deshalb nicht durchgelassen. Offenbar waren auch andere Botschaften informiert worden, die in den letzten Treffen außerhalb absagten.

Thomas Ruttig

 

Hier kommentiere ich auf Anfrage des SWF Aussagen des CDU-Politikers Roderich Kiesewetter, denen zufolge 20 Millionen Afghanen in regierungskontrollierten Gebieten ein „normales Leben“ führten – was wirklich eine entweder unglaublich zynische oder von unglaublicher Unkenntnis zeugende Aussage ist (volle Audios von Kiesewetter und mir hier):

Thomas Ruttig – Ko-Direktor der Denkfabrik „Afghanistan Analysts Network“ – hält die Einstufung Afghanistans als „teilweise sicheres Herkunftsland“ dagegen für falsch – dem SWR sagte er: „Die acht Millionen Afghanen in umkämpften Gebieten, von denen Herr Kiesewetter spricht, sind die Menschen, die in Gebieten leben, die von Taliban entweder völlig oder überwiegend kontrolliert werden. Das sind Angaben der US-Regierung. In den Gebieten, in denen die anderen 20 Millionen leben, und dazu gehört Kabul, wird natürlich auch gekämpft. Diese als sicher zu bezeichnen, hat mit Realität wirklich sehr wenig zu tun.“

Was passiert bei der Abschiebung mit straffälligen Afghanen?

Auch die Aussage von Kiesewetter, dass straffällige Afghanen den lokalen Behörden übergeben würden, stellt Ruttig in Frage: „Ich bin im Februar in Kabul gewesen als einer der Abschiebeflieger ankam und habe mit den afghanischen Behörden gesprochen. Die sagten mir, dass ihnen die deutschen Behörden gar nicht sagen, wer unter den Abgeschobenen ein Strafftäter ist, aus Datenschutzgründen. Es landet[e von den aus Deutschland Abgeschobenen] auch keiner im afghanischen Gefängnis.“

Der Ko-Direktor des „Afghanistan Analysts Network“ sieht in den Behauptungen ein Wahlkampfmanöver: „Bundesinnenminister Thomas de Maizière müsste eigentlich wissen, um welche Leute es sich handelt. Meiner Meinung nach hat es nur mit dem Bundestagswahlkampf zu tun, in dem man mit Härte [bei Themen innerer Sicherheit] gegen Leute punkten möchte, die sich nicht wehren können.“

 

Das folgende Interview führte der Deutschlandfunk am 31.5.17 mit mir. Im folgenden das Transkript (hier im Original zu lesen):

„Die Taliban sind immer stärker am Drücker“

Seit der internationalen Intervention gegen das Taliban-Regime in Afghanistan sei die Lage eskaliert, sagte der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig im DLF. Die Zahl der Binnenflüchtlinge sei im vergangenen Jahr auf 1,2 Millionen gestiegen. „Wir würden nicht über Abschiebungen nach Afghanistan reden, wenn wir nicht vor einem Bundestagswahlkampf stehen würden“, sagte Ruttig.

Thomas Ruttig im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Ann-Kathrin Büüsker: Über die Sicherheitslage in der afghanischen Hauptstadt Kabul habe ich mit Thomas Ruttig gesprochen. Er ist Co-Direktor des unabhängigen Think Tanks Afghanistan Analysts Network, beschäftigt sich seit 1980 mit Afghanistan und war zuletzt selbst im März dort. Ich habe ihn gefragt, ob wir im Fall Afghanistan über lokale Konfliktherde reden, oder ob wir von einem tatsächlichen Krieg im Inneren des Landes ausgehen müssen.

Thomas Ruttig: Dieser innere Krieg, der zwischen den Regierungstruppen und ihren ausländischen Unterstützern und den Aufständischen, vor allen Dingen den Taliban läuft, hat ja nie wirklich aufgehört. Wenn wir uns ein paar Kennziffern der vergangenen Jahre ansehen, zum Beispiel die Zahl der zivilen Opfer und die Zahl der internen Flüchtlinge, der Binnenflüchtlinge, Internally Displaced Persons, beide Zahlen sind erheblich gestiegen – die Zahl der zivilen Opfer seit 2009 seit der Zählung relativ allmählich, die Zahl der Binnenvertriebenen gerade 2016 sehr stark, fast eine Verdoppelung auf 1,2 Millionen, und in diesem Jahr sind auch schon wieder 100.000 dazugekommen. Und auch internationale Friedensforschungsinstitute haben Afghanistan in den letzten Jahren immer unter den drei, vier, fünf intensivsten Konflikten geführt.

Büüsker: Von wem geht diese Gewalt aus? Reden wir hier über die Taliban, reden wir über den selbst ernannten Islamischen Staat, oder lässt sich das gar nicht mehr trennen, diese beiden Gruppen?

Ruttig: Doch. Diese beiden Gruppen lassen sich schon voneinander trennen. Die haben zwar beide dasselbe Ziel, nämlich die Regierung in Kabul zu stürzen, aber sie kämpfen ja auch untereinander. Der Islamische Staat ist sozusagen ein Newcomer und die Taliban versuchen, diesen Newcomer gar nicht erst auf die Beine kommen zu lassen. Das ist auch weitgehend entschieden. Aber der Krieg hat natürlich noch mehr Seiten. Auch die Regierungstruppen, die internationalen Truppen nehmen daran teil. Wenn man die letzten 15, 16 Jahre seit 2001 der Intervention gegen das Taliban-Regime damals sich ansieht, muss man von einer Eskalation sprechen, die zugenommen hat, die aber auch von beiden Seiten vorangetrieben worden ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Amerikaner vorhatten, bis Ende 2014 alle Truppen aus dem Land abzuziehen und davor die Taliban entweder zu zerstören, oder zumindest mit einem Großangriff so weichzuklopfen, dass sie sich zu Friedensverhandlungen bereit erklären. Das ist schiefgegangen. Die Amerikaner haben dann trotzdem versucht abzuziehen und wir mit, aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Taliban sind immer noch da und da gab es eine Gegeneskalation. Also es ist jetzt nicht so, dass man sagen kann, es sind nur die Taliban oder der Islamische Staat, sondern man muss da wirklich auf beide Seiten sehen.

Büüsker: Wie ist denn zu erklären, dass die Taliban immer noch oder vielleicht auch wieder so stark sind?

Ruttig: Das hat vor allem damit zu tun, dass es im Grunde eine weitverbreitete Fehleinschätzung der Taliban gibt, die sie immer nur als Terrorgruppe behandelt. Die operieren zwar auch mit terroristischen Mitteln und wenn sich herausstellen sollte, dass sie bei diesem Anschlag heute, was wir ja noch nicht wissen, auch eine Hand drin hatten, dann wäre das ein Beleg dafür. Aber auf der anderen Seite sind die Taliban 2001/2002, als sie ja schon fast geschlagen waren, dann in den kommenden Jahren doch wieder erstarkt, auch weil die afghanische Regierung sehr viele Fehler gemacht hat, weil die internationalen Unterstützer viele Fehler gemacht haben. Dazu gehört vor allen Dingen das Nichtvorgehen gegen die weitverbreitete Korruption, selbst auch Gewaltausübung gegen Leute, die mal bei den Taliban waren oder von denen man annahm, dass sie mit den Taliban zu tun haben konnten – Stichworte Guantanamo, die Extraordinary Renditions, diese CIA-Flüge, mit denen Gefangene der anderen Seite im Afghanistan-Krieg dann in die Geheimgefängnisse gebracht worden sind, Waterboarding und alle diese Sachen. Das hat auch den moralischen Anspruch der westlichen Koalition in Afghanistan unterminiert, dort für Demokratie und Menschenrechte zu sprechen, und hat viele Leute in dieser Polarisierung auf die Seite der Taliban getrieben.

Büüsker: Sie haben eben gesagt, dass auch die Regierung in Afghanistan Fehler gemacht hat. Wie ist denn derzeit der Kurs der Regierung? Besser?

Ruttig: Die Frage ist, was jetzt mit Kurs gemeint ist. Die neue Regierung unter dem Präsidenten Ghani und seinem Quasi-Ministerpräsidenten – dieses Amt gibt es ja offiziell nicht – Dr. Abdullah haben versucht, nach ihrer Amtsübernahme Ende 2014, die nach sehr stark manipulierten Wahlen im Übrigen erfolgt ist (wir wissen bis heute nicht wirklich, wer dabei gewonnen hat), haben erst mal das Hauptaugenmerk darauf gelegt zu versuchen, die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen, zu zwingen. Das ist schiefgegangen. Dann hat man auf eine militärische Eskalation wieder gesetzt, aber die afghanischen Sicherheitskräfte, wie wir heute auch gesehen haben, sind nicht in der Lage, ja zum Teil selbst die defensiven Aufgaben zu erfüllen. Die Taliban sind immer stärker am Drücker.

Was aber fast noch wichtiger ist, ist, dass die sozialökonomische Situation in Afghanistan sehr schlecht aussieht. Nach dem Abzug der internationalen Truppen ist die Wirtschaft zusammengebrochen, weil sehr viele Aufträge aus dieser Richtung kamen. Die Arbeitslosigkeit ist sehr nach oben gegangen. Die Armutsquote in der afghanischen Bevölkerung ist noch mal nach oben gegangen. Das alles beeinflusst natürlich das Leben in Afghanistan.

Auf der politischen Seite – Afghanistan hat seit drei Jahren überfällige Parlamentswahlen. Die sind nicht durchgeführt worden, weil die afghanische Regierung einfach nicht in der Lage ist, die zu organisieren. Dabei hatten sie vorher gesagt, wir wollen das machen, wir brauchen keine internationale Hilfe mehr, wir wollen zwar internationale Finanzhilfe dafür, aber wir organisieren das selber, und bis heute hat nichts geklappt. So untergräbt man im Grunde die eigenen politischen Institutionen, auf denen man ja eigentlich beruhen und auf deren Grundlage man arbeiten sollte.

Büüsker: Herr Ruttig, Sie haben jetzt viele Probleme skizziert, die es in Afghanistan nach wie vor gibt. Und trotzdem schiebt ja die deutsche Bundesregierung abgelehnte Asylbewerber dorthin ab. Die Bundesregierung begründet das damit, dass es in Afghanistan immer noch Regionen gäbe, in denen ein sicheres Leben möglich sei. Ist das aus Ihrer Sicht der Fall?

Ruttig: Die Bundesregierung sagt ja auch, dass Kabul hinreichend dauerhaft sicher sei, dass man dorthin abschieben könnte. Man muss sich aber nur die Nachrichten von heute ansehen. Und man könnte auch eine zweite sehr kurze Antwort geben, nämlich, ich glaube nicht, dass wir über Abschiebungen nach Afghanistan reden würden, wenn wir nicht vor einem Bundestagswahlkampf stehen würden, bei dem die AfD sehr starke Positionen haben wird.

Büüsker: So die Einschätzung von Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network.

 

 

Hier als nächstes mein Interview mit der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung in Kassel, gestern geführt, heute veröffentlicht:

20170601HNA-Interview zum Afghanistan-Anschlag

Das Interview wurde für die Druckausgabe nochmal gekürzt, deshalb hier in voller Länge:

Interview mit Afghanistan-Experte Thomas Ruttig: „Man hätte nie abschieben dürfen“

Nach dem verheerenden Anschlag in Kabul ist ein Abschiebeflug nach Afghanistan verschoben worden. Sollte nun nicht ein genereller Abschiebestopp verhängt werden?

Ja. Aber man hätte mit den Abschiebeflügen nach Afghanistan gar nicht erst anfangen dürfen. Es ist ja nicht so, dass die Sicherheitslage durch den Anschlag weniger unsicher geworden ist. Es ist für uns in Europa jetzt nur ein Zeichen, dass der Krieg in dem Land noch nicht vorüber ist. Es wird dort jeden Tag in vielen Provinzen gekämpft – letzte Woche in mehr als zehn –, nur davon hören wir wenig.

Das heißt, es war schon vorher nicht zu verantworten, Asylbewerber nach Afghanistan zurückführen?

Ganz genau. Die Lage in Afghanistan ist, weil es sich um einen Guerillakrieg handelt, viel zu fließend, als dass dauerhaft halbwegs friedliche Gebiete identifiziert werden könnten, in denen abgelehnte Asylbewerber Fuß fassen können. Das hat das UN-Flüchtlingshilfswerk auch der Bundesregierung – auf deren Anfrage übrigens – bestätigt, aber die Bundesregierung hat sich entschieden, diese Einschätzung zu ignorieren.

Wer steckt hinter dem Anschlag in Kabul?

Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es gibt noch keine Bekennermeldung. Es gibt nur ein Statement der Taliban, sie hätten mit dem Anschlag nichts zu tun. Solchen Meldungen kann man aber auch nicht immer glauben. Wir bewegen uns noch im Bereich der Spekulationen. Im Gegensatz zum Islamischen Staat, dem man so etwas zutrauen könnte, verfügen bis jetzt aber wohl nur die Taleban über die Logistik, in dieser Größenordnung zuzuschlagen. Der IS habt im vergangenen Juli schon mal 80 Leute bei einer Demonstration getötet. Das waren aber zwei Selbstmordattentäter , die zu Fuß unterwegs waren. Da braucht man nicht so viel Sprengstoff.

Ist es Zufall, dass gerade im Fastenmonat Ramadan es zu so einem schweren Anschlag gekommen ist?

Nein, das ist sicher kein Zufall. Hier geht es darum, dass die Aufständischen ihre Gegner nicht als richtige Muslime ansehen. Die Taliban haben zudem Ende April ihre Führjahrsoffensive verkündet und seither ihre Angriffe verstärkt. Außerhalb der großen Städte werden Stützpunkte der Armee angegriffen. Es gab größere Attacken auf Militärstützpunkte in Masar-i-Sharif, Kandahar und anderen Provinzen. Solche Anschläge wie der jetzige sollen demonstrieren, wir können jederzeit überall zuschlagen und die Regierung ist zu schwach, diese zu verhindern – wer auch immer konkret hinter dem Anschlag steckt. Wenn es denn ein Anschlag war, und nicht eine zu früh detonierte Bombe.

Konkurrieren denn in Afghanistan Taliban und der Islamische Staat?

Auf alle Fälle. Die Taliban sind ja schon sehr lange aktiv und sie sehen die Gruppen, die sich später dem IS angeschlossen haben, als Konkurrenten. Die Taliban waren auch die ersten, die 2015 sehr rabiat gegen diese Gruppen vorgegangen sind. Anschließend haben sich die afghanischen Sicherheitskräfte und die Amerikaner mit Luftschlägen eingeschaltet. Im Grunde sind die örtlichen IS-Gruppen kaum noch von Bedeutung, aber sie sind noch in der Lage, Anschläge auszuführen.

Ist es vorstellbar, dass wir irgendwann eine Wanderung von IS-Kämpfern aus Syrien und dem Irak nach Afghanistan erleben werden?

Ehrlich gesagt, ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Es gibt große kulturelle und sprachliche Barrieren zwischen Afghanen und Arabern, so seltsam das auch klingen mag. Außerdem ist der Kampf in Syrien und dem Irak noch im vollen Gange. Es war auch nicht so, dass der dortige IS in Afghanistan und Pakistan darum gebettelt hätte, dass sich ihm Leute anschließen. Das sind kleine Splittergruppen, die größere Aufmerksamkeit haben wollten. Und die bekommen sie, wenn sie die IS-Flagge zeigen. In sechs Provinzen waren sie eine zeitlang erfolgreich, nun sind sie nur noch an der Grenze zu Pakistan existent. Wer in die Ecke gedrängt wird, schlägt mit terroristischen Mitteln zurück.

Warum erleben wir immer wieder solche Anschläge in Afghanistan? Sind Armee und Sicherheitsleute zu schlecht ausgebildet und ausgerüstet, um sie zu verhindern?

Ja, die sind ganz sicher zu schlecht strukturiert. Wir sprechen hier von insgesamt 350 000 Soldaten und Polizisten plus etwa 100 000 irreguläre Milizen. Da müssten man eigentlich davon ausgehen können, dass sie mit den Aufständischen klar kommen könnten. Aber es geht aus us-amerikanischen Berichten des Sonderinspekteurs für den Wiederaufbau Afghanistan (SIGAR) hervor, dass nur wenige Zehntausende dieser Soldaten und Polizisten verlässlich sind. Nicht umsonst wird diskutiert, die Zahl der Nato-Soldaten wieder zu erhöhen. Die Afghanen sind nicht in der Lage und wurden nie wirklich in die Lage versetzt, allein diesen Kampf zu führen.

Wenn die Zahl der Nato-Soldaten in Afghanistan erhöht wird, was bedeutet das für die Bundeswehr?

Für die Bundeswehr beziehungsweise die Bundesregierung bedeutet dies, dass es weitere Anfragen diesbezüglich geben wird. Was Trump übrigens auf dem Nato-Gipfel klar gemacht hat. Kanzlerin Merkel hat gesagt, Deutschland werde dabei nicht in der ersten Reihe stehen. Man werde weiter versuchen, die Sicherheit in Nordafghanistan aufrecht zu erhalten – wovon sie allerdings auch trotz Bundeswehr weit entfernt ist.

Wie viele deutsche Soldaten sind derzeit in Afghanistan stationiert?

Insgesamt gibt es 980 Soldaten. Das entspricht der vom Bundestag beschlossenen Obergrenze. Ich glaube nicht, dass eine Partei in Wahlkampfzeiten die Zahl der Soldaten auf über 1000 erhöhen wird und damit den unpopulären Afghanistan-Einsatz zum Wahlkampf-Thema werden lässt.

Mit welchen Aufgaben sind die derzeit stationierten Soldaten dort betreut?

Sie sollen die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden, dürfen aber nicht in die Kämpfe eingreifen. Man erfährt im Detail sehr wenig, was dort genau trainiert wird und ob das effektiv ist. Einiges ist sicher vertraulich. Im Fernsehen sieht man Schießtraining oder Deeskalationstraining für die Polizei, aber ich glaube, das ist oft nur eine symbolische Inszenierung – um zu demonstrieren, Deutschland hat Afghanistan nicht verlassen. Was notwendig ist, sind hoch spezialisierte Leute, die die afghanischen Soldaten mit der Hardware vertraut machen, die geliefert wird. Das machen aber zum größten Teil die Amerikaner.

Wie stabil ist der Staat Afghanistan?

Als existierende Einheit ist er da. Es gibt niemanden in Afghanistan, der das Land auflösen oder spalten will. Aber die Regierung ist sehr schwach, sie ist nur auf dem Papier stark. Korruption und Ineffektivität in vielen Bereichen sind Kennzeichen dafür. Das hebt nicht die Moral der Bevölkerung und der noch immer fraktionierten Sicherheitskräfte, wo einzelne Einheiten im Zweifel ihren Kommandeuren loyaler ergeben sind, als der Regierung. All das summiert sich zu Instabilität – und da habe ich noch nicht über die sozialökonomische Lage in Afghanistan gesprochen.

 

Und hier die Zusammenfassung der Ereignisse durch Willi Germund – sehr auf den Punkt, wie so oft, wenn auch mit sehr drastischen Worten und obwohl ich – siehe mein Teil 1 – Zweifel an der IS-Urheberschaft des Anschlags habe.

Attentat könnte Racheaktion des IS sein

Taliban dementieren Beteiligung an dem Anschlag in Kabul / Experten
befüchten Vorrücken des „Islamischen Staates“
VON WILLI GERMUND

hier zum Originaltext in der Frankfurter Rundschau

Das Blut sickert aus den Wunden und färbt den Staub, der den Verletzten
bedeckt hat, dunkelrot. Der Mann liegt wenige Schritte von der deutschen
Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul entfernt auf dem Boden.
Er drückt sich auf den Ellbogen nach vorn, zieht seine Beine hinterher.
Das Bild vom Anschlagsort, das eine Fotoagentur überträgt, dokumentiert
die Brutalität des Anschlags. Sollte der Mann überleben, wird er wohl
nie wieder gehen können. Aber jetzt – unter Schock – will er an dem vier
Meter tiefen Bombenkrater des Anschlags vorbei, weg von Toten und
brennenden Fahrzeugen.

Noch Stunden nach dem Attentat, das um halb neun am Morgen mitten im
Berufsverkehr mindestens 90 Tote und mehr als 450 Verletzte forderte,
suchen Bergungsmannschaften nach Opfern in den Trümmern. „Wir brauchen
dringend Blut in allen Krankenhäusern“, appelliert das Innenministerium
an die Öffentlichkeit.

Ein paar Hundert Meter entfernt hämmern verzweifelte Afghanen mit Händen
gegen die Eisentore des von einer italienischen Hilfsorganisation
betriebenen Emergency Hospital. Sie wollen wissen, ob ihre Verwandten
dort behandelt werden. Denn die Telefone funktionieren nicht mehr –
niemand ist erreichbar. Afghanistans kriegsgeplagte Einwohner sind an
viele Schrecken gewohnt. Aber der Anschlag am Mittwochmorgen trifft
einen Nerv. Einmal mehr müssen Kabuls Bewohner erfahren, dass sie sich
nirgendwo sicher fühlen können.

Die Bombe, die am Mittwochmorgen eine riesige Rauchwolke in den blauen
Himmel über Kabul steigen ließ, verwandelt die dreistöckige deutsche
Botschaft binnen Sekunden in ein gräuliches Mahnmal der Gefahren am
Hindukusch. Ein Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma wurde
getötet, mehrere deutsche Mitarbeiter verletzt, als die Druckwelle der
Explosion das aus den 50er Jahren stammende Gebäude durchschüttelte wie
ein Kartenhaus.

Die Außenmauer aus Natursteinen, die seit Jahren auf der Innenseite
regelmäßig verstärkt worden war, zerfiel teilweise in Staub. Die vor
Jahren eingebauten Spezialplatten vor den Fenstern, mit denen
Mitarbeiter just für den Fall eines Anschlags wie am Mittwoch geschützt
werden sollten, baumeln wie nach einem schweren Erdbeben an den Resten
ihrer Befestigungen.

Die Botschaft sieht plötzlich so baufällig aus wie die Argumente
deutscher Politiker, die Abschiebungen von Afghanen in den Krieg am
Hindukusch befürworten. „Afghanistan ist sicher genug“, heißt es in
Regierungskreisen Berlins immer wieder. Doch das Attentat zeigt, wie
löchrig diese Behauptung ist. Zukünftig reicht ein Foto der demolierten
Außenfassade der Vertretung als Beleg für die Gefahren, die in Kabul und
dem Rest des Landes an nahezu jeder Ecke lauern.

Dabei ist es mehr als fraglich, dass das schlimmste Attentat in der
afghanischen Hauptstadt seit Juli 2016 der Vertretung Berlins galt. „Es
ist schwer zu sagen, was das genaue Ziel des Anschlags war“, erklärte
ein Polizeisprecher, „es gibt so viele wichtige Gebäude in der Gegend.“

„Der Sprengsatz explodierte vor dem Tor der deutschen Botschaft. Unsere
Botschaft ist ebenfalls beschädigt“, heißt es eine Stunde nach dem
Attentat aus der indischen Botschaft. Die französische Vertretung wurde
lädiert. Bulgariens Botschaft, in einem kleinen Gebäude rund 200 Meter
von der deutschen Vertretung entfernt, musste nach dem Anschlag
evakuiert werden. Japans Gebäude wurde ebenfalls beschädigt. Zwei
Diplomaten erlitten leichte Verletzungen.

Laut Kabuls Polizeichef General Hassan Shah Frogh war der gewaltige
Sprengsatz in einem Lastwagen versteckt, in dem sonst Fäkalien aus
Sickergruben abtransportiert wurden. Der Selbstmordattentäter am Steuer
nutzte die stinkende Hülle und den dichten Berufsverkehr, der um diese
Zeit jeden Tag die Hochsicherheitszone im Stadtviertel Wazi Akbar Khan
in einen einzigen Verkehrsstau verwandelt. Angesichts der
allmorgendlichen Blechlawine sind um diese Tageszeit die
Straßenkontrollen eher sporadisch.

Die Talibanmilizen, die fast nie die Verantwortung bei Anschlägen mit
vielen zivilen Opfern übernehmen, bestritten am Mittwochmorgen jede
Beteiligung an dem Attentat. Insgesamt sind laut den USA 20
Terrorgruppen am Hindukusch aktiv. Kabul kontrolliert laut US-Angaben
nur noch zwei Drittel des Landes. Nach jüngsten Angaben fallen in der
Hauptstadt und der umliegenden Provinz mehr Zivilisten dem Krieg zum
Opfer als überall sonst in Afghanistan.

Der Volksmund in Kabul war am Mittwoch schnell sicher, wer für den
grausamen Anschlag verantwortlich ist. Als noch die Sirenen der
Polizeifahrzeuge und Ambulanzen heulten, sprachen viele Kabulis bereits
von der „Mutter aller Anschläge“. Erst Mitte April war auf Befehl von
US-Präsident Donald Trump in der Provinz Nangahar nahe der Grenze zu
Pakistan die 9500 Kilogramm schwere, gewaltigste konventionelle Bombe
(„Mutter aller Bomben“) Washingtons über einem Höhlenkomplex abgeworfen
worden. In den Höhlern befanden sich Milizen des afghanischen Ablegers
der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

Daesh, so der arabische Name von IS, war seit Januar für mehrere
spektakuläre Attentate in Kabul verantwortlich. Die Menschen in der
Stadt vermuten eine Vergeltungsaktion des IS, für Trumps Bombe. Denn bei
dem Anschlag in der Rush Hour nahm der Attentäter bewusst viele zivile
Opfer in Kauf – ein Merkmal vieler IS-Attentate. Außerdem schaffte der
Selbstmordattentäter es bis in das Herz des Stadtteils von Kabuls, in
dem sich Vertretungen aller Länder befinden, die direkt oder indirekt im
Nahen Osten die Terrorgruppe bekämpfen.

Terrorexperten befürchten nun, dass ihre düsteren Vorhersagen für
Afghanistan Wahrheit geworden sind. Je mehr IS im Nahen Osten in die
Defensive gedrängt wird, so die These, umso höher die
Wahrscheinlichkeit, dass seine Kämpfer Richtung Hindukusch ziehen. Den
rund 13 000 ausländischen Soldaten, die noch am Hindukusch stationiert
sind, steht wohl tatsächlich ein „schwieriges Jahr“ bevor, wie
US-Verteidigungsminister James Mattis jüngst vorhersagte.

 

 

 

 

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