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Wie ich am 2. Juni (in diesem Blogeintrag) schon berichtet, ereignete sich am 31.5.17 in Kabul ein schwerer LKW-Bombenanschlag, bei dem etwa 90 Afghanen getötet und weitere ca. 460 verletzt wurden, viele davon so schwer, dass sie sich wohl nie mehr davon erholen werden. Der Anschlag fand nahe der deutschen Botschaft statt, deren größtes Gebäude, die Kanzlei, wohl unreparierbar beschädigt worden ist, wie der Spiegel berichtete. Zum Glück hatte es ein paar Tage vorher wohl sehr konkrete Warnungen gegeben, und alle Mitarbeiter waren schon aus diesem Gebäude verlegt worden – so dass es keine Todesopfer gab.

Das spielte eine wichtige Rolle bei der Entscheidung. Inzwischen hat der Chef der örtlichen Polizeizone, Brigadegeneral Hassan Shah Frogh, vor der Presse erklärt, die Botschaft sei das direkte Ziel des Angriffs gewesen (siehe auch mein heutiger kurzer taz-Text).

Das widerspricht allerdings ersten Ermittlungen deutscher Behörden, von denen der Spiegel ebenfalls berichtet. Sie gingen

… davon aus, dass die Attacke nicht direkt auf die deutsche Botschaft abzielte. Vielmehr sei das Ziel des Anschlags offenbar nur gewesen, den mit Sprengstoff präparierten Tanklaster in das schwer gesicherte Viertel mit vielen Botschaften und dem Nato-Hauptquartier zu bringen und dort explodieren zu lassen, hieß es in Sicherheitskreisen. Als Beleg für die These wird angeführt, dass der Laster früher am Vormittag bereits versucht hatte, ein Gate näher am Nato-Lager mit einem gefälschten Passierschein zu passieren, aber abgewiesen wurde. Als er danach am Gate nahe der Botschaft ebenfalls abgewiesen worden war, zündete er den Sprengsatz, der einen fast zehn Meter tiefen Krater in die Straße vor der Botschaft riss.

Darauf folgte am 2. Juni in Kabul erst ein friedlicher Protest vor allem junger Leute an der Anschlagstelle (Fotos auch hier), allerdings auch mit rabiaten Forderungen nach der Hinrichtung von Taleban- und Daesch-Gefangenen. Am nächsten Tag kam es neue Proteste, an denen sich etwa 1200 Menschen beteiligten, die aber unter dem Einfluss vor allem der Dschamiat-e Islami zunehmend rabiat wurden; Teile der Dschamiat wollen jetzt die Regierung stürzen. Die Polizei ging mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor (Zusammenfassung hier; Foto hier) und feuerte Schüsse ab, auch in die Menge. Afghanischen Agenturen zufolge gab es mindestens sieben Tote und 30 Verletzte. Darunter war der Sohn des Senatsvizepräsidenten Muhammad Alam Esadjar, Salem Esadjar, aus dem Pandschir. (Zunächst gab es Meldungen, er liege auf der Intensivstation und könnte möglicherweise mit dem Leben davon kommen). Nach den ersten Berichten über seine Verletzung bzw seinen Tod schlossen sich zum Teil bewaffnete Anhänger der Demonstration an (ein Foto hier) und sollen nach deren Angaben ebenfalls auf die Polizei geschossen haben.

Am 4. Juni wurde Esadjar in hochrangiger Präsenz v.a. aus der Dschamiat begraben. Während die Teilnehmer gerade beteten, sprengten sich in ihrer Mitte drei Männer in die Luft und töteten laut dpa weitere 20 Menschen; 119 wurden verletzt. Wie der afghanische Geheimdienst bekannt gab, hatten sie Sprengsätze in ihren Schuhen versteckt. Das können nur geringe Mengen an Sprengstoff gewesen sein; sonst hätten sie noch mehr Menschen in den Tod gerissen. Alle Dschamiat-Führer entkamen; einige wurden leicht verletzt. Ein vierter Attentäter wurde verhaftet, weil entweder sein Sprengsatz nicht zündete oder er ihn nicht zündete. Er soll zugegeben haben, in einer Koranschule der Taleban in Quetta in Pakistan ausgebildet worden zu sein.

Der Moment des ersten Anschlags beim Esadjar-Begräbnis nach den Protesten in Kabul. Quelle: Bildschirmfoto/Tolo.

 

Für heute geplante neue Proteste kamen nicht zustande, auch weil die Dschamiat-Führung sich nicht auf das konkrete Vorgehen einigen konnte. Andere Gruppen, die ursprünglich an den Protesten beteiligt waren, distanzieren sich bis jetzt, weil sie nicht instrumentalisiert werden wollten. Dadurch herrschte am 4. Juni in Kabul eine gespannte Ruhe. Am 5. und 6. Juni werden weitere Begräbnisse stattfinden, von denen man nur hoffen kann, dass es dort nicht neue Anschläge gibt. Danach könnte Dschamiat noch einmal neue Proteste organisieren.

Eine ausführlichere Analyse findet sich hier auf der AAN-Webseite.

Eine relativ ausführliche Zusammenfassung auf Deutsch von dpa hier und ein Augenzeugenbericht aus der Wiener Zeitung hier.

 

 

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