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„Spiegel lesen – dabei gewesen“ hieß früher mal ein Werbeslogan des Wochenmagazins. Diesmal (in Ausgabe 29/2017, auf S. 42ff, im Netz mit Bezahlschranke, hier) kann man dabei sein, wie ein Professor für Militärgeschichte an der Uni Potsdam, Sönke Neitzel, der Bundeswehr vor dem Hintergrund der Debatten um anhaltende Wehrmachtsverherrlichung in deren Kasernen und Köpfen mancher Soldaten den Einsatz in Afghanistan – und dort ausgerechnet „das Karfreitagsgefecht 2010 und die Operation Halmazag“ – als „eigene Tradition, auf die man sich besinnen kann“, anempfiehlt.

Hier erstmal Prof. Neitzel im O-Ton aus seinem Spiegel-Interview:

Mit den Einsätzen in Afghanistan gibt es nun eine eigene Tradition, auf die man sich besinnen kann. Das Karfreitagsgefecht 2010 oder die Operation Halmazag – die erste deutsche Offensive seit 1945 –, das sind nun die Wegmarken, an die man sich erinnert. Soldaten, die dabei waren, sagen mir, von dem Tag an, da wir unsere eigenen Gefallenen hatten, war die Wehrmacht weg.

Den Spiegel-Interviewern fällt darauf nur noch ein: „Herr Prof. Neitzel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“

Wir auch. Denn das Interview macht deutlich, dass es bei Prof. Neitzel einige deutliche Defizite nicht nur bei der militärhistorischen Kenntnis der genannten Gefechte vorzuliegen scheinen, sondern auch mangelnder Wille, die notwendige Trennlinie zwischen Wehrmachts- und Bundeswehrgefechten zu ziehen.

Traditionsbruch oder –kontinuität?

Die Operation Halmazag als „erste deutsche Offensive seit 1945“ zu bezeichnen, scheint mir darauf hinzudeuten, dass Prof. Neitzel die Bundeswehr sehr wohl in einer historischen Linie mit der Wehrmacht sieht.

Ich gehe hier nicht weiter darauf ein, dass diese „Offensive“, viertägige Gefechte unter Beteiligung von etwa 500 Soldaten sich zum Glück quantitativ erheblich von der wohl letzten größeren Offensive davor, im Winter 1944/45 in den Ardennen, unterschied. Zudem berichten an der Operation beteiligte Bundeswehr-Soldaten, dass man die Taleban im Operationsgebiet im Distrikt Tschahardara, Provinz Kundus, offenbar unterschätzt hatte und unerwartet in deren heftigen Widerstand lief sowie dass den deutschen Soldaten schon am zweiten Tag fast die Munition ausging und erst eingreifende US-Truppen die Deutschen herausholten – hier.)

Er ist auch nicht der einzige, der dem Vergleich mit Operationen des 2. Weltkriegs offenbar nicht widerstehen konnte. Auch eine gemeinsame Seite des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin Fakt zum Thema Bundeswehr-Einsatz zu Afghanistan verwendet ihn (hier), genauso wie die Redaktion des Deutschlandfunks (DLF) in der Ankündigung eines Features („die erste von Deutschen geplante und geführte Offensive nach dem Zweiten Weltkrieg”) oder die FAZ (hier) – alle in eigentlich kritischen Beiträgen.

Nicht viel anders beim sogenannten Karfreitagsgefecht 2010, das Prof. Neitzel ebenfalls zur Bundeswehr-Traditionsbildung vorschlug. Es war eine Art Vorgänger der Operation Halmazag, ein Taleban-Hinterhalt in der Ortschaft Isa Khel (wieder im gleichen Gebiet), bei dem drei Bundeswehrsoldaten umkamen. Die Welt beschrieb die Vorgänge am 3.7.11 (hier):

Es war am Karfreitag des vorigen Jahres, als eine Infanteriekompanie der Bundeswehr mit dem Auftrag, die Strecke nach Sprengfallen abzusuchen, in einen Hinterhalt geriet. Die auch an diesem Tag friedlich aussehenden Bauern waren urplötzlich von den Feldern verschwunden, dann wurden die Deutschen unter Feuer genommen, ein vergrabener Sprengsatz explodierte unter einem gepanzerten Dingo. Das Gefecht dauerte stundenlang, drei Soldaten fielen, vier wurden schwer verletzt – und hätten nicht überlebt, wären nicht amerikanische Medevac-Hubschrauber trotz starken Beschusses vor der Höhe 432 gelandet, um die Verwundeten zu bergen und ins Rettungszentrum im Feldlager Kundus auf der anderen Seite des Flusses zu fliegen. Ein halbes Dutzend weitere Soldaten musste später nach Hause geschickt werden, weil sie den blutigen Kampf und den Verlust der Kameraden psychisch nicht bewältigt hatten. „Daran wird man immer erinnert“, sagt Christian P., „wenn man hier oben steht.“

Der ehemalige Bundeswehr-Fallschirmjäger Johannes Clair, der mit Vier Tage im November (Econ-Verlag, 2012) sogar ein Buch über seinen Einsatz in Kundus veröffentlicht hat, darüber und den Zusammenhang zum „Karfreitagsgefecht“ in einem Interview:

Uns ging es im Einsatz darum, das Karfreitagsgefecht auszugleichen. Wir wollten für den Tod von drei Kameraden jemanden zur Rechenschaft ziehen. Was nicht heißen soll, dass wir hingingen, um alle zu erschießen.

(Vor der Schilderung seiner Teilnahme an der Operation Halmazag bricht Clair seine Schilderung allerdings ab, siehe hier, – offenbar gab es dafür keine Genehmigung,  denn ich nehme mal an, er musste die Veröffentlichung bei seinen Ex-Vorgesetzten genehmigen lassen. Damit löst er auch das Versprechen im Titel seiner Buches nicht ein, diese vier Tage zu schildern.

Die bisherige Bundeswehr-Traditionspflege scheint auch ihren Teil dazu beigetragen zu haben, dass sich Weltkrieg-2-Assoziationen auch in den Köpfen anderer beteiligter Soldaten einstellten. Etwa bei diesem, der in einem am 23.4.11 vom NDR-Radio ausgestrahlten Beitrag zitiert wird („Die Lehren von Isa Khel“):

„Heute kommt mir das so vor wie in den Berichten alter Kreta-Kämpfer: Eingeschlossen. Ohne Munition. Ohne Nachschub. Mit dem Rücken zur Wand. Überall lauert der Feind, über den du nichts weißt. Als würden zwischen den Gefechten keine 59 Jahre liegen.“ 

Prof. Neitzel sind darüberhinaus offenbar die Assoziationen zum Codenamen der Operation entgangen, zu dem in fast allen deutschen Quellen angegeben wird, das bedeutet auf Dari „Blitz“. (Nur dieser FAZ-Blog berichtet von einer anderen Übersetzung, nämlich Jagdhund.) Ob die Übersetzung nun korrekt ist oder nicht: Assoziationen zum Begriff „Blitzkrieg“ waren vermutlich unbeabsichtigt, und sind auch den Journalisten nicht aufgefallen.

Kleiner linguistischer Exkurs

Der Codename für die Operation – halmasag (oder halmasak oder halmasaq?) – soll ja von der afghanischen Seite stammen. Also muss es das Wort geben. Ich habe mich trotzdem schon seit Jahren über die Übersetzung der Bezeichnung gewundert, denn aus dem Persischen/Dari kenne ich für „Blitz“ nur barq oder barqa. Auch meine Wörterbücher geben nichts anderes her. (Pashto ist es auch nicht; da sagt man ebenfalls barq oder breshna.) Google Translate bietet noch „hamla ra’d“ an, was aber eher „Donnerschlag“ (eigentl.: Donnerüberfall) bedeutet. Okay, Konsonantenwechsel von hamla zu halma ist nicht undenkbar. (Manche Afghanen sagen buqra statt burqa…) Aber wo kommt dann der sag (Hund) her? „Hundeüberfall“…?

Meine Theorie ist, dass es eigentlich almasak heißen muss, nämlich „kleiner Diamant“. Funkelt („blitzt“) ja ebenfalls, und dann kam vielleicht ein nicht so qualifizierter Übersetzer dazu. Zudem: Viele nordafghanische Dari-Sprecher haben Mühe, ein mit „a“ anlautendes Wort auszusprechen und setzten deshalb gern ein „h“ davor.

Oder es ist ein usbekisches Wort… (Das Dorf Quatliam, eigentliches Ziel der deutschen Operation – dazu unten mehr – soll mehrheitlich von Usbeken bewohnt sein…)

Operationsplan für „Halmasag“. Quelle: Webseite Panzertruppe.

 

Problem 1: Zivile Opfer

Die FAZ veröffentlichte am 15.11.10 einen Bericht unter dem Titel „Der Sieg bei Isa Khel“, der die Operation sehr detailliert beschrieb. Darin werden u.a. die Einheiten genannt, die an der Operation beteiligt waren:

Die Operation „Halmazaq“ war der Beginn der im Januar vom Regionalkommandeur in Mazar-i-Sharif, dem deutschen Brigadegeneral Frank Leidenberger, angekündigten Offensive im Raum Kundus, wo sich die Taliban in mehreren Distrikten westlich und südlich der Provinzhauptstadt festgesetzt hatten. „Wir sind gegen die Taliban vorgegangen, nicht sie gegen uns, wie es in der Vergangenheit immer der Fall war“, sagt ein ranghoher deutscher Offizier über die Operation. Mehr als 500 Soldaten und Polizisten griffen aus mehreren Richtungen gleichzeitig die Ortschaften Quatliam und Isa Khel an.

Die Bundeswehr setzte zwei Fallschirmjägerkompanien, Aufklärer, Pioniere und Sanitäter der Task Force Kundus mit 300 Soldaten ein, während die US-Armee mit 120 Soldaten der 10. Gebirgsdivision in Begleitung der von ihnen ausgebildeten 150 afghanischen Polizisten vorgingen. 

Der Spiegel berichtete zusätzlich:

Auf deutscher Seite ist hauptsächlich das neue Ausbildungs- und Schutzbataillon (ASB) im Einsatz. Die robuste Infanterieeinheit mit Soldaten aus dem niedersächsischen Seedorf war insbesondere für den gemeinsamen Einsatz und für das Training der Afghanen aufgestellt worden.

Laut diesem Beitrag waren auch belgische Soldaten beteiligt.

Auch dieses Buch („Feindkontakt: Gefechtsberichte aus Afghanistan“, 2015) schildert die Vorgänge der Operation. Und in diesem Blog werden aus militärischer Sicht die Ausgangslage und Gefechtsanordnung geschildert.

Truppeneinteilung für „Halmasag“. Quelle: ebd.

 

Der freie Journalist Marc Thörner, von dem u.a. das o.g. DLF-Feature stammt, hat wohl als einziger die Details dieser Operation recherchiert und zwischen 2014 und 2016 veröffentlicht. Erste Erkenntnisse liefen im Juli 2014 im Radio (DLF/SWR/WDR) und im ARD-Fernsehmagazin Monitor.

Dabei ergab sich, dass es entgegen früherer Erklärungen der Bundeswehr sehr wohl Vorwürfe aus der örtlichen Bevölkerung gab, dass bei dieser Operationen afghanische Zivilisten ums Leben kamen.

Hier die Zusammenfassung des Beitrags bei „Monitor“ durch die FAZ:

Das WDR-Magazin beruft sich auf Angaben von Zeugen, Angehörigen der Opfer und von afghanischen Regierungsbeamten. Auch ein Soldat der Bundeswehr, der bei dem Einsatz vor Ort war, hält zivile Opfer bei der Bundeswehr-Offensive für sehr wahrscheinlich.

In der “Monitor“-Ausgabe berichtet ein Lehrer, dass er während der Operation seinen Sohn verloren habe: „Eines der schweren Geschosse hat das Zimmer getroffen. Dabei kam mein Sohn ums Leben und wir wurden schwer verwundet“, sagte er. Unter den Opfern des Gefechts sind nach Aussagen der Bewohner mindestens zwei tote Kinder.

Die Bundeswehr hatte stets erklärt, dass es sowohl während als auch nach der Operation Treffen mit Dorfältesten gegeben habe. Dabei „gab es auch nach explizitem Nachfragen keine Erkenntnisse über zivile Opfer“. Laut “Monitor“ hat die Bundeswehr jedoch nicht alle Anführer befragt.  Zudem sagte einer der Anführer den Reportern, dass er die Soldaten explizit auf einen toten Zivilisten hingewiesen habe.

Hier das Manuskript von Thörners längerem DLF-Feature („Die Sieger von Kundus“, 2014).

Wie es zu zivilen Opfern gekommen sein könnte, schildert dieser Beitrag der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 4.11.12 von David Schraven (“Der Kampf um Quatliam”):

Die Hilfe kommt aus Kunduz. Die Schwere Artillerie, die [deutsche] Panzerhaubitze 2000 feuert von dort – über mehrere Kilometer hinweg. Die Granaten detonieren nicht am Boden, sondern ein dutzend Meter hoch in der Luft. Damit die Splitter mehr Wirkung zeigen. „Das Treffergebiet sieht nach dem Schuss aus wie eine Wüste“, sagt Jungmann. „Danach ist Ruhe. Diese Ruhe nach dem Knall ist schön, wenn vorher geschossen wurde.“

Oberfeldweber Kröger sagt: „Ein wahnsinniger Knall. Wenn das Ding über den Kopf hinweg fliegt, hofft man, dass die Koordinaten stimmen und die Granate auch dort explodiert, wo sie soll.“ Die Splitter fliegen bis zu 500 Meter weit. Über 16 Mal schießt die Panzerhaubitze 2000 in der Operation „Blitz“. (…)

Die Toten des Kampfes hat niemand so genau gezählt. In den Berichten ist die Rede von nur einigen wenigen toten Taliban. Die Deutschen hatten keine Verluste. Gefangene haben die Fallschirmjäger auch nicht gemacht. Das dürfen sie nicht, aufgrund der internationalen Abkommen. Gefangene machen nur die Afghanen.

2016 folgte nach weiteren Recherchen Thörners ein ausführlicheres Radio-Feature („Bundeswehreinsatz in Afghanistan – Halmazag oder: Krieg Made in Germany“, Erstsendung am 29.11.), ebenfalls beim Deutschlandfunk (DLF). Das Manuskript dieser Sendung findet sich hier.

Darin spricht Thörner von möglichen „Kriegsverbrechen“ und berichtet:

Überall zwischen den Ortschaften Quatliam und Isa Khel [Isachel] befinden sich die Gräber der Zivilisten, die während der von Deutschen geführten Operation Halmazag getötet wurden.

Afghansche Polizeioperation in Tschahardara, 2014. Foto: Bettany Matta.

 

Problem 2: Zusammenarbeit mit Milizen

Thörners Recherchen ergaben ferner, dass die Bundeswehr bei Halmazag mit regierungstreuen Milizen zusammenarbeitete, denen aus der örtlichen Zivilbevölkerung Plünderungen vorgeworfen wurden – darunter mit einem Kommandanten, den gleichzeitig die reguläre afghanische Polizei steckbrieflich suchte. Dafür finden sich auch einige weitere Belege. In diesem Artikel wird geschildert, wie sie in Tschahardara „Steuern“ eintreiben.) Der bereits oben zitierte WAZ-Beitrag spricht sogar von „übergelaufenen afghanischen Milizen“, also ehemaligen Taleban oder Hesb-e Islami-Kämpfern. (Dieser Zeit-Bericht lässt eher auf Hesbis schließen.) Auch der oben bereits zitierte FAZ-Beitrag spricht von Milizen als Teil des Halmazag-Operationsplans:

Künftig soll jedoch eine in den Dörfern rekrutierte Dorfmiliz die Ortschaften kontrollieren. Dieses Vorgehen ist Teil der Doktrin zur Bekämpfung Aufständischer, die der Oberbefehlshaber der Isaf, der amerikanische General David Petraeus, in Afghanistan verfolgt. Danach sollen in einem von den Aufständischen befreiten Gebiet Bürgerwehren für die Sicherheit sorgen. „Sie verteidigen ihre Dörfer, und das tun sie mit ganzem Herzen“, sagt ein Bundeswehroffizier über diese Freiwilligen. Unterstützung erhalten sie dabei durch amerikanische Ausbilder. Die Vereinigten Staaten rüsten die Dorfmilizen auch mit Handfeuerwaffen aus und sorgen für Nachschub und Munition. 

Thörner selbst zitiert Clair in seinem DLF-Beitrag:

… diese so genannten Arbaki-Milizen, die waren halt einfach da, mit denen haben wir zusammengearbeitet, die haben dann Räume übernommen, die wir praktisch zuerst gesichert hatten, zum Beispiel in der Operation Halmazag.

Allerdings hatte die Bundesregierung die Zusammenarbeit mit den anrüchigen Milizen schon vorher offiziell untersagt, per Erlass des Verteidigungsministers Anfang 2010. Viel genutzt hat es nicht, wie nicht nur Halmazag zeigte.

Schon im Oktober 2010 berichtete ich, auf der Grundlage eigener AAN-Recherchen und eines Spiegel-Berichts, darüber, dass die Bundeswehr in einem Außenposten in der Provinz Baghlan zusammen mit den Amerikanern eine dubiose Gruppe von Hesb-e Islami-Kämpfern zu einer „lokalen Polizei“-Einheit aufgebaut hatten (hier).

Im Dezember 2011, zum Beispiel, interviewte der Spiegel in Kabul den damaligen Präsidenten Hamed Karsai und fragte ihn u.a. nach dem Critical Infrastructure Protection Programme (CIPP), einer Miliz von etwa 1800 Mann, gemeinsam von US- und deutschen Truppen in den Provinzen Kundus, Balch, Dschausdschan, Farjab und Sarepul aufgebaut, die – nach öffentlicher Kritik – allerdings im September des gleichen Jahres aufgelöst worden war. Karsai erklärte, er habe noch nie von dieser Miliz gehört und ordnete nun seinerseits deren Auflösung an (das Interview findet sich nicht online; vgl. diesen AAN-Bericht vom Oktober 2012). Im folgenden Februar 2012 berichtete jedoch die Frankfurter Allgemeine von weiterhin in Kundus existierenden CIPP-Einheiten – mit Foto. Bildunterschrift: „Kundus: Ein deutscher Bundeswehrsoldat bewacht CIPP-Rekruten.“ (Allerdings ist auch möglich, dass Karsai es sich später anders überlegt hat – das war auch bei der milizähnlichen Afghanischen Lokalpolizei so, die er erst ablehnte, dann aber unterstützte und sogar weit über die ursprünglichen Pläne der Amerikaner hinaus ausdehnen ließ.)

So beschrieb die FAZ in ihrem Artikel die CIPP-Miliz und die deutsche Wertschätzung dieser:

Dieses – ebenfalls von den Amerikanern aufgebaute – „Schutzprogramm für wichtige Infrastruktur“ gibt es nur in den nördlichen Provinzen Kundus, Balch, Jowzjan, Fariab und Sar-i-Pul. CIPP-Kräfte kommen aus den Dörfern und Gegenden, die sie schützen sollen, weil es, so die Isaf, „noch nicht überall genügend afghanische Soldaten und Polizisten gibt“. Ihre Mitglieder erhalten kaum Ausbildung und dürfen ihre eigenen Waffen mitbringen. Sie sind an strategisch wichtigen Orten wie Brücken und Straßen postiert. Im Nachbarbezirk von Imam Sahib [in der Provinz Kundus] etwa, in Khala-e-Zal [Qala-ye Sal], ist der örtliche Warlord Nabi Gechi mit 200 seiner Kämpfer vor kurzem direkt ins CIPP-Programm eingetreten. „Manche dieser Leute haben uns früher noch beschossen“, sagt ein Bundeswehroffizier in Kundus.

Den ersten Monatslohn übergab den CIPP-Kräften im vergangenen Sommer ein Hauptmann der amerikanischen Armee bar auf die Hand, 7000 Afghani, umgerechnet 150 Dollar. Seitdem soll das Geld über die jeweiligen Polizeichefs ausgezahlt werden. Der Hauptmann ist Mitglied der amerikanischen Spezialkräfte in der „Forward Operation Base Kunduz“, die etwa einen Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt liegt. Die CIPP-Kräfte erhalten eine gelbe Armbinde und werden biometrisch erfasst. Dann schwören sie einen Eid auf die afghanische Verfassung.

Die laut Isaf „verbesserte Sicherheitslage“ in Kundus soll unter anderem auf diese Kräfte zurückzuführen sein – auch, weil diese so selbst unter Kontrolle gehalten werden können. „Die lokalen Sicherheitskräfte sind ein wichtiger Baustein geworden für uns im Norden“, sagt [der deutsche] General Markus Kneip, der Isaf-Regionalkommandeur für den Norden Afghanistans in Mazar-i-Sharif. Kneip bewertet den Aufbau von ALP und CIPP als gut: „Alles läuft transparent.“ Die Biometrisierung verhindere, dass Kriminelle in die Programme übernommen würden. Die Kontrolle im Dienst erfolge dann durch die afghanischen Polizeibezirkschefs. „CIPP ist eine erfolgreiche Methode um in Afghanistan Ortskräfte, kontrolliert, zum lokalen Schutz einzusetzen“, sagt Kneip.

Wie gesagt: Wie Thörner berichtete, wurde eine Zusammenarbeit mit solchen Kräften schon 2010 bei Operation Halmazag von offiziellen deutschen Stellen abgestritten – ebenso wie die Vorwürfe, dass es während Halmazag zivile Opfer gegeben habe.

ALP-Straßensperre in Kundus. Foto: AAN

 

Rückblende: Tanklaster-Affäre in Kundus

Dieses Vorgehen wiederum ist nicht unähnlich dem beim vieldiskutierten, von einem deutschen (damals) Oberst (heute General) angeordneten Bombardement zweier Tanklaster in der Provinz Kundus am 4. September 2009, ebenfalls im Distrikt Tschahardara. Unabhängigen Recherchen zufolge kamen dabei 90 Zivilisten ums Leben. Die Bundesregierung behauptet bis heute, es habe sich dabei nur um Taleban gehandelt und kam damit sogar vor Gericht durch (siehe hier).

Hier außerdem eine Hintergrundbericht aus dem Spiegel zum Ablauf des Angriffs und hier die gesamte Drucksache zum Bundestags-Untersuchungsausschuss zu dieser Affäre.

Untersuchungen der Zivilopfer-Vorwürfe bei Halmazag

Thörner schreibt:

Im Sommer 2014, nachdem wir erste Ergebnisse unserer Recherche in einem Radiofeature veröffentlicht hatten, hatte die Fraktion ‚Bündnis 90-Die Grünen‘ eine Anfrage formuliert.

Die Antwort der Regierung vom 16. Juli 2014 fiel eindeutig aus:

„Im Zuge der Operation HALMAZAG wurden durch die ISAF-Kräfte keine eigenen Erkenntnisse vor Ort gewonnen, die auf zivile Opfer hindeuteten. Zudem wurden keine glaubhaften Behauptungen oder Anschuldigungen erhoben – weder in einem engen zeitlichen Zusammenhang, noch in den nunmehr gut dreieinhalb Jahren nach dem Ende der Operation Halmazag. (…) Es liegen auch keine Erkenntnisse zu anderen afghanischen Patienten vor, die im Zusammenhang mit den Gefechtshandlungen der Operation HALMAZAG im Feldlager Kunduz behandelt oder zu Tode gekommen sein könnten.“

Die Bundesregierung sagte allerdings eine neue Untersuchung zu.

Was dabei geschah, geht aus dieser Antwort auf eine Bundestagsanfrage vom März 2015 hervor. Darin erklärt die Bundesregierung, sie habe die Vorwürfe noch einmal untersucht und alle relevanten Dokumente überprüft – in der Einsatzzentrale der Bundeswehr, im Verteidigungsministerium, im ISAF-Regionalkommando Nord und im ISAF-Hauptquartier in Kabul. Daraus habe sich ergeben, dass dort „keine behaupteten – und dementsprechend auch keine bestätigten – zivilen Opfer dokumentiert” worden seien.

Die Stuttgarter Zeitung zitierte damals den SPD-Verteidigungsexperten Rainer Arnold: „Das Ministerium hat uns damals über diese Gefechte informiert – aber nicht über mögliche zivile Opfer.“ Denkbar sei, dass die vorgeschriebenen Nachuntersuchungen (Battle Damage Assessments) rund um Quatliam wegen der Risiken seinerzeit nicht vorgenommen worden seien, so dass die Spitze des Ministeriums die Details gar nicht kenne.

Im Februar 2016, so Thörner, nachdem er auf Anfrage die Ergebnisse seiner neuen Recherchen dort vorlegte, habe der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof zur Operation Halmazag einen “Prüfungsvorgang” angelegt. Die zuständigen Staatsanwälte versprachen ihm, auch seine Materialien auszuwerten und sie würden “dann entscheiden, ob sie ein Verfahren gegen Verantwortliche der Bundeswehr einleiten”.

Im März 2017 berichtete Thörner wieder, in einer Sendung des SWR-Radio (Manuskript hier) – Thema „Im Visier der Bundesanwaltschaft – Gab es deutsche Kriegsverbrechen in Afghanistan?” Zum Schluss erklärt der Moderator:

Ich habe heute nochmal bei der Bundesanwaltschaft nachgefragt. Ein Pressesprecher sagte mir, die Vorgänge um die Operation Halmazag seien bei der Bundesanwaltschaft bekannt. Zwar gebe es kein Ermittlungsverfahren, aber man habe die Sache im Blick.

Auch ich habe danach nichts mehr zu diesem Thema gefunden.

Talebanflagge im Zentrum von Kundus, 2015.

 

Schlussfolgerung

Jedenfalls: Sich in der Bundeswehr-„Tradition“ positiv auf die Operation Halmazag oder allgemeiner auf den im Oktober 2013 mit der Schließung des deutschen PRT offiziell beendeten Bundeswehreinsatz in Kunduz zu beziehen, hieße auch, die dabei offenbar verursachten – von der aber stets abgestrittenen – zivilen Opfer in Kauf zu nehmen.

PS – linguistischer (und historischer) Exkurs 2

Die Ortschaft “Quatliam”, nahe der sich laut Thörner zahlreiche Gräber der während der Operation Halmazag getöteten Zivilisten befinden, heißt korrekt „Qatl-e `Am“.

Deutsche kennen oft den arabisch-persischen Buchstaben q(af) nicht – siehe Quran, ereinfacht Koran, und stellen gern ein „u“ dahinter. Dadurch entsteht hier ein „Ortsname“, der eher nach Latein klingt – was auch schon ein deutscher Autor, in einem sonst eher wenig erwähnenswerten „Thriller“ mit afghanischem Kolorit, fand: „Quatliam. Ein Name, der in einem lateinischen Vers keineswegs fremd wirkte.“ Das „i“ ist natürlich die ezafe, die Dari-Attribut- und Genitivverbindung, siehe Masar-e bzw Masar-i Scharif, letzteres gern auch in der Tagesschau quasi-russisch wie „Masar i Scharif“ ausgesprochen: Masar und Scharif? Nein, „heiliges Grabmal“.

Auf Dari bedeutet Qatl-e `Am „Massenmord“ bzw „Massaker“. Der Name entstand in einer früheren Runde des Krieges in Afghanistan, als sowjetische Truppen dort ein Massaker verübten, und hinterher gab die lokale Bevölkerung dem offenbar wieder aufgebauten Dorf diesen makabren Namen. Sandy Gall, in seinem Buch „Afghanistan: Travels with the Mujahideen“ (1988) erwähnt Qatl-e `Am als das „Tschahardara-Massaker“. Er schreibt (S. 212-3, meine Übersetzung):

Ich habe erst später herausgefunden, dass der Tschahardara-Vorfall sich 1985 ereignete. Aber er war typisch: Die Mudschahedin waren in Aktion gegen die sowjetischen Truppen gewesen – sehr oft nahm das die Form eines Hinterhalts an – und als Vergeltung schickten die Russen eine große Strafexpedition, die durch das Gebiet fegte.

Der erste Überlebende [den Gall interviewte] war ein Mann um die Fünfzig, der einen schmutzigen, weißen Turban trug. Er war ein wohlhabender Kleinbauer (…). (…) seine Zahl [der Opfer] von 770 Toten schien unglaubhaft präzise und zu hoch. Ein britischer Diplomat, auf der Grundlage anderer Berichte von Überlebenden des Tschahardara-Massakers, gab die Zahl mit etwa 400 an. 

Auch Human Rights Watch berichtete 1985 (hier, S. 18ff) von dem Massaker und legte eine größere Operation zeitlich in den Dezember 1984 oder Januar 1985, geografisch in das Gebiet von Isachel und namentlich in das „Dorf von Haji Rahmatullah“ (eine in Afghanistan übliche Art von Bezeichnung), wo es am 22.12.84 250 Tote gegeben haben soll, darunter viele Frauen und Kinder.

 

Zum Abschluss noch einmal vielen Dank an Prof. Neitzel. Ohne seine Äußerungen im Spiegel hätte ich dies alles vielleicht gar nicht mehr recherchiert. Das erstaunliche: mit Thörners Recherchen und den von ihm zutage geförderten Aussagen und Dokumenten sollte eine Untersuchung der Vorfälle während der Operation Halmazag durchaus möglich sein, u.a. auch, weil die von den Staatsanwälten in Karlsruhe Thörner gegenüber als schwierig zu organisieren eingeschätzte, benötigte Amtshilfe durch die afghanische Behörden unter dem neuen Generalstaatsanwalt Farid Hamidi, einem ausgewiesenen Demokraten, durchaus zu bewerkstelligen sein dürfte.

 

 

 

 

 

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