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Nun hat sich auch in der westafghanischen Metropole Herat wieder ein Terroranschlag ereignet, zu dem sich der örtliche Ableger des sogenannten Islamischen Staates (Daesch) bekannt hat. Dazu habe ich folgenden Text geschrieben, der am 3.8.17 leicht gekürzt in der taz steht (hier).

Man muss hier auch daran erinnern, dass die Bundesregierung in ihrer bisher noch gültigen Einschätzung der Sicheherheitslage Herat als eine mögliche „Binnenfluchtalternative“ für Afghanen beschrieben hat und auch deutsche Gericht so argumentieren.

Gemeinsamer Anti-Terror-Protest von Schiiten und Sunniten in Herat nach dem Anschlag auf eine Moschee dort am Abend des 1.8.17. Foto: Zaki Daryabi/Twitter

 

Herat wird zum zweiten Ziel des IS

Sektiererische Terrorgruppe will wie in Irak und Syrien Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten provozieren

Nach der Hauptstadt Kabul wird nun auch Herat, die drittgrößte Stadt Afghanistans nahe der Grenze zu Iran, zunehmend zum Ziel terroristischer Anschläge. Zur Zeit des Abendgebets am Dienstag stürmten mindestens zwei Bewaffnete eine mit etwa 300 Menschen vollbesetzte schiitische Moschee im Herater Stadtteil Bakrabad, schossen auf die Betenden und sprengten sich dann in die Luft. Afghanische Stellen sprechen von 29 Toten und 65 Verletzten. Wie schon für den Angriff am Montagmorgen auf Iraks Botschaft in Kabul übernahm der örtliche Ableger des „Islamischen Staates“ (IS) die Verantwortung für die Bluttat. Die Taleban distanzierten sich.

Dies war schon der fünfte und bisher opferreichste Angriff auf eine schiitische Moschee seit Jahresbeginn und der siebte seit Beginn einer Angriffswelle gegen solche Ziele im Sommer 2016. Zudem wurde im Dezember ein schiitischer Moscheevorsteher von einem vorbeifahrenden Motorrad aus erschossen. Erst zum zweiten Mal bekannte sich der IS zu einem solchen Anschlag in der westafghanischen Metropole mit ihrer diversen Bevölkerung: zwei Drittel sind überwiegend sunnitische Farsiwan (Persisch-Sprecher) und Paschtunen, ein weiteres Drittel schiitische Hasara, meist Binnenflüchtlinge. Beim ersten Fall kamen im Mai bei der Explosion einer Bombe vor einer Bäckerei sieben Menschen ums Leben und 17 weitere wurden verletzt. Wahrscheinlich war sie aber zu früh losgegangen und sollte eigentlich nahe religiöse Zusammenkunft von Schiiten in der Nähe treffen, was zu noch mehr Opfern geführt hätte. Zu einem Anschlag auf die Große Moschee von Herat, einem kulturhistorisch wertvollen Bau, der bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts zurückgeht, Anfang Juni mit neun Toten und 17 Verletzten bekannte sich keine Gruppe. Diese Moschee wird sowohl von Schiiten als auch Sunniten besucht.

Der IS versucht nach Ansicht örtlicher Beobachter, wie in Irak und Syrien einen sektiererischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten provozieren. Dies wird von den Afghanen bisher zurückgewiesen. Demonstrativ spendeten gestern in Herat junge Sunniten und Schiiten Blut für die Opfer.

Blutspender in Herat nach dem Anschlag. Foto: Taher Qadiry/Twitter

 

[Es kam auch zu Protesten. Unmittelbar nach dem Anschlag warfen ärgerliche Anwohner Steine auf nahegelegene Polizeistation; sie warfen der Polizei vor, sie nicht ausreichend zu schützen. Am Mittwoch versammelten sich tausende zu einem Protestdemo, auch hier demonstrativ wieder Schiiten und Sunniten. Die Polizei unterband später, dass die Versammelten zum Sitz des Provinzgouverneurs zogen.]

Auch außerhalb Herats verschlechtert sich die Sicherheitslage. Mindestens die Hälfte der 16 Distrikte der gleichnamigen Provinz verzeichnen anhaltende Taleban-Aktivitäten. Laut UN verzeichnete sie im ersten Halbjahr 2017 landesweit die siebthöchste Zahl an zivilen Opfern – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr. [In der Nachbarprovinz Ghor besetzten Ende Juli Taliban das Distriktzentrum von Taiwara und brachten im dortigen Krankenhaus nach Aussagen von Vorort „Dutzende“ Angehörige der Sicherheitskräfte sowie Angehörige einer örtlichen Parlamentsabgeordneten, Dr Ibrahim Malekzada, um, der ihnen noch aus der Zeit ihrer Herrschaft – als er in den Bergen erbittert Widerstand leistete – verhasst ist.]

Gekämpft wurde gestern auch anderswo in Afghanistan. In Kandahar explodierte eine Autobombe nahe einem Konvoi des US-Militärs. Offizielle Angaben zu Opfern liegen noch nicht vor. Aber Augenzeugen berichteten von drei Menschen, die tot oder verletzt in einem Hubschrauber abtransportiert worden seien. Die Taliban bekannten sich zu diesem Anschlag. In der südostafghanischen Provinzstadt Gardes zerfetzte eine Magnetbombe am Fahrzeug eines hohen Geheimdienstmitarbeiters zwei Menschen. In der Südprovinz Helmand kamen nahe der Provinzhauptstadt Laschkargah sechs Polizisten bei einem Taliban-Angriff um. Taliban unterbrachen in der Provinz Maidan-Wardak auch die Hauptstraße zwischen Kabul und Kandahar.

Thomas Ruttig

 

 

 

 

 

 

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