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Der folgende Artikel von mir steht schon auf der taz-Webseite (hier) und wird morgen in der Print-Ausgabe erscheinen. Wie immer habe ich hier einige Zusätze eingefügt, für die bei der taz keinen Platz war.

Unten ein drastisches Foto, Quelle: Twitter.

 

Anschlag in der „Grünen Zone“

„Islamischer Staat“ bekennt sich zu 15. Anschlag in Kabul im laufenden Jahr

Ein Selbstmordattentäter hat am Dienstag Nachmittag (Ortszeit) den fünfzehnten größeren Anschlag in diesem Jahr in der afghanischen Hauptstadt Kabul verübt. [Die Tagesschau hat sogar 17 gezählt, hier)] Dabei starben nach vorläufigen offiziellen Angaben mindestens sieben Menschen [Tolonews hat um 19.20 Uhr unserer Zeit schon neun Tote], 21 weitere wurden verletzt – alle [afghanische] Zivilisten. [Es gab früher auch bereits Hinweise, dass die Opferzahlen höher liegen könnten. Ein afghanischer Journalist berichtete auf Twitter, ein Ladenbesitzer nahe des Anschlagsorts habe ihm gesagt, es seien 30 zum Teil schwer Verletzte evakuiert worden.] Der sogenannte Islamische Staat (IS) übernahm binnen einer Stunde über den ihm nahestehenden Nachrichtenkanal Amaq die Verantwortung für den Anschlag.

Der Attentäter war zu Fuß in den Kabuler Stadtteil Wasir Akbar Khan – kurz WAK genannt – gelangt, der Teil der schwer gesicherten sogenannten Grünen Zone ist [benannt nach der Green Zone in Bagdad]. Dort befinden sich viele diplomatische Vertretungen und Büros, auch von afghanischen Institutionen; zudem wohnen dort führende Politiker. Aus Sicherheitskreisen in Kabul hieß es, Ziel sei ein Büro des staatlichen Rundfunks RTA gewesen. Der Attentäter habe sich in die Luft gesprengt, als die Angestellten zum Feierabend ihr Büro verließen. [Er sei über einen Park – wahrscheinlich dem vor der Wasir Akbar Khan-Moschee, an der WAK-Hauptstraße – in die 14. Straße gelangt, wo er dann zuschlug.]

[Die Tagesschau spricht inzwischen von einem Kind als Täter:

Der Attentäter war laut Polizei wohl zwischen zehn und 14 Jahre alt. Auf Videobildern sei zu sehen, wie der Junge eine Plastiktüte die Straße hinunter trug. Möglicherweise sei er aber unwissentlich zum Attentäter. Es sei zumindest möglich, dass jemand ihm die Bombe gegeben habe, ohne dass er davon wusste. Zuvor hatte ein Regierungssprecher erklärt, der Attentäter sei auf einem Motorrad unterwegs gewesen.

Der Junge habe sich mitten auf einem Bürgersteig in der sogenannten Grünen Zone in die Luft gesprengt, sagte ein Polizeisprecher. Er hatte sich offenbar problemlos in eine schwerbewachte Zone eingeschlichen. ]

Der Anschlag ereignete sich zwei Monate, nachdem die afghanische Regierung beschlossen hat, die Grüne Zone auszuweiten und die Sicherheit zu erhöhen. [Der neue Plan nennt sich – in einem Mix aus Pashto und English – Zarghun Belt, also grüner Gürtel; Einzelheiten bei AAN hier.] Danach waren in WAK 26 neue Polizeikontrollposten eingerichtet und das Personal der bereit vorhandenen deutlich erhöht worden. Aus anderen Teilen Kabuls, in denen vor allem die Zivilbevölkerung lebt, waren dafür Polizeiposten abgezogen worden. [Die den tollen Titel „Ring of Steel“ trugen, aber teilweise um 17 Uhr Feierabend machten.] Das sorgte für Unmut in der Bevölkerung – und hat den Anschlag gestern auch nicht verhindern können, der zudem in der alten Grünen Zone stattfand.

Fragezeichen müssen auch hinter das IS-Bekenntnis zu diesem Anschlag gesetzt werden. Vor genau zwei Jahren, am 31. Oktober 2015, hatten die Taliban zwei private TV-Sender [Tolo TV und 1TV] und deren Angestellte wegen Falschberichterstattung – sie sprachen von Propaganda zugunsten der Regierung – über angebliche Massenvergewaltigungen [auch amnesty international verbreitete das] während ihrer Besetzung der Stadt Kundus zu „legitimen Zielen“ erklärt. Das gleiche triff auf alle afghanischen Regierungsangestellten zu. Insofern ist nicht auszuschließen, dass sich die Taliban hinter IS-Bekenntnissen verstecken.

Die Taliban sind im Vergleich zum afghanischen IS-Ableger die weitaus stärkere Aufstandsbewegung in Afghanistan. Laut dem am Montag veröffentlichten jüngsten Bericht des US-Sonderinspekteurs für Afghanistan [SIGAR] verlor die afghanische Regierung seit Ende 2015 15 Prozent des von ihr kontrollierten Territoriums. 11,8 Millionen Afghanen leben inzwischen in Taliban-dominierten Gebieten, ein gutes Drittel der Gesamtbevölkerung. [Zum SIGAR-Bericht eine erste Zusammenfassung bereits hier auf dem Blog Augen Geradeaus! und der Stand bis dahin bei mir auf Afghanistan Zhaghdablai hier: „Herrscht in Afghanistan ein Patt?“.]

Thomas Ruttig

 

Nach dem Anschlag in Kabuls Stadtteil Wasir Akbar Chan am 31. Oktober 2017: Quelle: Ahmad Mukhtar/Twitter