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Für afghanische Verhältnisse war es ein kleiner Anschlag. „Nur“ zwei Menschen starben, 40 weitere wurden verletzt, als sich am 11. Dezember 2014 im Französischen Kulturzentrum in Kabul ein 17-jähriger Afghane in die Luft sprengte. Ein Deutscher stirbt, ein weiterer Afghane erliegt nach langem Kampf später seinen Verletzungen.

Was diesen Anschlag von anderen unterschied: Er geschah während der Premiere eines Theaterstücks. (Und ähnelt damit eher Anschlägen, die sich in westlichen Ländern ereignete – während eines Konzerts im Pariser Bataclan oder jüngst bei einem Country-Konzert in den USA.) Die afghanische Azdar Theater Company führte gerade ihr Stück “Herzschlag: Die Stille nach der Explosion” – über die Folgen von Selbstmordanschlägen, mit dem sie ein Zeichen setzen wollten gegen den Terror. Manche Zuschauer klatschen – sie hielten die Explosion für eine besonders realistische Inszenierung. Erst als Panik ausbrach, verstanden sie, was passiert war.

Gulab Bamik in der Stille nach der Explosion. Foto: Niklas Schenck.

 

Einige der Künstler, die den Anschlag auf der Bühne oder im Publikum erlebt haben, flohen nach dem Anschlag nach Europa, teils unter dramatischen Umständen. Die meisten aber blieben in Kabul und formierten sich neu – sie kehrten gemeinsam zurück auf die Bühne und verlagerten ihr Wirken aus wie Hochsicherheitstrakts gesicherten Spielorten auf die Straße, wo sie riskante, exponierte Produktionen organisieren. Zum ersten Mal treten sie wieder gemeinsam auf, als der Lynchmord an einer jungen Studentin namens Farkhunda weltweit Schlagzeilen macht (hier zu Teil 1 einer 3-teiligen Analyse bei AAN) – mit der Re-Inszenierung ihres Mords setzen sie sich an die Spitze einer wütenden Protestbewegung, ungeschützt, vor tausenden Passanten.

Hauptdarstellerin Leena Alam während der Farkhunda-Open-Air-Vorstellung in Kabul. Foto: Niklas Schenck.

Diese Geschichte wird in dem Dokumentarfilm „True Warriors“ der Regisseure Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seibel erzählt, die 2013/14 in Kabul gelebt haben. (Ronjas Buch Ausgerechnet Kabul: 13 Geschichten vom Leben im Krieg habe ich hier schon rezensiert.)

Heute abend hat der Film in Hamburg Premiere, wird aber auf eine Tour durch deutsche Kinos auch anderswo gezeigt. Das heiß: eigentlich erzählen die Schauspieler und Musiker, die an jenem Tag auf der Bühne standen, sowie andere unmittelbar und mittelbar an der Aufführung Beteiligte diese Geschichte.

Das ist die Stärke des Films: Sie zeichnet minutiös die Geschehnisse nach, und was dabei in den Köpfen einzelner Beteiligter vor sich ging – und man ihnen dabei in die Augen. Interviews, alle im selben Format geführt, wechseln mit Szenen aus dem Kabuler Alltag, Eine frühe Zuschauerin, so heißt es im Pressematerial, habe von „verfilmter Psychotherapie, nur viel, viel spannender“ gesprochen. Besser kann man es nicht beschreiben.

Die Theatergruppe Azdar wird bei der Premiere in Hamburg dabei sein, und wohl auch noch bei einige darauf folgenden Aufführungen – denn ist sie zur Zeit am Nationaltheater Weimar und auf Tournee durch deutsche und schweizerische Theater (mehr hier) – nach zweijährigem Kampf mit den deutschen Behörden um Visa: im Auswärtigen Amt fürchtet man, die Schauspieler könnten Asyl beantragen.

Wer „True Warriors“ gesehen hat, wird (sich) niemals mehr nach der „anderen Kultur“ der Afghanen fragen müssen, sondern ihre Menschlichkeit sehen, die sie mit uns gemeinsam haben. Niemand mehr wird die Frage nach dem Alltag in Kabul stellen müssen – ja es gibt ihn, mit Theater und Parties und Fußballspielen und der täglichen Arbeit, dem Schul- und Universitätsbesuch. Und all das wird immer wieder unterbrochen durch die Detonationen von Autobomben und Sprengstoffwesten – und der Stille des Schicks und den Schreien der Verletzten danach.

Plakat zur Kampagne zur Abschreckung weiterer Flüchtlinge nahe der deutschen Botschaft in Kabul (hängt inzwischen nicht mehr). Foto: ToloNews.

Plakat zur Kampagne zur Abschreckung weiterer Flüchtlinge nahe der deutschen Botschaft in Kabul (hängt inzwischen nicht mehr). Foto: ToloNews.

 

Ich wünsche diesem Film ein breites Publikum und hoffe, dass sich viele Kinos finden, die ihn zeigen. Ich hoffe auch darauf, denn ich sehe bei vielen gut besuchten Veranstaltungen immer wieder, wie groß zumindest in Teilen der Öffentlichkeit das Interesse an Afghanistan immer noch ist, größer jedenfalls als in der Politik. Dort haben sich, bis auf einzelne, die meisten gedanklich seit langem von diesem schwierigen Land – schwieriger gemacht durch das Wie der von den meisten Afghanen gewünschten Intervention 2001 – verabschiedet, vielleicht auch weil sie, nicht so anders als zeitweilig die Schauspieler von Azdar, die Frage, ob man noch etwas tun könne, für sich nicht beantworten können. Aber sie könnten den Afghanen wenigstens ersparen, auf Plakatwänden in Kabul öffentlich die Frage gestellt zu bekommen, ob sie wirklich gut überlegt haben, ihr Land zu verlassen. Wie die Schauspieler von Azdar zeigten, wird jede und jeder diese Frage ganz individuell für sich beantworten, so wie unsere Behörden ganz individuell über ihre Asylanträge entscheiden sollten, es aber nicht tun, weil Flüchtende in ethno-nationale Kategorien einsortiert und einigen von ihnen, v.a. den Afghanen, im Voraus eine „Bleibechance“ abgesprochen wird.

 

True Warriors

Regie/Drehbuch/Produzenten

Ronja von Wurmb-Seibel, Niklas Schenck

Co-Regie

Lukas Augustin (Augustin Pictures)

Eine Produktion der Brot + Zwiebel Productions GbR

In Koproduktion mit

ZDF/Arte und Dan Maag/Pantaleon Films GmbH

Gefördert von

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

Deutscher Filmförderfonds / Filmförderanstalt

Im Verleih von

Filmdisposition Wessel

Kinostart am 9. November 2017

 

Montag, 6.11.17 – 20 Uhr – Abaton Kino – mit Filmgespräch

Karten gibt’s vielleicht noch unter 040/41 320 320, auf www.abaton.de oder an der Abendkasse.

Einen Trailer zum Film kann man sich hier ansehen.

Alle weiteren Infos zum Film unter: WWW.TRUEWARRIORS.DE

 

Nächste Aufführungen:

12. 11.  2017           13.00 Uhr             Hamburg // Abaton                                           Vorführung + Filmgespräch mit Protagonisten und Regie

13. 11.  2017           18.30 Uhr             Freiburg // Friedrichsbau-Lichtspiele              Vorführung + Filmgespräch mit Regie

14. 11.  2017           20.15 Uhr              Hirschberg // Olympia-Kino                             Vorführung + Filmgespräch mit Regie

11. 12.  2017           19.00 Uhr              Münster // Cinema Münster                            Vorführung + Filmgespräch mit Regie

3. 12.  2017                                          Heidelberg // Gloria Kino                                  Vorführung

14. 12. 2017                                          Hannover                                                           Vorführung + Filmgespräch mit Regie

16. 12. 2017           17.30 Uhr               Weimar // Lichthaus                                        Vorführung + Filmgespräch mit Protagonisten und Regie

20. 1.  2017                                          Berlin                                                                  Vorführung + Filmgespräch mit Protagonisten und Regie

 

Sie möchten TRUE WARRIORS in Ihrem Lieblingskino sehen? Kein Problem! Ihr Ansprechpartner ist:

Marc Eric Wessel

buero@filmdisposition-kino.de

0179/695 73 81

 

  1. Buchvorstellung (Berlin 11.11.)

 

Yaar e.V. lädt ein:

Afghanische kulturschaffende Frauen stellen ihr Werke vor:

11.11.2017

17.00 Uhr

Ev. Gemeindezentrum Schillerhöhe (Berlin)

Brienzer Str. 22, 13047 Berlin

 

 

 

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